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Literatur

Amarilis

Amarilis

- ein Roman von Rainer Kempas -
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Literatur
das Leben in einem Kondom



Kapitel IV:

S teff lag auf einem Bett, dessen Matraze aus dem Gras einer hiesigen Pflanze bestand, die in Kulturen der Vorstadt angebaut wurde. Ihr äußerer Teil war wie Hanf zu einer Schnur zusammengeflochten und schien noch zu leben, während das Innere mit getrocknetem und gepreßtem Stroh ausgefüllt war. Dieses strömte einen eigenartigen Geruch aus, der auf die Sinne der Menschen wie ein Tranquilizer wirkte und sie schläfrig machte.

Dabei sorgten die äußeren Triebe für ein abgestimmtes Verhältnis von Sauerstoff und Kohlenstoff, das den Bedürfnissen eines Schlafenden entsprach.

So war das Zimmer immer gut belüftet, obwohl die Fenster nicht geöffnet werden konnten. Denn die Atmosphäre von Santoga war für die Menschen nicht über einen längeren Zeitraum atembar. Der vorhandene Anteil verschiedener Schwefeldioxydverbindungen wirkte sich nämlich, wenn auch nur in geringem Ausmaße, nachteilig auf ihr Wohlergehen aus. Kopfschmerzen, Erbrechen und ein von den ätzenden Sulfiten verursachtes Austränen der Augen waren die Folgen.

Deshalb trugen sie, wenn sie sich außerhalb der sauerstoffversorgenden Pflanzen und Klimaanlagen befanden, immer eine Flasche mit Luftgemisch bei sich, aus der ein Schlauch zu einem Mundstück führte, das um das Kinn herum befestigt war.

Der ansonsten hohe Sauerstoffanteil der Luft wurde durch die unter-schiedlichste Flora produziert und bewahrt. Es fanden sich direkt vor dem Haus, in dem die Menschen untergebracht waren, an den Wänden hoch-rankende Schlingpflanzen, die bis zur Dacheshöhe reichten und sich manchmal an der anderen Seite der mehrstöckigen Wand wieder hinunter schlängelten.

Ebenso waren sie an Bäumen zu finden, deren Äste und Stämme sie auf das festeste umrankten und selbst bei starkem Zerren nicht mehr frei gaben. Sie schienen jeden sich bietenden Halt zu bewachsen, wobei sie stets im Schatten ihrer Stützen blieben.

Dabei hatte es den Eindruck, daß sie sich schmarotzend von den Bäumen ernährten, obwohl sie ebenso die kahlen Hauswände aufsuchten. Steff stellte aber alsbald fest, daß die Maueranstriche der Unterkünfte aus einem Kunststoff bestanden, der aus dem Inneren der Bäume zu einer Art gelblichen Harzes verarbeitet wurden.

Die Bäume selbst hatten ihre Äste fächerförmig dem Lichte ausgebreitet, wobei die äußeren Zweige ein wesentlich helleres Grün aufwiesen. Ihre Blätter hatten sich zu kleinen Röhren aufgerollt, die am Morgen voll des aufgefangenen Taus waren. Auch ihre Blühten waren stets von der Kühle der Nacht benetzt, hatten sich jedoch bei einbrechender Dunkelheit geschlossen. Erst mit Beginn der ersten Sonnenstrahlen öffneten sie ihre trichterförmigen Kelche und spendeten dem neuen Tag die Pracht ihrer roten und blauen Farben.

Im hellen Licht der Sonne funkelten ihre gelben Stempel und lockten zahlreiche Insekten an, die sich begierig auf ihre Blühten stürzten. In ihnen hatte sich über Nacht eine säuerlich schmeckende Flüssigkeit gesammelt, die den Käfern zur Nahrung und Fortpflanzung diente.

Nahezu jedes Getier wurde des Morgens von den wärmenden Strahlen der Sonne geweckt. Deren schwach gelbliche Färbung tauchte die Luft in einen zitrusfarbenen Schleier. Den Erdboden Santogas bedeckte ein antrazit getönter Humus, der die niedrigen, mit messerscharfen Rändern versehenen Strauchgruppen metallisch reflektierte.

Ansonsten flossen weite Wiesen grünen Grases durch die Flure und Ebenen Santogas und wurden von der Sonne je nach ihrem Stand in eine satte oder zarte Fläche schimmernder Halme getaucht.

Schaute man jedoch direkt in die Sonnenkugel hinein, was nur mittels einer speziellen Sichtblende möglich war, dann erschien sie einem wie ein roter Ball, dessen Strahlen sich erst in der schwefelhaltigen Atmosphäre des Planeten zu einem gelblichen Stich wandelten. Ging der Tag zur Neige, verblieb die Glut ihres Balles wie eine milchige Färbung, die sich letztlich in einem schwach bläulichen Schein erschöpfte.

Steff legte sein Atemgerät an. Die Mundöffnung war am Kinn und hinter dem Kopf mit einer Haftschale befestigt und oberhalb mit einer Nasen-förmigen Erhöhung verbunden, so daß beide Luftwege geschlossen blieben. Eine Sprachkommunikation bestand jetzt nur noch über einen kleinen, vorn eingebauten Filter, der die Worte gut vernehmlich durchließ.

Bevor Steff sein Zimmer verließ, prüfte er noch einmal den Verschluß des Köfferchens, aber es war immer noch zu. ‚Eigentlich müßte es heute zu öffnen sein, wenn Sokuk die Wahrheit gesagt hat.’ Er war sehr gespannt darauf, was dieser ihm mitteilen wollte und beabsichtigte, die Informationen möglichst rasch weiter zu geben, falls diese eine Bedeutung für die Menschen hatten.

Er dachte, einwenig durch den nahen Park zu gehen, um sich die Umgebung anzuschauen und dann mit John Cavanac das Haus für exsantoganische Kommunikation aufzusuchen, um etwas mehr über die ständig einlaufenden Ergebnisse der bi-3- Beobachtungsstation zu erfahren.

Mit der Hand bedeckte er seine Augen, als er nach draußen trat und in den glutroten Feuerball der santoganischen Sonne schaute. Mithilfe der Spezialbrille war die gleißende Korona der Protuberanzen um den Stern herum gut sichtbar. Im fernen Vakuum des Weltalls leuchteten die Eruptionen noch Sekunden nach ihrer Entstehung.

Für ihn aber war der Kosmos nun weniger beklemmend als noch vor einem Monat. Obwohl sich dessen Fremdartigkeit sichtlich gesteigert hatte, gab es jetzt einen großen Unterschied: er war ihm bereits begegnet. Er war ein Teil von ihm geworden, und er verstand nun, daß er es auch immer bleiben würde.

Die Sonne von Santoga zog einen tiefen Schatten, dessen Ränder sich scharf auf dem Boden abzeichneten. Nicht nur die Luft mußte im Augenblick freier von Staubpartikeln sein, die Strahlen schienen, obwohl sie eher seitlich kamen, auch heißer und klarer.

Da diese Region Santogas wegen der niedrig stehenden Sonne nur einen relativ kurzen Tag hatte, beeilte sich Steff, zu John zu kommen. Dieser wollte in der Mensa des Kommunikationshauses auf ihn warten. ‚Wahrscheinlich aber’, dachte sich Steff, ‚war er nur scharf darauf, die einheimischen Getränke auszuprobieren.’

Auf dem Schiff bestand für die Santoganer Alkoholverbot. Sie hatten in dieser Beziehung eine völlig andere Einstellung als die Menschen, da sie ihn eher als Gift und Droge ansahen und fast ausschließlich zu medizinischen Zwecken benutzten. Eine der wenigen Ausnahmen waren ihre Sommersonnenfeste und andere feierliche Anläße, die mit dem Einbringen der Bodenerträge zu tun hatten.

Besorgt schaute Steff noch einmal nach oben. Mittlerweile hatten sich einige Wolken gebildet, und er wollte auf keinen Fall in einen Regenguß geraten. Wie er gehört hatte, sollten diese Gewitterschauer dermaßen stark sein, daß sich die Erde in ein einziges Schlammloch verwandeln konnte. Zudem war der Regen schwefelhaltig, so daß er die Bildung von Säure befürchtete.

Als er dies John an der Bar der Mensa erzählte, konnte sich dieser kaum halten vor Lachen. »Was du nicht sagst, mein lieber Steff«, prustete er ihm entgegen und trank sein Glas leer.

»Du scheinst mir einwenig mit den hiesigen Getränken auf Kriegsfuß zu stehen«, fiel Steff pikiert ein. »Nun sag schon, was es dabei so zu Lachen gibt.«

»Die Wolken da oben haben überhaupt nichts mit Wasser zu tun. Tags über scheint es hier sowieso nicht zu regnen.« Er zeigte durch das geschlossene Fenster und wies dann auf die Klima - und Luftzufuhranlage. »Aber was meinst du, warum sie die Sauerstoffpumpe abstellen?« Wieder erschöpfte er sich in einer Lachsalve. »Das, was du da für eine Regenwolke hältst, sind lediglich tausende und abertausende kleiner Insekten, die in Scharen über das Land fliegen. Wie bei uns die Heuschrecke. Die Santoganer nennen sie den Schauhereinkäfer, weil er immer durch die Fenster oder sonst welche Öffnungen herein kommt, und dann in solchen Massenschwärmen. Da kann man allerdings etwas Angst bekommen, wie?«

Steff sah ihn verblüfft an. »Stimmt das wirklich? Aber was sucht er denn bei ihnen?«

Wieder mußte John lachen, als er Steffs Gesichtsausdruck sah. »Ganz einfach. Der Schauhereinkäfer wird durch die Gerüche angezogen, die in einem Haushalt nun mal entstehen. Schweiß der Menschen, Verdunstung und Ausscheidung der Santoganer und so weiter.«

»Aber dann kann er ja richtig zur Plage werden. Schau dir doch bloß diese Massen an. Das müssen ja Millionen sein.«

»Sind´s auch. Aber eine Plage war er wohl bloß früher. Heute haben sie ein Antiduftsystem, daß ihn von den Häusern fernhält. Die Luftschleusen werden nur noch zur Sicherheit geschlossen.«

Steff ging mit ihm ans Fenster, und zu zweit schauten sie nach draußen. Der Boden hatte sich von ihrem gewaltigen Schatten verdunkelt. Nach einer Weile besannen sie sich aber ihrer Aufgabe und begaben sich in den zweiten Stock, wo es eine Art Videozeitung gab, die ihnen die neuesten Informationen der paläontologischen Erdforschung lieferte.

