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Literatur

Amarilis

Amarilis

- ein Roman von Rainer Kempas -
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das Leben in einem Kondom



Kapitel V:

D er Mann im silbernen Anzug steckte sich eine neue Zigarre an. Der Rauch ihres Minzearomas schwebte über dem gewölbteichernen Schreibtisch. Genüßlich sog er an dem feuchten Mundstück des sich verjüngenden Endes. Dann lehnte er sich zurück und betrachtete angelegentlich die marmorne Täfelung der weißen Decke.

Vor einer Stunde hatte er die Benachrichtigung erhalten, daß das Ster-nenschiff von Shan-Ucci in einem Orbit um die Erde kreiste und auf die Landegenehmigung wartete. Er hatte den Eindruck, daß sich der Kapitän aufgrund seiner dringenden Ermahnung endlich zum Positronenkauf entschlossen hatte.

Er konnte nicht wissen, daß die ehemalige Ansiedlung der Pflanze so schnell gefunden werden konnte, um eine baldige Rückkehr zu ermöglichen, denn er war kein Mann der Wissenschaft, dem zumal die besondere Technik der Santoganer nicht vertraut war. Er war ein Mann der Wirtschaft, dem es mehr um die Verwertung der Technik und ihrer Ergebnisse ging, als um die Methode selbst. Ihm war jedes Mittel recht, das zu einem Erfolg führte.

Deshalb machte er sich auch keine Vorstellung, wann die dortigen Forschungen hätten abgeschlossen sein können. Nachdem Steff und seine Kollegen die positronenemittierende Pflanze genau lokalisiert hatten, war ihre Arbeit auf wenige Details begrenzt. Sie wußten nun, daß ihr Rrückzug in die Höhlenschächte der damaligen Geosynklinalen nördlich von Hamburg war. Somit brauchte es nur noch einiger Berechnungen, um den exakten Sektor herauszufinden.

Unter anderem stellten sie fest, daß die Chemopflanze bereits ihren Übergang in die unteren, von der Außenwelt abgeschnittenen Schichten erreicht hatte. Zum Zeitpunkt ihrer Anwesenheit auf Santoga gab es kaum noch Positronenauswürfe, wie sie im ersten Jahrhundert der teleskopischen Beobachtung vorgekommen waren.

Auffällig dabei war, daß ihr aufkommen lediglich an eine Stelle zurückgeführt werden konnte. Nirgends woanders, weder in Nordamerika, noch Asien hatten sie ein weiteres Aussträmen bemerkt. Dr. Ravishnari war der festen Meinung, daß dieser einmalige Umstand allein am Meteoriten gelegen haben mußte, dessen Plasma der Pflanze die Chemosynthese und als Nebenfolge die Ausschickung der bi-3 Positronen ermöglichte.

Zumal die meeresnahen Sumpfgebiete und die zahlreichen Mulden, die durch das instabile unterirdische Magma und dessen vulkanoide Tätigkeit entstanden waren - gleichwie periphere Ausläufer des alpinen Faltenwurfs - ihre Entwicklung weiterhin begünstigte. Dieser Ansicht schlossen sich alle anderen an.

Für Steff war dabei eine Übereinstimmung insbesondere auffällig: das Gebiet war auch von Dinosauriern bevorzugt worden, die dort ihre spezielle Weichnahrung gefunden hatten. Gleichzeitig konnten sie feststellen, daß die betreffenden Wasserpflanzen innerhalb desselben Zeitraumes eingingen, indem sie in der aufkommenden Regression verdorrten, wie die Chemopflanze sich vermehrte. Diesen Umstand gelang es ihnen aufgrund eines speziellen Gerätes festzustellen, dem anhand fossiler Funde die Molekularkette der Wasserpflanzen eingegeben wurde. Danach brauchte der Computer lediglich die spezifische Rotationsenergie der molekularen Amplitude messen, um die chemische Häufigkeit und Verbreitung der Pflanze anzugeben.

Derlei Gedanken gingen jedoch nicht durch den Kopf des Konzernbosses. Von daher gab er der frühen Rückkehr Shan-Uccis eine andere Bedeutung, als sie es eigentlich war. Gelassen schmauchte er an seiner Zigarre und dachte bereits daran, den Milliardenhandel mit seiner Bank perfekt zu machen. Je eher er das Geschäft abschloß, desto weniger Konkurrenten hatte er.

Doch er sollte diese Unvorsichtigkeit und Fehleinschätzung noch zutiefst bereuen. Er wußte nicht, daß die Santoganer einiges dazugelernt hatten. Sie glaubten nicht mehr sogleich dem Wort des Menschen, denn sie erfuhren immer wieder, daß deren Worte nur unter bestimmten Umständen galten und nicht stets verbindlich blieben. Sie vertrauten nur noch der Tat, nicht mehr der Sprache.

Kurz entschlossen zog er die Schublade hervor, in der sein codierter Privatanschluß war und wählte eine hamburger Nummer. Er mußte einige Sekunden warten, bis er ein Knacken in der Leitung vernahm. Sogleich verzog sich sein feistes Gesicht zu einem grinsenden Bacchuskopf.

»Hallo, mein Lieber. Wie gehen die Geschäfte?« Doch er ließ den anderen nicht lange erklären. »Wir müssen schnell handeln«», wischte er dessen Erstaunen beiseite und begann, ihm seinen Plan mitzuteilen. Sein roter Nacken glänzte vor Schweiß, und die Krawatte würgte ihm plötzlich den Hals. Aber er achtete kaum darauf und lockerte nur einwenig den Knoten.

Ihm ging es vor allem darum, die United Oil als Rückendeckung seiner Kreditwürdigkeit zu bekommen. Mit dem großen Konsortium, daß den hamburger Importhafen beherrschte, hatte er einen Partner, der ihm die Wege zu den Banken vollends öffnen sollte. Für eine Beteiligung an der Raffinerie und Verteilung des santoganischen Öls wollte er ihn ködern.

Weiterhin erhoffte er sich die Freigabe eines nicht unbeträchtlichen Aktienpaketes an ihn persönlich. Durch das santoganische Mmonopol und die dadurch erzielten Gewinne zählte er auf eine Hausse und einen erheblichen Run auf die Aktien. Durch die dann erfolgende Dividende dieser Spekulation wollte er sich eine eigene Weltraumflotte aufbauen. Dabei rechnete er mit 100 Millionen Euromark eigenen Anfangskapitals.

Der zweite Vorsitzende wollte sich aber nur auf eine Vorvertragsunterzeichnung einlassen, wenn vorab eine Klausel formuliert wurde, die den Abschluß erst bei santoganischer Zustimmung rechtskräftig werden ließ. Da dieser Zusatz jedoch extern blieb, genügte dem Konzernboss diese Zusage bereits. Hocherfreut legte er auf. Nun, so nahm er an, war der Weg frei für konkrete Verhandlungen mit der Deutschen Bank-und Handelsgmbh, dem größten Kreditinstitut Europas.

Er bat erneut um Anschluß, den ihm die Sekräterin des Vorzimmers der Bank auch sogleich gewährte. Der Direktor hörte sich seine Auslassungen schweigend an. Die umgehende Rückkehr Shan-Uccis war noch lange kein Zeichen dessen Einwilligung. Aber er fühlte insgeheim dennoch einen leichten Druck auf seiner Brust. ‚Was war, wenn die Positronen doch noch auf natürliche Weise gefunden wurden?’

»Was spielt das für eine Rolle? Ich werde schließlich einen Abnahmevertrag mit ihnen aushandeln, den sie dann nur insofern einzuhalten brauchen, als daß sie mir das Öl liefern.« Der Mann im silbernen Anzug lehnte sich zufrieden zurück. Doch seine Augen blieben hellwach. Er war sich bewußt, daß er mit dem Feuer spielte. Er äußerte Vorbedingungen, die er eventuell nicht einhalten konnte. Er mußte geschickt blöffen. Dazu gehörte auch, das Gespräch zu lenken.

»Außerdem ist hinter meinem Unternehmen die United Oil Company. Mit der Machtbindung unserer drei Interessengruppen gebe ich keinem mehr eine Chance, mit den Santoganern abschließen zu können. Wir haben die größte Finanzkraft, die vielseitigsten Abnahmemöglichkeiten und nicht zuletzt ja die Positronen selber.«

Der Direktor überlegte. »Sie sagen, Sie haben schon die absolute Zusi-cherung der United Oil?«

Der Mann mit der Zigarre grinste in sich hinein. Der erweiterte Passus wurde nicht direkt in den Vertrag genommen. »Ganz sicher, Herr Direktor. Wenn Sie wollen, können wir uns Morgen zu weiteren Verhandlungen treffen, und ich bringe Ihnen Vertrag und andere Unterlagen mit. Dazu verspreche ich Ihnen, einen authentischen Bericht von meinem Gespräch mit Shan-Ucci, wenn nicht sogar schon eine Vorvertragsabzeichnung.«

Er spekulierte wie beim Vertrag mit dem Ölkonsortium auf einen externen Passus, den er mit dem Kapitän als Vorbehelf abzuschließen gedachte. Und es sollte sich zeigen, daß er auch etwas Ähnliches dem Direktor der Bank am nächsten Tag vorweisen konnte. Denn Shan-Ucci fand sich tatsächlich bereit, ihm den Ölimport zu garantieren, wenn er ihm als Gegenleistung die Positronen brächte. Der externe Zusatz sollte darin bestehen, daß der Vorvertrag beide Seiten an nichts bände, sondern nur eine Präferenz darstellte und den momentanen Stand der Verhandlungen aufzeigte. Eine Standortbestimmung, mehr nicht.

Doch der Konzernboss war es zufrieden. Endlich hatte er Zutritt zu der großen Bank gefunden. Danach gäbe es keinen, der nicht nachziehen würde. Sein Zweckoptimismus reizte in ihm sogar den Gedanken, den reinen Präferenzcharakter des Papiers allein für sich zu verwenden und einer Idee von Kortgens zu folgen. Dieser hatte ihm anvertraut, die unter den Santoganern bestehenden Querelen auszunutzen und die Positronen an die Verschwörer zu verkaufen. Diese wären ihm sicherlich mehr ausgeliefert, als der eine stärkere Position besitzende Wissenschaftsrat.

Doch unwillig drückte er bei diesem Gedanken die Zigarre aus. Sein Instinkt warnte ihn vor einer solchen Allianz. Denn zum einen besaßen diese nicht die Ölausfuhr in ihren Händen und hatten weiterhin nur wenig Einfluß auf die wirtschaftlichen Verbindungen ihres Planeten. Einer Revolte und dem daraufhin folgenden Umsturz traute er aber auch nicht. Wie er aus eigenen Erfahrungen wußte, bestand ein solches Vorgehen aufgrund der instabilen Verhältnisse oftmals nur in reinem Pokern mit den eigenen Kräften.

Der andere Grund, der seine Unwilligkeit gegenüber den Verschwörern begründete, bestand in der Problematik der Positronen selbst. Der Professor! Nicht, daß ihn irgendwelche Skrupel plagten, noch daß er sich Sorgen wegen einer Aufdeckung des Kidnappings des alten Mannes machte. Dessen Gefangennahme war eine logische Folge dessen Unparteilichkeit und der Gefahr, die damit verbunden war. Sein Versteck aber war sicher und ließ keinen Konkurrenten an ihn heran.

‚Nein’, dachte er, ‚das Problem liegt ganz woanders.’ Es bestand ein Geheimnis, das nur er und der Professor selbst kannten. Es war so geheim, daß er es sogar in seinen eigenen Gedanken nicht auszusprechen wagte. Es war das zentrale Element seiner Strategie, und wenn nur ein Windeshauch davon an die Öffentlichkeit treten würde, würden alle seine himmelstürmenden Pläne wie ein Kartenhaus zusammenfallen. Selbst Dr. Kortgens ahnte von alledem nichts.

‚Vielleicht’, ging es ihm feixend durch den dicken Kopf, ‚vielleicht hätte dann selbst Kortgens nicht mehr mitgemacht.’ So wußte er allein, daß seine Maßnahme, den Professor aus dem Verkehr zu ziehen und ihn sich zur alleinigen Verfügung zu halten, die einzig entsprechende war.

Er griff in die versenkbare Schublade und holte einen Schlüssel hervor. Gedankenverloren spielte er an dem Ring. Dann stand er auf und machte sich zum Weggehen bereit.

In der Vorhalle seines Büros beorderte er, ihm alle eingehenden Gespräche und Anfragen, aber auch alle Bitten von Besuchern und Vorsprechenden für den nächsten Tag auf den Tisch zu legen. Dann stieg er in den Fahrstuhl und ließ sich zu seinem privaten Llslp bringen. Dort erklomm er höchstpersönlich die Fahrerkabine.

‚Ich muß mir eine Erklärung vom Professor unterschreiben lassen’, dachte er, ‚in der er die Produktion der Positronen andeutungsweise beschreibt. Und zugleich damit zum Ausdruck gibt, daß es ihm wirklich möglich ist, sie unter gewissen Bedingungen herzustellen. Doch diese Bedingungen sind keine physikalischen.’ Er war nach wie vor kein Mann der Wissenschaft. ‚Diese Bedingungen werden allein die meiner finanziellen Forderungen sein.’

Damit erhoffte er für das abendliche Gespräch mit Shan-Ucci eine günstige Voraussetzung geschaffen zu haben, den Kapitän auf seine Seite ziehen und ihn zu einer unverbindlichen Vorauserklärung veranlassen zu können.

Gelassen öffnete er die Treibstoffzufuhr der Wasserstofftanks. Langsam rollte der Gleiter voran und hob sich dann senkrecht in die Luft. Er war aber dabei immer noch derart in Gedanken, daß er nicht den Schatten bemerkte, der ihm bis zum Kleinluftschiff gefolgt war.

Direkt unter ihm verhielt nun, sich vorsichtig duckend, ein untersetzter Mann und schaute, sich die Hand schirmend über die Augen haltend, haßerfüllt nach oben. Sein rundes, teigiges Gesicht glänzte in der Sonne. Als das Kleinluftschiff entschwunden war, kratzte er sich nachdenklich an den abstehenden Ohren. Dann schlich er den weg wieder zurück nach unten.



Helligkeit überflutete Steffs Gesicht. Durch die Lider begannen plötzlich wild springende Punkte zu flimmern. Der Traum, den er gerade hatte, verschwand ohne Erinnerung. Lediglich der Duft feuchten, geschnittenen Grases blieb zurück. Unwillig öffnete er die Augen.

Meika stand am Fenster und ließ sich die Morgensonne auf ihren rosigen Busen scheinen. Vom Bett aus sah er lediglich ihre hell umleuchtete Silhouette vor den aufgezogen Vorhängen. In diesem Moment drehte sie sich herum. Ihre Brüste wippten auf, und ihr Gesicht überzog ein strahlendes Lächeln.

»Na, bist du auch schon wach?« neckte sie ihn und strich sich durch das kurze Haar. Steff hatte wirklich lange geschlafen. Erst allmählich erholte er sich von der anstrengenden Reise. Sie hatte an seinen Kräften und auch Nerven gezerrt. Wer hatte zuvor schon ahnen können, in welche Verwicklungen er geraten sollte. Einmal die nächtelangen Forschungen und dazwischen immer wieder die Gespräche mit Shan-Ucci und den anderen des Rates. Eine aufreibende Angelegenheit.

Er rieb sich die Augen. Vorgestern waren sie gelandet. Doch die Ankunft auf der Erde hatte ihm zunächst keine Entspannung gebracht. Zahllose Pressegespräche und danach die Berichte an die einzelnen Ressorts der Politik, Industrie und natürlich der santoganischen Delegation in Berlin.

Die Ansicht der historischen Erde war dabei oftmals jedoch nicht der Mittelpunkt des Interesses der ständig auf sie einstürzenden Fragen. Davon hatten sowohl Zeitungen als auch Politiker bereits exklusiv genug berichtet. Selbst die Industrie hatte längst ihre Techniker entsandt, um aus den Analysen der damaligen Erdgeschichte Erkenntnisse für eigene Fortentwicklungen zu ziehen.

Im allgemeinen Interesse stand vielmehr der Fundort dieser merkwürdige Pflanze, die damals Positronen produzieren konnte, und der heute von den Santoganern auf das eifrigste nachgespürt wurde. Einige Gerüchte rankten sich um ihre äußere Erscheinung, und so manche Vermutung nährte ihren Mythos.

Welche Kraft mochte sie besitzen, um den Santoganern ihre Evolution zu erhalten? Was mochte sie demnach erst für die Menschen bedeuten? Selbst auf die Gefahr hin, daß ihre Nähe sich nicht als harmlos erwies, hätte so manch einer sein Leben riskiert, nur um sie einmal betrachten oder gar ein Stück von ihr erheischen zu können.

Deshalb war die häufigste Frage, die gestellt wurde, die nach ihrem Standort. Wo nur konnte dieses wundersame Gewächs untergetaucht sein? Doch darauf durfte keiner der Wissenschaftler, die dem Raumschiff entstiegen, eine Antwort geben. Ein Massenauflauf wäre sonst umgehend erfolgt und hätte die Fundstelle unweigerlich überflutet oder gar zerstört. Zumindest wären ihre eigenen Arbeiten, das Eruieren der Eingänge, das Auskundschaften der Geosynklinalen und überhaupt sämtliche archäologische Aushebungen erheblich beeinträchtigt worden.

‚Die kriegen noch schnell genug mit, wo sich was tut’, dachte Steff. ‚Wir werden in jedem Fall mit etlichen Behinderungen rechnen müssen.’ Leicht strich er mit dem Finger über Meikas Bauch, die sich wieder zu ihm hingelegt hatte. Dann legte er die Hand über ihr schambedeckendes Haar, so daß er die feinen, lockigen Spitzen an der innenfläche spürte. ‚Zum Teufel mit der Pflanze’, dachte er, ‚heute will ich meine Ruhe haben.’

In der Tat war ihm bislang kaum Zeit verblieben, sich um seine privaten Angelegenheiten zu kümmern. Einfach nur vorm Fernseher zu sitzen oder in der Sonne zu liegen. Oder mit Meika endlich zusammen sein zu können. Sie fühlen, mit ihr reden, nur in ihrer Nähe sein.

Er hatte diese Augenblicke in der Hektik der ersten beiden Tage sehr vermißt. Zum Schluß fehlte ihm einfach die nötige Konzentration, um bei den ständigen Konferenzen immer auf der Höhe zu sein. Da er der leitende Paläontologe auf der Reise war, mußte er am meisten reden, erklären, vortragen und dokumentieren.

Sie hatten zahlreiches Material von Santoga mitgebracht. Aufnahmen, Interferenzfotos, Aufzeichnungen der Rotverschiebung, der thermischen Farbmessung, der Oszillation kurzer Aufprallblitze und der elektrischen Analyse fester Stoffe und des Luftgemisches verschiedener Schichten der Atmosphäre. Hinzu kamen Unmengen von Filmaufnahmen des kontinentalen Drifts und Messungen unterirdischer Konvexionssträmungen, deren Erläuterungen John übernahm.

Steff konnte sich überhaupt auf seine Kollegen verlassen. So gab Sam Wilckens einen detaillierten Überblick über die Messungen, die er mithilfe des dortigen Computers ausgeführt hatte. Und Kip erklärte das Aufkommen der Positronen, ihre Erscheinungsform in der Stratosphäre und ihre Rückführung zum Standort der Pflanze.

Nicht zuletzt meldete sich Professor Erskin zu Wort, der die beschriebenen Eigenschaften der Pflanze, die Umstände ihres Auffindens und die Bedingungen ihrer Umgebung zu einer Hypothese formte, in der der Meteorit, der den Staubgürtel schuf, und dessen Plasma die Entwicklung der Positronen initiierte, eine zentrale Rolle einnahm.

Abschließend gab er eine Zusammenfassung der Auswertung, eine Straffung der Entstehungsthese der Positronen und einen Ausblick auf ihren heutigen, möglichen Verbleib. Danach verwies er auf die spezielle Berichterstattung, Erläuterungen und Auswertungen der einzelnen Fachgruppen.

Morgen sollten sich dann die beteiligten Paläontologen und andere mit Erskin und Ambros in der Universität treffen. Bis dahin wollte sich Steff einen freien Tag nehmen und mit Meika zusammen sein.

Noch etwas müde blinzelte er mit den Augen. Mit einem merkwürdigen Gefühl mußte er an den ersten Augenblick ihres Wiedersehens denken. Sie war den Tränen nahe gewesen. Aber nicht allein der gefahrvollen Ereignisse wegen, die er auf der Reise erlebt hatte. Es war noch etwas anderes. Während für ihn nur sechs Wochen verstrichen waren, hatte sich für sie sein Flug fünfeinhalb Monate hingezogen. Ihn überkam ein Schauer. Trotzdem sich ihre Körper nicht verändert hatten, lag etwas zwischen ihnen. Es war die Zeit, die für jeden von ihnen anders getickt hatte, die sie trennte. Nicht bewußt. Und das Gefühl der Verfremdung war auch nur kurz gewesen, bevor sie sich erneut in den Armen gelegen hatten.

Er war aufgestanden und putzte sich die Zähne. Nachdem er sich geduscht hatte, fühlte er sich wieder frisch und ausgeruht. Interessiert beobachtete er, wie die Bürste in seinem Mund auf und ab glitt und die Winkel seiner Wange ausbeulte.

»Da steh ich nun inmitten meiner Schönheit«, sagte er leise, zog den Bauch ein und trat einen Schritt vom Spiegel zurück. Auf unnatürliche Weise fühlte er sich einwenig stolz.

»Was hast du gesagt?« rief Meika aus dem Schlafzimmer.

»Oh, nichts... Garnichts.« Mit einem pfeifenden Ton ließ er die Luft wieder heraus.

Er ging in die Küche und bereitete das Frühstück vor. Es machte ihm direkt Spaß, wieder selbst eine richtige Mahlzeit zusammenzustellen. Eier, Milch, Yoghurt und Obstsaft. Dazu frischen Schafskäse und Knoblauch. Fast gierig öffnete er den Verschluß der Fruchtflasche und trank direkt aus ihrem schmalen Hals. Er spürte, wie ihm das Interieur der Küche allmählich wieder vertraut vorkam, und er sich wohler fühlte.

Meika setzte sich an den gedeckten Tisch. Mit einem feuchten Kuß bedankte sie sich für seine Bemühungen. Es war ihm fast peinlich, aber er freute sich darüber wie ein kleines Kind. Hungrig schnitt er sich ein Brötchen auf.

Er hatte ihr bereits, soviel er konnte, von der Fahrt erzählt, von der Sabotage Angelos, den sie persönlich kannte, und von den weitergehenden Intrigen auf der Hochebene des Planeten selbst. Erschreckt hatte sie ihm zugehört und dann versichert, daß sie ihn unter diesen Umständen kein zweites Mal fahren lassen würde.

Dann teilte er ihr etwas mit, das sie zunächst zu einem erstaunten Ausruf veranlaßte. Endlich konnte er ihr eine Zusage geben, die noch garnicht offiziell verlautbart war, aber bereits als Sensation gesehen wurde: die Santoganer hatten beschlossen, alle Frauen der Erde trotz immer noch bestehender Zweifel ausnahmslos als gleichberechtigt anzuerkennen. Dazu mußten sie sich in gewissem Maße von ihrem kollektiven Denkansatz lösen. Es wurde für sie nun unumgänglich, sich mit der Frau als Individuum zu befassen. Denn das Bewußtsein entspringt nicht nur den Gegebenheiten der Gesellschaft, sondern auch dem Willen des Einzelnen. Sie ließen sich jetzt auf alle Bedingungen ein, die die Menschen ihnen gestellt hatten. Lediglich ein Umstand machte ihnen dabei noch zu schaffen: das Gebähren der Frau. Einen solchen Vorgang wollten sie zunächst weiterhin nicht als natürliches Ereignis verstehen, denn die menschliche Geburt schien ihnen nach wie vor ein künstlich herbeigeführter Vorgang. Zwar wußten sie von ihren einheimischen Tieren um diese Tatsache, hielten sie jedoch für ein weiteres Unterscheidungsmerkmal zur intelligenten Spezie. Aber in dieser Angelegenheit war es lediglich eine Frage der Zeit, die Santoganer von der vollkommenen Natürlichkeit des Kinderkriegens zu überzeugen.