»Schau mal«, rief John plötzlich, »ier ist eine knappe Zusammenstellung der letzten Driftmomente der Geomassen. Wenn auch einwenig oberflächlich, aber ich hoffe, daraufhin bereits Ausgangsspunkte der kontinentalen Verbreitung vor 65 Millionen Jahren finden zu können. Hier ist sogar die Strömungsrichtung aufgezeichnet.« Er blickte ganz verzückt auf die Bildplatte. »Man - wie haben die das nur gemacht?«

»Mich interessiert mehr, wie die Landverdrängung Europas aussah. Gerade in der Kreide gab es nämlich sich einander abwechselnde Trans- und Regressionen. Dabei muß ein starker Tierbestand vernichtet worden sein. Nur eine sehr extrem bewegliche Fauna kann sich damals gerettet haben.«

»Wenn wir eine kontinuierliche Entwicklung des Tidenhubs, der Sockelhebungen Europas und der Landbewegungen ermitteln können, lassen sich zum Beispiel sicher auch die damaligen Wanderpfade und Fluchtbewegungen festhalten. Damit bekommen wir dann die Ballungsgebiete der Tiere und deren Verbindungen untereinander.«

John trat zu Steff hinüber. Dieser las gerade in einem Buchmonitor über die Wolkenbildung der unteren Kreide. »Ich muß vor allem rausbekommen, wo sich die Saurier befunden haben«, sagte Steff. »Säugetiere, weißt du, gab es sicher überall, und die waren auch wesentlich flexibler. Aber Saurier, die hielten sich wegen der weichen und zahlreichen Wasserpflanzen meistens in Wassernahen Gebieten auf. Und da sie nicht so schnell zu Fuß waren wie die kleineren Säuger zum Beispiel, mußten sie an den alten Wasserstellen geblieben und gestorben sein.«

Er hielt inne und wählte eine Karte, auf der die Wolkenschichten der Wealdensenke zwischen England und Frankreich abgebildet waren. Diesen Ausschnitt ließ er sich vergrößern. »Dies hier ist ein Tag im Jahr 65.120.031. Da kannst du genau am Rand des Beckens tiefliegende Wolken sehen. Wenn es dort viel geregnet hat, und die Transgression beachtlich war, dann muß dort das ganze Land unter Wasser gestanden haben.« Unbewußt strich er sich über die Stirn. »Dieser Umstand könnte nun darauf hindeuten, daß dort viele Saurier starben. Zumindest die Riesenechsen. Oder sie überlebten. Wenn wir dort die Positronen der Chemopflanze finden.«

Steff schaute John fest an. Beide standen nach vorn gebeugt über der Glasplatte, hinter der sie die Vergrößerung betrachteten. »Weißt du, was ich will? Ich hab mir nämlich eine Methode ausgedacht, wie wir die Chemopflanzen leichter finden können.« Dabei faßte er John an die Schulter. »Ich werde vor allem da gucken, wo eine starke, pemanente Wolkendecke vorherrscht, die auf Regengebiete hinweist, so daß sich dann der Meeresspiegel dort hob und senkte, und die Ufer mithilfe der Landverschiebung in seichte Sumpfgegenden übergingen. Also die Grenze zwischen Land und Wasser!« Er hob den Kopf und richtete sich kraftvoll auf. »Denn nur da, wo sich Saurier befanden, die ansonsten keine Überlebensmöglichkeiten mehr besaßen, werden wir die chemosynthetische Pflanze entdecken. Denn sie ist, wie mir scheint, unausweichlich mit dem Schicksal der Tiere verbunden.«

John nickte langsam, zögerte aber noch, vollends seine Zustimmung zu geben. »Mir ist klar, Steff, daß du mehr als der Pflanze nachspürst. Du willst die Saurier, aber dazu mußt du erstmal deine Theorie beweisen. Ich verstehe dich vollkommen, aber bislang gilt es doch noch garnicht als gesichert, daß die Echsen wirklich überlebt haben. Mutet dich das nicht ein bißchen utopisch an?«

»Aber genau das ist es doch, warum mir keiner glaubt! Hättest du vor noch hundert Jahren etwa an die Existenz von Santoganern gedacht?«

John gab ihm einstweilen Recht, weil er wußte, daß er - wenn überhaupt - ihn nur mit sachlichen Argumenten überzeugen konnte. Aber vielleicht hatte Steff ja wirklich Recht. Zumindest war seine Vermutung, die Chemopflanze in wassernahen Gebieten zu suchen, nicht die falscheste.

Sie studierten noch einwenig die vorliegenden Unterlagen, machten sich von einigen kurze Notizen und gingen dann zusammen wieder zu ihren Wohnhäusern. Diese waren nach irdischen Maßstäben eine Art Hotel, für deren Reservierung die Berliner Abteilung für Raumfahrt zuständig war. Normalerweise wurden die dabei entstehenden Kosten für Service und Versorgung mit dem Im - und Export verrechnet, denn die Euromark als Zahlungsmittel erkannten die Santoganer nicht an. Auf der Erde gab es deshalb eine ergänzende Einrichtung, die für besondere, zum Beispiel private Sparten der kostenverrechnung verantwortlich war, um die santoganischen Forderungen zu vergüten. Das hierzu erforderliche Warenäquivalent wurde dann von ihnen in Geld zurückerstattet.

In seinem Zimmer angekommen, warf Steff erschöpft seine Unterlagen auf den Tisch und legte sich aufs Bett. Er hatte eine Idee, und er hatte die Möglichkeit, sie zu überprüfen. Natürlich durfte er dabei das eigentliche Vorhaben, die Positronenauffindung, nicht aus den Augen verlieren. Aber beide Angelegenheiten, die Pflanze und die Saurierforschung, waren für ihn untrennbar.

Er hatte einen Auftrag, und er wollte ihn erfüllen. Vielleicht konnte er danach mit dem Gedanken spielen, sich vollkommen auf die Saurierforschung zu konzentrieren. Er war noch jung, und irgendwann kam jedem ein Spezialgebiet zu. Ab diesem Jahrzehnt waren vielleicht Urtiere und die Positronen der Chemopflanze überhaupt nicht mehr unabhängig voneinander zu behandeln. Dazu bedurfte es allerdings einer Kombination verschiedener Fachgebiete. Die Positronenpaläontologie. Er mußte zunächst grinsen, doch dann verfinsterten sich seine Züge.

‚Die Positronen! Irgendwer wollte ihre Entdeckung verhindern. Irgendwer wollte die Santoganer boykottieren.’ Erregt sprang er auf und lief zum Schrank. Das Köfferchen! Jetzt mußte der Mechanismus endlich geöffnet sein. Hastig schob er die Tür beiseite.

Seinem Gesicht entwich jegliches Blut. Leichenblass und fassungslos starrte er in das leere Fach der Schublade. Das Köfferchen war weg! In diesem Augenblick begannen seine Knie zu zittern, und unwillkürlich mußte er hinter sich fassen, um sich wieder auf das Bett zu setzen.



In Streifen durchdrang das Licht die hohen Gitter der Wand. Diese reichten bis zu der konvexen Decke und schienen die Sonnenstrahlen zu spalten. In ihrem Schein wirbelten zahllose Staubkristalle, die ihn in ein buntes Spektrum zerlegten. Rote, grüne, blaue und gelbe Blitze funkelten in einem furiosen Tanz inmitten der riesigen Halle, deren Sonnenseite fast offen und nur von etwa 50 schmalen, hohen Säulen durchsetzt das gewölbte Dach trug.

Unterhalb der Kuppel hingen mehrere, zu dreiecken geformte Schalen, die eine Flüssigkeit enthielten, deren Odeur sich schnell in alle Winkel verflüchtigte und alsbald die ganze Halle durchzog. Bis weit draußen hin war ihr scharfer Geruch zu spüren. Sie beherrschte die Sinne ihrer Umgebung und flößte ihnen einen ehrfürchtigen Abstand ein.

Die Unterseite der Kuppel war mit zahlreichen Zeichen und Ornamenten verziert, die gleichsam das Haupt der Dreiecke bildeten und sie wie mit einer Krone zu schmücken schienen. Ihre Graffitis bildeten sich aus Schraffierungen, Schattierungen und farblichen Nuancen, die ineinander verliefen oder sich scharf zueinander abgrenzten, die aber nur einem Santoganer einen Sinn verleihen konnten.

Die Kuppel des Daches spannte sich über eine fast leere Halle bis zu ihren Seiten. Lediglich in der mitte, beinahe einsam und wie zufällig, erhob sich eine riesige, runde Säule, die innen hohl war. Sie stieß bis fast an die bunt bemalte Decke heran, und aus ihrer höchsten Spitze sprudelte eine rosa Flüssigkeit heraus, die langsam an ihrer äußeren Wand herunterrann.

Zu Füßen der recht dünnen Säule breitete sich ein etwa einen halben Meter tiefes Becken aus, das sie schier zu umringen schien. Es bildete einen Kreis wie das Meer um den Mast eines versunkenen Schiffes. Durch das ständige herunterrinnen der blaßrosa Flüssigkeit entstand eine leicht treibende Bewegung auf der oberfläche des kleinen Teiches. Doch dieser Antrieb war so gering, daß sich seine Wellen schon ermüdeten, noch bevor sie den Beckenrand erreicht hatten.

Der Fußboden der mächtigen Halle setzte sich aus einer Art blanken Marmors zusammen, der in sich kristallisierte Schmelze bergen mußte, die bei Veränderung des Standortes eines Beobachters selbst ihre Reflexionswinkel veränderte. So entsprang ihr gleichwie eine Bewegung, als ob jemand selbst über das gleißende Gefließ ginge.

Die bunt durcheinander wirbelnden Staubpartikel des Sonnenlichtes und die kristalloiden Erzkörner des Bodens schuffen nun eine derart flimmernde Pracht und Bewegung des Lichts, daß sie einen Eintretenden schier zu blenden schienen. Doch die überwältigenden Eindrücke dieses verwirrenden Spiels konnten nicht von der zentralen Einrichtung der Halle ablenken. Gleichsam wie als Gegensatz gedacht, floß das rote Rinnsal bedächtig die Säulen herunter und sammelte sich in dem sich bereithaltenden Becken. Nichts konnte diesen Ablauf stören, und selbst das eindringende Sonnenlicht schien an dieser Stelle seine Kraft erschöpft zu haben.

Obschon die Flüssigkeit keineswegs den Eindruck erweckte, daß sie sich dem Spiel der Sonne verwahrte. Sie schien es eher zu vereinnahmen in einer Art, die deren Strahlen über ihre Oberfläche streichen ließ, um sich selbst an ihnen zu erwärmen. Denn bisweilen glomm aus dem Becken die Spiegelung des Lichtes wie in der konzentrierten Stärke eines geflochtenen Bündels.

In der Öffnung zwischen den seitlichen Säulen erschien nun eine Gestalt, die einwenig unpassend in dieser Halle wirkte, sich aber bewegte, als kenne sie sie gut. Ihr um den Körper geschlungenes Gewand hing in riesigen Fetzen herunter und verhüllte nur wenige ihrer Glieder. So fiel auf, daß ihr ein Arm vollkommen fehlte, und sie sich ausschließlich mit dem anderen behalf. Um ihre drei Hälse wehte eine Art grauer Schal, dessen Enden in langen Schnüren ausfaserten.

Langsam, unter einer scheinbar gewaltigen Kraftanstrengung, drehte sich der Siechende herum und schaute zurück. Sogleich folgte ihm eine Reihe weiterer, die ebenso ärmlich gekleidet waren, und denen auch ein Arm, ein Bein oder gar etwas anderes fehlte. Manche hatten schwärende Beulen an den Körperseiten, die sogar ihre Köpfe und Hälse überzogen. Sie waren Mißbildungen, Mutationen, denen nur noch wenig gemeinsames mit den anderen Santoganern zu sein schien.

Zu guter Letzt humpelte ein alter Krüppel in die Halle, dem es gar an allen Beinen mangelte, und der sich nur noch mit einer Art Krücke eher kriechend vorwärtsbewegen konnte. Seine Miene aber sah furchterregend aus und glich der eines Beute spähenden Habichts, dessen Augen wie flirr ohne Ruhe waren.

Dieses Häuflein trauriger Gestalten begab sich nun stumm zum Becken hin, das sich vor ihnen wie ein hoffnungsspendender Jungbrunnen erhob. Eilig beugten sie sich über den Rand der steinernen Balustrade, um sogleich gierig die rosa Flüssigkeit in sich zu saugen. Manche besaßen auch eine kleine Schale, die sie füllten, und aus der sie tranken. Doch die meisten von ihnen schöpften mit der hohlen Fläche ihrer Sechsfingrigkeit aus dem Becken und setzten ihre Münder dabei nur zu hastig an die oft zittrigen Handteller.

Alsbald begannen einige, sich der spärlichen Umhänge zu entledigen, worauf ihre matte, kaum noch glänzende Epidermik fahl und grau in den entblößenden Sonnenstrahlen lag. Dann bediente einer von ihnen einen verborgenen Schalter, so daß die Flüssigkeit plötzlich in heftigen Schüben über den oberen Rand der schmalen Säule zu schießen begann. Mit einem gemeinsamen Aufschrei warfen sie sich unter den breiten Strahl des Brunnens und ließen sich von dem brodelnden Naß den Körper begießen.

Für eine kleine Weile schienen sie zu vergessen, wer sie waren, und was sie hierher verschlagen hatte. Einige legten sich sogar auf die zähe Spannung der rosanern Fläche und ließen sich von ihr Treiben. Wieder andere begannen, mit dem Kopf voran in die durch das Geplantsche entstandenen Wellen zu tauchen, wobei es sich zeigte, daß sie weder des Schwimmens kundig waren noch sich davon einen Begriff machen konnten. So beließen sie es dabei, für wenige Augenblicke in das zähe Naß einzutauchen, um sich alsdann wieder an seine Oberfläche hochtragen zu lassen.

Doch nicht lange währte es, dann brachen sie unvermittelt ihr sorgloses Treiben ab und zogen sich an. Schnell verließen sie die Halle, ohne die herrlichen Farbspiele der Sonnenstrahlen oder die Zeichnungen der Kuppel einen Augenblick gewürdigt zu haben. Sie verschwanden, wie sie gekommen waren, und nichts konnte sie noch interessieren, als die Einnahme der Flüssigkeit und das nun nahende Abbrennen ihres Plasmas.

Vor der Halle erstreckte sich ein weites, überrotes Feld, dessen Ende mit dem blau des fernen Horizonts verschmolz, und dessen Seiten da aufhörten, wo seine Felsen jäh abbrachen, um sich steil nach unten zu ziehen. Auf dem Boden dieser Ebene wuchs kein Baum, war keine Blume noch irgendein Getier. Keine andere Farbe gab es, die hier herrschte. Alles war rot.

Lediglich an den Rändern des Plateaus hatten sich einige Unregelmäßigkeiten gebildet. Hier war das Gestein aufgelockert und gab schmale, bizarre Öffnungen frei, die zu flachen, unterirdischen Schächten führten. Diese waren jedoch derart verschüttet, daß sie den Bewohnern des Berges lediglich als Unterschlupf in kalten Nächten dienten. Diese selbst lebten in zeltartigen Hütten, die sich in der Mitte des riesigen Plasmafeldes erhoben. Sie bestanden aus Lederhäuten, die mit primitiven Schnüren verbunden und zusammengehalten waren, besaßen einen Eingang, der stets zum Ende des Plateaus wies, und eine rohrartige Öffnung an der Spitze, die in Richtung auf die Halle zeigte.

Genau im Zentrum des Zeltplatzes befand sich eine überdimensionale Trinkschale, deren Durchmesser nach menschlichem Ermessen wohl an die zehn Meter betragen mochte. Um diese Schale, die auf einer niedrigen, zu einem Dreieck verflochtenen Astgabel befestigt war, scharrten sich nun die Santoganer. Zu ihren Füßen lagen kleinere Brocken der festen, aber dehnbaren Plasmamasse, die eigentümlich warm und schmiegsam war.

Mit ihren Händen nahmen sie nun die roten Klumpen auf, schaufelten kleinere Kiesel davon zusammen oder brachen gar aus der porösen Schicht des Bodens einige größere Brocken heraus und hielten sie mit plötzlich hochgerissenen Armen weit der Sonne hin. Immer wieder vollzogen sie diese Prozedur, bis sie mit einem Male in einen Singsang einstimmten, der alsbald in einen lauten, röhrenden Schrei endete.

Dabei starrten sie mit weit aufgerissenen Augen in das Licht, dessen Helligkeit den bernsteinblauen Kristallen ihrer Retina nichts ausmachte, hielten die Hände hoch, die voll des festen Plasmas waren und brüllten aus sich heraus, so kräftig sie es eben konnten. Wie Wölfe, die den Mond anheulten, so gurrten, schrien und röhrten sie der Sonne entgegen. Aus tiefster Brust dröhnte ihr Gebrüll über die Ebene, und ihr Schall leitete sich in die Tiefe der Täler und über die Grate der Berge. Von weit her wurde ihr Gesang vernommen, und das Gestein Santogas und das Wasser seiner Flüsse erzitterte unter ihrem Choral.

Dann warfen sie alle das Plasma ihrer Sonne in die Schüssel, deren Bauch sie auch weiterhin mit der rosa Flüssigkeit des Brunnens bis zum oberen Rand hin anfüllten. In ihr lösten sich die bislang festen Brocken des Bodens auf und mengten sich der rosa Substanz hinzu. Das dicke Geäst des Dreiecks bog sich unter der Last der Schale.

Nun entnahm der alte Santoganer, der vorher als letzter die Halle betreten hatte, einen brennenden Scheit dem seitlich daneben flackernden Feuer und hielt ihn in die volle Schale. Mit lautem Zischen schnellte eine niedrige, blaue Flamme blitzartig über die Oberfläche der Flüssigkeit, aber noch bevor sie deren Ränder erreicht hatte, explodierte sie. Mit einem gewaltigen Grollen erhob sich aus ihr heraus eine riesige Stichflamme, die sich nach oben hin züngelnd spaltete, als suche sie sich ein lohnendes Ziel.

Eine heftige Hitze verbreitete sich sogleich und zwang die Santoganer, einige Schritte zurück zu weichen. Nun war die Pracht des Feuers voll entfaltet und loderte in einer mächtigen Brunst über der Schale. Einzelne Flammen züngelten über den Rand hinweg und flogen gleichwie verselbständigt durch die Luft in die nun einsetzende Dunkelheit.

Mit versteinerter Miene stand der Alte daneben und sah zu, wie sich die flackernde Glut in einer Garbe über der Schale wölbte und den Sternen entgegenstieß. Da erwachte scheinbar wieder Leben in ihm, und er begann, erst langsam, dann immer heftiger, mit seinen Armen zu rudern und sie letztlich wie wild im Kreis um sich zu schlagen.

Die anderen taten es ihm gleich, und in die nun einbrechende Nacht war das Tanzen des kleinen Häufleins schon von weitem im Schein des riesigen Feuers zu erkennen. Die Sonne schien fast untergegangen und hüllte mit ihren letzten Strahlen den Fels der Hochebene in einen hellgelben Schein. Langsam strichen ihre goldenen Finger über das Plateau hinweg, und von hinten, aus dem Tal heraus, begann die Dunkelheit den Stein emporzukriechen.

So war es kaum wahrnehmbar, wie sich am Horizont schwarze Wolken zusammenbrauten. Mit einem Male ertönte ein mächtiger Donner, und alle Tiere und Lebewesen zuckten erschrocken zusammen. Doch das Habichtsgesicht des Alten blieb unbeeindruckt.

Schon wieder erschallte ein gewaltiger Schlag, dem ein greller Blitz folgte, der durch die Dunkelheit der Berge schnitt. Für einen kurzen Moment erleuchtete er das Firmament, gesellte sich zu der Lohe des Feuers und war dann verschwunden in einer Stille, die selbst das Blätterrauschen verschluckte. Der Wind hatte sich gelegt. Die Vögel verstummten, als sich eine plötzliche Wärme über das Land legte.