Wichtig dabei wurde jedoch, daß beide - Frau und Exterraner - aufeinander zukamen und sich nicht mehr voreinander versteckten. Schließlich konnten von nun an auch Frauen nach Santoga fliegen.

Deshalb erzählte er ihr insbesondere von der prächtigen Umgebung des Planeten, seinen Blumen und Knochenbäumen, den zweischwänzigen Schlangentieren und der Stadt. »Weißt du, die haben Häuser, die du nicht sehen kannst und Straßen, die garnicht da sind.«

Überschwenglich berichtete er ihr dabei von den unsichtbaren Wänden der Häuser, aus denen plötzlich Leute kamen, ohne sie vorher wahrzunehmen. »Sie gehen einfach um eine Ecke, die du nicht siehst, auf dich zu und bleiben drei Meter über dir in der Luft stehen.« Er versuchte, es ihr halbwegs zu erklären. Gebannt hörte sie ihm zu. Vorzustellen vermochte sie sich die Schilderungen jedoch kaum.

Dann erzählte er ihr von Mata-Hele, der sie unbedingt kennenlernen wollte. Er erwähnte die Freundschaft zwischen ihnen, die ihm eine tiefere Einsicht in die Eigenarten und Kultur der Santoganer gegeben hatte. Er berichtete dabei von der zunächst befremdenden, unterkühlten Art der anderen, aber auch, wie sich im Innersten ihrer Retina das blaue Meer ihrer Gefühle öffnen konnte, zu leuchten begann und in die Tiefe ihres Horizontes blicken ließ.

»Ihre Gesichter haben scheinbar keine Mimik, dadurch wirken sie auf uns kalt«, sagte er. »Aber wenn sie dich einmal in ihr Inneres gesehen lassen haben, dann fühlst du die Wärme ihrer Wünsche und ihres Lebenswillens. Weißt du, die Augen sind ihre Seele.«

Meika hörte ihm schweigend zu. Sie wollte in diesem Augenblick keine unliebsamen Themen heraufbeschwören. Aber Steff bemerkte trotzdem ihren Mißmut. Darum sagte er:

»Ich habe mit Mata darüber gesprochen. Über euch Frauen, über uns Menschen. Er scheint zu begreifen. Ich bin völlig sicher, daß er den anfänglichen Irrtum seiner Rasse erkannt hat.« Steff nahm Meika bei der Hand. »Er hat mir erklärt, warum sie so von euch denken. Eigentlich genau das, was wir uns selbst dachten.« Er hob eindringlich die Hände. »Die Zweideutigkeit unserer Gesellschaft. Die Falschheit der bürgerlichen Moral. Für sie ist bei ihrer unumwobenen Direktheit so etwas unmöglich. Sie kennen ja kaum die Lüge! Entweder zeigen sie ihre Gefühle, oder sie verschließen sich. Aber sie würden einen nie täuschen in dem, was sie offenbaren.«

Er hielt einen Augenblick inne. Meika nickte nachdenklich. Aufmerksam goß er ihr neuen Saft ein. Dann fuhr er stürmisch fort: »Wobei sich allerdings auch bei ihnen eine Entwicklung anbahnt, die sie selbst noch nicht überschauen können. Auch unter ihnen gibt es mittlerweile welche, die die Unwahrheit angeben des eigenen Vorteils wegen, die intregieren, falsches Spiel treiben und sogar vor Mord nicht zurückschrecken. Diese Veränderung scheint zugleich mit ihrer Evolutionskrise entstanden zu sein.«

Steff hielt mit Kauen inne und schaute Meika an. »Du weißt ja von der Auffüllungsschwierigkeit ihrer Gittergeraden. Dadurch sterben sie nicht, und es entwickelt sich eine Individualität, die sie für die Veränderung ihres Charakters verantwortlich machen.« Er ließ ein Grinsen andeutungsweise über sein Gesicht ziehen. »Sie haben plötzlich auch Angst, speziell davor, so zu werden wie wir Menschen.«

Meika sah ihn fragend an. »Aber was hat das mit uns Frauen zu tun?«

»Das ist einfach und schwer zugleich.« Steff biß sich auf die Unterlippe. »Einerseits sind sie verwirrt wegen unserer doppelten Moral, andererseits stehen sie einem Entwicklungszweig gegenüber, der sie ihres kollektiven Gleichheitssinnes beraubt. Verstehst du, sie haben Angst vor einer Zukunft, die sie menschenähnlich werden lassen kännte. Und ihr Frauen seid für sie unbewußt das Symbol einer individuellen, aber zugleich auch einer trennendenLebensart.«

»Aber dadurch verfallen sie ja in die gleiche Neurose«, erregte sich Meika. »Sie wollen etwas nicht wahrhaben, was doch überall ist.«

Steff konnte nun ein Grinsen nicht mehr unterdrücken. »Der beste Beweis, daß sie bereits menschlich werden. Genau das hat auch der Rat festgestellt und darauf erkannt, daß ihr Frauen den Status eines gleichberechtigten Partners erhalten sollt.«

Meika überlegte. »Wieso haben sie es sich eigentlich so plötzlich anders überlegt?«

»Sie scheinen wirklich immer besser bei uns Menschen durchzublicken. Hinzu kommt aber auch etwas noch völlig anderes: Sie nehmen sich vor dem kosmischen Zusammenhalt in Acht.«

»Was heißt denn das nun wieder?« Meika starrte ihn offenen Mundes an.

»Das, was sie anderen zufügen, wird irgendwann wieder auf sie zurückkommen. Der Kreislauf des Kosmos. In ihm ist alles in Verbindung. Umgehend und unwiderruflich.«

Meika konnte darauf zunächst wenig sagen. Sie war zu verblüfft, um alles sogleich zu verstehen. Weiterhin war ihr das Wesen der Santoganer längst nicht so vertraut wie Steff. Sie spürte, wie es ihm von Wichtigkeit war, sie von der Integrität der Fremden zu überzeugen. Aber er konnte von ihr keine Supersprünge erwarten.

Unentschlossen wischte sie sich den Mund ab. Auch Steff trank nun seinen Saft aus und war fertig. ‚Sie braucht einwenig Zeit, um darüber nachzudenken. Aber nicht jetzt.’ Heute waren nur sie und er wichtig.

Doch in diesem Punkt irrte er. Er konnte einfach nicht so schnell abschalten. »Da fällt mir ein«, sagte er, während er aufstand, »daß Sokuk mir in seinem Köfferchen eine Mitteilung gemacht hatte. Du weißt doch noch, dieses kleine, schwarze Ding.« Er schaute sie fragend an. Seufzend nickte sie. »Darin schrieb er unter anderem, daß ein Professor Schakmo die Positronen herstellen könnte. Er soll hier in Berlin wohnen. Das Komische ist nun, daß kein Professor oder irgend ein anderer unter diesem Namen bekannt ist.«

»Habt ihr euch denn auch gründlich bei der Polizei, bei Unfall-krankenhäusern oder einer Vermißtenstelle erkundigt?«

»Ja«, gab Steff zur Antwort. »Alles geschehen. Dieser Mann hat hier nicht gelebt. Selbst sämtliche Angaben in anderen Städten wurden via Fernschreiber negativ beantwortet.«

»Vielleicht hat sich Sokuk geirrt, oder ihr habt ihn falsch verstanden?«

»Nein, das glaube ich nicht. Die Information über Erolandar und andere haben ja auch gestimmt. Warum sollte er in diesem Punkte spinnen? Außerdem hat er keinen Code benutzt, den wir hätten falsch übersetzen können. Seine einzige Absicherung war der Trick mit dem Koffer.«

Kurz entschlossen stand er auf und ging zum Telefon. »Ich werde gleich mal die Auskunft anrufen.« Im Buchmonitor suchte er die Nummer und begann, ihre Ziffern einzugeben.

Am anderen Ende ertönte eine Stimme. »Guten Tag«, sagte Steff in den Apparat. »Können Sie für mich bitte einen neuen Anschluß herausfinden? Ich möchte einen Professor Schakmo sprechen. S-c-h-a-k-m-o. Ja danke.«

Er wartete einige Sekunden, bis er Antwort erhielt. »Nein, den gibt es hier leider nicht. Sie müssen sich geirrt haben.«

»Warte mal«, mischte sich Meika plötzlich ein. »Der Name klingt irgendwie italienisch. Ich mein, die Namen älterer Familien haben sich doch noch im wesentlichen erhalten, so wie sie ihrem Ursprungsland entsprechen.«

»Und?«

Auf Steffs verständnislosen Blick hin erklärte sie weiter: »Wenn du eben nur die Lautschrift buchstabiert hast, dann könnte der eigentliche Name vielleicht Giacomo heißen. Es kann ja sein, daß Sokuk ihn nur gehört hat und natürlich kein altitalienisch spricht.«

Sofort gab Steff diese Information weiter und buchstabierte den Namen erneut. Nach einer Weile meldete sich die Zentrale wieder:

»Ja, ein Professor Giacomo ist bei uns gespeichert. Seine Nummer lautet Dahlem-b, 245 563 218. Wollen Sie auch seine Adresse?«

»Wenn Ssie die auch noch haben?« Steffs Herz machte beinahe einen Salto vor Freude.

»Im Dol b 12-c 3.«

Glücklich legte das Fräulein in der Zentrale auf. Sie fühlte, daß sie gerade einen guten Dienst erwiesen hatte.



Als das Raumschiff im Orbit zu kreisen begann, hatte der Raumfahrtsenator bereits die genaue Position des Fundortes der Pflanze auf dem Zeilendisplay seines Terminals stehen. Mit höchst zufriedener Miene betrachtete er die weißlich leuchtenden Buchstaben, die sich über den Bildschirm zogen. »Nördlich von Hamburg«, las er, »welch ein Glück, daß es nicht im Djungel liegt. Und dann noch in Deutschland.«

Begeistert rieb er sich die kleinen Hände und schrieb sich die Koordinaten auf einen Zettel. Zur Sicherheit übertrug er sie in ein winziges Notizbüchlein, das bisweilen schon die eigenartigsten Eintragungen in sich barg.

Dann löschte er radikal die ganze Eingabe, sodaß kein anderer die Information über die Speicheranlage des Computers nachvollziehen konnte. In drei sekunden war er fertig und sah, wie der Leuchtpunkt des Cursors sich wieder an den oberen linken Rand des Terminals setzte. So, als hätte es vor einigen Minuten keinen Eintrag gegeben.

Daraufhin beeilte er sich, in sein Amtszimmer zu kommen. Dort wußte er ein Telefon, dessen Geheimnummer zugleich für eine abhörsichere Verständigung sorgte. Nachdem er sorgfältig die Tür hinter sich verschlossen hatte, wählte er die sechsstellige Nummer. Sogleich meldete sich ein Maklerbüro.

Es dauerte weiterhin nicht lange, dann wurde daran gegangen, den soeben erteilten Auftrag in die Tat umzusetzen. Die Aufgabe war rechtzeitig angekündigt und die Mitarbeiter ausreichend vorbereitet worden. Über eine Filiale in Hamburg konnte somit binnen drei Stunden das Vorverkaufsrecht für den dortigen Grund und Boden beschafft werden. Da dieser im wesentlichen aus bäuerlichem Umfeld bestand, war er kaum bebaut und nur in der Hand von zwei Einzelpersonen.

Aufgrund der räumlichen Nähe war es dem Senator möglich, am nächsten Tag selbst zu erscheinen und die Hauptverhandlungen zu führen. Durch ein überhöhtes Angebot und die sofortige Umsiedlungsmöglichkeit in Gebiete, die seinem eigentlichen Partner, dem Inhaber der Wohnungsbaugesellschaft, in diesem Fall aber in seiner Eigenschaft als Geschäftsführer des Wasserstoffkonzerns gehörten, ließen sich die Bauern den Verlust ihrer über Generationen währenden Heimat teuer bezahlen. Dabei wußte der Politiker sogar, eine Art Siegesgefühl inmitten ihrer bäurischen Schläue zu entfachen, das sie dünkte, ein besonders günstiges Geschäft getätigt zu haben. Beide hatten sowieso seit langem damit spekuliert, sich in der Stadt anzusiedeln und die Landwirtschaft den wenigen vollautomatischen Betrieben zu überlassen, die die Gemeinde zur Versorgung, Pflege und Organisation der Technik, des Viehbestandes und des Getreides abstellte.

Somit war die scheinbar unlösbare Aufgabe, ein zehn Morgen großes Grundstück in wenigen Tagen zu erwerben, alsbald weitgehend erledigt. Viele gleichzeitig auftretenden glücklichen Umstände, wie die rein ländliche Gegend, die sich aufgrund der Automatisierung potenzierende Landflucht und nicht zuletzt die räumliche Nähe zu Berlin verhalfen dem Deal zu einem schnellen Erfolg. Zumal die Versicherung, sie könnten erst einmal solange wie nötig in ihren Häusern bleiben, ihnen kein Gefühl der Bedrohung verschaffte und sie Zeit genug zu haben glaubten, ihre Angelegenheiten in Ruhe regeln zu können.

Gleichzeitig aktivierte der Raumfahrtsenator den bei der Berliner Bank beantragten Kredit, der zu Lasten der Gesellschaft ‚Wohnen und Leben’ ging und beauftragte diese, sogleich mit der Planetierung des Bodens zu beginnen.

Da der Bau größerer Häuser nicht vor einem Jahr abgeschlossen werden konnte, besorgte er sich ebenso die Genehmigung einer Montage kleinerer Fertiganlagen, in denen er zunächst Läden, Gaststätten und propylaktische Unterkünfte errichten wollte.

Sämtliche Baupläne gedachte er in den Randzonen des Gebietes ausführen zu lassen, um nicht die exakte Lokalisierung des Höhlenzuganges zu versperren. Die frei werdenden Gelder der Bank ließ er auf ein Konto der Baugesellschaft transferieren, so daß sie dem Zugriff anderer Senatsmitglieder, vor allem aber dem des Bürgermeisters und des beteiligten Bankdirektors, entzogen waren.

Da er nun das Geld abgesichert wußte, bedeutete er dem Konzern seines im Hintergrund bleibenden Partners die Freigabe, sich auf einem speziellen Teil des Grundstückes niederzulassen, um mit dessen WakAG ein Wasserstoffproduzierendes Werk für die Energieversorgung zu errichten. Dabei war auch an eigene Lagerhallen gedacht worden, die weiterhin die Randzonen des Baugebietes ausfüllen sollten.

Währenddessen ging der Teilhaber des Raumfahrtsenators daran, sich die Rechte der unterirdischen Nutzung des Geländes zu verschaffen. Hierbei hatte er bei anderen Stellen vorzuschauen, als es die Baugesellschaft, die zu großen Teilen in den Händen des Senators lag, tun mußte. Für ihn bedurfte es lediglich einer Genehmigung des zuständigen Tiefbauamtes, wobei ihm eine nicht speziell Eintragungspflichtige Ausschürfung von zehn Metern vertikal zunächst als ausreichend erschien.

Da er diesen Antrag allein auf seinen Namen ausstellte, wurden weder der Energiekonzern, die Baugesellschaft noch der Raumfahrtsenator mit diesem Ersuchen in Verbindung gebracht. So blieben ihre Machenschaften für jedermann undurchschaubar und der Welt im Verborgenen. Zumal die Aktivitäten derart umsichtig vorbereitet worden waren, daß sie nun in einem geradezu atemberaubenden Tempo vonstatten gingen.

Binnen vier Tagen besaß die Verbindung der Intriganten mithilfe der Aktienmehrheit der Wohnungsbaugesellschaft das alleinige Monopol der Ausschlachtung des Bodens, auf dem sich vor nahezu 65 Millionen Jahren die chemosynthetische Pflanze ihren Weg unter die Erde gesucht hatte.

Der gesamte Vorgang dieser Transaktion verlief jedoch dermaßen schnell, daß er erst auffiel, als es zu spät war. Alle Verträge waren abgeschlossen, unterzeichnet und rechtskräftig. Die ehemaligen Partner, die sich nicht zu Unrecht einen erklecklichen Anteil am Geschäft erhofft hatten, waren sämtlich ausgebootet.

Der Bürgermeister stierte vor sich hin und dampfte schier vor Wut. Er hatte nur damit gerechnet, daß für ihn eine Gefahr von Seiten des Konzernbosses kommen konnte. Aber an die Möglichkeit, daß ihn sein eigener Senator hinterging, hatte er nicht gedacht. Erregt stand er auf. ‚Sein eigener Mann! Wie konnte er sich nur so reinlegen lassen?’

Der Direktor der Berliner Bank hatte ihm inzwischen mitgeteilt, daß das Geld auf das Konto der Wohnungsbaugesellschaft überwiesen worden war. Zunächst hatte er noch keinen Verdacht geschöpft gehabt, denn ‚Wohnen und Leben’ war ein Bestandteil ihres Planes gewesen. Lediglich der frühe Zeitpunkt der Geldabrufung hatte ihn einwenig verwundert.

Aber als ihnen dann die Vergabe der gesamten Energieversorgung an ein Wasserstoffwerk bekannt wurde, schöpften sie ersten Verdacht. Denn nach ihren Plänen sollte damit ein Berliner Solarunternehmen beauftragt werden, um gleichzeitig eine Beschäftigung hiesiger Arbeiter zu gewähren. Ein politischer Schachzug, den sie kurz vor den Wahlen der Bevölkerung präsentieren wollten.

Zumindest hätte einer Veränderung ihrer Pläne von allen zugestimmt werden müssen. Die Entscheidung über ihre Köpfe hinweg signalisierte ihnen aber zu spät den Alleingang des Senators für Raumfahrtwesen und außerirdische Kommunikation. So erkundigten sie sich erst jetzt näher über die konkreten Umstände und erfuhren, daß der Partner des Senators als stiller Teilhaber eine eigene 5%-Aktionemehrheit besaß, die bislang über den Aufsichtsrat allein dem Senatspaket zugerechnet worden war. ‚Eine ungeheure Schlamperei!’

Posikol verstand nicht, wie er so leichtgläubig gewesen sein konnte. Er schalt sich selber seiner Hühnerblindheit. Nun aber wußte er auch, mit wem der untreue Senator gleiche Teile machte. Der Besitzer von ‚Wohnen und Leben’ hatte über Mittelsmänner zusätzlich einen Aktienanteil von 47%. Damit besaßen er und sein abtrünniges Kabinettsmitglied eine mehrheit von 52%. Das bedeutete, daß er und die Bank aus dem Rennen waren.

Zusätzlich fiel es ihnen dann nicht schwer, als den Geschäftsführer des Wasserstoffkonzerns denselben Mann auszumachen, dem die Baugesellschaft gehörte. Ein passables Gespann. Posikol zermarterte sich das Gehirn, wie er diese Scharte wieder auswetzen konnte.

Angelegentlich schaute er sich die Karte der Umgebung der Fundstelle an. Es war vorwiegend Fliesland, feuchte Niederung und zum Teil sumpfig. Dabei kam ihm eine Idee. Zum größten Teil, wenn sie nicht grade der Agrarkultivierung unterstand, war diese Umgebung reines Wasserschutzgebiet. Hastig stöberte er in den betreffenden Unterlagen, die er sich aus dem Katasteramt des dortigen Landsitzes kommen gelassen hatte.

‚Ja, er irrte sich nicht!’ Feuchtwiesen und Quellwasserreservois bedurften einer besonderen Baugenehmigung. Doch nach einigen Telefonaten mußte er feststellen, daß die Gegenseite sich durch diesen Belang nicht hatte aufhalten lassen. Eine Sondergenehmigung lag vor. Sie deutete zugleich auf recht einflußreiche Verbindungen.

Beim Weiterlesen jedoch fiel ihm ein Passus auf, der sich mit der Straßenverkehrsordnung befaßte. Er besagte, daß Baufahrzeuge nur bis zu 7,5 Tonnen die Straßen in einem Wasserschutzgebiet befahren konnten, um ein Einsinken und andere Schäden zu vermeiden. Dieser Umstand bedeutete, daß entweder auf kleinere LKWs zurückgegriffen werden mußte oder die Straßen fester auszubauen waren.

Er war sich gewiß. Bei ihrer Zeitnot mußten sie sich für eine dritte Lösung entscheiden, die eigentlich erst in den letzten Jahren ermöglicht worden war: der Transport durch die Luft. Mit riesigen Frachtluftschiffen.

Erleichtert atmetete er auf. Er glaubte, den Strick gefunden zu haben, über den die anderen stolpern würden. Diese großen, schweren Flugtransporter brauchten spezielle Landeplätze, die nur wenige Großstädte bislang besaßen. Als einziger in der dortigen gegend Hamburg. Wegen des Monopols der Frachtgenossenschaft wurden jedoch den Transportunternehmen zuständige Landkreise zugewiesen, so daß auf keinen entfernteren Flughafen ausgewichen werden konnte.

Jetzt wußte Posikol, was zu tun war. Beinahe übermütig ging er daran, seinen Rachefeldzug vorzubereiten. Hauptsächlich bestand seine Idee im Zündstoff eines Papieres, daß sich schon seit einer Weile in seinem Schreibtisch befand. Dieses Dokument war die Zustimmung des Kartellamtes für eine 30%-ige Abnahmegenehmigung der COU, das Konkurrenzunternehmen des Berliner Konzerns mit seinem unangenehmen, aber einflußreichen Boss und dessen Verbindung zur United Oil Company, die ihren Sitz in Hamburg hatte.

Da war es, das Mosaiksteinchen. Klein, aber mächtig. Schnell ließ er sich eine Verbindung zur Privatadresse des Bosses geben. Er konnte nur hoffen, daß dieser zuhause war. Hier ging es um Minuten. Der Vorsprung der anderen war sowieso kaum noch einzuholen.

Als sich der Konzernmann tatsächlich meldete, fiel dem Bürgermeister ein Stein vom Herzen. Der andere jedoch fragte sich sofort unruhig nach dem Grund des plötzlichen Anrufes. Zuerst dachte er, es gäbe etwas Neues in Bezug auf die Rohöllagerung in Berlin. »Na, Herr Posikol, ich hoffe, Sie haben mir etwas Gutes mitzuteilen«, flötete er und ließ in seiner herrischen Art den anderen garnicht zu einer Antwort kommen. »Können Sie mir schon ein günstiges Gelände anbieten, vielleicht auch bereits eine Genehmigung, bis in eine Tiefe von 50-60 Meter gehen zu können?«

»Das dürfte unser geringstes Problem sein«, antwortete ihm der Bürgermeister und fuhr sogleich hastig fort: »Wir werden aber einige Schwie-rigkeiten mit dem Kartell bekommen.« Diplomatisch gebrauchte er das interessenverbindende ‚wir’.

»Was zum Donnerwetter soll das heißen?« grollte der andere und steckte sich wutentbrannt die Zigarre am falschen Ende an.