Dann war wieder etwas zu hören. Klack, klack... Die Stille wurde unterbrochen von regelmäßigem Tropfen. Die Vögel begannen erneut zu singen, und die Tiere lösten sich aus ihrer Starre und fingen an, sich einen Unterschlupf zu suchen. In langen, geraden Strichen fiel der Regen nun auf die Erde herab. Auf dem Boden niedergegangen, sprang er noch einmal hoch und zerplatzte dann in tausend kleine Ttröpfchen. Unaufhörlich übergoß er das Land, und der Wald begann wieder zu atmen.

Aber noch lange in die regennasse Dunkelheit hinein loderte die Flamme, die sich aus der Schale nährte. Die Santoganer hatten sich derweil in ihre Hütten zurückgezogen und ihre feuchten Gewänder abgestreift. Verstreut lagen sie auf dem trockenen Boden ihrer Zelte und starrten schweigsam zu den Sternen - da, wo die Sonne herkam, und wo auch sie selbst einmal ihren Ursprung gefunden hatten.



Traurig schaute Steff durch die Silikatfaserscheiben des geschlossenen Fensters. Vor ihm ergoß sich ein mächtiger Regenschauer über das Land. Die Bäume fingen die Tropfen auf und sammelten sie in ihren Blätterröhren und Wurzeln. Die Nacht war hereingebrochen und hatte die Gegend in eine gespenstische Dunkelheit getaucht. Nur das fluoreszieren der Leuchtkäfer und der gezackten Ränder eines Busches, der in der Nähe seines Hauses wuchs, glomm wie kleine Kerzenlichter über dem Erdboden. Durch den Flug der Insekten und die durch den Wind verursachten Bewegungen der Blätter entstand bisweilen der Eindruck, als führten Geister einen geheimnisvollen Tanz auf.

Bei allem aber herrschte außer dem dumpfen Aufprall der Tropfen eine vollkommene Stille, die dann um so wirkungsvoller vom keifenden Knall eines Blitzes zerrissen wurde. Dabei erhellte sich die gesamte Umgebung, und Steff konnte mit einem Mal und für Sekunden die Baumgruppe des Parks, die Blumen und sogar die entfernten Berge erkennen, bevor sie wieder in Dunkelheit zurückfielen.

Verzweifelt dachte er an den Koffer. Er beschimpfte sich selbst, daß er nicht besser aufgepaßt hatte. Weshalb hatte er ihn auch lediglich im Schrank aufbewahrt und nicht sogleich an einem sicheren Ort verschlossen? Nun konnte eine Katastrophe geschehen. Durch seine Schuld!

‚Was hatte Sokuk ihm wohl sagen wollen? Vielleicht war es nicht nur für die Santoganer von Bedeutung, sondern auch für die Menschen. Ihr Schicksal schien sich immer enger zu verknüpfen. Deshalb war es am wichtigsten, zu allererst den Koffer zu finden. Er mußte ihn - koste es, was es wolle - wiederhaben.’

Klack, klack, klack machte es jetzt. Steff schaute unwillkürlich zum Fenster, bevor er begriff und zur Tür ging. Als er sie öffnete, stand Mata-Hele, den er bereits vom Flug her kannte, vor ihm.

»Darf ich für einen Augenblick hereinkommen?« fragte dieser, und auf Steffs einladende Geste hin betrat er das Zimmer.

Er war von ungefähr 1,65 Meter großer Gestalt und trug um seinen für santoganische Maßstäbe langen, schlanken Körper ein Tuch aus Stoff, das Steff als ein ländliches Material aus baumwollähnlichem Gewebe kennengelernt hatte. An den Seiten hing es locker herunter und war erst zwischen den Beinen von einer ledernen Schlaufe zusammengehalten.

Er begrüßte Steff auf das freundlichste und erkundigte sich nach dessen Wohlergehen.

Steff antwortete ihm, das ihn die so früh und schnell hereinbrechende Nacht einwenig irritierte, aber Mata-Hele bemerkte, daß es noch etwas anderes war, was ihn beunruhigte.

»Haben sie sich schon bei uns umgesehen? Zuerst kommt einem der Planet natürlich etwas fremd vor, aber wenn man ihn richtig kennengelernt hat, versteht man ihn zu lieben.«

»Ja, ich war schon in der Bibliothek des Hauses für exsantoganische Kommunikation. Dort haben Herr Cavanac und ich einige sehr interessante Studien vorgefunden«, gab Steff zur Antwort.

Mata-Hele erkundigte sich daraufhin, wie er mit dem örtlichen Service zufrieden sei und fragte ihn, ob er noch Wünsche habe. Dann kam er auf das eigentliche seines Besuches zu sprechen.

»Herr Maiger, darf ich Sie nun bitten, mich für eine Stunde zu begleiten? Ich möchte ihnen etwas zeigen, was für sie von höchstem Interesse sein wird.«

»Was meinen Sie damit?« erwiderte Steff verwundert. »Und wohin soll ich gehen?«

»Es wäre zu verzwickt, Ihnen alles zu erklären. Wenn Sie mir vertrauen wollen. Dort werden Sie alle ihre Antworten erhalten. Aber ich darf Ihnen hier aus Geheimhaltungsgründen nicht mehr verraten.« Er wies um sich und deutete auf eventuell versteckte, imaginäre Mikrofone. »Auch hier gibt es sowas, Dr. Maiger, und sie können sich vorstellen, auf eine noch viel raffiniertere Weise.«

Doch Steff zögerte noch immer. Mittlerweile war er äußerst Mißtrauisch geworden. Seine einstige wissenschaftliche Aufgabe hatte sich fast zu einem politischen Detektivspiel entwickelt.

»Auf dem Treffen wird auch Kapitän Shan-Ucci zugegen sein«, ergänzte Mata-Hele. Dann öffnete er die Tür und wies Steff höflich, aber bestimmt an, ihm zu folgen.

Dieser biß sich auf die Lippen. Er wollte mit sich nicht mehr herumspringen lassen. Ihm war bewußt, daß er sich bislang wie ein unbedarftes Kind verhalten hatte. Doch er wußte auch, daß er nun die erstbeste Gelegenheit beim Schopfe zu packen hatte. Der Koffer war weg, und er mußte nun jeder sich gebenden Spur folgen. Auch wenn sie ins Ungewisse führte. ‚Ich habe einfach keine andere Wahl, zumal ich hier mit den näheren Umständen überhaupt nicht vertraut bin. Da ist es vielleicht besser, sich mit einem halbwegs Bekannten wie Shan-Ucci zu treffen.’

Er wollte zum Schirm greifen, um nicht dem säurehaltigen Regen ausgesetzt zu sein, doch Mata-Hele hielt ihn davon ab. »Das ist nicht nötig, Dr. Maiger. Im Erdgeschoß wartet ein Planetenschiff auf uns. Machen Sie sich bitte keine Umstände. Ich werde Sie auch wieder zurückbringen.«

Sie gingen in das unterste Stockwerk, wo ein Bodengleiter der zweiten Kategorie auf sie wartete. Die erste Norm konnte bis über die geostationäre Bahn hinausfliegen und die um den Planeten errichteten Satelliten und Beobachtungsplattformen erreichen. Dieser Gleiter vermochte nur, bis zu einer Höhe von 20 000 Meter und mit dreifacher Schallgeschwindigkeit zu fliegen. Der dritten Kategorie war es lediglich gestattet, auf direktem Wege die näher gelegenen Ziele anzusteuern.

Sie setzten sich in die Auffangschalen des bis zu einer gewissen Dehnbarkeit nachgiebigen Materials, und Mata-Hele zündete eine Art Choke. An der leisen Vibration merkte Steff, daß sie startklar waren. Langsam strich der Gleiter durch den unteren Schacht des Gebäudes ins Freie. Dann beschleunigte er plötzlich, hob gleichzeitig seinen Bug an und driftete in einer Schrägkehre über den Horizont. Hinter und neben sich sah Steff den dunklen Himmel, aber je weiter sie aufstiegen, umso heller wurde dessen Firmament. Sie hatten die Sonne eingeholt.

Unter sich konnte er jedoch so gut wie nichts ausmachen. Der Boden lag in völliger Nacht, nur vereinzelt waren größere Lichter von Ansiedlungen zu erkennen, die unter ihm zwischen den Baumgruppen aufblinkten. Wenig später zogen sie über eine Gegend, in der es absolut schwarz war.

In vollkommener Perfektion steuerte Mata-Hele den Gleiter über Santoga. Mit ungeheurer Geschwindigkeit schossen sie über die Hügel und Gipfel des Planeten dahin. Nur ein Radar oder ein UV-Licht zeigte dem Piloten die Umrisse. Bewundernd beobachtete ihn Steff.

Allmählich klärten sich auch die Verhältnisse unter ihnen auf. Jetzt konnte er sehen, daß sie bereits die ganze Zeit über ein riesiges Meer geflogen waren, dessen von oben sich klein ausmachende Wellen in den nun bis zu ihnen durchdringenden Sonnenstrahlen eine silbern glänzende Schaumkrone erhielten.

Fasziniert begriff Steff die Weite dieses Ozeans. Bei der Geschwindigkeit des Gleiters mußte er dem Pazifischen der Erde entsprechen. Kurz flackerte in ihm die Erinnerung an eine Segeltörn Hamburg-New York-Miami auf. Die Erde mit ihrem vertrauten Ambiente. Eine Woge warmer Sehnsucht wollte in ihm aufsteigen, doch das augenblickliche Panorama wischte diese aufkeimende Assoziation sogleich wieder energisch beiseite.

Mit einem Male zog Mata-Hele die per Sensordruck betriebene Steuerung tief nach unten. Steff kam es so vor, als ob ihm seine Magenwände durch die Brust platzten. Ein Manöver entsprechend der Konstitution der Santoganer! Doch nur für kurze Zeit verblieb der Gleiter im direkten Tiefflug. Dann fing er sich erneut und verlangsamte seine Geschwindigkeit.

Sie flogen über ein Eiland, das grünlich in der weißen Gischt der Brandung schimmerte. Von klüftigen Klippen umrahmt, an denen sich die starken Wellen des Ozeans brachen, lag die Insel verschlafen in den goldenen Strahlen der aufgehenden Sonne.