»Das heißt, daß die COU einen nicht unwesentlichen Anteil erhalten wird. Es ist von 30% die Rede. Damit ist nicht nur ihr Monopol verloren, sondern womöglich auch überhaupt jedwede Beteiligung. Denn wie wir wissen, wird der größte Anteilseigner seine Position benutzen, um die weitere Aufteilung zu kontrollieren und in möglichst kleine Häppchen dividieren zu lassen.«

Dem Boss fiel fast die schlecht brennende Zigarre aus dem Mundwinkel. »Wie ist das möglich, Bürgermeister?« Fauchend richtete er seinen Oberkärper auf und verschluckte sich fast am kohligen Rauch, der aus dem Mundstück drang.

Diese Gelegenheit nahm Posikol wahr, um zu erklären. »Aber Sie wissen doch, daß Sie sich vollkommen auf mich verlassen können.« Sein fettes Kinn erzitterte leicht unter der nickenden Bewegung des Kopfes. »Der Antrag liegt zur Unterzeichnung sicher auf meinem Schreibtisch. Und Sie können beruhigt sein, daß unter den Kontrakt, den ich beziehungsweise mein Innensenator unterzeichnen wird, nur ihr Name steht.«

Der Konzernboss hatte inzwischen begriffen, was es mit seiner Zigarre auf sich hatte und drückte sie nun entschlossen im Aschenbecher aus. Halbwegs beruhigt wandte er sich erneut dem Hörer zu. »Na sehen Sie, Herr Bürgermeister. Das sollen Sie auch nicht bereuen. Ein nicht unwesentlicher Anteil meines Ölimports und der Lagerhallen wird Ihnen sicher sein. Ich glaube jetzt fest daran, daß alles klappen wird. Die Zusagen von Shan-Ucci und der Deutschen Kreditbank habe ich auch schon.« Er suchte sich eine neue Zigarre heraus. »Sagen Sie mal, was soll jetzt noch schief gehen?«

»Nichts, daß ich wüßte. Wenn Politik und Wirtschaft immer so zusammenhalten würden. Ich hab Sie ja wohl von meiner Zuverlässigkeit überzeugt.« Er wartete einige Sekunden. »Da wäre jedoch eine Bitte in eigener Sache. Sie verfügen doch über ausgezeichnete Beziehungen zu der United Oil?«

Auf der anderen Seite entstand eine kleine Pause. Doch dann ertönte es wieder energisch: »Mehr als das, Bürgermeister. Wir sind sozusagen ein - und derselbe Kopf.« Selbstherrlich zog er nun den würzigen Rauch der neuen Zigarre ein.

»Das triffst sich gut«, erwiderte Posikol einwenig ungeschickt und hätte sich am liebsten auf die Lippen gebissen. »Ich meine, dieser Umstand könnte uns noch einmal von Nutzen sein. Wissen Sie zufällig, inwieweit die internationalen Frachtbestimmungen auf die See - und Flughäfen begrenzt sind, beziehungsweise unter welchen Bedingungen der United Oil die Nutzung der Großraumfrachter der LTU-Hamburg, die ja wohl ein privates Lufttransportunternehmen ist, gewährt wird?«

»Unter welchen Bedingungen?« Der Konzernboss schien beinahe an einem Lachkrampf zu ersticken. »Mensch, wissen Sie denn nicht, daß wir gerade letztes Jahr den größten Coup vor der WakAG, der Wasserstoffkraft-ag, gelandet haben? Die LTU gehört jetzt allein der United Oil!«

Diesen Umstand wollte Posikol sich auch nur bestätigen lassen. ‚Nun werde ich nicht nur meine Rache nehmen können’, dachte er zufrieden, ‚sondern in diesem Konzernboss habe ich auch einen Mann mit durchaus wichtigen Beziehungen und vielleicht der Möglichkeit gefunden, mir trotz allem noch ein Zubrot - und wenn auch nur ein Zubrötchen - verdienen zu können.



»Die Frage nach der Entstehungsgeschichte der Positronenemission ist gleichzeitig die Frage nach den Eigenschaften des Meteoriten. Doch wollen wir zunächst mit der Pflanze beginnen.«

Professor Erskin hatte vor sich einen Aktenordner ausgebreitet und vertiefte sich nun für ungewisse Zeit in dessen Innerem, ohne die Anwesenden scheinbar noch wahrzunehmen. Doch plötzlich blickte er auf und fixierte die kleine Gruppe, die hauptsächlich aus den Paläontologen der wissenschaftlichen Expedition und der Vorbereitungskommision bestand.

Darunter befanden sich auch Professor Ambros und ein gewisser Rainer-Maria Steffenhagen, welcher als Angestellter der Universität für den organisatorischen Ablauf zuständig war. Dessen Nase zierte eine kleine Nickelbrille, durch deren dicke, randlose Gläser, die ihm das unauffällige Äußere eines Stadtneurotikers verliehen, er jeden einzelnen wortlos fixierte, als wollte er ihn dadurch bestrafen.

Erskin fuhr jedoch unbeeindruckt fort: »Sie muß sich bereits durch das Schattendasein in tieferen Geosynklinalen Eigenschaften erworben haben, die sie ohne die direkte Einwirkung des Sonnenlichtes, aber auch ohne eine grössere Anhäufung humusreicher Schichten auskommen ließ. Sie bildete starke Wurzeln, die nicht so sehr nach unten als seitlich wuchsen, und die sich durchaus im festen Stein verankern konnten«

Er sortierte ein weiteres Blatt heraus. »Hier stellt sich nun sogleich die Frage, ob die Saurier sich bereits zu diesem frühen Zeitpunkt von der Pflanze ernährten. Dieser Umstand muß aufgrund der damaligen Meeresspiegelveränderung und der Gewöhnungszeit der Saurier an sie bejaht werden. Die Wechselwirkung der Pflanze zum Tier, ihr Sauerstoff-Koh-lenstoffaustausch und ihr Nahrungsangebot muß sich in dem Maße entwickelt haben, in dem sich mit beginnendem Rückgang des Meeres die weichen Wasserpflanzen und die sumpfigen Niederungen gleichermaßen reduzierten.«

Er schaute die Anwesenden kurz an. »Sie wissen ja, daß diese gegenseitige Anpassung der Natur nur unter bestimmten Umständen erfolgen kann. Die fossilen Kreidefelsen und die Süßwasserablagerungen der Meeresfauna beweisen überall zahlreich die Artenvielfalt, die während des vormals sehr hohen Meeresspiegels entstanden war. Als sich dieser jedoch zurückzog, mußten sich durch Mutation, zumindest aber durch die Selektion der geschlechtlichen Fortpflanzung Genen und Chromosomensätze sich derart vermischt haben, daß sie wiederum der veränderten Umwelt einen Evolutionsvorteil gegenüber einbrachten.«

Bislang hatte er den anderen, die ebenso als Spezialisten auf diesem Gebiet galten, nichts besonderes gesagt. Doch nun schien es, als ob ihre Zuhörbereitschaft wuchs. Der Professor räusperte sich mehrere Male.

»Sehen Sie. Der Meteorit hat mit seinem Staubmantel ja nicht nur die Saurierwelt beeinflußt, sondern sämtliche Fauna. Der Umstand, daß die ersteren am härtesten betroffen waren, lag hauptsächlich an ihrem großen Nahrungsbedarf. Wir sollten jedoch innerhalb dieser Art noch einmal unterscheiden.« Er machte eine abwinkende Bewegung mit dem Zeigefinger. »Die Sauropoden, also die landläufig bekanntesten, große Saurischia, wie die Brontosaurier mit ihren verhältnismäßig kleinen Köpfen, schwachen Zähnen und quadrupeden Säulenbeinen konnten aufgrund ihrer Physiognomie einmal kaum dem weichenden Meer folgen und zum anderen nicht in die unwegsamen, tiefen Mulden der einstürzenden Erdplatten eindringen. Sie waren dafür einfach zu plump und die sich dort befindenden Wasserstellen zu wenige, als daß sie ihnen ausgereicht hätten.«

Er wies die anderen auf die Kopien hin, die er ihnen vorher ausgehändigt hatte. »Es mußte also eine andere Gattung der Saurier sein, die sich die später chemosynthetische Pflanze als Nahrungsersatz ausgesucht hatte. Sie hatte biped zu sein und nach Möglichkeit nicht zu groß, gelenkig und« - er hob lehrerhaft den Zeigefinger - »einen Herdeninstinkt ausgebildet haben.«

Er räusperte sich erneut, wobei sein etwas dicklicher Bauch ins Schlingern geriet. »Ich muß gestehen, daß wir uns alle zunächst geirrt hatten, als wir annahmen, aufgrund der speziellen Wasserpflanze einen Sauropoden in den Höhlen vorfinden zu können. Die Ausgrabungen und Höhlenfunde der 20-ger und 30-ger Jahre, aber vor allem der Ornithischerfund im Jahre 2052, unterstreichen meine jetzige Theorie und deuten weiterhin direkt auf eine einzig mögliche Spezie hin: auf das Iguanodon.«

Steff schaute auf die Aufzeichnungen, die bei archäologischen Forschungen in Kanada aufgenommen worden waren. Sie zeigten mehrere dieser vor allem in Herden vorkommenden Tiere, 100000 Millionen Jahre alt, von den einige aufgerichtet fünf Meter hoch maßen und bis zu vier Tonnen schwer waren. Sie besaßen an drei Fingern jeweils kleine Hufabplattungen anstelle von Krallen und einen Dorndaumen zur Verteidigung. Es hatte ebenso hohle Knochen und Luftsäcke wie die Sauropoden, um das Gewicht niedrig zu halten und die Geschwindigkeit und Wendigkeit zu erhöhen. Gleichzeitig verfügte es über einen Hüftfortsatz, das Ilium, das sich wie bei den bipeden Theropoden entlang der Wirbelsäule zum Kopf hinstreckte und weiterhin für Schnelligkeit und Balance sorgte.

Dennoch gehörte es nicht der Klasse der Saurischia an, deren dreistrahlige Gelenkform einen bipeden Laufstil nicht ermöglichte. Es besaß neben dem Darmbein und dem Schambein, das parallel zum Sitzbein nach vorn und hinten verlief, am Vorderende des Pubis einen vierten Knochenfortsatz, der es den Ornithischiern zuordnete.

Einen weiteren Unterschied wies das Iguanodon durch sein Prädentale aus, einem unsymmetrischen Unterkieferknochen, der das Vorderkinn bildete. Die kanadischen Höhlenfunde deuteten zwar auch auf die Anwesenheit von Sauropoden hin, die sich ebenfalls zeitweilig von der noch nicht chemosynthtisch entwickelten Pflanze ernährten. Aber ihre stark abgenutzten Zähnen bezeugen, daß ihr Ausweichen auf diese Flora ihnen dennoch ihren Untergang bereitete. Denn ein Ausfall der Zähne mußte zwangsläufig zum Tod führen.

Die Ausgrabungen in Kanada begründeten jedoch nicht nur das Überleben des Iguanodons schon. Die Höhlen dort waren nicht vulkanoiden Ursprungs, und sie ließen einen weiteren, wenn nicht den Hauptbestandteil einer chemosynthetischen Entwicklung vermissen: das Plasma des Meteoriten. Sie bewiesen lediglich die Tatsache, daß sich die bezügliche Urpflanze nicht nur in Teilen Europas, sondern auch in Nordamerika verbreitet hatte.

Doch nirgendwo anders konnte sie sich derart entwickeln, Positronen der Art der bi-3 zu produzieren. Die Fernanalysen des Plasmas ergaben eine aus äußerster Hitze erkaltete Masse, deren dissozierte Ionen die vulkanoide Schwefelmischung der Luft elektrisierte. Die dabei freiwerdende Energie wirkte sodann lenkend auf die atomaren Teile der Umgebung.

Mata-Hele konnte während der letzten Feststellungen nicht umhin, an die Plasmafelder des Plateaus zu denken. Doch diese Gemeinsamkeit verwunderte ihn noch nicht zu sehr, da Plasma in vielen Situationen und unter mancherlei Bedingung ähnliche Eigenschaften aufwies. Ebenso bedeutete das Vorkommen von Sulfaten noch nicht, daß beide Planeten weiterreichende Übereinstimmungen aufzuweisen hatten.

Durch den Einfluß des Plasmas, so wurde gefolgert, mußten jedoch die Positronen entstanden sein. Welche Bedeutung sie allerdings der Pflanze gaben, zu welchem eigenen Nutzen sie die Natur dieses geschehen ließ, war ihnen aber nicht möglich herauszufinden. Diesen speziellen bi-3 Bestandteilen mochte eine Bedeutung zuteil sein, die allein durch eine direkte Untersuchung eine Erklärung finden konnte.

Weiterhin bestand erhebliche Unklarheit über den Umstand, der die Pflanze sich von einer fotosynthetischen zu einer chemosynthetischen Basis verändern gelassen hatte. Wieweit das Plasma des Meteoriten auch hierbei eine Rolle gespielt hatte, war nicht zu erkennen. Es zeigte eigentlich keine typischen Eigenschaften, die eine sonnenlose Dunkelheit hätte bevorzugen können. Es schien zunächst nicht evedent mit der Entwicklungsrichtung des Gewächses zusammenzuhängen.

An dieser Stelle griff Professor Ambros auf die Entdeckung der Rotationsbeschleunigung und der damit verbundenen reduzierten Drehimpulsabgabe zurück. Vor allem die Intensivierung der Nächte durch den Mond konnte einen Einfluß auf die Pflanze und den allmählichen Umstieg auf eine andere Energieverarbeitung und Luft-Wasserstoffumsetzung bewirkt haben.

Hinzu kam die sich bis ins Eozän ausbreitende vulkanische Tätigkeit, die sich innerhalb von 50 Millionen Jahren vor allem im atlantischen, heutigen Ostseeraum konzentrierte. Diese beiden Faktoren und als dritter das Abtauchen in geosynklinale Mulden, die sich ebenso zufällig in der damaligen Zeit aufgrund magnetischer Konvexion bildeten, gewährten den Übergang der Pflanze in das Reich der Höhlen und unterirdischen Schächte.

Zusätzlich unterstützte der Staubgürtel des Meteoritenaufpralls die allmähliche Gewöhnung an die Dunkelheit des unterirdischen Klimas. Der Umstand, daß der Meteorit selbst noch nicht in Norddeutschland gefunden werden konnte, mochte seine Erklärung im gleichzeitigen Abgleiten in der Mulde finden. In jedem Fall galt es als wahrscheinlich, daß sein Niedergehen auf die Erde mehrere Auswirkungen hatte, die sich alle in ihrer Summe zu einer Veränderung der Pflanze ergänzten.

Ein weitergehendes, viel diskutiertes Thema war Steffs Erwägung, daß der Mond nicht nur einen Einfluß auf die Pflanze gehabt haben konnte, sondern auch auf die Fauna dieses Gebietes. »Warum sollte zum Beispiel nicht die inzwischen ermittelte Gattung der Saurier, das Iguanodon, ebenso einer Auswirkung des nächtlich intensiveren Scheines erlegen sein?« fragte er herausfordernd. »Bei uns Menschen ist der Somnambulismus, die schlafwandlerische Reaktion unserer Psyche auf den Mond, durchaus bekannt und als ein Untergebiet der Astropsychologie erforscht.« Er blickte scharf um sich. »Ein Tier hat genauso eine Seele wie wir Menschen. Jetzt stellen Sie sich einmal vor, was die verstärkte Mondpotenz im Beziehungsgeflecht der damaligen Tiere vielleicht zu erzielen vermochte.«

Auch die anderen konnten die Möglichkeit nicht von sich weisen, daß das Iguanodon der Wirkung der helleren Nächte unterlegen haben und von ihnen beeinflußt worden sein könnte. Der Somnambulismus war im 21. Jahrhundert eine anerkannte Größe und diente unter anderem diversen Schlafstörungen als Erklärung. Vor allem war die Beziehung der Traumintensität und womöglich auch ihrer Inhalte zum Mond nicht mehr zu leugnen. Weiterhin galt sein Einfluß auf die Menstruation und auch die sexuelle Bereitschaft der Frau als Tatsache. Unter diesem Aspekt wurde sogar ein Vergleich mit dem Organismus der weiblichen Fauna gezogen. Mensch und Tier waren gleichermaßen den Bedingungen kosmischer Kräfte unterworfen.

Ernest McMurphy, ein schottischer Zoologe, stellte die grundsätzliche These in den Raum: »Kann es nicht nur als möglich, sondern als äußerst wahrscheinlich gelten, daß das Iguanodon sich gerade durch diesen Somnambulismus die Fähigkeit erwarb, in die Dunkelheit der unterirdischen Gänge hinabzusteigen, um der Pflanze zu folgen, indem es sich aufgrund des fehlenden Sonnenlichts blind zu orientieren lernte?«

Dieser Ansicht wurde allgemein zugestimmt, und Steff war letztlich mit dem Ablauf der Gespräche und Analysen zufrieden. Zusammen mit Erskin hatte er dessen Redebeitrag ausgearbeitet, wobei sie sich im wesentlichen auf den Nachuntersuchungen, Interpretationen und dem Zurateziehen anderer wissenschaftlicher Fachgebiete gestützt hatten.

Am Ende der Sitzung verabschiedete sich John Cavanac von den anderen, da er noch am selben Tag nach Hamburg fliegen wollte, um die dort anlaufenden Landuntersuchungen zu konzentrieren und zu organisieren. Denn der ehemalige Standort der Pflanze war noch nicht genau lokalisiert.

Als die Konferenz beendet war, rief Steff Meika an und traf sich mit ihr vor der Mensa der Universität. Sie stiegen beide in den dortigen Bus und fuhren über den Kudamm nach Dahlem. Um diese Abendzeit war die City Berlins überfüllt, da die meisten gerade von der Arbeit kamen. Der Fahrer hatte vor allem darauf zu achten, daß er durch den Strom der die Straße überquerenden Passanten gelangte, weil sonst nur wenige Autos auf dem Boden fuhren. Lediglich mehrere Lieferwagen und ein Krankentransporter befanden sich am niedrigen Rinnstein, der den Fußweg nur geringfügig von der Straße abhob.

In der Nähe des Dols stiegen sie aus. Die dort noch stehenden Bäume belebten die Umgebung und schuffen einen farblich angenehmen Kontrast zur Betonierung anderer Wohngebiete. Auch war die Luft in diesem Teil der Stadt erheblich besser. Steff atmete tief durch. Lediglich bei Meika in Hakenfelde konnte er noch so unverfälscht die Gerüche der Natur wahrnehmen.

Als sie an der Haustür von b 12-c 3 ankamen, breitete sich vor ihnen ein riesiges Grundstück aus. Zwischen den Tannen, die auf dem schlecht gemähten Rasen standen, konnten sie die Giebel eines runden Hauses erkennen, die rötlich in der milden Abendsonne schimmerten.

Meika schaute auf den Namen an der Pforte. »Vincente Giacomo«, las sie laut und rüttelte an der Klinke. Doch es tat sich nichts. Der Eingang besaß weder Klingel noch eine abschließbare Steckeinrichtung. Der Magnet des Schlosses konnte nur aus dem Hausinnerem geöffnet werden und war von außen mit einer Plastikummantelung verriegelt. Es schien, als ob der Besitzer momentan verreist wäre.

Steff versuchte, über den Zaun zu klettern, aber gleich darauf nahm er die elektrostatische Absicherung wahr. Schnell stieg er wieder vom steinernen Gatter herunter. Auf einen Versuch, ob die Anlage abgeschaltet war, wollte er es nicht ankommen lassen. Wenn nämlich nicht, dann erlitt er einen Herzschock und konnte ohnmächtig und kurzfristig gelähmt werden.

Ratlos standen sie vor der Tür. Fragend sah ihn Meika an und umfaßte tröstend seine Hüften. »Was willst du nun machen, Steff? Du siehst ja, hier kommen wir nicht weiter.« Suchend schaute sie sich ein letztes Mal um. Dabei fiel ihr Blick auf eine Spielzeichnung, die sie noch von ihrer Kindheit her kannte. Auf dem Pflaster der Straße waren fünf Quadrate abgebildet, derem vorletzten sich rechts und links ein weiteres anschloß. Sie erinnerte sich, daß dahinein kleine Steinchen geworfen werden mußten, die dann hopsend oder auf einem Fuß hüpfend von Feld zu Feld gestoßen werden konnten.

Sicherlich hätte sie darüber hinweggeschaut, wenn ihr nicht eine eigenart der Formen dieser Quadrate aufgefallen wäre, die sie befremdete. Die beiden seitlich am Kopf der Zeichnung ausgelassenen Felder waren nicht viereckig, sondern zogen ihren oberen Rand zur Spitze des Spieles hin. Sogleich erhielt sie den Eindruck, als ob sie einen Pfeil darstellten. Neugierig ging sie näher heran. Im obersten Kästchen stand der Buchstabe s. S wie Sokuk.

Hastig zeigte sie Steff die Abbildung und erklärte ihm ihren Gedanken. Sofort liefen sie auf die andere Straßenseite und begannen, dort nach etwas zu suchen, dessen sie sich selber nicht klar waren. Ein unbestimmtes Indiz, ein Hinweis, der ihre Idee vielleicht bestätigen würde.

An der Innenseite eines Holzpfahles hing ein kleines, unscheinbares Beutelchen. Fast riß sie die Schnur ab, mit der es an der Latte befestigt war, als sie das lederne Säckchen an sich nahm.

In seinem Inneren befand sich ein Zettel. »Professor ist entführt worden. Melde mich, wenn ich Adresse habe. Eilig, da er von santoganischer Verrätergruppe umgebracht werden soll. Freue mich über ihre Rückkehr. Sokuk.«

Steff und Meika sahen sich gleichzeitig an. Sokuk lebte also noch. Und wie jedesmal, waren seine Informationen von hohem Wert. Nun galt es erst Recht, Professor Giacomo zu finden.



John stellte sich den Aktenkoffer zwischen die Beine und stierte griesgrämig auf seine Fußspitzen. Seine Abreise bereits wenige Tage nach der Ankunft war nicht geplant gewesen. Schon garnicht unter diesen Umständen. Wütend schlug er sich mit der Faust auf den Oberschenkel.

Die sich schon vor Ort befindlichen Techniker hatten sich in einer nahen Raststätte einquartiert und versucht, mit dem Baumeister des Geländes über ein Betreten der Fundstelle zu verhandeln. Doch sie waren mit ihren Überzeugungskünsten nicht weit gekommen. Der Mann stellte sich stur und verwies auf seine Order. Wäre John nicht am gleichen Abend noch angereist, hätten sie ein Telex der Raumfahrtbehärde geschickt. So aber hofften sie, daß er als offizieller Delegierter des Senats eine positive Entscheidung herbeirufen konnte.

Doch in dieser Beziehung hatten sie sich getäuscht. Wütend mußten sie hinnehmen, daß hinter der ganzen Angelegenheit mehr als nur der kleine Auftrag einer Baugesellschaft stand. Hier sollten nicht nur Hotels, sondern auch Läden, Straßen und ein gewaltiger Freizeitpark errichtet werden. Versorgt von einem eigenen Wasserstoffkraftwerk.

John hatte augenblicklich erkannt, welche übergeordneten Interessen hinter diesem geschäftigen Treiben standen. Die Gegend bot normalerweise für eine dermaßen breite Touristenplanung keinen Reiz. Eine solch lockende Perspektive mußte erst geschaffen werden, und für ihn lag das ‚Wie’ auf der Hand. Zumal er erfuhr, in welcher Hektik und mit welchen Mitteln die Beschaffung der Grundstücke vonstatten gegangen war.