Steff bemerkte nun den heftigen Schub, den die Bremsen der Antriebs-aggregate auslösten. Direkt unter ihm tauchte die schmale, graue Spur einer Landebahn auf. Aber ehe er noch richtig ihren Verlauf zwischen den djungelartigen Pflanzen und Büschen verfolgen konnte, hatten sie bereits aufgesetzt. Und gerade, als er den ersten Rumpler auf der Piste wahrnahm, waren sie auch schon zum Stillstand gelangt. Verwundert wischte er sich die Augen. Nicht einmal eine Minute hatten sie gebraucht, um aus höchster Höhe vor einem Haus zum Halten zu kommen, das sich nun zwischen den wild wachsenden Pflanzen herausschälte.

Vor dessen Tür stand Shan-Ucci. Als Steff ausstieg, griff er nach hinten und hielt plötzlich einen Koffer in der Hand. Steff meinte fast, so etwas wie ein Grinsen auf den schmalen Lippen erkennen zu können. Doch er war noch viel zu perplex, um jede Einzelheit bewußt aufzunehmen.

Wie vom Blitz getroffen war er stehen geblieben und starrte wortlos auf Shan-Uccis rechte. Dieser schritt auf ihn zu und überreichte ihm mit einer Geste der Freundschaft den Koffer. »Er war Ihnen von Sokuk in treue Hände gegeben worden, und er gehört ihnen wieder.« Einladend wies er zum Häuschen. »Aber gehen wir doch erst einmal hinein. Dort ist es sicherer, und wir werden bestimmt nicht beobachtet oder abgehört.«

Mit dem Koffer unterm Arm betrat Steff die Schwelle. Im inneren der kleinen Räumlichkeit bot sich eine lederne Sitzgruppe dar mit einem Kristallglastisch in der Mitte. Gedämpft leuchtete von oberhalb die ganze breite der Decke in einem hellbräunlichen, warmen Ton. An der verschiebbaren Wand hingen einige Waffen mit kurzem Lauf und einer hellen Flüssigkeit in ihrem durchsichtigen Schaft. Steff hätte gern gewußt, was sich hinter den eingemauerten Türen verbarg.

Sie setzten sich, und er stellte das Köfferchen auf den Tisch. Mata-Hele bot ihm eine Erfrischung an und hielt sich selbst eine farblose Dose an den Mund, aus der er ein paarmal tief inhalierte. Anscheinend war der Flug doch schwieriger gewesen, als es aufgrund der Leichtigkeit der Steuerautomatik den Anschein hatte.

Steff wollte sich gerade im Hinblick auf den Koffer fragend an Shan-Ucci wenden, als die Wand mit den Waffen plötzlich auseinander glitt, und der zweite Navigator den Raum betrat.

Verwundert ob seiner Erscheinung stutzte Steff mitten im Satz und starrte ihn mit offenem Mund an. Moren-El-Darte aber blieb kurz stehen, verbeugte sich angemessen vor ihm und näherte sich Shan-Ucci. »Es ist nichts zu sehen, Kapitän. Ich glaube, wir sind im Moment völlig sicher.« Und zu Steff gewandt: »Im Nebenzimmer haben wir eine thermostatische Überwachung, die uns jegliche Annäherung von Körpern über einen Zentimeter Durchmesser auf 1000 Kilometern hin anzeigen. Ich habe das System jetzt auf Automatik geschaltet. Es wird uns rechtzeitig warnen.«

Dann setzte er sich zu den anderen. Shan-Ucci begann, Steff die vorliegende Situation zu erklären. »Sie haben sicherlich einen Riesenschreck bekommen, als Sie feststellten, daß der Koffer nicht mehr da war?«

Wortlos pflichtete Steff ihm bei, da er es für unnötig befand, diesen Umstand weiter zu betonen. Er hielt es zunächst für das Beste, zu schweigen und abzuwarten, wie sich das verworrene Spiel auflösen sollte.

»Ich darf Ihnen jetzt mitteilen«, fuhr Shan-Ucci fort, »daß sich Ihr Verbündeter - oder soll ich lieber Vertrauter sagen - ein gewisser Sokuk, auch bei mir vorstellte und mich auf einige Gefahren bezüglich unserer Suche nach den Positronen hinwies. Dabei erwähnte er jedoch nie konkret, was er unter den uns drohenden Gefahren verstand und wollte sich in dieser Angelegenheit auch nicht präzisieren. Aber wir konnten uns schon aufgrund der uns selbst bekannten Schwierigkeiten eine Vorstellung machen. Nichts desto trotz sind wir ebenso wie Sie daran interessiert zu wissen, welche Geheimnisse der Koffer zu verbergen hat.«

Shan-Ucci blickte in Steffs Augen, und für eine kleine Weile schien diesem, als ob die Umgebung vor ihm verschwämme. Dann faßte er sich und erkannte hinter den Schatten der bernsteinernen Retina wieder die nahe Weite des Meeres. Hastig begann er zu schlucken, aber Worte wollten ihm nicht über die Lippen kommen.

»Ihr Herr Sokuk hat uns darauf aufmerksam gemacht, daß Sie sich als Besitzer dieses Koffers selbst in eine beträchtliche Gefahr begeben würden und weiter, daß er es für zu riskant halte, einem in diesen Dingen doch recht unerfahrenen Wissenschaftler die völlige Verantwortung zu überlassen. Deshalb bat er uns nachträglich, diesen auf dem Flug mit einem anderen, harmlosen, den er uns bei dieser Gelegenheit überreichte, auszutauschen. Damit hoffte er zudem, mögliche Feinde beirren zu können. Mata-Hele hat nun diese gewiß unrühmliche Aufgabe übernommen und sich auf dem Raumschiff in Ihr Zimmer geschlichen. Danach war der Koffer, den Sie in ihrem Besitz hatten, lediglich die von uns eingetauschte Attrappe.«

Etwas entschuldigend nickte er zu Mata-Hele hin, der Steffs blick ruhig begegnete und ihm Zeit ließ, seine Empörung zu überwinden.

»Dann bin ich also nur ein dummer Lockvogel gewesen«, entfuhr es diesem heiser.

Aber Shan-Ucci wehrte mit der Hand ab. »Nicht doch. So etwas war nie beabsichtigt. Sokuk hat ihnen nie mißtraut. Er hat lediglich einem als wahrscheinlich geltenden Diebstahl vorbeugen wollen - wie sich nun zeigt, nicht zu unrecht.«

Doch im Gesicht von Steff sah er, daß es diesem immer noch Schwierigkeiten bereitete, die an und für sich für ihn wohlmeinenden Maßnahmen im rechten Licht zu betrachten.

Darum erklärte er weiter: »Ich kann Ihnen sogar versichern, Herr Maiger, daß Sokuk garnicht vorhatte, Sie nur zu benutzen und dann zu vergessen. Denn uns selbst verbot er, den Koffer zu öffnen. Dafür hatte er allein Sie auserkoren, da es lediglich mit ihren fingerelektrothermischen Abdrücken möglich ist, den Koffer zu entsichern. Wir selbst wissen nur, wann dieser sich wirklich öffnet, aber daß nach seiner Entriegelung trotzdem allein Ihre Fingeroptik den Deckel entgültig freigibt. Ein gewaltsames Eindringen würde nach wie vor eine Explosion auslösen.«

Steff staunte über den Weitblick Sokuks. Langsam begriff er die Raffinesse, mit der dieser eine Kenntnisnahme Fremder ausgeschaltet hatte. Voller Bewunderung schaute er zum schwarzen Koffer. Für kurze Zeit strich ihm der Gedanke durch den Kopf, daß auch dieses Exemplar nicht das Richtige sein könnte. Aber sogleich verwarf er ihn wieder.

»Dann kann ich ihn jetzt öffnen?« fragte er zu Shan-Ucci gewandt.

»Ich weiß es nicht, Herr Maiger«, sagte dieser darauf. »Ich kann es nur annehmen, da sich der 14. Tag nach dem Start seinem Ende nähert.«

Gebannt starrten nun alle auf Steff. Dieser zögerte nicht länger und beugte sich über den Koffer. Etwas unsicher noch, wo er anzusetzen hatte, drehte er diesen einige Male herum, bis ihm ein kleines elektronisches Auge auffiel. Langsam näherten sich seine Finger der schmalen Linse. Für einige Sekunden hielt er die offene Handfläche davor und ließ sie zweimal herumkreisen. Dann sah er gespannt zu den Santoganern hin. Auf Shan-Uccis Nicken legte er die Daumen an den Deckel und drückte diesen vorsichtig nach oben. Nur leicht, ganz leicht, um ja beim geringsten Widerstand innezuhalten, verstärkte er den Druck.

Mit einem Male sprang der Deckel um mehrere Zentimeter hoch. Erschrocken zuckte Steff zurück. Doch dann legte sich ein Freudenschrei auf seine Lippen. Der Koffer war offen.

Mit zittrigen Fingern nahm er die Papierrolle heraus, die sich als einziges in dem Koffer befand. Kleine Schweißperlen liefen ihm die Stirn herunter. Hastig glättete er das dünne Blatt. Nur mit Mühe konnte er die extrem kursive Schrift entziffern.

»Eine Verräterclique der Santoganer beabsichtigt, die bi-3 Mission von Kapitän Shan-Ucci zu verhindern. Sie wollen den Zustand, in dem sich ihre Kristalltetraeder zur Zeit befinden, nicht ändern lassen, da sie selbst nicht sterben wollen. Denn eine Auffüllung der Gittergeraden würde nicht nur die Geburt und die Weiterentwicklung ihrer Rasse bedeuten, sondern irgendwann auch ihren individuellen Tod. Die Evolution Santogas ist ihnen egal, wenn sie nur unendlich ihren eigenen Zustand zu erhalten vermögen. Dafür sind sie sogar bereit, über Leichen zu gehen, selbst eine andere Rasse, nämlich die Menschen, auszulöschen, nur um die Entdeckung der Positronen zu sabotieren. Aber bislang versuchen sie lediglich, die Menschen gegen die Santoganer aufzuhetzen, um eine gemeinsame Aktionsbasis zu verhindern. Sie haben einen ihrer Führer zur Erde geschickt, der augenblicklich die Position des Personaloffiziers auf Shan-Uccis Raumschiff innehat. Sein Name ist Erolandar.«

Steff hatte laut vorgelesen, sodaß nun alle Anwesenden informiert waren. Bei den letzten Worten sprang Shan-Ucci auf. »Der ist es also. Ich habe geahnt, daß wir einen Verräter in unserer Mannschaft haben.« Zum ersten Mal sah ihn Steff aus der Fassung. Nur mit Mühe konnte sich der Kapitän wieder beruhigen und setzte sich nach anfänglichem Zögern in seinen Sessel zurück.