Er fragte sich nur, wer hinter diesen Plänen stand. Und wo das Loch im Senat oder in den wissenschaftlichen Gremien war, das das außerordentlich streng gehüttete Geheimnis des Standorts der Pflanze preisgegeben hatte.

Wütend schnaubte er durch die Nase. ‚Mit welchen Mitteln wurde hier gearbeitet?’ ging es ihm durch den Kopf. ‚Wer kann ein solches Interesse haben, die Sensation der Chemopflanze und einer möglicherweise überlebenden Fauna derart ausschlachten zu wollen, indem er eine Art Weggebühr erhob?’

‚Vor allem aber’, dachte er, ‚vor allem haben wir jetzt ein Problem: unsere gesamte Expedition wird in Frage gestellt! Wie sollen wir nun die genaue Fundstelle lokalisieren können? Geschweige denn, daß es uns gelingt, überhaupt an sie heranzukommen.’

Er hatte mit einem Interessenvertreter der Agentur gesprochen, die offiziell vor diesem Geschäft stand. Die wahren Hintermänner hatte er weder zu Gesicht bekommen noch ihre Namen erfahren. Der Angestellte der beauftragten Maklerfirma enthüllte ihm nur, daß es ihnen nicht gestattet war, das Baugelände zu betreten. Lediglich durch eine noch zu benennende Abgabe würde ihnen eine Art Anmietung erlaubt. Für John schien dieser Umstand äußerst widersinning zu sein, da die Gegenseite ohne Pflanze auch kein Geschäft machen konnte. Doch ihr Vertreter konnte plausibel darlegen, daß das Interesse der Santoganer sicherlich höher zu bewerten war, als ein ständiger Tribut, den sie für die Benutzung des Geländes zu entrichten hatten.

In diesem Augenblick hörte er den Sprecher des internationalen Luftschiffhafens seinen Flug ausrufen. Rasch erhob er sich und marschierte auf die Personenkontrolle zu. Verbissen ließ er die Prozedur der Radarabtastung und des Laserdetektors über sich ergehen. Denn ihm war noch ein anderer Umstand eröffnet worden. Nicht nur für die Benutzung der Oberfläche des Grundstückes sollten sie bezahlen, sondern auch für dessen unterirdisches Begehen.

Er fragte sich, wie man nur so gewissenlos die Not anderer ausnutzen konnte, um sich zu bereichern. Sie waren ja nicht einmal die ursprünglichen Besitzer des Landes, sondern hatten es allein aus Gewinnsucht und Spekulation mit dem Elend der Santoganer erworben.

Denn sie hatten sich bis zu einer Tiefe von zehn Metern das gesamte Bodenrecht gepachtet. Damit konnten die Techniker der Expedition, selbst wenn sie die Fundstelle entdeckt hätten, auch nicht ohne Durchdringung dieses Teils des Terrains dem Lauf folgen, den die Pflanze in ihrer Jahrmillionen alten Geschichte durch die Schächte der Erdkruste genommen hat.

Verzweifelt überlegte er im Flugzeug, das er wenig später bestiegen hatte, ob es Möglichkeiten der Umgehung des Geländes gäbe. ‚Sicherlich bestand die Chance, den Fundort auch ohne direkte Berührung zu lokalisieren. Aber wie konnten sie in die unterirdischen Gänge von außen eindringen, ohne deren 10-Meter-Terrain oder andere Baugesetze zu verletzen?’

Auf dem relativ kurzen Flug fiel ihm keine Möglichkeit ein, die Vorschriften der Bodennutzung zu umgehen. Selbst wenn sie von außerhalb des Geländes einen senkrechten Stollen in einen der verschütteten Höhlenschächte treiben würden, dürften sie das nicht tiefer als zehn Meter tun. Denn eine zusätzliche Bohrung darüber hinaus war grundsätzlich nicht erlaubt, da für sumpfland keine Extragenehmigungen ausgeteilt wurden.

In einen natürlichen Schacht zu gehen und ihn auszubauen beziehungsweise zu festigen, war etwas anderes, da er bereits in seinem Grunde vorhanden und in der morastigen Natur eingefügt war. Einen künstlichen Stollen daneben jedoch errichten zu wollen, bedeutete, daß sie zunächst monatelange Studien darüber hätten erstellen müssen, wie dem Boden das Wasser ohne Verlust seiner Nährsalze, ohne Einsturzgefahr benachbarter Schichten und ohne die Zerstörung des floramäßigen Luft-Boden-Kreislauf entzogen werden konnte. Die Entwässerungsarbeiten selbst wären mit hohen Kosten verbunden und hätten in mehr als einem halben Jahr in akribischer Kleinarbeit durchgezogen werden müssen - immer unter dem Bedacht, die von dem Moorland abhängige Flora und Fauna nicht zu vernichten.

Als er in Berlin landete, stieg er ziemlich hoffnungslos und deprimiert aus dem Flugzeug. Er konnte nur darauf bauen, daß Professor Erskin und die anderen ermutigendere Gedanken hatten als er. Eine Lösung, wenn auch nur die Hoffung einer Idee, war bereits mehr, als er sich im Augenblick überhaupt vorstellen konnte.

Am Ausgang des Flughafens rief er sich von einer Telefonzelle aus ein Taxi zur Rampe seines Wartesteiges. Beim hinausgehen wäre er fast mit einem Santoganer zusammengestoßen, der aus der anderen Richtung kommemd, augenscheinlich einen Bekannten grüßen wollte, der sich neben der Telefonzelle aufhielt. Hastig entschuldigte sich John bei ihm und schritt, den Vorfall sogleich vergessend, zum Gleiterstand der Taxis weiter.

San-Fo-Lo aber stockte für einen Moment, da er sich des anderen er-innerte. Er wußte von John Cavanac als einen der Wissenschaftler, die mit ihm von Santoga zur Erde zurückgefahren waren. Sogleich teilte er dem anderen, den er jetzt traf, seine Beobachtung mit, doch Kortgens nickte nur. Er hatte selbst den Astronauten erkannt und sich gefragt, was diesen in eine derart offensichtlichen Nervosität versetzt haben mochte.

John war sich nicht der neugierigen Blicke bewußt, die verfolgten, wie er in das Taxi stieg und den Weg zur Stadtmitte nahm. Innerlich deprimiert, bereitete er sich auf eine wahrscheinlich ausweglose Diskussion vor. Es beschämte ihn zudem, den Santoganern offenbaren zu müssen, daß sie für die Auffindung der Positronen nun doch einen überhöhten Preis zu zahlen hatten.

Im Zimmer von Erskin, das in einem Seitenflügel des Instituts für Paläontologie lag, empfing ihn der alte Professor und hörte sich noch einmal den traurigen und zugleich wütenden Bericht seines Mitarbeiters an. Doch mit der Herzensgüte eines erfahrenen Greises, der bereits mehr Demütigungen zu erfahren hatte, als ihm selbst lieb gewesen, aber dennoch immer wieder aus dem Schattendasein der Schmach in das Licht des Sieges hinausgetreten war, umfaßte er ihn und ließ ihn sich erst einmal ausschimpfen.

Nachdem er sicher war, daß der junge Wissenschaftler seinen Groll einwenig überwunden hatte und nicht mehr in seinen unheilvollen Jähzorn auszubrechen drohte, eröffnete er ihm die Lösungsalternativen, die sich seine Mitarbeiter der Universität und speziell des Projektes überlegt hatten, um doch noch zu den Schächten gelangen zu können.

»Wissen Sie, john«, sagte der Professor, »es gibt, soweit wir es uns vorstellen können, wahrscheinlich nur zwei, wenn auch geringe Möglichkeiten. Alles andere, sich zum Beispiel auf gerichtlichem Wege aus übergeordnetem Interesse das Begehungsrecht zu erstreiten, kann nämlich Jahre dauern.« Er hob seinen grauhaarigen, schweren Kopf und sah den jungen Paläontologen aus etwas triefigen Bernhardineraugen mild an.

»Die eine ist, wir haben einfach das übergroße Glück, daß außerhalb des Geländes des Unternehmens die unterirdische Moräne noch zu orten ist. Das wäre garnicht mal so ungewähnlich, da die einstürzenden Geosynklinalen sicherlich ein verzweigtes System von Gängen und Höhlen hervorgebracht haben müssen, die sich nicht alle gleichermaßen nach unten zu erstrecken brauchten.« Er holte sich einen Schreiber. »Sagen Sie, wie lang zieht sich die dortige Mulde hin? Konnten Sie das unter den gegebenen Umständen errechnen?«

John Cavanac runzelte die Stirn. »Sicherlich fünf Kilometer, soweit es den eingestürzten Schacht betrifft. Jedenfalls nirgends breiter als einen Kilometer.« Er zögerte bei den nächsten Worten. »Wir sind uns aber noch nicht ganz im Klaren, denn die damalige Vertiefung ist heute vollkommen abgedeckt und hat sich im Laufe der Zeit auch erheblich geostatisch verändert.«

»Ich verstehe.« Der Professor biß auf den Kugelschreiber. Glück war nicht auszurechnen. »Wir müssen halt sehen, wieweit sich der unterirdische Verlauf der Höhlen erstreckt und fortsetzt.« Er machte einige Notizen, die John ihm über die bislang geführten Berechnungen und amtlichen Angaben der Höhenzüge und Gesteinsschichten gab.

Dann schaute er wieder auf. »Die zweite Möglichkeit ist die, John, daß wir mittels eines kleinen, aber legalen Tricks die mit Durchschnittswerten arbeitenden Gesetzesvorlagen umgehen. Es wird wahrscheinlich nicht viel bringen, aber vieleicht kommt uns ja doch noch ein winziger Zufall zur Hilfe.«

Einwenig nervös knipste er am Schreiber herum, doch alsbald wandte er seine Konzentration erneut der möglichen Lösung des Problems zu. »Wissen Sie, die amtlichen Vorschriften besagen unter anderem, daß ein Naturschutzgebiet unabhängig von seinem Eigentümer immer unter Kontrolle des Staates gestellt ist. Der zum Beispiel die Befugnis hat, aus übergeordnetem Interesse in das Biotop einzugreifen. Wie einen Amphibienteich anzulegen.

John hatte sofort begriffen. »Das heißt, man könnte sich Zutritt zu dem Gebiet verschaffen, indem man etwas von behördlicher Seite anordnet.« Zustimmend nickte er vor sich hin. »Wie aber an einen solchen Auftrag rankommen?«

»Wir werden uns gleich auf den Weg zum Bürgermeister machen«, antwortete ihm Erskin. Der kann uns sicher die Möglichkeit verschaffen, uns aufgrund von Staatsinteressen zum dortige Gelände Zutritt zu verschaffen.«

Mit dem Privatgleiter von Erskin waren sie in fünf Minuten im Rathaus. Der Professor hatte vorher angerufen und sich von Posikol einen Termin geben lassen. Er war immer noch zu angesehen, als daß ihm eine solche Bitte hätte abgeschlagen werden können.

Die Empfangssekretärin begleitete sie ins Besuchszimmer des Bürgermeisters. Erwartungsvoll blickte ihnen dieser, in der Tür stehend, entgegen und breitete die Arme aus, als der Professor ihn erreicht hatte. Die Wissenschaft war in diesen Tagen einflußreich genug, als daß er es sich hätte leisten können, sich ihr stets zu verschließen.

Nachdem er ihnen Platz und etwas zu trinken angeboten hatte, ließ er sich das Anliegen seiner Besucher näher erläutern. Zunächst hörte erstaunt zu. Immer klarer erkannte er die durchtriebenen Ideen seines Raumfahrtsenators. Obwohl er ihn deshalb sogar heimlich bewunderte, mußte er sich doch gleichzeitig darüber ärgern, nicht selbst darauf gekommen zu sein. Mit wachsender Wut durchblickte er nun vollkommen dessen Plan und wurde sich bewußt, welcher Gewinn ihm durch seine Ausbootung entgangen war.

Er schalt sich einen Narren, überschlug schnell den Verlust dessen, was er hätte haben können und beendetete doch sogleich die Berechnung, als ihm die Ziffern zu astronomisch anstiegen. Er fühlte, wie ihn der Zorn nur um so mehr zu überschwemmen drohte.

Als die beiden geendet hatten, wußte er aber, daß er seine Rachepläne gegenüber dem Senator mit der Angelegenheit seiner Besucher direkt verweben konnte, mehr noch, daß sie ihm erst durch diese Zusammenführnug des Schicksals in ihrer vollsten Vollkommenheit gelingen würden.

Den beiden Gästen erklärte er jedoch nicht die näheren Umstände seiner spontanen Hilfsbereitschaft, da sie zu einem politischen Intrigenspiel gehörten, welches fernab der Wissenschaft angesiedelt lag. Er erwähnte nicht die Umtriebe, die er mithilfe des Frachtschiffboykotts in die Wege leiten wollte. Und schon garnicht fabulierte er über die eigenen Ränkespiele, zumal gerade diese aufgrund seiner geringeren geistigen Vorstellungskräfte ihn oft ins Hintertreffen geraten ließen.

Nachdem der Professor ihm erklärt hatte, auf welche Art sie das Gelände aus der Luft inspezieren wollten, und wie dieses Gerät, das sie von den Santoganern bekamen, die unterirdischen Schächten orten konnte, zeichnete er eine Skizze mit den Ausmaßen des zu erstellenden Naturteiches. Der Bürgermeister hatte jedoch genug verstanden, wie er glaubte. Jedenfalls soviel, um nach einer Möglichkeit Ausschau zu halten, das Gelände einer behördlichen Nutzung zu verantworten.

Er wußte nämlich, daß es immer noch schwierig war, einen solchen Schritt in einem derart kurzen Zeitraum zu ermöglichen. Ihm war aber eine Idee gekommen.

Dieser Einfall bedeutete für ihn eine erstaunliche Leistung, war aber angesichts des Hintergrundes, daß er nicht nur aus Rache, sondern auch aus eigenem finanziellem Interesse handelte, verständlich. Seitdem er sich entschlossen hatte, sich an die Unternehmungen des Konzernbosses zu hängen, mußte er auch auf ihrer Ebene zu denken beginnen. So war ihm klar geworden, daß es für den Wirtschaftsindustriellen, von dem er wußte, daß er mit den Außerirdischen einen Positronennutzungspakt schließen wollte, ebenso wie für die Wissenschaftler von grundlegendem Interesse war, in die Höhlen der ehemaligen Pflanze zu gelangen. Für den Boss bestand in der Abschirmungskampagne des untreuen Raumfahrtsenators gleichermaßen ein Hindernis, seinen wenn auch andersartigen Interessen nachzukommen.

Beide Parteien suchten den Weg nach unten, wußte Posikol, und für beide war es die gleiche Strecke. Erst am Ankunftsort, bei den möglicherweise unterirdischen Wesen und der Pflanze, würden sich ihre Motive trennen, die sie bis dahin so nützlich zusammengeführt hatten - und sich eventuell gegeneinander kehren.

Posikol aber hatte in dieser Angelegenheit die Sicherheit, einen Informationsvorsprung gegenüber den Wissenschaftlern zu besitzen, da er im Gegensatz zu ihnen wußte, was beide Seiten vorhatten. So hoffte er nicht uneigennützig den Plan des Bosses zu unterstützen, in welchem er sich selbst als einen unersetzlichen Bestandteil sah.

So telefonierte er, als er sich von den anderen einvernehmlich verabschiedet hatte, mit dem Hamburger Landrat und fragte an, ob sie eventuell einen Bedarf innerhalb eines Wasserschutzgebietes auf ein Biotop hätten, das - von Berliner Seite finanziert, versteht sich - im Rahmen des Naturschutzes für entsprechende Wasser - und Kleinsttiere Verwendung finden konnte.

Da ihn in dieser Richtung keine Steine in den Weg gelegt wurden, ihm lediglich ein gewisses Unverständnis entgegenkam, welches er mit den anstehenden Wahlen erklärend aus dem Weg räumte, ging er daran, sich das Versprechen einzuholen, für einen nahen Zeitpunkt im Wasserschutzgebiet einen zwei Meter tiefen Naturteich speziell für den Breitmaulfrosch anlegen zu dürfen. Damit, so wußte er, hatte er eine höchste Dringlichkeitsstufe geschaffen, da diese Art von Fauna vom Aussterben bedroht war.

So konnte sofort mit der Ausschachtung begonnen werden. Wasser würden sie später immer noch einlassen. Um diese und auch andere Probleme, die zum Beispiel den Umweltschutz betrafen, wollte er sich jedoch allein kümmern. Davon brauchten die Wissenschaftler zunächst nichts erfahren. Im Interesse ihrer eigenen Arbeit.

Posikol war nun in seinem Element. Hier in seinem Büro, am Schreibtisch, war er der Feldherr, hier fühlte er sich akzeptiert. Die Gesetze, ihre Verknöcherung in starren Vorschriften, die Tricks, die nötig waren, um Genauigkeiten der Formulierung zu umgehen, und die steife, gradlinige Sicht der Paragrafen, die dem Denkvermögen ihrer Gründer entsprachen, bildeten sein Schlachtfeld, auf dem er die Hügel, Gräben und Heckenschützen alle kannte.

In der Bürokratenwelt war er erzogen worden, aber dadurch wußte er auch um ihre Schlumpfwinkel und ihre Löcher. Wenn ihn einer fragen würde, weshalb er überhaupt hatte Bürgermeister werden können, würde er ihm sicherlich geantwortet haben, daß er es selbst nicht so genau wüßte, aber daß dieses in den Karteivorschriften sicherlich nachzulesen wäre.

Posikol ahnte nur, daß er den untreuen Raumsenator besiegt hatte. Dieser hatte alle Ausstechen wollen und mußte letztlich selbst auf der Strecke bleiben. Nicht nur, daß er dessen groß angelegte Spekulation zunichte machen würde. Ihm war auch bewußt, daß dieser sich mit seiner Fehlinvestition nun selbst überlistet hatte. Und ein solch konkursbehafteter Politiker war nicht mehr zu halten. Posikol rieb sich die rosanen Hände. Er freute sich schon auf dessen Abdankung und Rauswurf aus dem Rathaus. Zumal es kaum noch Jemanden gab, der ihn in Berlin halten würde. Denn natürlich war nach allem jetzt auch das gesamte Bankkonsortium gegen ihn.

Nachdem sich Posikol selbstzufrieden noch eine Weile in seiner Durchtriebenheit gefallen hatte, rief er den Konzernboss an, um ihn über die anstehenden Ereignisse zu informieren. Wie ein Kind mit einem guten Zeugnis ließ er sich daraufhin vom Industriellen loben und erfreute sich gleichzeitig auch diebisch an der Freude des anderen.

Als der Boss von der bislang gescheiterten Mission John Cavanacs hörte, murmelte er leise vor sich hin. »Jetzt versteh ich, warum er so aufgeregt war.« Dabei hielt er die Sprachmuschel des Telefons jedoch zu. Er war in jeder Hinsicht vorsichtig geblieben.

Schnell beendete er das Gespräch mit dem Bürgermeister und dachte über das nach, was seine rechte Hand mit San-Fo-Lo ausgehandelt hatte. Dieser wollte unter allen Umständen die Positronen von ihm haben. Doch ihm war die absolute Art des Santoganers zuwider, obwohl sie selbst seinem Innersten entsprach. Seine Finger tasteten nach der Schachtel mit den Zigarren.

‚Außerdem bieten sie mir viel zu wenig’, ging es ihm durch den Kopf. ‚Lediglich die Bereitstellung einer Raumflotte für eine private Verbindungslinie zwischen den Planeten, mit der er Touristen fliegen konnte. Das war nicht genug. Und das nur auf pachtbasis.’ Seine Intuition ließ ihn diesem Angebot ablehnend gegenüberstehen. Er fühlte die mögliche Abhängigkeit.

Entschlossen schüttelte er den Kopf. Sein einziger Partner in dieser Angelegenheit war und blieb Shan-Ucci. Damit hatte er, ohne es zu ahnen, das Todesurteil über Kortgens gesprochen. Aber es blieb dahingestellt, ob die Kenntnis dieses Punktes seinen Beschluß in irgendeiner Weise geändert hätte.



Die starre Folie der Wände der Telefonzelle ließ keine Sicht herein. Sie war lediglich durchscheinend. Deshalb war die Wähltastatur mit Leuchtziffern und die Gebrauchserklärungen und Hinweise mit Flüssiggasbeschriftung versehen.

Doch Sokuk wollte garnicht telefonieren. Denn die Zelle hatte noch weitere Möglichkeiten, wie zum Beispiel einen Kundenauftragdienst und einen Telexsender. An diesen trat er nun heran. Der rötliche Bildschirmterminal leuchtete ihm entgegen.

Sorgfältig tippte er hinter dem Text Adressat und Zeitpunkt der Freigabe des Briefes in den Speicher. Innerhalb von drei Tagen konnte die Botschaft daraufhin im Berliner Raum abgeschickt werden. Doch er wollte lediglich einige Minuten Zeit gewinnnen, denn höchste Vorsicht war ihm zur Überlebungsstrategie der letzten Wochen geworden.

Er gab ein, daß der Telexbrief in einer halben Stunde abgeschickt werden sollte. Danach las er ihn sich noch einmal gründlich durch. ‚Lieber Dr. Maiger, bitte löschen Sie sogleich nach Erhalt dieser Botschaft den Speicher Ihres Bildschirmes: 1. Nachzuliefernde Adresse Kohlhasenbrück, g 5-a 17. 2. Mörder von jungem Attentätern der gesuchte Klaus Warnecker, der Sekretär eines mysteriösen Chefmanagers in Berlin. S.'

Daraufhin betätigte er den Anlaufsensor, der eine halbstündige Schleife in den Zentralcomputer legte. Dann löschte er den Bildschirm. Ein letztes mal vergewisserte er sich, daß die Eingabe ordnungsgemäß lief, und das er keine weiteren Spuren hinterlassen hatte. Danach schlich er aus der Telefonzelle, nicht ohne sich draußen vorher nach allen Seiten orientiert zu haben.

Nach einer Minute Weges bestieg er die U-Bahn und fuhr in Richtung Zehlendorf West. Er wollte sich ein endgültiges Bild von der Lage des Professors machen, bevor dieser in Kürze von Steff Maiger und wahrscheinlich auch der Polizei gefunden werden würde. Außerdem hielt er es für das Beste, angesichts der Gefahr, die dem Professor von Seiten der vor kurzem eingereisten santoganischen Gruppe von Verschwörern drohte, derweil seinen vollsten Schutz zu gewähren.

Er bestieg den letzten Wagen und stellte sich an die Trennwand. Vor ihm saßen die Menschen mit ihren Einkaufstüten in den Sesselschalen der seitlichen Sitzreihen. Diese waren in ihrer Höhe verstellbar und boten somit jedem Fahrgast bequemen Platz.

Als er in Kohlhasenbrück angekommen war, verließ er die Bahn und wandte sich dem Ausgang der Station zu. Mittlerweile kannte er sich in dieser Gegend aus, denn er hatte dem Industriellen am vergangenen Tag hierher folgen können.

Nachdem er dessen Ziellandeplatz festgestellt hatte, bedurfte es nur wenig, auch die abseits gelegene Hütte im Forst von Stölpchensee ausfindig zu machen.

Erneut schlug er den Weg ein, der sich von der Hauptstraße durch die anfänglich dort stehenden Parzellen schlängelte. Nach hundert Metern endeten die Häuser, und der schmale Pfad gabelte sich. Rechts ging es zum Anlegekai des nahen Sees, links zu einer Anhöhe, die Spaziergängern als Aussichtsplattform diente.