»Mir war um den Konflikt einiger unserer Rasse bekannt. Es gibt immer häufiger Erscheinungen bei uns, die sich den alten, evolutionären Gesetzen nicht mehr beugen wollen. Selbst bei mir bin ich nicht sicher, ob ich mich nicht dazuzuzählen habe. Aber ich werde niemals einen Eingriff in unser Leben machen, ohne das wohl der ganzen Rasse, das aller Santoganer im Auge zu behalten. Dieses hier aber«, und er wies in die Richtung des Zettels, »dieses sind gemeine, egoistische Verräter, denn sie tun alles nur für ihr eigenes Wohl, nicht zum guten aller.« Er schaute zu Steff hinüber. »Es macht sich unter ihnen ein Gedanke breit, den ich eigentlich erst bei den Menschen kennengelernt habe. Ist es eine philosophische Richtung, eine Art Mode oder der Vorbehalt weniger: die Individualität. Ich begreife sie nicht. Wir sind zwar auch jeder für sich da und tun das, was allein wir wollen, aber ohne das Gefüge des Ganzen, die Struktur unsres Lebens, kann ich mir keine Handlung vorstellen. Was ich tu, ist ein Teil meiner Welt, und wenn ich ihr Böses widerfahren lasse, dann wird es zweifellos auf mich zurückfallen. Denn das Echo meiner Worte, wie man bei uns sagt, werde ich auch zu hören bekommen.«

Steff wußte zunächst nicht, was er darauf erwidern sollte. Es war mehr eine Gefühlssache, die ihn einerseits gefallen an Shan-Uccis Worten finden ließ, andererseits ihn aber in ihrer Bedeutung befremdete. Die Menschen auf der Erde lebten in ihrer Zivilisation, ihrer Gesellschaft auch miteinander, waren in Beruf, Ernährung und Liebe aufeinander angewiesen. Aber in jedem von ihnen bestand ein unabhängiger Wille, der ihn zu einem individuellen und zum Teil auch einsamen Leben befähigte.

Er versuchte, seine Gedanken Shan-Ucci und den anderen so gut es ging mitzuteilen, doch er war sich bewußt, daß es mehr brauchte, als nur eine kleine Diskussion, um ihnen ein Verständnis für die menschliche Art zu verleihen. ‚Vielleicht ist es sogar besser, sie nicht darüber hinaus von der Vereinzelung menschlichen Lebens überzeugen zu wollen. Jede Rasse hat ihre Bestimmung. Und in diesem Fall bestand das aktuelle Problem eher aus der Eigenart der anderen.’

Deshalb verwies er auf einen weiteren, kleine Passus, den er auf der Rückseite des Zettels entdeckt hatte, und der in Handschrift wohl nachträglich hinzugefügt worden sein mußte.

»Ich habe gerade erfahren, Dr. Maiger, daß ein gewisser Professor Schakmo in der Lage sein soll, die Positronen auf der Erde herstellen zu können. Am besten fragen Sie Shan-Ucci über ihn. Er wird Ihnen sagen, daß er mit dessen Mittelsmännern in Kaufverhandlungen steht. Dabei ist jedoch etwas nicht in Ordnung, wovon ich bis jetzt leider noch keine Kenntnis habe. Aber warnen Sie die Santoganer auf jeden Fall vor einem endgültigen Vertragsabschluß. Sokuk.«

Shan-Ucci erklärte die letzten Zeilen. »Es ist richtig, daß wir wegen der Möglichkeit der Herstellung auf der Erde in gewissen Verhandlungen mit einem recht dubiosen Konzern stehen. Aber wir sind noch Meilen davon entfernt, uns auf Vertragsbedingungen einzulassen, da wir selbst von der Zwielichtigkeit der Umstände überzeugt sind.« Er erhob sich. »Den Namen und den Hersteller, dieser Professor Schakmo, hören wir allerdings auch zum ersten Mal. Ich gestehe, daß wir ihm noch nie begegnet sind, da sich unser Verhandlungspartner in dieser Beziehung sehr verschlossen zeigt.« Und mit Blick auf Steff fügte er hinzu: »Aber ich kann Ihnen nochmals versichern, daß wir in dieser Richtung äußerste Vorsicht walten lassen werden.«

Alle waren nun aufgestanden und machten sich bereit, die Hütte wieder zu verlassen. Wie Morten-El-Darte sagte, war es besser, so kurz wie möglich zusammen zu bleiben, da sie alle die Beobachtung des Verräterbundes zu befürchten hatten.

Doch bevor Steff den Koffer wieder an sich nehmen konnte, richtete der Navigator erneut das Wort an ihn: »Darf ich Sie noch bitten, uns für einen Tag den Koffer zu überlassen? Es wäre möglich, daß Sokuk doch noch etwas darin versteckt hat, von dem er uns aus Sicherheitsgründen auf diese Art Mitteilung zu machen gezwungen ist. Das Papier können Sie selbstverständlich behalten, aber ich empfehle ihnen, es sobald wie möglich zu vernichten.«

Abwartend sah Steff Shan-Ucci an. Als dieser nickte, übergab er Morten-El-Darte den Koffer ein weiteres Mal. Dann reichte er ihm auch noch das Blatt, auf dem Sokuk seine Informationen aufgeschrieben hatte.

»Es ist bei uns manchmal üblich, auf dem Papier selber noch eine Mitteilung zu verstecken. Überprüfen sie es gleich mit, und vernichten sie es dann, wenn sie wollen. Für mich hat es seinen Sinn erfüllt.«

Beinahe wie Freunde verabschiedeten sie sich voneinander. Steff setzte sich in den Gleiter von Mata-Hele, und dieser startete durch. Innerhalb einer Minute war die kleine Insel unter ihnen verschwunden.

»Was werden die anderen Santoganer eigentlich machen, wenn sie feststellen, daß der Koffer leer ist?« fragte Steff seinen Piloten.

»Oh, das ist ein weiterer Schritt in unserem Plan«, erwiderte dieser. »Auch dieser Koffer ist mit einem Hochfrequenzdetonator präpariert. Der allerdings gilt für immer. Wenn den einer aufbricht, fliegt die ganze Umgebung im Umkreis von zehn Metern in die Luft, wobei eine Schwingung ausgestrahlt wird, die wir auffangen.« Bei den letzten Worten zog er das Luftschiff in einem eleganten Bogen über das unter ihnen liegende Meer. »Falls wir bis dahin noch nicht ihren Schlupfwinkel wissen - dann kennen wir ihn.«

Langsam dirigierte er den Gleiter auf Direktkurs. Mit dreifacher Schallgeschwindigkeit zischten beide dicht über die glitzernden Wellenkäme hinweg. Zurück zur Stadt. Der erneut untergehenden Sonne zu.



Der Bug des Raumschiffes schnitt durch die Strahlen der Mittagssonne. Lautlos suchte er seinen Weg inmitten des Vakuums des Weltalls. Hell wie Schaum gleißte das kunststoffüberzogene Metall im Dunkel des Nichts. Die Kugel Santogas verblieb kleiner werdend dahinter.

Die Beobachtungsstation schwebte 40000 Kilometer entfernt von dem Planeten an einem konstanten Punkt. Die Luftschichten und ihre Sphären reichten bis zu einer Höhe von 30000 Kilometer. Da in ihnen das Licht gebrochen wurde, und die Teleskope außerdem nur wie durch einen Nebel hindurchdringen konnten, war sie außerhalb jeglicher Hülle im reinen Vakuum des Raumes installiert.

In ihrer unmittelbaren Nachbarschaft hatten die Santoganer mehrere Radioteleskope errichtet, die dem Hauptteleskop auf der Station eine summative Kraft gaben, die es bis zu 14 Milliarden Jahre tief in den Kosmos hineinsehen ließen. So konnte fast bis zum Anfang des Weltalls, bis zu seinem Urknall zurückgeschaut werden.

Durch äußerst feine, analytische Geräte war es weiter möglich, auch das Aufkommen einzelner Elemente und ihrer Verbindungen auf der damaligen Erde zu messen. Damit dominierte zwar die optische Beobachtung. Doch aufgrund der verschiedenen Eigenschaften der Partikel, ihrer Thermik, ihres Aufprallverhaltens untereinander, ihrer quantitativ abhängigen Reaktion hinsichtlich Gravitation und nicht zuletzt der Rotverschiebung ließen sich weitere Rückschlüsse auf die Zusammensetzung von Atmosphären und ihren Zuständen ziehen.

So konnte das Positron bi-3 an seinem Aufprallwinkel gegen ein co2-Atom und das fremdartige Iridium 100 auf der Erde durch eine Spektralveschiebung seiner Elektronenausfallrate erkannt werden. Über beide Analysen sollte zum Beispiel der Herkunftsort der Pflanze berechnet werden. Dabei war es natürlich nicht möglich, das ganze Weltall zu übersehen, denen viele Planeten wurden durch größere Sterne verdeckt, ganze Galaxien gar durch riesige Sternenhaufen. Nach wie vor konnte nur das wahrgenommen werden, was auf direktem Wege die Möglichkeit hatte, zu den Teleskopen der Santoganer zu gelangen.

Steff saß vor seinem Tisch und studierte ein letztes Mal die Aufzeichnungen der Erde, wie sie vor 65 Millionen Jahren existiert hatte. Aufmerksam las er die Funktionen durch, die die telethermische Analyse skizziert hatte. Den Anteil des Sauerstoffs, Stickstoffs, Wasserstoffs und Kohlenstoffs. Außerdem gab es Angaben über eine geringe Anzahl regional verbreiteter Positronen, die auf die Existenz der Chemopflanzen hinwiesen.