Beinahe unkenntlich zweigte von hier eine schmale Flur ab, die vor einem dahinplätschernden Bach endete. Dort, hinter einem Gebüsch von Brombeeren und wildem Holunder, legte sich ein kurzer Steg, mehr Brett denn Brücke, über das träge dahinfließende Rinnsal. Kräftig bog sich das Holz unter seinen Füßen.

Vorsichtig schlich er weiter. Mit angehaltenem Atem schielte er zwischen den Tannen zu einem flachen Blockhaus und hastete daraufhin lautlos über die kleine Rasenfläche, die sich vor der Hütte ausbreitete. Dann presste er seinen Körper dicht an das harte Holz der Außenwand.

Im Inneren des Häuschens konnte er gedämpfte Stimmen vernehmen. Wie ihm schien, war eine die von Kortgens. Er versuchte zu verstehen, worüber dieser gesprach, aber dessen Worte drangen nicht bis zu ihm vor.

In diesem Augenblick vermeinte Sokuk, ein kurzes Geräusch hinter sich zu hören. Es klang wie das Knacken eines Astes, der unter dem Fuß eines Herannahenden brach oder von einem Baum abgestriffen wurde. Sogleich erstarrte er und verblieb reglos in der Bewegung.

Als er dann die nicht translatierten Töne von Santoganern hörte, die sich ohne die Aufnahmemuschel des Übersetzers unterhielten, versteckte er sich blitzschnell hinter der nächsten Ecke der Hütte.

Wenige Sekunden danach sah er, wie sich das Strauchwerk jenseits des Rasens herunterbog, und ein Exterraner scharf zum Blockhaus herüberspähte. Dann deutete er hinter sich, und Sokuk erkannte, wie sich zwei weitere erhoben und begannen, mit dem Anführer zur Eingangstür zu gehen. Dabei schienen sie nicht einmal besonders vorsichtig zu sein, denn achtlos schritten sie über die ungeschützte Rasenfläche.

Sokuk fiel auf, daß jeder von ihnen im Gürtel seines ledernen Gewandes ein Messer verborgen hielt, das sie kurz vor der Tür der Hütte zogen. Dort verharrten sie abrupt, denn im Inneren selber hatte Kortgens nun auch die ungebetenen Gäste bemerkt und mit einem lauten »Hallo, wer ist da?« nachgefragt.

Doch sobald er diese Worte gerufen hatte, sprang der eine der Santoganer gegen das Holz der Tür, daß diese mit einem berstenden Krachen zersplitterte. Durch das kleine Fenster, das sich an der Rückfront des Hauses befand, sah Sokuk, wie Kortgens nach einer Pistole griff, die auf dem zwei Meter von ihm entfernten Tisch lag.

Die Ereignisse überstürzten sich nun. Bevor Kortgens einen Schritt auf die Eindringlinge machen konnte, war schon ein zweiter bei ihm und hieb ihm mit einem breitschneidigen Stilett die zur Pistole greifende Hand vom Arm. Die von ihren Nervensträngen durchtrennten Finger verharrten einen Moment, bevor sie sich in einem letzten Zucken wieder öffneten und mit dem Handrücken auf dem Tisch zu liegen kamen. Mit metallischem Geräusch rollte die Pistole aus ihr heraus.

In diesem Augenblick zerschlug Sokuk von außen das dünne Glas der Fensterscheibe und zielte mit einer langläufigen Laserpistole auf den Angreifer. Bevor dieser sich Kortgens weiter nähern konnte, durchtrennte ihm der fräsende Strahl der Kanüle den Kopf von zweien seiner Hälse. Bewegungsgelähmt kippte der Körper zu Boden.

Der vor Schmerz brüllende Physiker wäre fast über den Leib des vor ihm liegenden Santoganers gestürzt, als er sich dem dritten Herannahenden entgegenwarf. Wie rasend stach er mit einem Brotmesser, das er mit der noch heilen Linken ergriffen hatte, um sich, ohne ihm jedoch nennenswerten Schaden zufügen zu können.

Währenddessen zielte der andere ruhig mit einer Thermowaffe auf ihn, deren heißer Strahl die inneren Organe seines Bauchen in Asche legte. Ein tellergroßes Loch klaffte nun inmitten Kortgens Körper und hinterließ einen brandigen, schwarzen Rand. Sokuk sah, wie sich der Kopf des Physikers vornüber beugte, bevor er mitsamt dem toten Leib nach unten sackte.

Dahinter konnte er nun den Santoganer wahrnehmen, dessen Waffe noch auf die vormalige Höhe der Einschußstelle gerichtet war. Schnell blitzte erneut das Mündungsfeuer seines Revolvers auf, und der Exterraner fiel mit durchtrennter Brust über sein eigenes Opfer.

Diese wenigen Augenblicke vergingen jedoch derart schnell, daß sich erst jetzt der zuerst hereinstürzende Santoganer aufgerappelt und im bestehenden Chaos des kleinen Innenraum orientiert hatte.

Als er gerade auf den Professor zugehen wollte, gewahrte er den Laserblitz von Sokuks Dauerfeuer. Mit einer ruckartigen Handbewegung schnellte seine eigene Waffe herüber und schoß eine heiße Zikade brennenden Gases ab.

Nur mit einer Reflexbewegung konnte Sokuk seinen Kopf vor dem Thermostrahl retten. Dabei erlitt er jedoch an der Schulter eine schwärende Wunde, die ihm brennende Schmerzen bereitete. Nur mühsam konnte er den Arm wieder heben. Verzweifelt biß er die Zähne aufeinander und schleppte sich über das Gras.

Inzwischen war San-Fo-Lo aus dem Blockhaus gerannt und strich suchend am Rand des dichten Unterholzes entlang. Sokuk konnte sich lediglich auf den Boden werfen und sich fest ins kniehohe Gras pressen. Aus den Augenwinkeln verfolgte er die Bewegungen des anderen.

Dieser schien ihn noch nicht entdeckt zu haben, war aber aufgrund seiner durch die Baumstämme geschützten Position im Vorteil. Langsam näherte er sich ihm.

Als der Santoganer nur noch fünf Meter von ihm entfernt war, warf sich Sokuk in die Luft und schnellte in hohem Bogen über das Gras. Sogleich richtete sich der andere auf und feuerte auf die Stelle, an der er gerade noch den Körper des Menschen gesehen hatte. Doch Sokuk hatte sich bereits weiter abgerollt und zielte nun auf den Außerirdischen, der noch immer aufrecht in der Lichtung stand.

Mit leichtem Durchdruck des Anschlages holte er ihn von den Beinen. Als sein Mündungsfeuer erloschen war, lag der Santoganer mit zerteilten Oberschenkeln im Rasen. Hinter ihm glühten Baumstümpfe in einer meterlangen Schneise.

Bevor sich der Santoganer erholen konnte, eilte Sokuk auf ihn zu und feuerte den Rest seiner schaftartigen Hülse auf den am Boden Liegenden ab. Dann vergewisserte er sich dessen Todes und ging zurück zum Blockhaus.

Als er sah, daß der Professor unverletzt geblieben war, schaute er sich ein letztes Mal eilig um und humpelte durch die dichten Tannen in den Wald hinein. Nicht nur, daß er bald das Auftauchen von Steff Maiger und der Polizei erwartete. Er war sich bewußt, daß die Aktion der letzten Minuten auch die umliegenden Anwohner und eventuell Spaziergänger aufmerksam gemacht hatte.

Und er wußte nun, daß sein Werk weitgehend erledigt war. Rigel II war vernichtet und damit die letzte Gefahr, die dem Abkommen der Menschen und Santoganer drohen konnte. Vorsichtig seinen Weg suchend, machte er sich davon. Der Rest war die Arbeit der Polizei. Beruhigt konnte er sich aus dem Blickpunkt ziehen.

Nicht lange danach war die Luft erfüllt vom Motorengeräusch der Helikopter. Alarmsirenen dröhnten und blinkten über den Bäumen, und von unten kamen mehrere Polizeifahrzeuge durch den Waldweg gefahren. Rasch entdeckten sie die einsame Blockhütte und befreiten den Professor aus seiner mißlichen Lage.

Noch voll der Panik hockte dieser wie ein Häuflein Elend auf seinem Stuhl, fast unbeweglich und mit geweiteten Augen. Vor ihm hatte sich ein Blutbad ereignet, dessen Verlauf er nur wie durch einen Nebel wahrgenommen hatte. Schreckensbleich hatte er zusehen müssen, wie Kortgens innerlich verbrannte, und wie sich dann die tödliche Waffe auf ihn selbst gerichtet hatte.

Immer noch an allen Gliedern zitternd, schleppte er sich, von hilfreichen Händen gestützt, nach draußen und fand einen ruhigen Platz in einem der Sanitärwagen. Dort wurde ihm zunächst eine Erfrischungstablette gegeben, sodaß er sich zusehens fing.

Auch Steff, Meika und Mata-Hele waren dabei. Sie hatten sogleich, nachdem sie das Telex von Sokuk erhalten hatten, die Polizei benachrichtigt und waren dann von einem Polizeigleiter auf dem Dach abgeholt worden.

Mata-Hele und Meika hatten sich an diesem Tag zum ersten Mal getroffen, und es zeigte sich, daß sie sogleich gut miteinander auskamen. Meika war zwar immer noch mit einer gehörigen Portion Skepsis zur Verabredung gekommen, doch der aufrichtige Eindruck, den der Santoganer auf sie machte, die ehrlichen Augen und die direkte Art, die kaum einer Lüge oder Intrige fähig war, hatte sie alsbald für ihn eingenommen.

Sie hüttete sich zwar davor, diesen anfänglichen Eindruck auf alle Santoganer sogleich zu verallgemeinern, doch ihr wurde zusehens klarer, daß die Hemmschwelle für beide mit wachsendem Vertrauen überwunden werden konnte. Mata-Hele gestand ihr dabei, daß er sich bei der Entdeckung der menschlichen Seele wie ein Pionier vorkam, der erst die Blockade einer Straßensperre überwinden mußte, um den dahinter leuchtenden Pfad zu erkennen.

So fühlten sie sich gar in ihrem Gespräch einwenig gestört, als der Telex in Steffs zimmer zu klingeln begann. Doch nachdem sie sich über den Inhalt im Klaren waren, hinderte sie nichts mehr, umgehend zu handeln. Dabei merkte Meika, wie der Santoganer sogleich bestrebt war, der Brisanz der Situation eine ruhige, aber dennoch antreibende Note zu verleihen.

Gespannt hörten nun alle drei mit zu, wie der Professor zuerst stockend, dann aber immer freier den Hergang zu schildern begann. Dabei stellte sich heraus, daß ihm während der Zeit vom Konzernboss ständig ein Sedativum gespritzt worden war, welches weitgehend seine Sprach- und Denkfähigkeit gehemmt hatte, so daß selbst Kortgens nichts von ihm erfahren konnte. Erst durch die ihm von den Ärzten verabreichten Gegenmittel ließ es in seiner Wirkung nach.

Als er dabei war, über die Schüsse zu berichten, die sich aus dem rückwärtigen Fenster gelöst hatten, schauten sich alle fragend an. Erst mit der Zeit fielen dem alten Mann weitere Einzelheiten ein, und er gab, soviel er wußte, zu Protokoll.

Als er dabei war, das Geschehen, das sich nach dem Tod von Dr. Kortgens vor der Hütte abgespielt hatte, zu schildern, horchte Steff auf. Giacomo beschrieb nämlich einen Mann mittleren Alters mit rundem, teigigen Gesicht, dessen abstehende Ohren ihm aufgefallen waren. Dieser hatte dann den dritten Santoganer in einer waghalsigen Aktion erledigt. Danach hatte ihn der Professor nicht mehr gesehen.

Steff überlegte, ob er die Beteiligung Sokuks ans Licht bringen sollte, aber dann entschied er sich dagegen. Er wußte nicht, was dieser noch vorhatte, und er wollte ihm nichts in den Weg stellen. Ihm war klar, daß der drahtige, etwas untersetzte Mann wichtiger war, wenn ihm seine Entscheidungen und Vorgehensweisen selbst überlassen wurden. Sokuk hatte sich einmal verrannt und sich von anderen benutzen lassen. Er war einer irrealistischen Theorie nachgehangen, bis sie ihn fast selbst umbrachte. Noch einmal würde er keinem Vertrauen und sich auch an keinen binden. Sokuk sollte endlich frei sein, und Steff hoffte, daß der ihm zum Schluß nicht unsympathische Sonderling letztlich seinen inneren Frieden finden konnte.

In diesem Augenblick stieß ihn Mata-Hele von der Seite an und machte ihn auf die letzten Worte des Professors aufmerksam. Dieser berichtete gerade von dem, was der Konzernboss in keiner Phase versäumt hatte, immer wieder zu erwähnen: von den Positronen.

Dabei klappte dem Santoganer der Kiefer vor Enttäuschung auf, als er erfuhr, daß Giacomo garnicht in der Lage war, die bi-3 Teilchen herzustellen. So etwas hatte er auch nie gesagt und dem Industriellen in dieser Hinsicht niemals Hoffnung gemacht. Dieser wollte jedoch partout, daß der Professor kein Wort über die Möglichkeit der direkten Positronenherstellung verlauten ließ und sperrte ihn, als er sich weigerte, die Wahrheit zu verheimlichen, in der Hütte ein.

In dieser Angelegenheit konnte der Professor lediglich bestätigen, daß es ihm gelungen war, unter den Bedingungen der irdischen Gravitation Bestandteile der bi-3 Positronen herzustellen, wobei die Negativbindung der Antimesonen aufgehoben wurde. Eine weitere Annäherung war jedoch nur aus einem bestimmten Aggregatzustand des flüssigen Plasmas möglich, welches nur auf Santoga existierte. Weitere dahingehende Forschungen waren wegen seiner Gefangennahme abgebrochen worden.

Als herausgekommen war, daß der Konzernboss und der verstorbene Dr. Kortgens ihn gekidnappt hatten, wurde eine internationale Fahndung nach dem Industriellen angelegt. Es zeigte sich, daß die kleine Waldhütte seiner Frau, einer gewissen Gesine Schulze, gehörte. Doch alsbald stellte sich heraus, daß Schulze nicht mehr in seinem Hause anzutreffen war und bereits unter falschem Namen das Land verlassen hatte.

Ferner hinterließ er ein Bankkonto, auf dem am vorherigen Tag gerade 150 Millionen Euromark von der Deutschen Handelsbank GmbH überwiesen worden war. Der aktuelle Kontostand differierte allerdings nicht wesentlich mit dem, der vor dieser Transaktion bestanden hatte.

Kopfschüttelnd mußte die Polizei zunächst die Flucht des Konzernbosses hinnehmen. Der alte Professor wünschte ihn, sichtlich erregt, in die Wüste, wobei er sich in seinen Schimpftiraden nicht einmal den schlechtesten Ort ausgesucht hatte, der dem Mann mit der Zigarre und den 150 Millionen noch blieb, sich zu verstecken.

Steff, Meika und Mata-Hele gingen zurück zum Gleiter, der sie hergebracht hatte. ‚Sind jetzt alle Hindernisse überwunden’, fragte sich Steff, ‚oder steht uns noch was bevor?’ Er konnte nur hoffen, daß ihnen nicht mehr allzu viele Schwierigkeiten gemacht werden würden, denn in zwei Tagen wollten sie aufbrechen, sich zu den Gängen der archaischen Pflanze vorwagen.

Nachdem der Bürgermeister auf seine Weise sämtliche administrative Hindernisse aus dem Wege geschaffen hatte, war es tatsächlich gelungen, die unterirdische Geosynklinale ausfindig zu machen. Und das Glück wollte es, daß sie nicht zu tief lag. So konnte sofort mit der Ausschachtung ohne vorherige monatelange, bürokratische Verhandlungen begonnen werden.

Nachdenklich hörte Steff zu, wie Meika und Mata-Hele miteinander sprachen. »Glaub aber nun bitte nicht, daß wir alle so sind«, sagte Meika gerade. »Es gibt gute und schlechte Menschen, wobei die Reichen und die Mächtigen aber immer ein bißchen schlechter sind, als die Armen und Besitzlosen. Und trotzdem wollen alle weiter ganz schrecklich reich werden. Ist das nicht komisch?«

Mata-Hele lächelte. »Wieder so ein merkwürdiger Zwiespalt bei den Menschen.« Und sichtlich ernsthafter fügte er hinzu: »Aber eins kann ich dir im Namen meiner Rasse versprechen, Meika. Wir wollen lernen, euch zu verstehen, und nie mehr soll es derartige Mißverständnisse zwischen uns geben.« Er zeigte über die Stadt, die nun im Rot des Abendhimmels ihre Lichter entfachte. »So wie der Rat beschlossen hat, alle Frauen der Erde als gleichberechtigt zu behandeln und ihnen sein Vertrauen zu schenken, so wird er auch daran gehen, es euren Wirtschaftsleuten und Politikern gleichermaßen zu entziehen.«

Bei den letzten Worten lachte er jedoch auf. Er war sich wohl doch bewußt, daß das eine nicht ohne das andere ging. Eben der Zusammenhang des Kosmos.



Sie standen in der ersten von sechs Höhlen, die sich in alle Richtungen vornan erschlossen. Schräg über ihnen mündeten drei schmale, in ihrem Umfang etwa einen Meter messende Gänge in einer mächtigen Auswälbung, die allerdings zu flach war, als daß sie den Wissenschaftlern als Aufnahmequartier dienen konnte. Zumal sie äußerst glitschig und ihre bleichen Wände von grünem, dunklem Moos bewachsen waren. Auf derselben Ebene zur linken hin erstreckte sich ein kleines Verließ, dessen Eingang aber zu eng war, als daß ihn ein ausgewachsener Mensch betreten konnte. Die Wissenschaftler leuchteten mit einer Stablampe hinein und stellten fest, daß sich der Gang dort in einer Sackgasse verlor. Deshalb beschlossen sie, geradeaus weiterzumarschieren.

Sie fühlten sich noch frisch, nachdem sie alle erst vor einer Stunde durch den künstlichen Schacht gekommen waren. Mit einem Seilzug, an dem ein bequemer Sitz befestigt worden war, hatten sie die Techniker herabgelassen. Proviant, Handwerkszeug, Meßgeräte und aufblasbare Zelte waren ihnen gefolgt und danach auf den Rücken der Expeditionsmitglieder gebürdet.

Die Santoganer, die sich an dieser Exkursion beteiligten, führten in eigener Regie ihre Ausrüstung mit, die speziell für die Erkundung der Positronenemissionen und der Pflanze konstruiert war. Gerade in ihrer den Menschen überlegenen Technik bestand die Chance, die bi-3 Teilchen rechtzeitig zu erkennen und einer Gefährdung menschlichen Lebens durch das Anziehen eines Schutzanzuges vorzubeugen.

Dieser selbst bestand aus einer einteiligen Kunststoffsynthese und lag gleich obenauf, quasi über den Rucksack gebreitet. Sein Kragen konnte mit einem Sauerstoffhelm verbunden werden. Er war luftdicht abgeschlossen und schmiegte sich hauteng um die Körpern der Wissenschaftler. Allerdings konnte er nur als Schutz gegen die Positronen benutzt werden und galt nicht auch schon als solcher gegen die Kälte oder ein besonderes Druckverhältnis. Lediglich vor der hohen Hitze, die in den tieferen Regionen zu erwarten war, schirmte eine Flüssigkeitsfolie, die zwischen seinen Schichten geklebt wurde.

Dieser Anzug war eigens von den Santoganern für diese Expedition entworfen und in Windeseile nach den Körpermaßen der Beteiligten geschneidert worden. Die Außerirdischen selbst benötigten keine besonderen Schutzvorrichtungen außer einen ominösen Behälter, der ihre spezielle Nahrung von fremden Bakterien und der Feuchtigkeit der oberen Schächte abhielt. Die Hitze selbst oder gar die weiter unten zu erwartenden Schwefelausdünstungen der magmanahen Vulkane würden sie kaum stören, da ihre silikonartige Epidermik vor dem Unbill der Schmelzung weitgehend gefeiht war.

Von den Menschen dabei waren neben John Cavanac, Steff Maiger und Maurin O'Hara ein weiterer Techniker, der Statikingenieur Philipp Magnussen, der die unterirdischen Gänge auf ihre Einsturzgefahr und Stabilität abzusichern hatte.

Weiter begleitete die Gruppe ein Biologe, der sich für die Kontrolle des Luftgemisches und die rechtzeitige Erkennung schädlicher Gase ver-antwortlich zeigte und Claudine Duvier, eine Frau, die die Aufgabe erhielt, nach spuren fremdartigen Lebens zu suchen und bei einer möglichen Begegnung oder auch nur der Entdeckung von Hinweisen eine Analyse beziehungsweise eine Kommunikation herzustellen.

Auf Seiten der Santoganer, von denen einer Mata-Hele war, der als Paläontologe bereits mit Steff und John eng zusammen arbeitete, begleitete die Expediton auch Merin-Hellse und Korn-Ralda, die sich für die Auffindung der Positronen und der Chemopflanze verantwortlich zeigten. Außerdem hielten sie mittels ihres kurzwelligen Interferenzfunks die Verbindung zur Außenstelle der Zentrale aufrecht.

Langsam gingen sie nun in den sich Dunkel vor ihnen erstreckenden Höhlengang hinein und prüften vorsichtig den etwas geröllbeschütteten Untergrund und die farblosen, spröden Wände. Bislang hatten sie keine nennenswerten Schwierigkeiten vorgefunden, die sie zu einem Anhalten zwangen. Selbst das Eintauchen in den Schacht war nach Plan verlaufen. Lediglich beim Transport der Santoganer hatte es ein geringfügiges Problem gegeben, da deren breite Hüftgelenke und rollartige Miniskusbecken nicht für die Beförderung in einem menschlichen Sitz geschaffen waren. Doch mit einer speziellen Trageschlaufe konnten mehrere Bretter zwischen ihren Armen verbunden werden, die an langen Gurten über ihrem Kopf verknüpft wurden und sie wie in einem Lift beförderten.

Auch das Ausheben der riesigen Grube zuvor, die danach zu einem See umfunktioniert werden sollte, hatte keine Probleme bereitet. Fachgerecht wurde der Boden aufgesprengt, und die Erde von einem Schaufelbagger ausgehoben. Dann entlud ein Großraumfrachtschiff der United Oil einen mächtigen Bohrkran, der in acht Meter Tiefe auf das von oben durch das Ultraviolettradar der Santoganer geortete Höhlenlabyrinth stieß.

Mit demselben Transportschiff gelangten auch die Wissenschaftler endlich zur Bohrstelle, deren Eingangsschacht mit einer Betonwand ausgegossen und mit stabilen Stahlbalken abgedeckt worden war. Von einer herunterfahrbaren Laderampe waren sie dann aus dem Bauch des Schiffes gestiegen und hatten sich ein letztes Mal von Erskin und Ambros, die erneut zurückbleiben mußten, Instruktionen geben lassen und sich verabschiedet.

Nachdem sie nun mit der Umgebung der ersten Höhlen vertraut waren, schritten sie kräftig aus. Vor ihnen kreuzten sich vier weitere Schächte, die rechts und links abzweigten bis auf einen, der sich direkt vor ihnen zu einer größeren Grotte ausbreitete. Von ihrer Decke hingen schmale, längliche Stalaktiten, deren Spitzen im Licht ihrer Lampen feucht glänzten. Ab und zu tropfte es von oben auf den etwas glitschigen Boden herunter. Aber sie hatten alle festes Schuhwerk an, deren Kunststoffsohlen rutschfest und nässeabstoßend waren.

In der hallenartigen Erweiterung vermochten sie jedoch nichts festzustellen, das auf den ehemaligen Weg der Pflanze hinweisen konnte. Etwa fünf Meter über ihnen schlossen sich die Wände in der Unberührtheit ewiger Finsternis zusammen. Nicht einmal Fledermäuse oder kleine Echsen hatten hier einen Unterschlupf gefunden, weil die Schächte von jeglicher Außenwelt abgeschnitten waren.

Nirgends gab es einen natürlichen Eingang oder auch nur ein Loch, in das sich ein Getier bis zu diesen Tiefen verirren konnte. Die feuchte, nur annähernd noch ausreichend Sauerstoff aufweisende Luft wurde von keinem Windhauch bewegt. Die dünne, aber stickige Atmosphäre mußte dennoch aus dem Erdreich der oberen Schichten versorgt werden, da Dr. Magnussen einen geringen, aber beständigen Austausch feststellte, ohne den die bis jetzt noch freie Atmung der Menschen undenkbar wäre. Zumal wies die Kondensation von Wasser weiterhin auf eine Verbindung mit der Außenwelt hin.

Allein oder in Zweierreihen schritten sie voran, wobei sich der Boden unter ihren Füßen unmerklich senkte. Sie stellten fest, daß sie bislang fast ausschließlich geradeaus gegangen waren, da die vom Hauptgang abbiegenden Flure nur kurz waren und oftmals als Sackgasse endeten.

John meinte, daß sie sich noch in der damaligen, Jahrmillionen alten Geosynklinale befanden, derem kilometerweiten Verlauf sie nun folgten. Fast schnurgerade, nur bisweilen von einer Verschüttung oder einem riesigen Vorsprung versperrt, verlief der Pfad, auf dem sie glaubten, der Pflanze zu folgen. Denn bislang waren sie nur auf Vermutungen angewiesen, da sich noch keine Spuren vormaligen Lebens zeigten.

Der Biologe und die Französin, eine Philantrophin und Altertumsforscherin, die sich auf die Erkennung urmenschlicher Zivilisation spezialisiert hatte, beobachteten jede Spur, die sich in den Spalten und Schatten der Felsen abzeichnete und gingen jedem Hinweis auf eine ehemalige Pflanzenkultur nach. Doch bislang bemühten sie sich vergebens. Die Analysen der Kondensation und der sich auf dem Boden in winzigen Mulden fangenden Tropfen bestätigten lediglich die kristallklare Reinheit des Wassers. Und die Stichproben, die sie von den Algen und Flechten an den Wänden nahmen, erwiesen sich als untauglich hinsichtlich ihres Vorhabens.

Inzwischen hatten sich die Gänge merklich verflacht, obwohl sie sich in ihrer Breite unverändert dehnten. Für die Menschen begann somit eine Wegstrecke qualvollen, gebückten Gehens, eine Tortur für ihre Wirbelsäule und der diese Haltung nicht gewohnten Bänder.

Die Santoganer hingegen blieben von dieser Behinderung weitgehend verschont, da sie im durchschnitt um 30 Zentimeter kleiner waren. Außerdem gelang es ihnen aufgrund ihrer wendigeren Hälse, die sich um die eigene Achse drehen konnten, gefährliche Vorsprünge oder von der Decke spitz herunterhängende Stalaktiten auszuweichen.

Nachdem sie eine beträchtliche Strecke zurückgelegt hatten, vernahmen sie plötzlich das leise Murmeln eines Baches. Verwundert schauten sie sich um und gewahrten in einem der abzweigenden Seitengänge eine kleine Quelle, deren dünnes Rinnsal dahinfloß und plötzlich in einer Felsspalte verschwand. Sie mußte ihren Weg von oberhalb, von irgendeiner Anhöhe aus genommen haben und hatte nun begonnen, in die unteren Schichten der Erdkruste zu fließen, sich dort in den Steinesfugen zu verteilen oder in weichere Sandschichten zu versickern.

Jetzt konnte Dr. Magnussen auch erklären, durch welche Öffnungen, Nuten des Gesteins und zunächst nur leichte Auflockerungen des Erdreiches der geringfügige Luftaustausch vonstatten ging. Denn mit dem Wasser gelangten auch zahllose Mineralien in die unterirdischen Höhlen, und mit ihnen kam der Sauerstoff.

Allein die Positronenzähler der santoganischen Maschinen maßen weiterhin keinen Auswurf, und auch ihre anderen Sensoren wiesen kein Leben aus, das sich wie die Menschen vom Gas des Sauerstoffs versorgte. Auch die diversen Detektoren, die jede Wärmebewegung der nächsten Umgebung wahrnehmen konnten, zeigten keinerlei Fremdkörper an. Es schien, als ob sie sich dem Leben eher weiter entfernten und sich selbst von dessen erhaltenden Bedingungen zusehens abschnitten.

Mittlerweile hatten sie bereits einmal für länger campiert und gerastet. Die Santoganer arbeiteten derweil an ihren komplizierten Apparaturen, um deren Empfindlichkeit auf das leicht veränderte Ambiente einzustellen. Die Menschen hingegen fanden nach den Anstrengungen des langen Fußmarsches im Schlaf eine ersehnte Erquickung. Während die Außerirdischen, denen ein wie auch immer begrenzter Ohnmachtszustand in jeder Hinsicht fremd war, sich leise über die kommenden Aufgaben ihrer Reise unterhielten, dämmerten die Menschen in einem dumpfen, aber für ihr seelisches und körperliches Befinden erholsamen Traumzustand dahin.

Nicht zum ersten Mal dachte Mata-Hele dabei über die ihm erst kürzlich eröffnete Beziehung der Menschen zum Mond nach, die sie Somnambulismus nannten, und die sie ganz besonders während ihres Schlafes zu spüren glaubten.

»Seid ihr wirklich überzeugt«, fragte er am nächsten Tag den neben ihm stehenden Steff, »daß eure Träume von der Intensität des Erdtrabanten, vor allem von seiner vollen Phase, abhängig sind?«

»Ganz unbedingt«, erwiderte dieser. »Mehr noch, es ist in letzter Zeit bewiesen worden, daß selbst ihre Inhalte und die für uns schrecklichen Nachtmare vom Mond begründet werden. Zum Beispiel nehmen gerade bei Vollmond die sexuellen Phantasien erheblich zu und ziehen sich auch mit anderen Inhalten fast über die ganze Nacht hin. Wir finden dabei kaum Tiefschlaf, und wenn, dann oft mit den nur in ihnen vorkommenden intensiven Alpen.«

Er erzählte weiter, wie unerklärlich bislang der Wissenschaft dieses Phänomen war, und wie wenig sie auch jetzt noch darüber wußte. Mata-Hele hörte aufmerksam zu und fragte dann:

»Kann es sein, daß sich eurer Schlafverhalten beziehungsweise euer Träumen in diesen unterirdischen Höhlen besonders verändern konnte, weil ja gerade hier die Saurier durch ihren intensiven Somnambulismus ihr blindes Verständigungssystem aufgebaut haben und somit der Pflanze gefolgt waren?«

Steff dachte darüber nach. Diesen Punkt hatte er noch garnicht in Erwägung gezogen. Wahrscheinlich konnte erst ein Außenstehender die Zusammenhänge besser einordnen. Denn das war etwas, das sie von Innen her einnahm, das sich in sie schlich, und über das sie weder ausreichend Kenntnis sammeln noch sich dagegen feihen konnten.

Nachdenklich hob er den Kopf und konzentrierte sich wieder auf den Vordermann, denn in diesem Augenblick blieb die Expedition abrupt stehen. Noch ehe ihre eigenen Sinne etwas wahrgenommen hatten, leuchteten die Skalen der santoganischen Detektoren auf. Sie maßen eine Bewegung, die von vorne kam. Doch mehr zu sagen war keinem der beiden Rassen möglich. Die schattige Ruhe der von den Lampen matt beschienenen Finsternis dämpfte jedes Geräusch um sie herum und schien es in ihrer dünnen Luft fast zu verschlucken.

Jetzt merkten sie auch, wie sich der Gang beugte und zusehens abschüssiger verlief. Die von ihren Schuhen gestoßenen Steine begannen zu rollen und in eine schwarze Tiefe zu poltern. Immer steiler neigte sich der Weg, so daß die Wissenschaftler beider Rassen mühe bekamen, ihre Balance zu halten. Mit ei-nem 40%-igen Gefälle zerriß die kaum noch zu durchdringende Dunkelheit vor ihnen im Strahl der Scheinwerfer. Modriger Geruch stieg in ihre Nasen und klamme Kälte kroch aus der Tiefe durch die leicht kondensierende Oberschicht ihrer Parkas. Nur seitlich gelang es ihnen noch, vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, in die feuchte Finsternis hinabzuklettern.

Jetzt begannen sie, vom Keuchen ihres Atems und dem Gestampfe ihrer Füße ein Geräusch zu unterscheiden, das dumpf aus der Tiefe kroch und bisweilen wieder völlig verschwand. Es war wie das Krachen eines Schusses, dessen Echo sich in der Leere eines abgeschlossenen Raumes brach. Immer deutlicher vermeinten sie dabei das Rauschen von Brandung zu hören. Der Lärm schwoll zu einem tosenden Orkan, und plötzlich dampfte vor ihnen dichter Nebel auf, dessen feuchte Schwaden sie bald eingehüllt hatten.

Als sie um die Ecke einer riesigen Katakombe bogen, sahen sie es: Von hoch oben donnerte ein mächtiger Wasserfall durch einen breiten Riß vor ihnen im Stein, dessen Ränder weit auseinander klafften. In der Tiefe der Dunkelheit verlor sich sein Gebrüll, und seine durch Felsenvorsprünge aufgerissenen Wasserstrudel zeichneten sich gespenstisch im matter werdenden Licht der Scheinwerfer ab.

Es war unmöglich zu sagen, woher er kam, und wohin es ihn zog. Er mußte sein Bett bereits seit Jahrmillionen durch das Gestein geschnitten haben, und nichts hatte sich ihm bisher in den Weg stellen können. Unerkannt von den Menschen hatte er sich hier zum Herrscher der Natur aufgeschwungen, und ungehört war bislang das tosende Lied seiner Fluten verklungen.

So schien er sich zum ersten Mal an etwas anderem messen zu müssen, denn machtvoll verbaute er den Eindringlingen den weiteren Weg. Ungefähr 20 Meter trennte er die Halle auf und verunmöglichte es ihnen, den gegenüberliegenden Schacht zu erreichen. Unschlüssig standen die Wissenschaftler umher und versuchten, einen Gang zu finden, der sie um den Wasserfall herumführen konnte.

Es dauerte nicht lange, da entdeckte Mata-Hele zu ihrem Erstaunen ein weit verzweigtes Labyrinth, dessen Gänge sich schier unendlich erstreckten und neue Hoffnung auf ein Vorwärtskommen erweckten. Sie fanden außerdem heraus, daß sich viele der Gänge in größere Höhlen erweiterten, die bequem einer zehnköpfigen Gruppe Platz bieten konnte.

Ferner stellten sie fest, daß es auf den Höhlenböden und an den Wänden dicke Schwefelablagerungen gab, die sich in einer lavaähnlichen Schlacke befanden. Hier war es wieder etwas wärmer, und sie beschlossen, sich für eine Weile auszuruhen. Während die Menschen sich nach dem Essen niederlegten, nahmen die Santoganer Kontakt mit der Bodenstation auf und berichteten über die bisherigen Vorkommnisse.

Mata-Hele begann inzwischen allein nach einem Weg um den Wasserfall zu suchen. Dabei stieß er auf eine seltsame Ablagerung von Lavasegmenten, die sogleich sein Interesse erregten. Vorsichtig grub er eine kreisförmige Vertiefung um das verhärtete Magma, befreite die steinerne Scholle und säuberte sie von den Resten der vulkanischen Asche.

Das aber, was er dann sah, veranlaßte ihn umgehend, Steff zu wecken und es ihm zu zeigen. Hauchdünn, nur wie der Schatten einer Formung, zeichnete sich auf der glatten Platte der zusammengepreßte Abdruck eines Fußes ab, der sichtlich erhoben nur auf den Zehenspitzen gegangen war.

Sofort rüttelte Steff die anderen auf und zeigte ihne den Fund. Ehrfürchtige Freude breitete sich in ihren Gesichtszügen aus. Sie wußten, was diese kleine Entdeckung bedeutete. Sie hatten den Lohn ihrer Bemühungen vor Augen. Die Bestätigung, die all ihr Suchen rechtfertigte und ihre Theorien erhärtete: sie hatten den fossilen Fußtritt eines Urtieres gefunden, der bewies, daß ein Lebewesen in die Erde eingedrungen war, sich dort fortgepflanzt und womöglich zu einer höheren Intelligenz in den abermillionen von Jahren entwickelt hatte.

Und noch viel mehr: Sie hatten zugleich auch einen indirekten Hinweis auf die Pflanze selbst erhalten. Sie wußten nun, daß sie auf dem richtigen Weg waren.

Sie brauchten nicht allzu lange weitersuchen, um alsbald einen beträchtlichen Fundus an Fossilen aus der Vulkanasche zu sammeln. In der Regel waren es gut erhaltene Knochen, die erste Hinweise auf einen aufrechten Gang der damaligen Tiere gaben. Die Oberschenkel waren gestreckt und wiesen einen nach innen gerichteten Gelenkkopf auf. Die Hüftgelenkpfanne hatte eine große Öffnung am unteren Rand und darüber einen stark entwickelten Knochenwulst.

Vor allem aber konnte eine Hypothese, der besonders Steff nachgegangen war, bestätigt werden: Sie hatten es eindeutig mit Sauriern zu tun, die der Spezie der Ornithischier angehört haben mußten, von denen alle Pflanzenfresser waren. Die Art der Funde ließ sogar den Schluß zu, daß es sich hier tatsächlich um Iguanodons handelte, die allerdings mit der Zeit durch die Anpassung an die lichtlose und höhlenartige Umgebung zu wesentlich kleineren, gedrungeneren, aber immer noch bipeden Sauriern mutierten.

Diese Feststellung wurde einen Tag später durch eine sensationelle Entdeckung nicht nur bestätigt, sondern auch noch ergänzt. Es fanden sich nämlich außerordentlich gut erhaltene Felszeichnungen, die nur von den Iguanodons stammen konnten, da sie diese selbst in verschiedenen Aktionen zeigten: Die Saurier befanden sich vor einem Dreieck, aus ihm trinkend, aufrecht stehend und einen Sack auf ihrer Stirn aufblasend.

Mata-Hele und Steff sahen sich an. Sie wußten beide im selben Augenblick, daß sie die abgebildeten Symbole kannten. Die Dreiecke und der wie zum Röhren erhobene Kopf, an dessen Vorderseite sich gewindeförmige Beutel blähten. Keiner von ihnen sagte etwas, doch sie ahnten beide, was sich in diesen Dreiecken befunden haben mußte. Der Samen der Pflanze, ihr zur zähen Flüssigkeit geronnenes Plasma.

Sie erkannten aber noch weiteres auf den Zeichnungen. Zwischen den Dornfortsätzen ihrer Rückenwirbel hatten die Iguanodons - wahrscheinlich im Gleichmaß mit ihrer Schrumpfung - eine Hautfalte gebildet, die in den oft kälteren, vulkanferneren Gängen durch die so vergrößerte Körperfläche als Wärmeregulator diente. Zum Schutz vor den ansonsten möglicherweise 400 Grad heißen Schächten hatten sie eine lederne Epidermik, die mit dem Rückensegel die Vulkanhitze in Energie umwandelte. Die so entstandene elektrische Leitfähigkeit verband sie mit dem Plasma. In dieser kinetischen Wärmeumsetzung mußte die Verbindung zur Flüssigkeit der Dreiecke liege.

Aber die Funde und Zeichnungen ergaben noch weitere Aufschlüsse. Die Tatsache, daß die Saurier zu Felszeichnungen in der Lage waren, bedeutete, daß sie anstelle ihres Augenlichtes einen Ersatzsensor entwickelt haben mußten. Inmitten ihrer Augenhöhlen besaßen sie nämlich ein eigenartig blaues Gebilde, das Steff aufgrund seiner zentralen Lage, die es innerhalb der Kortex einnahm, als das neuentwickelte Sinnesorgan interpretierte, welches dem Saurier die somnambulistischen Fähigkeiten verlieh und ihn sich in der ewigen Dunkelheit der Unterwelt orientieren ließ. Eine zudem äußerst frühe Entwicklung, die noch oberhalb der Höhlen unter dem direkten Mondeinfluß begonnen haben mußte.

In fast allen Punkten, die er damals vor dem Kongress in Berlin aufgezählt hatte, wußte sich Steff nun bestätigt. Nur in der Annahme, daß das Iguanodon eine Plazenta entwickelt hätte, mußte er sich eines besseren belehren lassen. Die Abbildungen wiesen keine schwangeren Saurier auf. Jedoch gab es einige kleine, fast runde Eier, die in muldenartigen Vertiefungen abgelegt worden waren.

In einem anderen Punkt konnten die Funde allerdings keinen Aufschluß geben. Die sensationelle Entdeckung der Felsenzeichnungen deutete auf einen Umstand hin, dessen Tragweite kaum abzuzsehen war: die mögliche Entwicklung von Intelligenz. Steff hatte in seinem Referat auf das innerhalb von Jahrmillionen entwickelte Gehirn hingewiesen, und die Abbildungen schienen diesen Punkt auch zu bestätigen. Aber nirgends konnten sie die Herausbildung eines Handwerkzeuges, einer Waffe oder eines anderen Hilfsmittels entdecken, mit denen sich das Iguanodon eine Erleichterung seiner Lebensbedingungen oder gar eine Nahrungsproduktion verschafft hatte.

Alles wies darauf hin, das die Pflanze derart reichhaltig vorgekommen war, daß sie das Überleben der Tiere gefahrlos und in ausreichendem Maße sicherte. Feinde gab es nicht, nachdem es einzig ihm gelungen war, sich der extremen Umgebung anzupassen.

Steff fragte sich aber, ob diese Bedingungen bereits ausreichten, um ein Lebewesen in seiner geistigen Entwicklung in dem Maße zu hindern, daß es überhaupt nicht zu technischem Fortschritt bestrebt war. ‚Bedeutet eine fehlende Technisierung jedoch schon gleich, daß keine Intelligenz vorliegen braucht? Wohl kaum’, dachte er, ‚denn eine geistige Entwicklung war fraglos vorhanden.’

Zum Beispiel: die familiäre Bindung mußte sich innerhalb der Höhlenwanderung gefestigt haben. Viele Abbildungen wiesen auf eine wechselseitige Brutpflege hin. Weiter konnte das Fehlen von Kriegswerkzeug durchaus auf ein harmonisches Miteinander deuten, also auf eine nahezu perfekte soziale Gesellschaftsform, deren Zusammenhalt nicht groß genug einzuschätzen und vielleicht sogar als ein höheres Indiz von Intelligenz zu werten war, als es jede kriegerische Gemeinschaft hätte darlegen können.

Nicht zuletzt bewiesen die Abbildungen selber die Entwicklung eines künstlerischen Wesens, eines Abstraktionsvermögens und einer kreativen Begabung, die den Einspruch fehlender Auffassungsgabe bedingungslos hinwegwischte. Aber die Wissenschaftler standen vor einem Rätsel.

Mata-Hele versuchte eine Beziehung zum Plasma herzustellen: »Nimm mal an, Steff, daß diese flüssigen, festen als auch gasfärmig vorkommenden Wasserstoffteilchen eine derart vielseitige Kraft besitzen, daß sie einerseits die Entstehung einer Art begünstigen, andererseits sie aber auch hemmen können.« Er mußte selbst in seiner Sprache nach geeigneten Worten suchen. »Das Plasma des Meteoriten ließ die Pflanze ihre Produktion zunächst umstellen. Ferner nehme ich an, schützte es die Saurier auch vor der allzu großen Hitze, die im Inneren der Erdkruste bestand, indem es die Vulkanhitze in elektrische Energie umwandelte. Dadurch wurde eine beträchtliche Abkühlung ihrer Körper erzielt und zugleich eine intensive Leitfähigkeit erworben, die die Kraft ihrer kosmischen Einflüsse erklärt. Denn dieses Plasma hier steht mit dem Plasma der Sterne und aller anderen Materie in Verbindung und wird letztlich zur Urgewalt des allumfassenden Kreislaufs der kosmischen Natur.«

»Aber war ihr Einfluss auf das Leben hier unten nur positiv?« fragte Steff ihn.

Mata-Hele überlegte. »Nachdem die Pflanze sich derart verändert hatte, daß sie mittels ihres Samens die Plasmaproduktion übernahm, war eine breitere Verteilung desselben erreicht. Es versorgte die Saurier nun derart perfekt, daß diese nichts anderes benötigten und in eine vollkommene Ab-hängigkeit zu ihm gerieten. Dadurch wurden sie aber auch nicht motiviert, ihren eigenen Lebensstandart zu heben beziehungsweise nach anderen Möglichkeiten der Nahrung zu suchen. Sie hatten es einfach nicht nötig. Sie erweiterten lediglich ihr kommunikatives System und gedachten einer mehr künstlerischen Gestaltung ihrer Zeit. Doch imgrunde hielt sie das Plasma in absoluter Sklaverei. Das kann man negativ und positiv sehen. Schließlich lebten sie auch wie im Paradies.«

»Aber was muß ihnen denn gefehlt haben, um eine intelligente Zivilisation aufbauen zu können?«

»Du redest mit deinen Maßstäben, Steff. Muß eine Zivilisation denn unbedingt so aussehen, wie bei euch? Der Gradmesser einer Intelligenz kann doch auch in ihrer Friedensfähigkeit liegen! Vielleicht haben sie keine Selbstständigkeit... Und keine Vielfalt der Versorgung. Daraus kann man zwar schließen, daß sich auch ihre sozialen Beziehungen nicht großartig verfeinerten. Sie waren ja nicht über die Spezifizierung von Arbeit aufeinander angewiesen.« Mata-Hele zögerte mit dem nächsten Satz. »Ich meine, daß ihnen einfach die Variationsmöglichkeiten auf der Erdoberfläche gefehlt haben, um eine Art Technik und auch eine kompliziertere Struktur des Zuzsammenlebens zu entwickeln.« Er zeigte auf eine Wandmalerei. »Schau mal, es sind kaum soziale Aktionen in ihren Bildern zu sehen, die auf ein Austauschverhältnis von Gegenständen schließen lassen. Es gab lediglich das Plasma, zu dem sie sich bekannten, und von dem sie ihre gemeinsame Ordnung abzuleiten schienen.«

»Du meinst also«, ergänzte Steff, »daß sie die Intelligenz für eine friedvolle Welt in sich hatten, daß ihnen aber die Konkurrenz des Artenreichtums der Erdoberfläche fehlte, um selber eine Vielfalt von Dingen und anderen Verhaltensweisen zu entwickeln?«

»Genau. Und diesen Artenreichtum kann allein das Plasma nicht hervorbringen. Dafür ist ein anderes kosmisches Ereignis notwendig.« Er schaute Steff an und setzte auf dessen fragenden Blick seine Erklärung fort: »Das ist die Sonne, ihre Wärme und die diversen Strahlen ihres Lichtes. Verstehst du, Steff? Das Plasma des Meteoriten hat letztlich in der Dunkelheit und sonnenlosen Hitze die Pflanze und das Iguanodon gerettet und erhalten, aber andererseits auch ihre endgültige Entwicklung verhindert.«

Steff überlegte sich die Erwägungen seiners Freundes genau. Sie schienen ihm logisch und einsichtig. Das Plasma als Garant und zugleich Begrenzung des Lebens. ‚Ist denn ohne die Sonnenstrahlung kein höheres Leben möglich? War die Nacht der Bote des Todes?’ Er empfand bei diesen Gedanken keine Befriedigung. ‚Die Nacht war der Schutz des Wassers. Sie brachte die Abkühlung. Und außerdem schien in ihr der Mond!’