Doch diese Aufschlüsselungen waren in der Stratosphäre der damaligen Erde gemacht worden, so daß durch Windeinflüsse und andere Strömungen eine tatsächliche Ortung und Ursprungsrückführung dieser Teilchen nicht mehr möglich sein konnte. Steff war sich im Klaren, daß eine Suche nach den Positronen nur über Rückschlüsse der thermischen Luft - und Landbewegungen zu erfolgen hatte. Und - wie er sich insgeheim dachte - auch die Suche nach einer bestimmten Saurierart.

Er hatte bislang nur John davon erzählt, um eine Reaktion auf seine Theorie abzuschätzen. Obwohl ihm der paläontologische Bereich der menschlichen Kolonie auf Santoga im Augenblick unterstand, wollte er jedoch nicht zu sehr eine Idee dominieren lassen, die keiner der anderen unterstützte.

Grübelnd hob er seinen Kopf. Langsam ließ er das Foto der prähistorischen Erde durch seine Finger gleiten. Es stellte einen Ausschnitt Indiens dar, das sich vor 250 Millionen Jahren von Afrika getrennt hatte und nun als Insel quer durch die Thetys zum 8000 Kilometer entfernten Asien driftete. Dafür brauchte es insgesamt 89 Millionen Jahre.

Unfaßbar. Steff schaute sich wieder und wieder den punktuellen Ablauf der Ereignisse auf den Fotos an. Vor sich hatte er das Dokument einer sagenhaften Wanderung. Die Veränderung der Erde, ihrer Natur und ihrer Kräfte. Aber das vor ihm waren nur Fotos. Eine Ablichtung. Bald, in nicht einmal einer halben Stunde, sollte er sie wirklich sehen, wie sie war - wie sie ist - wie sie gelebt hatte.

Vergangenheit und Gegenwart verschmolzen. Der Taumel der Technik hatte beides zusammengeführt. Der Zeitsprung war gelungen! Zwar nicht fühlbar - er war nicht selbst mittendrin, aber er konnte es sehen. Die Vergangenheit der Erde im damaligen Ablauf der Tage.

Saran-Dalbar, der Pilot des Gleiters der 1. Kategorie, zog nun eine Schleife, und auf der rechten Seite konnten sie die Raumstation erkennen. Kip, der Astrophysiker, klatschte vor Freude in die Hände. »Endlich ist es soweit. Die Weiber auf diesem Planeten haben mir sowieso nicht gefallen.«

Und John Cavanac ergänzte: »Was heißt Weiber. Der Whisky war ab-scheulich.«

»Das war doch kein Whisky, Mann. Hast du denn nicht das Etikett auf dem Reagenzglas gelesen?« Kip kicherte in sich hinein. »Du hast denen doch glatt das Frühstück weggetrunken!«

Die Menschen auf dem Gleiter fielen alle in ohrenbetäubendes Lachen ein. Nur die Santoganer verstanden nicht, was daran so lustig war. Saran-Dalbar sagte sogar: »Unser Frühstück pflegen wir nicht wie sie in Reagenzgläsern einzunehmen.«

Freundschaftlich schlug ihm Kip auf die Schulter. »Nehmen Sie es uns bitte nicht übel, wenn wir mal einen Scherz machen. Wir Menschen sind halt so, wenn wir uns auf etwas ganz besonders freuen. Wären Sie nicht begeistert, wenn Sie nach langer Zeit mal wieder ihre Heimat sehen könnten?«

Und Steff sagte zu Mata-Hele, der als Geospezialist auch dabei war: »Der Kip ist unser Komiker. Achten Sie nicht auf das, was er sagt, außer es geht um Physik. Als Mensch ist er in den Kinderschuhen stecken geblieben, aber als Wissenschaftler macht ihm so schnell keiner was vor.«

Die anwesenden Santoganer nickten, und wenn sie gelächelt haben könnten, würden sie es jetzt vermutlich tun. Dann bereiteten sie sich auf die Landung vor. Dicht vor dem Spalt eines gewaltigen Portals fuhr der Gleiter senkrecht nieder. Als das Tor endgültig auseinander sprang, schob sich das Raumschiff in den Rachen einer riesigen Halle. Dort kam es zum stehen. Nachdem sich das Portal wieder luftdicht verschlossen hatte, entriegelte Saran-Dalbar die Tür und stieg aus.

Die Menschen legten ihre Sauerstoffmasken an, denn das Luftgemisch entsprach dem auf Santoga, und folgten den Santoganern. Im Hangar war es angenehm kühl. Von dem 20 Meter hohen Dach leuchtete ein heller Schein über die Ankämmlinge.

Einer der an der Seite Wartenden kam auf sie zu und rief: »Ich freue mich, sie auf der Beobachtungsstation hangar IV begrüßen zu können. Mein Name ist Radan-El-Dor. Ich bin der technische Leiter dieser Kuppel. Darf ich Sie nun ganz herzlich bitten, näher zu treten.«

Die Menschen befolgten noch einwenig scheu seine Aufforderung und gingen ihm zu einem zentral geschalteten Monitor hinterher. Dort gab er jedem einzelnen die Hand, ganz nach menschlicher Sitte, und zeigte ihnen anhand des Fernsehbildes sämtliche Räume der Station mit allen wissenschaftlichen Einrichtungen und Gemeinschaftszimmern. Diese waren zwar sehr winzig, auch ziemlich niedrig, da die Santoganer im Schnitt etwas 30 Zentimeter kleiner waren, aber dafür hatte sich Radan-El-Dor aufrichtig bemüht, ihnen jeden erdenklichen Service zu ermöglichen. Auch an für eine menschliche Physis bequeme Sitz - und Liegemöbel war gedacht.

Nachdem sie sich von den Ausmaßen der Station ein Bild gemacht hatten, wies er sie in ihre privaten Kabinen ein und zeigte ihnen das sanitäre Versorgungssystem. Dann zog er sich diskret zurück und überließ es den Menschen, sich mit der fremden Einrichtung in Ruhe vertraut zu machen. Schließlich sollten sie hier für einige Zeit bleiben, um an der Auffindung der Positronen mitzuhelfen.

Doch es dauerte nicht lange, dann erschienen sie wieder im Zentralraum der Station. Es war für sie kaum erträglich abzuwarten, daß sie der technische Leiter zum Beobachtungsschirm führte. Keinem von ihnen war es noch länger möglich, den Anblick der Erde hinauszuschieben.

Der Raum, in dem das aufgezeichnete Bild der fünf Superteleskope, die optischen und rechnerischen Analysegeräte und ein Teil der Computer standen, war zuäußerst der Station. Er stand fast frei mitten im Weltall und war nur durch einen kleinen Gang mit der eigentlichen Kuppel verbunden.

Drei bis vier Mann vermochten lediglich, darin Aufenthalt zu finden, denn er war derart vollgefüllt mit Apparaturen, Zeichentischen und Borden voller Buch - und Aufnahmematerial, daß sich kaum einer zwischen den Regalen einen Weg bahnen konnte. Zumal waren für die Menschen einige Zusatzgeräte angeschafft worden, deren Optik, Schalttafeln und Formen den menschlichen Sinnen besser entsprachen. Eine ständig gebeugte Haltung oder das unzulängliche Ablesen der Computerexplikationen hätte eine zusätzliche Belastung der bereits äußerst harten Anforderungen bedeutet.

Lediglich der Direktor, Steff, John und Mata-Hele befanden sich nun in der Kuppel. Die anderen mußten draußen warten und lauschten gespannt den Kommentaren ihrer Kollegen.

Einwenig unschlüssig stand Steff vor der zwei mal drei Meter messenden Apparatur, deren größerer Teil draußen im All befestigt war. Randan-El-Dor justierte die einzelnen Spiegel zueinander, deren Winkel, Distanz und Schärfe und schaute dann auf. Als Steff immer noch stehen blieb, wies Mata-Hele mit der Hand auf den Drehstuhl des Teleskops und bedeutete ihm, sich zu setzen.

Unsicher biß sich Steff auf die Lippen. Mata-Hele sah ihn ruhig an. Steff schien, als ob sich dessen Augen weiteten, und in ihnen ein Funken glomm, der sich in seiner Iris reflektierte. Wie bei Shan-Ucci gewahrte er das tiefe Blau der Meere, das weiter innen in einen helleren Ton überging, dem Blau des Horizonts.

Mit vorsichtigen Bewegungen setzte sich Steff in den Sessel. Dieser paßte sich ungewöhnlich gut seinen Körperformen an. Er brauchte nur wenig an der Höhe verbessern, um den Bildschirm der Fernrohre genau vor sich zu haben.

Wie angelegentlich schielte er zu den Aufzeichnungen hin, doch er konnte nichts deutlich erkennen. Nur die Interferenz des kosmischen Rauschens bildete gezackte Wellenlinien, die sich über den Ausschnitt zogen. Radan-El-Dor schaltete einen Lichtsensor ein, und der Bildschirm flackerte gelb-bräunlich auf. Langsam, mit Sekundendauer klärte sich das Bild, und Konturen zeichneten sich ab. Verwaschen konnte er blaue, grüne und rote Farben differenzieren. Doch noch immer ergab sich ihm daraus kein Sinn.

Wieder manipulierte der technische Leiter an einigen Sensortasten, und allmählich verschärften sich die Umrisse. Vor sich konnte Steff nun einen etwa kreisrunden Ball erkennen, über den sich fast das ganze Spektrum der Farben ergoß. Diese überlappten sich derart, daß er weiterhin keinen konkreten Eindruck erhielt.

Mata-Hele kam hinzu und verbesserte die Spektrallinien und die Anordnung der Spiegel zueinander. Dann wies er mit einer unbedeutenden Geste erneut auf den Bildschirm. Steff schaute hoch. Vor ihm lag Laurasia.

Für eine lange Zeit brachte er kein Wort heraus. Die anderen vor der Tür lauschten auf jede seiner Bemerkungen, doch Worte wollten ihm nicht gelingen. Seine Stimmbänder waren wie schwere Ketten. Trocken schluckte er, um den Gaumen zu befeuchten. Schweiß rann ihm die Stirn herab und sammelte sich an den Haaransätzen neben den Ohren. Dann versuchte er erneut, seine Zunge zu bewegen. Immer wieder schien er auf sie zu beißen.

»O ha«, war aber alles, was er herauskam. Hastig wischte er sich über die Schläfe. Seine Augen brannten, weil er immer noch wie gebannt auf den Bildschirm starrte.