Mata-Hele setzte sich zu Steff auf den Boden. Er hatte bislang neben ihm gestanden und die Zeichnungen der Höhlenwände betrachtet. Still schaute er ihn nun an, da er bemerkt hatte, daß dieser sehr in Gedanken war. Als der Mensch, sein Freund, den Kopf hob, haftete sein Blick in dessen Augen.

»Weißt du, was die Sage unseres Volkes behauptet?« begann Mata-Hele schließlich wieder. »Wir hätten einst im Bauch eines riesigen Schiffes auf Santoga gelebt. Wir, das heißt, unsere Ahnen, konnten damals noch nicht sprechen, weder ein Haus bauen noch ein Werkzeug nutzen. Wir waren halb Tier, halb Santoganer, wir vermehrten uns aus uns selbst, saßen teilnahmslos und dumpf herum und verstanden nichts von dem, was um uns vor sich ging. Es heißt sogar, daß da, wo wir waren, eine vollkommene Dunkelheit herrschte.«

Erwartungsvoll sah er Steff an. »Verstehst du, was das heißt?«

Steff sah in seinen Augen, wie sich das Dunkel der Pupille öffnete und ihm erneut das blaue Bernstein der Meere erschloß. Weit, bis tief in den Horizont hinein, der sich zwischen Himmel und Wasser zog, blickte er und glaubte, die verhangenen Schatten von Wolken auszumachen.«

»So seid auch ihr in der Dunkelheit geboren.«

Mata-Hele schlug die Augen nieder, ein Zeichen höchster Erregung. Seine dünnen Lippen pressten sich zusammen, doch nach einigen Sekunden hob er wieder den Blick. »Wir waren wie die Saurier ohne das Licht. Wir hatten uns in etwas befunden, dessen Material hauptsächlich aus festem Plasma bestand. Und auch dieses Plasma muß etwas Chemosynthetisches hervorgebracht haben, daß die bi-3 Positronen produzierte, wovon wir lebten. Die Partikel haben unseren Gittergeraden verholfen, sich aufzufüllen. Sie waren der Garant unseres Lebens. Aber erst als wir aus irgendeinem Grund aus den Katakomben heraustraten, erst als wir auf der Oberfläche Santogas Fuß faßten, haben wir uns auch soweit geistig vervollkommnet, daß wir in der Lage waren, Technik und Fortschritt zu entwickeln. Dieses war allein schon deshalb nötig, weil wir nicht mehr auf eine unbedingte Versorgung des Plasmas und einer ähnlichen Art von Planze in der Außenwelt zu hoffen hatten. Wir hatten uns befreit und gleichzeitig der Endgültigkeit hingegeben. Wir fanden den Fortschritt, um letztlich durch ihn zu stagnieren.« Betrübt schüttelte er den Kopf. »Eine unerbitterliche Konsequenz der Natur, wer glaubt, sie bereits bezwungen zu haben.«

Steff umfaßte die Schultern des Santoganers. »Aber warum habt ihr die Pflanzen nicht mitgenommen?« Fragend schaute er ihn an.

»Warum nicht?« Mata-Hele schaute hilflos vor sich hin. »Weil sie auf der Oberfläche von Santoga eingingen. Deshalb glaube ich auch, daß wir nicht freiwillig aus unseren Höhlen gekommen sind. Dafür gibt es eine einfache Erklärung: Wir haben uns zu zahlreich vermehrt. Die unterirdischen Grotten und Gänge konnten uns nicht mehr fassen. Deshalb sind wir nach oben ausgewichen.«

Er machte eine nachdenkliche Pause, bevor er von neuem begann. »Weißt du, der rote Fels, auf dem das Plateau liegt, muß unsere ursprüngliche Heimat gewesen sein. Er hat Plasma und auch unterirdische Gänge, die inzwischen allerdings fast alle eingestürzt sind. Wir haben dort nachgeforscht, aber keine Chemopflanze mehr gefunden. Ich bin ganz sicher, daß hierin der zweite Grund unseres Exodus bestand. Die Pflanze muß sich reduziert haben in dem Maße, wie wir uns vermehrten. Ich glaube aber letztlich, sie ist einfach eingegangen.«

»Aber woran denn nur?« fragte Steff ratlos.

»Woran?« gab Mata-Hele lakonisch zurück. »Woran? An der Sonne.« Unsicher zuckte er die Achseln. »Die Höhlengänge müssen licht geworden sein. Vielleicht waren sie mit der Zeit eingestürzt oder es hatten sich Risse gezeigt. Es hat aber höchstwahrscheinlich noch einen anderen Grund gegeben.« Er wandte den Kopf Steff zu. »Beim Aufprall auf Santoga muß der Meteorit, das jetztige Plateau, geborsten sein.«

Steff hob abrupt den Kopf. Er meinte, nicht richtig verstanden zu haben. »Beim Aufprall auf Santoga? Heißt das, ihr seid garnicht von da?«

Mata-Hele nickte traurig. »Ist dir noch nie unsere Fremdheit gegenüber den Verhältnissen des Planeten aufgefallen? Unsere ganze Versorgung müssen wir künstlich herstellen. Unser Körper entspricht in keinster Weise dem anderer Lebewesen dort. Durch die fehlende Voraussetzung unserer Entwicklung, die die allmählich eingehende Pflanze garantiert hatte, fingen wir an, zu stagnieren. Einzig der Umstand, daß unser Planetenteil bei Eintritt in die Atmosphäre nicht verglühte und wir keine allzu feindliche Umgebung hatten, als wir Santogas Boden betraten, hat unsere Rasse zunächst gerettet.« Zögernd endete er. »Für ein Leben ohne den Tod.« Erneut sah er Steff in die Augen, bevor er fortfuhr: »Aber wenn ich von unserer Rasse rede, so ist es eine vorhergehende Lebensform gewesen, die auf dem Planeten gelandet war. Mikroben, niedrige einzeller, die den Aufprall im Inneren überleben konnten.«

Steff war von alledem noch derart überwältigt, daß er eine Weile brauchte, um die Tragweite der Eröffnung seines Freundes zu verdauen. Einwenig nervös strich er sich mit den Fingern über die Schläfe. »Aber woher seid ihr dann gekommen? Es kann doch unmöglich sein, daß ihr, daß... »Erschrocken angesichts der nächsten Gedanken brach er ab. Mit großen Augen sah er zum Santoganer hin.

Doch dieser in seiner direkten Art sprach die Vermutung Steffs zuende. »Daß wir vielleicht sogar mit den Sauriern verwandt sind?« Steff schien es, als ob er lächelte. Ein besonders heller Funke glomm in den bernsteinernen Augen auf. »Mir scheint, daß dich dieser Gedanke eher beängstigt als erfreut. Dann wären wir nämlich auch miteinander verwandt, ja hätten sogar gemeinsame Vorfahren!« Amüsiert hielt er inne. »Aber so ist es nicht gewesen. Eure Saurier und wir sind nicht aus demselben Stoff, wir waren niemals auf der Erde. Einzig das Plasma, die chemosynthetische Pflanze und die dadurch erfolgte Produktion der Positronen sind uns gemeinsam.«

Verwundert beobachtete er Steff, wie dieser fahl wurde. Dann faßte er seinen Freund an den Armen. Er konnte nur vermuten, was in ihm vorging. Es mußte etwas wie einen Kulturschock bei den Menschen geben.

»Ganz und garnicht, Steff«, sagte er. »Wir haben die Erde nicht einmal zu Gesicht bekommen.« Er hielt kurz inne. »Aber wir waren in ihrer Nähe.«

Als er bemerkte, wie Steff erneut erblasste, fuhr er sogleich beruhigend fort: »Trotz vieler Gemeinsamkeiten mit den Sauriern, wie das Dreieck, in dem sie ihr Plasma aufbewahren, und das Röhren, mit dem wir nach einem Plasmagenuß die Sterne und die Sonne begrüßen, war unser wirklicher Heimatplanet, auf dem wir ursprünglich entstanden waren, lediglich alle 30 Millionen Jahre in Erdnähe gekommen. Zu selten, um sich auf einen Verwandtschaftsgrad berufen zu können.« Verschmitzt guckte er dabei zu Steff hinüber.

»Durch irgendeine Katastrophe, die wir nicht mehr nachzuvollziehen vermögen - es kann sich aber um eine zu starke Verdichtung des Plasmas gehandelt haben - ist unser Planet vor 65 Millionen Jahren explodiert. Ein kleiner Teil von ihm muß auf die Erde gestürzt sein. Das war der Meteorit. Ein anderer Teil, in dem die primitiven Formen unserer Urahnen lebten, muß seinen Weg durch die Endlosigkeit des Universums gefunden haben. Vielleicht ist er mittels eines Hypersprunges in den Bereich der santoganischen Galaxie gelangt und dort auf dem Planeten aufgeprallt. Daß dabei Leben erhalten blieb, war großes Glück, die Fügung des allumfassenden Kosmos.«

Mata-Hele schloß seine lange Rede mit einem tiefen Ton, der aus dem Inneren seines Kehlkopfes drang, und den Steff noch nie gehört hatte. Es war ein Laut innerer Wahrheit, der der Erkenntnis der Unendlichkeit folgte. »Auf unseren Teleskopschirmen ist es uns jedoch nie möglich gewesen, unseren alten Trabanten auszumachen, da er über zuwenig Eigenreflexion verfügte. Wie gesagt, er war ein dunkler, kahler Planet.«

Aber der Freund schien ihn überhaupt nicht gehört zu haben. Mata-Hele sah, wie Steffs Gesicht erstarrte, und seine Augen sich wie durch Schleier verklärten, so als habe ihn das letzte der Geheimnisse der Santoganer am schwersten erschüttert.

»Jetzt weiß ich, woher ihr kommt«, stammelte er endlich. »Nun ist mir alles klar. Euer Planet war der Stern, dessen Wiedererscheinen wir alle fürchteten, aber der nun nicht mehr kommen wird. Er war von dunkelroter Färbung und hatte einzehntel der Sonnenmasse. Über eine Periode von 250 Millionen Jahren pflegte er alle 32 Jahrmillionen bei uns zu erscheinen, und einer alten Saga zufolge heißt es, daß er jedesmal eine Katastrophe auslöste. Wir nannten ihn deshalb Nemesis, den Todesstern.« Mit einer Geste der Erkenntnis hob er die Hand. »Doch er war es dann schließlich selbst, der starb.«



Mittlerweile waren sie vier Tage unterwegs, und der Wasserfall lag bereits einen guten Tagesmarsch hinter ihnen. Sie hatten die Funde lokalisiert und wie überall auf ihrem Weg einen elektronischen Memoryschalter instaliert, der auf Kilometer hinaus durch einen Voltmesser zu ermitteln war.

Die Menschen hatten inzwischen ihre Sauerstoffmasken angelegt und einen wärmenden Pullover unter dem Overall angezogen, da es in den tieferen Schichten der Erdkruste beträchtlich kühler wurde. Aber die Strapazen des Marsches und die Wärmeisolierung der Zelte hielten sie bislang von der schlimmsten Kälte ab. Die Zentrale hatte sie zudem aufgrund der extremen Bedingungen zu einem ständigen Checken von Puls und Temperatur angewiesen. Doch bislang bestand kein Grund, den Weitermarsch selbst zu unterbinden.

Sie stiegen gerade einen schmalen Weg hinunter, dessen seitliche Wände im Schein der Lampen feucht glänzten. Vor ihnen erstreckte sich das Grau des Felsens und vermischte sich mit der Schwärze der Finsternis. Nur hintereinander konnten sie hier noch gehen und mußten sich mitunter seitlich an Verengungen und Vorsprüngen des Gesteins vorbeidrängen.

Auf einmal meldete sich Korn-Ralda und warnte jeden davor, weiter-zugehen. Intensiv starrte er auf ein Instrument, das er ständig vor sich in Augenhähe an seinem Körper befestigt hatte. Es war nicht unbedingt schwer, aber von außerordentlich kompliziertem Schaltmuster.

Nach kurzem Nachdenken fiel Steff wieder ein, welchem zweck es diente. Es war der Positronenanzeiger, das Gerät, das die Pflanze zu entdecken hatte. Die Pflanze! Sollte sie wirklich existieren? Ein unbeschreibliches Gefühl überkam ihn. Sogleich bedeutete er den Menschen, sich hinter den nächsten Felsvorhang zurückzuziehen. Sprechen war ihm aufgrund der bereits seit längerem aufgesetzten Sauerstoffmaske nur mithilfe eines Kehlkopfmikrofons möglich, das er aber wegen der Beschwerlichkeit des Weges kaum anlegte.

Der Santoganer erklärte ihnen, daß die Messung noch keine unmittelbare Gefährdung der Menschen ergab, da die bi-3 Teilchen nicht direkt angezeigt wurden. Aber er fügte hinzu, daß er trotzdem den Zeitpunkt für gekommen hielt, die raumähnlichen Anzügen anzuziehen.

Sogleich befreiten die sechs Menschen die auf den Rucksäcken obenauf liegenden Vakuumanzüge mit dem luftdicht abschließenden Helm von den sie zusammenhaltenden Klebestreifen und zogen sie über. Bald sahen sie aus, als wollten sie einen Spaziergang durch das Weltall unternehemen.

Nachdem sie mit dem umziehen fertig waren, brach die Expedition wieder auf. Das Wissen um die Nähe der Pflanze und ihre Furcht vor deren Positronen wurde durch das Wissen um deren Existenz mehr als ausgeglichen. Sollte es sie tatsächlich noch geben? Jetzt erst, nachdem sie sich vor ihr geschützt hatten, schienen sie sich der Tragweite der Entdeckung richtig bewußt zu werden. Die aufgabe ihrer Mission näherte sich ihrer Erfüllung.

Alle Strapazen der letzten Tage waren vergessen und die Kräfte mit neuer Energie belebt. Eiligen Schrittes liefen sie den Hang hinab, nur aufgehalten durch die Unebenheit und Unzugänglichkeit der Schächte.

Steff aber und auch John gingen noch wesentlich mehr Gedanken durch den Kopf. Denn wo die Pflanze war, da waren auch die Saurier. Wenn die Positronen von noch existierenden Gewächsen stammten, dann konnte dieser Umstand ebenso bedeuten, daß auch die Saurier überlebt hatten.

‚Die Saurier!’ Steff war es zunächst freudig, dann mulmig zumute ge-worden. Wie vor einem großen Auftritt in einem Theater, das ja oft die Bühne des Lebens bedeutete, bemächtigte sich seiner plötzlich ein heftiges Zittern, der Puls fing an zu rasen, und die Haut wurde ihm feucht. Zu guter letzt geriet er unter dem Anzug derart ins Schwitzen, daß die Sauganlage das Kondensieren des Wassers kaum noch ausgleichen konnte. Nur mit Mühe gelang es ihm, sich zu beherrschen und seine weichen Knie zur Vorwärtsbewegung zu zwingen.

Es dauerte auch nicht lange, da kamen sie an weiteren fossilen Funden vorbei. In der Lavaschlacke des Bodens fanden sie sogar ein kleines Schüsselchen aus farblosem Ton, welches tief in der vulkanischen Asche einer Millionenjahre alten Eruption lag. Kaum noch zu ihrer Verwunderung hatte es die Form eines Dreiecks.

An den Wänden entdeckten sie zahlreiche weitere Malereien: Aber sie vertieften sich nicht mehr allzu intensiv in deren Einzelheiten, denn die Spur der Positronenemissionen wurde immer deutlicher. Es schien, als ob sie dicht vor ihrem Ziel angelangt waren.

Inzwischen war es dermaßen heiß geworden, daß sie ihren Wärmeregulator im Raumanzug auf die höchste Stufe einstellen mußten. Selbst die Santoganer, die aufgrund ihrer silikaten Körpermasse eine beträchtliche Hitze vertragen konnten, legten sich ein thermostatisch abweisendes, leichtes Gewand an. Es kühlte ihre Epidermik und passte sich gleichzeitig exakt der Form ihrer Physis an. Durch dieses direkten Kontakt konnten sie nochmals erheblich die Temperatur in der mehrschichtigen Vakuumfolie reduzieren.

Mittlerweile teilte Dr. Häfner, der Biologe, mit, daß der Schwefelgehalt der Luft auf ein Drittel der Gesamtmenge gestiegen war. Sie schienen sich einem Gebiet zu nähern, das große vulkanische Tätigkeit beherbergte. Das Grau der Wände veränderte sich zu einem blassen Gelb, und von den Decken blinkten bisweilen zapfenartige Schwefelkristalle. Wenn sich bislang nur die Menschen in den engen Gängen zu bücken hatten, mußten nun auch die kleineren Santoganer beständig den Rücken beugen.

Der Weg wurde immer beschwerlicher und die Wissenschaftler trotz der zusätzlichen Motivation zusehens schwächer. Sie legten nun immer häufiger Pausen ein, die selbst die kräftigeren Exterraner dazu nutzten, sich hinzusetzen und die müden Muskeln regenerieren zu lassen.

Die für die Menschen nicht verständliche Schalttafel des Positronenmessers gab bereits die höchste Warnstufe und zugleich eine minimale Distanz zur Pflanze aus. Obwohl sich das Gefühl ihrer Nähe ihnen zusätzlich beklemmend auf die Brust legte, eilten sie doch wieder schneller voran.

Sie waren alle derart auf ihren Weg und das Zusammenraffen ihrer gesamten Kräfte konzentriert, daß sie anfangs nicht den Gerällberg wahrnahmen, der sich vor ihnen aufbaute. Der ganze Gang vor ihnen war plötzlich verschüttet. Zunächst begutachtete Dr. Magnusson die Decke auf eine weitere Einsturzgefahr hin. Nachdem sie den Schutt eingehend untersucht hatten, entdeckten sie eine kleine Nische, die sie lediglich einwenig vom Gestein befreien brauchten, um hindurch zu gelangen. Vorsichtig stiegen sie über das lose Geröll und befanden sich mit einem mal in einer riesigen Halle. Sie waren bereits mehrere Meter eingetreten, als sie erst die Wölbung der Decke und die fehlenden Wände bemerkten.

Wie sie feststellten, erstreckte sich nun vor ihnen eine Grotte von schier unglaublichem Ausmaß, deren Ende der Schein ihrer Lampen nicht mehr erfassen konnte. Nicht unweit von ihnen gewahrten sie ein kleines Licht, das durch die Fugen des Felsens flackerte. Es war der Widerschein eines Feuers, das im Erdinneren, hinter den dicken Wänden, seinen Ursprung hatte. Auf ihren Meßgeräten stellten sie fest, daß es dort noch eine geringe vulkanische Tätigkeit gab.

Eine Tätigkeit, die aber ausreichte, um das Fortdauern der Pflanze zu gewähren, um sie am Leben zu erhalten. Steff versuchte, im diffusen Dämmerlicht etwas zu erkennen. Die Pflanze. Weit vor ihm, in der nebligen Faserung des Scheinwerfers, war sie zu sehen. Graugelb, von schattiger Farbe, die Blätter über den rötlichen Lavaboden kriechend, bedeckte sie die Hälfte der weitflächigen Halle, zog sich an ihren Wänden hoch und hing wie das Auge eines Zyklopen von der Decke herab.

Ihre Wurzeln waren tief in den harten Stein der Erdkruste gegraben und hatten sich einen Weg durch die Wände zum nahen Magma des Vulkans geschnitten. Die Blätter klebten mit zahllosen Härchen am Fels und waren auch nicht mehr mit Gewalt von dort zu lösen.

Sofort begannen die Satoganer, die Pflanzen näher zu untersuchen. Mit filigranen Geräten berühten sie Stiel und Blatt, Wurzel und Kelch, strichen behutsam über den Schaft des Gewächses und tauchten dünne, lange Kanülen in die blütenartige Öffnung, die sich in der Mitte befand. Sie unterschied sich in nichts vom Rest der Pflanze, weder in Ffarbe noch Beschaffenheit. Aber sie führte zu einem kegelfärmigen Hohlraum, in dem sie etwas fanden, wonach sie zwar gesucht, aber nicht zu hoffen gewagt hatten, es auch wirklich zu finden.

Flüssiges Plasma! Rosa schimmerte es im Kelch, wie die Essenz des hohen Springbrunnens auf Santoga. Zähflüssig begann es einwenig zu schaukeln, wenn einer der Exterraner gegen den Schaft ihrer Blüte stieß. Es schien so zu sein, wie sie es kannten. Aber hier, in der Tiefe der unterirdischen Höhle, kam etwas Wesentliches hinzu: Die Pflanze, in der es sich befand, produzierte auch Positronen! Beinahe andächtig untersuchten die Santoganer das Plasma. Sie konnten kaum glauben, daß auf ihren Meßinstrumenten das spezifische bi-3 Teilchen angezeigt wurde. Sie waren derart glücklich, daß es selbst die Menschen in ihren ansonsten starren Gesichtern ablesen konnten.

Vorsichtigt tasteten sie sich mit ihren Instrumenten an der Außenhaut der Pflanze bis in ihren Kelch hinein, verfolgten beinahe liebevoll die Konturen der Blätter und sezierten akribisch das Innere ihrer Wurzeln.

Dabei gingen sie aber außerordentlich behutsam vor, denn keiner von ihnen wußte genau, welche Kraft wirklich in ihr zu stecken und welche Reaktionen sich aufgrund des Eindringens zu zeitigen vermochten. Denn obwohl sich die Menschen in ihren undurchlässigen Schutzanzügen bestens gegen die Emissionen gefeiht hatten, waren sie trotzdem besonders gefährdet, falls die Pflanze zu einer Überreaktion neigen sollte.

Deshalb wurde sogleich eine schützende Folie aus Metallfäden um das Operationsgebiet der Santoganer gezogen, die es von den anderen Aktivitäten absolut abschirmte. Eine Schleuse am Eingang sorgte für einen reibungslosen Übergang ins Sperrgebiet.

Derweil gingen die Menschen ihren eigenen Arbeiten nach. Da für sie der eine Teil der Expedition erfüllt war, wandten sie sich nun dem anderen, für sie beträchtlich interessanteren zu. Die Saurier!

Ihr Quffinden würde eine Revolution wissenschaflichen Denkens nach sich ziehen. Die Geschichte mußte völlig neu geschrieben werden. Vor allem aber bedeutete ihr Verbleib eine Sensation, wie sie noch nie dagewesen war.

Darum machten sie sich sogleich daran, sich in der riesigen Grotte eingehend umzusehen. Dr. Magnussen berechnete zunächst die Statik der Wände und Decken, aber auch des Bodens um die Jahrmillionen alte Höhle auf ihre Substanz hin zu prüfen. Der ständige Drift, der hier stärker als an der Oberfläche herrschte, hatte ihre Felsenplatten im Laufe der Zeit auf das härteste gegeneinander gepresst und platzen lassen. Er besah sich die Ritzen und Fugen des Gesteins, aber auch die kleinen, wurmartigen Tunnel, die die kräftigen Wurzeln der Chemopflanze in das Gemäuer gesprengt hatten. Denn auch dadurch konnte eine Instabilität ermöglicht werden.

Claudine Duvier, die Kommunikationsspezialistin, untersuchte vor allem die Wände auf Zeichnungen und andere Merkmale, die auf einen weiteren Verbleib der Saurier hinweisen konnte. Alsbald stieß sie auf eine Unmenge von Abbildungen, die sich allerdings in Art und Charakter von den anderen, bislang gefundenen, unterschieden.

Sie wiesen zwar auch immer wieder das Dreieck mit dem Plasma darin auf, waren aber in Bezug auf das Iguanodon verschieden. Diese befanden sich nämlich in einer Position, die der eigenartig geformten Schale abgekehrt war. Sie lagen meistens auf dem Boden oder hatten sich fast demonstrativ von ihr gewandt. Ihr Sinnen war scheinbar nicht mehr auf Freude am Plasmaspender orientiert, sondern drückte eher eine distanzierte Ignoranz aus.

Claudine vermutete zunächst, daß es sich hier um abtrünnige Iguanodons handelte, die aus irgend einem Grunde auf den Schutz und die Versorgung der Pflanze verzichten wollten. Vielleicht hatte es gar einen Aufruhr gegeben? Sie schien sich allerdings nicht ganz sicher, da - wie sie alle wußten - der soziale Zusammenhalt der Saurier beispielhaft gewesen sein mußte.

Maurin, John und Steff waren mittlerweile daran gegangen, die Mitte der Grotte auf das Genaueste zu untersuchen. Dabei waren sie auf etwas gestoßen, daß ihnen zunächst einige Rätsel aufgab. Der Boden war hier lediglich mit Lavaschlacke aufgeschüttet und begann in Wirklichkeit einen Meter tiefer.

Als sie sich vorsichtig an einer Stelle durch die Magmaschicht gegraben hatten, stießen sie plötzlich auf zahlreiche Knochen. Je mehr sie die Aushebung erweiterten, desto klarer wurde ihnen, das es sich hier nicht um das fossile Teil eines Iguanodons handelte, sondern um ein ganzes, in sich ausgezeichnet erhaltenes Skelett.

So gut und so schnell es ihnen möglich war, gruben sie den Saurier aus. Dann maßen sie die Dicke und Länge der Knochen und untersuchten sie auf ihre Beschaffenheit, Poräsität und Hohlräume. Zu guter Letzt stellten sie eine Analyse des Zerfalls der radioaktiven Halbzeitwerte an. Der kleine Computer wies ein alter von zwei Millionen Jahren aus. Erdgeschichtlich ein Katzensprung. Nun bestand kein Zweifel mehr darüber, daß es zumindest im Pliozän noch Saurier gegeben hatte! Die evolutionäre Revolution hatte sie eingeholt! Die Geschichte mußte umgeschrieben werden.

Allerdings wunderten sie sich über die geringen Ausmaße des Iguanodons. Weitere Funde bestätigten, daß es sich ausschließlich um recht kleine Exemplare handelte.

‚Kinder? War eine Art Seuche über sie hereingebrochen? Und hatte die Erwachsenen verschont?’ Steff konnte nicht recht daran glauben. Bei weiteren Ausgrabungen stellten sie sodann fest, daß hier ein Massengrab angelegt worden sein mußte. Denn dicht nebeneinander lagen die Skelette.

Nach komplizierten, aber feineren Methoden analysierten sie das Alter der Saurier erneut. Dabei fanden sie einen Zeitunterschied von bis zu zehntausend Jahren heraus. ‚Wenn es sich in diesem Fall um eine Seuche gehandelt hatte’, dachte Steff, dann mußte innerhalb dieses Zeitraums die gesamte Rasse vernichtet worden sein. Denn eine derart lange Auszehrung konnte kein Geschlecht verkraften und beständig ausgleichen.’

Diese Theorie verhärtete sich aufgrund einer Berechnung, die John an den Zähnen der Saurier aufstellte. Nach Abnutzung und Abgeschliffenheit mußte es sich in fast allen Fällen um ausgewachsene Tiere handeln! Ein Umstand, der nur eine Interpretation zuließ: Die Saurier hatten sich enorm verkleinert, sie waren geschrumpft. Durch die Dunkelheit, den Einfluß des Plasmas, fehlende Nahrungsvielfalt oder gar durch eine perfekte Anpassung an die engen, unterirdischen Schächte.

Dieser Gedanke wies auf eine sich als möglich erweisende Ursache des Aussterbens hin. Die Verkleinerung mußte letztlich ihre Art zerstört haben, die Gene, die ihrer Rasse dominant waren, und die sie zunächst geformt hatten. Diese Theorie konnte auch die Abkehr der Saurier auf den Abbildungen erklären. Sie mußten ihr Verhängnis geahnt haben.

Somit hatte die Pflanze die Saurier gerettet und letztlich doch dem Untergang geweiht. ‚Wie bei den Santoganern. Als Steff mit Mata-Hele darüber sprach, machte dieser ein bedenkliches Gesicht.

»Dann hat sie das Plasma letztlich zum Tod und uns zum ewigen Leben verdammt. Ich frage mich, welches Schicksal das bessere ist.«

In diesem Augenblick meldete sich der Interferenzfunk der Santoganer. Alle hoben den Kopf, und Mata-Hele machte ein erschrockenes Gesicht. Sogleich übersetzte er die ferne Botschaft: »Auf der Erde scheint einiges los zu sein.« Er hielt kurz inne und begann dann, stockend weiter zu reden. »Ein gewaltiges Feuer brennt über der Erde, allerdings bislang nur in der Stratosphäre. Menschen sind noch nicht direkt in Gefahr.«

Wie angegossen verharrten die Wissenschaftler. Ihre Zungen schienen gelähmt, und der Verstand wollte die Nachricht nicht begreifen, die so plötzlich fernab den Ereignissen zu ihnen gedrungen war.

Eine Katastrophe mußte sich auf der Erdoberfläche zutragen. ‚Doch warum?’ Steff konnte nur Vermutungen anstellen. ‚Wurde wieder einmal um die Ausbeutung der Positronen und die dadurch mögliche Erpressung der Santoganer gestritten? Nur diesmal mit konsequenteren Mitteln? Scheuten sie jetzt nicht einmal mehr vor einem Krieg zurück?’ Heftiges Zittern durchzog seinen Körper. ‚War die Menschheit nun endgültig wahnsinnig geworden?’

Doch Korn-Rasda konnte diese Vermutungen nicht bestätigen. Der Mensch war nicht Ursache dieser Lichtereignisse. Aber nicht desto trotz bahnte sich eine Katastrophe an. Ein lodernder Kranz entflammten Magmas bildete eine dichte Korona um die Erde und schien ihr langsam, aber unaufhaltsam näher zu kommen. Gleichsam wie im Würgegriff umschlang sie den Erdball.

Keiner der Menschen, auch nicht die Santoganer, konnten sich das Phänomen erklären. Es bestand bis jetzt lediglich Klarheit über die Beschaffenheit der Materie. Gasartiger Wasserstoff war entflammt und drohte alsbald, die Atmosphäre zu verglühen und die Erdoberfläche auf über 80° zu erwärmen.

Während sich die Wissenschaftler, die sich bislang in Sicherheit unter der Erde befanden, über die Ursache der Katastrophe gedanken machten, kam eine weitere Nachricht von oben.

Korn-Ralda übersetzte die Frequenzwellen. »Die Ereignisse scheinen jetzt auch auf die Erdoberfläche übergegriffen zu haben. Riesige Vulkane sind in Europa, vor allem in Island und Italien, aufgebrochen. Weiter gibt es an den Polen ungeheure Nordlichter, deren Wetterleuchten sich bereits über ganz Skandinavien zieht. Aufgrund der sich nun auch einstellenden Polkappenschmelzung kommt es dort zu riesigen Flutwellen.«

Mit Entsetzen nahmen die Wissenschaftler die ständig einlaufenden Hiobsbotschaften hin, ohne etwas daran ändern zu kännen. Sie hatten inzwischen völlig ihre eigenen Angelegenheiten vergessen und waren sich unschlüssig, ob sie noch ihre Mission fortsetzen sollten. Auch auf der Erde schien keiner einen Ratschlag geben zu können. Es hieß erst einmal abwarten, weil beim raschen Verlauf der Ereignisse eine Entwicklung nicht abzusehen war.

In diesem Augenblick trat Mata-Hele auf Steff zu. »Kannst du dich noch des Plasmakultes unseres Plateaus erinnern? Sie konnten nach dem Einnehmen der rosa Flüssigkeit gewaltigen Einfluß auf die Natur nehmen. Indem sie zum Beispiel in einer Art röhrten, bis es anfing zu Regnen. Oder die Sonne sich zurückzog und Santoga der Kühle der Nacht überließ. Weißt du, wenn die Abbildungen der Felswände ihre Richtigkeit haben und dieses Röhren... Vorausgesetzt, daß sie noch leben... «

Er sprach den Satz nicht zuende, doch jeder der Umstehenden hatte ihn für sich weitergebildet. Das Unaussprechliche schlich sich in die Realität ihrer Gedanken und überschwemmte jede andere Regung. Hilflos setzten sie sich zusammen und starrten schweigend vor sich hin.

Nach einiger Zeit begannen die Santoganer wieder, ihre Pflanzen zu untersuchen. Auch Steff sprang auf und sagte zu den anderen: »So geht es nicht weiter. Laßt uns auch wieder an die Arbeit gehen. Es ist besser, wir erledigen unsere Aufgabe, so gut es noch geht. Einen Einfluß haben wir auf die obigen Ereignisse sowieso nicht.«

Er ahnte noch nicht, wie sehr er sich in diesem Punkte irrte.

Alsbald stellten sie fest, daß es aus der großen Halle keinen weiteren Ausgang mehr gab, als den, durch den sie hereingekommen waren. Überall schloß sich der Fels zu einer mächtigen Mauer zusammen. Es schien, als habe es hier nie einen Durchgang gegeben.

Doch in John verfestigte sich die Ansicht, daß lediglich der kontinentale Drift einen jetzigen Weitermarsch verunmöglicht hatte. Es mußte seiner Meinung nach ehemals einen oder mehrere Gänge gegeben haben, die aus der Höhle hinaus geführt hatten. Denn an einigen Stellen zeigten sich Einstürze, deren Wölbungen sich als sich vormals aneinanderschließende Wege erwiesen haben konnten.

Diese Isolierung, die Verschüttung und Abdriftung der Zugänge, die Winkel, Vorspünge und Ecken mußten letztlich auch dafür verantwortlich sein, daß die Positronen nicht mehr an die Erdoberfläche gelangt waren. Dieser Umstand mochte sogar das Zustandekommen der Menschheit erst ermöglicht haben - oder eben die Verhinderung einer völlig andersartigen Entwicklung auf der Erde.

Mittlerweile begannen die Menschen selbst in den automatisch kühlenden Schutzanzügen derart zu schwitzen, daß sie ihre Untersuchungen immer wieder unterbrechen mußten. Der Schweiß rann ihnen in Bächen das Gesicht hinunter und war kaum noch vom Luftaggregat abzupumpen. Die Hitze drang aus den Ritzen der vulkanischen Schlote und hatte das Abwehrsystem der Kleidung stetig erwärmt. Ihre Kräfte ließen nun zusehens nach, zumal die laufenden Berichte über die katastrophale Entwicklung der Erdatmosphäre mithin an ihren Nerven zerrten. Vor Erschöpfung saßen sie auf dem Boden oder hielten sich nur noch in den etwas besser kühlenden Zelten auf.

Die Santoganer hatten schon vor einer geraumen Weile damit begonnen, die Pflanzen mit dem Boden zu lösen und sie in eigens dafür vorgesehene Behälter zu verfrachten. Luftdicht abgeschlossen, inmitten von Plasma und in völliger Dunkelheit, versuchten sie, das für sie so wichtige Gewächs unbeschadet auf ihren Planeten befördern zu können.

Weiterhin hofften sie, daß durch den Lichtwurf ihrer starken Lampen Blätter und Wurzelwerk nicht allzu sehr leiden würden, so daß eine Züchtung in geeigneter Atmosphäre hernach möglich war.

In diesem Augenblick kam eine neue Botschaft von der Erdoberfläche, die die Mienen der Wissenschaftler wieder aufhellen ließ. Mit Erleichterung nahmen sie auf, daß sich die Plasmakorona der Stratosphäre stabilisiert und auch das Vorrücken des Nordlichtes gestoppt hatte. Fast brachen sie in Jubel aus. Doch sie wußten, daß noch keine endgültige Gewißheit darüber bestand, wieweit der kosmische Brand nicht doch wieder ausuferte und eine Katastrophe über die Menschheit bringen konnte.

Aber es gab noch eine weitere erfreuliche Mitteilung. Es hieß, das Professor Giacomo trotz aller widriger Umstände nicht müßig gewesen war und sich der Erforschung der künstlichen Positronen unbeirrt gewidmet hatte. Es war ihm gelungen, die Entstehung des Mesons, aus dem sich das spezielle bi-3 Positron bildete, aus der Umwandlung eines Bayrons, das sich aus drei Quarks und Antiquarks und einem Antibayrons zusammensetzte, durch die Erhöhung eines Drittels negativer Elementarladung auf zweidrittel mithilfe einer höheren Massezuführung der Bindungsenergie nachzuweisen. Aufgrund dieser Erkenntnis hoffte er, mit dem Plasma und den speziellen Gravitations - und Sonnenmagnetismuseinflüssen Santogas das Partikel künstlich zu erzeugen. Zumal er wußte, daß das dortige Luftschwefelgemisch sich zusätzlich katalysatorisch auswirken konnte.

Als die Santoganer daraufhin den Abschluß ihrer Pflanzeneinbringung zurückfunkten, konnten sie bereits auf zwei Möglichkeiten der Rettung ihrer Gitterstagnation zurückgreifen. Allen war nun klar, daß ihre Mission damit beendet war. Als Steff zusätzlich feststellen mußte, daß der Sauerstoff nur noch für zehn Tage reichte, gab er schweren Herzens den Abbruch ihrer Expedition der Zentralstation durch.

Die Hitze, der zur Neige gehende Sauerstoff, ihre schwindenden Kräfte und zuletzt das Ende des Ganges machten den Rückzug unumgänglich. Zumal die allgemeine Ansicht der Wissenschaftler auf der Erde die war, daß die Saurier zum Schluß doch zugrunde gegangen und sie lediglich noch auf die letzten Reste ihrer Kultur gestoßen waren.

Es blieb Steff nur übrig, so viel wie möglich von den fossilen Funden, den Wandmalereien und anderen Kulturformen mitzunehmen, wie auch von den vulkanischen Öffnungen der Schlote und der riesigen Räumlichkeit der Halle Fotos zu machen und alle Aufzeichnungen, Notizen und Analysen im Reisegepäck zu verstauen.

Für ihn aber gab es keine mit an Sicherheit grenzende Annahme, daß der Saurier wirklich eingegangen war. Es bestanden lediglich Vermutungen aufgrund der Massengräber und der Abbildung, auf denen sich die Iguanodons von dem sie bisher schützenden Plasma abgewendet hatten.

Aber wer konnte schon nach den jetzigen Forschungen eine wirkliche Theorie aufstellen und die vorliegenden Funde exakt deuten. Mißmutig stopfte er seine Utensilien in den großen Rucksack. Einzig der Gedanke an eine zweite Expedition beruhigte ihn einwenig.

Er hatte auch nicht die Worte Johns vergessen, daß ein möglicher Ausgang aus der Grotte durch den kontinentalken Drift verbaut worden sein konnte. Für ihn bestand ein Weiterleben der Saurier zu 50%. Der Abbruch dieser Mission war hauptsächlich im Auffinden der Positronenpflanze begründet. Und obwohl ihn dieser Umstand wegen der Santoganer durchaus erfreute, hätte er sich eine kleine Verzögerung durchaus gewünscht. Aber letztlich sprachen mehr als nur wissenschaftliche Ergebnisse für eine Umkehr. Die Hitze, ihre Kräfte und der Sauerstoff. Diesen Dingen wollte er beim nächsten Mal mit größerer Aufmerksamkeit begegnen.

Was aber blieb, war eine Ahnung, ein sich allmählich festigendes Gefühl des Wissens, eine Überzeugung. Immer stärker kristallisierte sich für ihn in der letzten Minute seines Aufenthaltes heraus, daß das Iguanodon nicht gestorben war. Es lebte, und es handelte. Es war um ihn, wenn nicht sogar jenseits der Mauer dieser Halle.

Er nahm einen Stein und hämmerte, ohne zu überlegen, gegen den harten Fels der Wand. Bumm, bumm, bumm... ‚Wo seid ihr? Gibt es hier noch Leben? So antwortet doch!’ Immer wieder begann er zu klopfen, und in seiner Verzweiflung bemerkte er erst nach einer Weile, daß ihm Mata-Hele die Hand auf die Schulter gelegt hatte.

»Ich verstehe dich, Steff«, sagte er schlicht und fügte dann leise hinzu: »Auch ich bin der Überzeugung, daß sie noch da sind.«

Sanft nahm er seinen Freund am Arm und führte ihn zu den anderen zurück. Wie durch einen Schleier sah Steff seine Kollegen, die auf ihn warteten. Sie hatten ihr Reisegepäck bereits umgeschnallt und hielten das seine in den Händen. Sich wieder besinnend, wischte er sich die Tränen aus den Augen und lud sich schweigsam die Taschen auf den Rücken. Er wußte, daß er noch einmal zurückkehren würde.

Nachdem sie den Zugang zur Höhle von außen wieder mit einer kunststoffartigen Gummimasse, die schnell verhärtete, dicht gemacht hatten, begannen sie den Rückmarsch.

Den ganzen Weg schritt Steff an Mata-Heles Seite, stapfte trotzig voran und schaute verbissen auf seine Schuhspitzen. Kaum spürte er noch den Druck des Rucksackes, dessen Riemen sich in die Falten des Schutzanzuges schnitten. Als sie anhielten, um eine Pause zu machen, wäre er am liebsten weitergegangen. Für ihn galt es nur noch anzukommen, um wieder zu gehen.

Mata-Hele setzte sich zu ihm. »Du weißt bestimmt, was der Sonnenwind ist«, fragte er leise und schaute Steff sanft in dessen Augen. Mild kräuselten sich die Wellen seiner eigenen Meere im fernen Hauch des Windes. »Es ist aus der Korona gelöste Materie, die das irdische Magnetfeld beeinflussen kann. Dieses bildet deshalb einen Ringstrom in der Atmosphäre, um die Erde vor allzu starker Strahlung zu schützen. Das wenige, was dennoch zu den Polen gelangt, erzeugt das euch bekannte Nordlicht. Im jetzigen Fall ist der Ring allerdings destabilisiert worden, so daß der Sonnenwind, durch die kosmische Strahlung verstärkt, beinahe ungehemmt hindurchgedrungen ist.« Der Santoganer hielt kurz inne, bevor er fragte: »Weißt du, woraus der Ring eigentlich besteht?«

Auf Steffs verständnislosen Blick hin antwortete er selbst. »Es ist reines, magnetisches Plasma. Verstehst du? Plasma! Aus dem die Sterne, Planeten und alle Gestirne gemacht sind, aus dem alles besteht.« Beinahe ereiferte sich der sonst so stille Santoganer. »Nun erinnere dich noch einmal des Röhrens unserer Kranken.« Intensiv schaute er Steff an. »Es zog sich in die Gesamtheit der kosmischen Einheit, es verband sich mit der Mächtigkeit der Sterne. So wie letztlich alles miteinander verknüpft ist.«

Steff hob langsam seinen Kopf. Er verstand nun, worauf sein Freund hinaus wollte. »So ist der Sonnenwind und die kosmische Strahlung letztlich der Zusammenhalt des Kosmos selbst, seine Sterne, Sonnen und Erden.« Erschrocken hielt er inne. Dann schüttelte er ungläubig den Kopf. »Und das Nordlicht ist immer dann entstanden, wenn... Wenn... «

Mit großen Augen verfolgte er die Brandung in der Iris des anderen. »Immer wenn sie die kosmische Einheit anriefen«, beendete Mata-Hele den Gedanken, »und immer, wenn sie vom Plasma getrunken haben. Aber nie wirklich, daß sie den Ringstrom gefährdeten, denn es scheint - ohne daß sie es sich wahrscheinlich selbst bewußt sind - daß ihnen die Aufgabe zukommt, das Leben auf der Erde zu bewahren.« Abrupt wandte er sich seinem Freund zu. »Zu erzeugen und zu erhalten. Bis heute.«

»Aber warum nur, Mata, warum dann das jetzt?«

Der Santoganer beobachtete ruhig seinen irdischen Freund. »Willst du es denn immer noch nicht verstehen, Steff?« Abwartend legte er ihm die Hand auf den Arm. »Wenn du glaubst, daß es dich ganz allein auf der Welt gibt, daß um dich herum nichts weiter existiert, ja - wenn du nicht einmal davon Kenntnis hast, was sich hinter den Wänden oder gar über dir befindet, würdest du es nicht auch mit der Angst zu tun bekommen, dich gar bedroht fühlen, wenn da plötzlich etwas auftaucht, was du bislang für völlig unmöglich hieltest, an dessen Existenz du bisher nicht einmal einen Gedanken verschwendet hast? Sie wissen ja nicht einmal, daß es die Erde gibt, geschweige denn eine Erdoberfläche. Ich bin zwar sicher, daß in ihrer Art von Sprache auch eine Bezeichnung für ihre Welt besteht, aber sie wird der unsrigen völlig entgegengesetzt sein - so, wie alles anders ist, als bei uns.«

Der Santoganer hatte eindringlich gesprochen, und verhielt nun ruhig neben seinem Freund. Dieser nickte gedankenvoll vor sich hin. »Das alles setzt voraus, dass sie uns wahrnehmen konnten. Wir also in ihrer Nähe waren!« Er hielt kurz inne. »Dann haben wir ihnen weh getan. Wir haben sie mehr als erschreckt, wir haben vielleicht sogar die Vorstellung ihrer geschlossenen Welt zerstört. Was sind wir doch für Barbaren!«

In diesem Augenblick vernahmen sie erneut das Anschlagen des Santoganischen Funkgerätes. Gespannt horchte Mata-Hele auf und wandte sich dann langsam den Menschen zu. »Es ist gerade durchgegeben worden, daß sich das Phänomen der Ringflamme zurückgezogen hat und anscheinend bald aufhören wird. Auch das Nordlicht erstrahlt nur noch wenig über dem Pol. Ich glaube, damit ist die Gefahr für uns alle und für die ganze Erde vorbei.«

Grenzenloser Jubel war die Folge. Erfreut und zuversichtlich begannen die Wissenschaftler, wieder miteinander zu reden. Ihre Verkrampfung löste sich. Die Positronen waren gefunden und die Erde einer aufkommenden Katastrophe entgangen. Letztendlich schien sich doch noch alles zum Guten zu wenden.

Lediglich Steff war aufgestanden und hatte sich einwenig von den anderen abgesetzt. Still stand er da und starrte den Weg zurück, den sie gerade heraufgekommen waren. Ihm war nun endgültig klar geworden, daß er nie mehr umkehren konnte. Aber die Sensation der Erdgeschichte war in seinem Herzen eingemeißelt. Er wußte jetzt, daß die Saurier existierten und weiter existieren würden. Nicht nur für ihn. Für alle, die sie achteten, und die die kosmische Einheit des Universums erkannt hatten. Ein unsagbar mildes Gefühl erfaßte ihn. Vergessen war die Enttäuschung der Rückkehr. Er hatte jetzt den Zusammenhalt der Welt begriffen. Vielleicht sogar sorgte die unendliche Macht des Kosmos doch noch für ein Zusammentreffen mit den Sauriern. Irgendwo in der Weite des Raumes. ‚Denn je dunkler das Weltall ist, desto heller leuchten seine Sterne.’ Eine Weisheit der Santoganer. Und sie wußten schließlich am besten über die Antworten bescheid, die der Kosmos stets zu geben bereit war.