Vor ihm flimmerte die Erde. In hellen, fast schon schillernden Farben, die durch den thermischen Verstärker hervorgerufen wurden, faltete sich der diffuse Nebel eines Staubgürtels aus. Dahinter erstreckten sich die Landmassen Europas, Afrikas und Asiens. Wie ein einziger Kontinent. Blaugrün vom Meer umrahmt. Weitere braune und grünliche Flächen bildeten die üppige Vegetation der damaligen Zeit beziehungsweise den nackten Fels der Berge.

Dann betätigte Mata-Hele erneut einige Schalter, und mit einem Male fuhren sie dichter an die Erde heran, bis sie nur noch einen Teil des europäischen Festlandsockels vor sich hatten. Hellgrau blinkten die weiten Ebenen des Schelfeises, und etwas unscharf vom Meer abgegrenzt konnte er die verbundene Landmasse von England und Frankreich erkennen. Darüber schimmerten kleine, rote Punkte, die wie Derwische umeinander zu tanzen schienen.

Mata-Hele zeigte darauf. »Das sind die bi-3 Positronen, die von der Chemopflanze emittiert werden. Ihre scheinbar für uns sichtbare Bewegung kommt durch das Aufblinken zustande, wenn sie auf ein anderes Atom prallen. Ihre Lichtblitze werden dann als rote Punkte umgesetzt.«

Gebannt beobachtete Steff das Gebiet, über dem die roten Punkte wie Nadelstiche aufleuchteten. Es mußte an der Küste Westeuropas liegen. Aber er wußte, daß ihre Lage in der Stratosphäre keine Garantie für ihren Ursprung war.

»Wann ist dieses Bild aufgenommen ... Ich mein, in welche Zeit kann ich die Erde gerade sehen?« Ihm wurde bewußt, daß er sich noch an einige Gedankensprünge gewöhnen mußte.

»Was Sie hier sehen, ist eine Aufnahme der Erde vor 64.304.651 Jahren, der Zeitraum, den das Licht bis hierher braucht«, gab Mata-Hele zur Antwort. »Um genau zu sein, es muß dort Mittag sein, da wir gegen Abend einen größeren Teil Ostasiens im Ausschnitt haben.«

Steff stand auf, um John und den anderen Kollegen ebenso einen Einblick zu gewähren. Aus dem Korridor hörte er Kip irgendetwas rufen, aber er war nicht in der Lage, darauf zu reagieren. ‚Sollte ich eine Paralyse haben?’ fragte er sich. ‚So etwas wie einen Kulturschock? Oder lag es an dem ungewohnten Flimmern des Bildschirms?’ Er merkte, wie ihm die Knie weich wurden, und er setzte sich in einen Sessel.

Neben sich hörte er John dumpf aufstöhnen. ‚Das kommt nicht vom Flimmern’, dachte er und strich sich matt über die Stirn. Klebrig fühlte er seine Handfläche an der Wange und wischte sie am Hosensaum ab. Als auch John fertig war, machten sie den anderen Platz. Ravishnari, Kip und Maurin stürmten mehr als das sie gingen in das Zimmer. Draußen lehnte er sich an die kühle Wand und blickte John fragend an.

»Ungeheuerlich«, brummte dieser, und sein rotblonder Schopf stand ihm steil nach allen Seiten ab. Verwirrt strich er sich über die Haare. »Ich glaube, daß ich wohl innerlich bis jetzt daran gezweifelt haben muß. Obwohl ich wahrlich nicht der erste Mensch bin, der das gesehen hat.«

Mit großen Augen sah er Steff an. Dieser nickte langsam und schien sich wie im Schlaf zu bewegen. Doch seine Sinne waren hellwach und versuchten, das grad Gesehene einzuordnen. »Ich frage mich nur, wie sie die einzelnen Elemente differenzieren und analysieren können. Außer den Positronen und einer verschwommenen Atmosphäre habe ich nicht viel ausmachen können.« Dabei sah er keinen an.

Doch Mata-Hele antwortete ihm unaufgefordert: »Was wir heute gesehen haben, ist nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was uns möglich ist. Für alle verschiedenen Analysen und für die differenziertestes kontinentalen Messungen, die auch noch direkt unter der Erdoberfläche oder bis auf den Grund eines etwa 30 Meter tiefen Sees dringen können, besitzen wir Aufzeichnungs - und Darstellungsgeräte. Ich betone: Messungen, denn direkte optische Eindrücke sind aufgrund der Erdatmosphäre nicht mehr möglich.« Er begleitete die letzten Worte mit einem bedauerlichen Achselzucken, bevor er fortfuhr: »Würden wir nun alle einzelnen Messungen über den Computer auf den Sichtschirm geben, dann hätten wir ein völlig diffuses Bild, sämtliche Skalen und Linien würden sich überschneiden, und wir könnten überhaupt nichts mehr erkennen.«

»Dann haben sie uns praktisch einen wohlgewählten Ausschnitt gezeigt, auf dem nur das zu sehen war, was uns im Augenblick am meisten interessiert: das Land und die Positronen?« fragte John.

»Ganz richtig. Nachher zeigen wir Ihnen natürlich, wie alles insgesammt funktioniert, so daß sie sich die Ausschnitte je nach ihren Bedürfnissen selbst abrufen können. Aber für das erste wollten wir Ihnen lediglich die Erde zeigen ohne viel verfremdende Technik.«

In diesem Augenblick kamen die anderen zurück. Auch sie wirkten jetzt wie gelähmt. Selbst Kip war merklich stiller geworden. Aber in seinen Augen konnte Steff erkennen, wie es in ihm arbeitete.

Gemeinsam gingen sie den Gang hinunter zur Zentrale. Es war eine stumme Prozession, und laut klapperten nur ihre Schritte über den schwerkraftbesetzten Boden. Einjeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Radan-El-Dor blickte in ihre einwenig blassen Mienen.

»Haben Sie noch Fragen, meine Herren, bevor ich Sie erst einmal in ihre Kabinen entlasse?«

»Ja«, antwortete ihm Maurin, der Techniker, »mich würde interessieren, wieweit Sie eigentlich die Erde in ihrer damaligen Vergangenheit verfolgen können?«

»Oh, die Erde selbst nicht weiter«, erwiderte Radan-El-Dor, »da der Zeitabschnitt dieser Erde das Verhältnis aus seiner Distanz zu uns und der absoluten Lichtgeschwindigkeit ist. Aber ansonsten soweit Sie wollen.«

»Ich würde nämlich gerne sehen, was vor der Erde war. Ich meine, wie sah das alles aus, bevor sie existierte?« Herausfordernd schaute er den technischen Leiter an. Wahrscheinlich schien ihm sein Wunsch doch einwenig zu vermessen.

»Oh«, gab der Direktor zur Antwort, »das kann ich Ihnen schon sagen. Denn in der Zeit vor ihr war eine riesige Supernovaexplosion erfolgt. Da sieht man nichts als Staubwolken.«

»Staubwolken?« fragte Maurin verblüfft. »Aber ich dachte, davor war garnichts. Die unendliche Leere des Weltraums.«

»Nicht ganz so, Herr O`Hara. Schließlich ist die Erde erst vor 4,7 Milliarden Jahren entstanden. Und was meinen Sie denn, woraus?«

»Eben aus den Bestandteilen einer Supernova«, warf Kip grinsend ein. »Ja, Maurin, wir sind alles Kinder eines unglücklich verstorbenen roten Riesens. Auch deine Eingeweide sind nichts als der Staub eines vergangenen Sterns.« Und beinahe seelig faltete er die Hände über den Bauch. Er hatte als erster seinen Humor wiedergefunden.



Mata-Hele beugte sich über den Plasmaantrieb des Gleiters. Mit einem Thermolaser kontrollierte er die Kontakte der Anschlüsse. Das Gerät empfing die üblichen Wellenlängen eines Ionenaggregats in Ruhe. Gäbe es eine Unregelmäßigkeit, würden die Zeiger der Skala ausschlagen und einen Dauerton erzeugen, der für Menschen nicht mehr hörbar war, da er oberhalb der Frequenz von 25000 Hertz lag.

Mit einer dicken, gelben Paste strich er über den Ring einer Plastikisolierung, bis er sich ihrer Dichtung gewiß war. Dann nahm er einen auf Magnetbasis beruhenden Kontaktschlüssel und überprüfte die Festigkeit der silbernen Schweißnahten des Gleiters. Vor allem an der Außenseite ließ er es nicht an Vorsicht fehlen. Der säurehaltige Regen konnte bisweilen schon dessen Außenhaut in Mitleidenschaft ziehen.

Befriedigt hob er den Kopf. Einer seiner drei Hälse zitterte einwenig vor Anstrengung, da er in der ungewohnten Bückstellung fast das ganze Gewicht des Kopfes zu tragen hatte. Umsichtig räumte er das Werkzeug wieder in eine Schatulle und reckte seinen schlanken Körper.

Er hatte einige Besorgungen zu erledigen, frischen Proviant für sich und die Menschen zu holen und einige Ersatzteile zu beschaffen, die ständig in der Beobachtungsstation benötigt wurden. Außerdem waren die Fremden mit den sanitären Einrichtungen nicht ganz zufrieden. Zum Waschen baten sie um ein in Körperhöhe befestigtes Becken, da es ihnen zu umständlich war, sich in einer Schale knapp oberhalb des Fußbodens zu reinigen. Auch das Klo in Beckenhöhe schien ihnen nicht genehm, so daß er ihnen die entsprechenden Utensilien nachbesorgen mußte.

Dabei kam ihm eine Idee. ‚Es wäre eigentlich das Beste, wenn ich einen von ihnen dabei hätte, der dann selber die benötigten Teile aussuchen kann. So ist gewährt, daß diesmal auch das richtige beordert wird.’

Alsgleich machte er sich auf den Weg in die Außenkuppel, wo sich das Teleskop befand. Dort wußte er mit Gewißheit einen von ihnen anzutreffen. Seit drei Tagen arbeiteten sie nun und waren kaum mehr aus dem für sie äußerst engen Raum wegzudenken.

Sicherheitshalber ging er dennoch den Gang durch, der an ihren Privatkabinen entlang führte. Doch dort begegnete er keinem. Deshalb erklomm er die steile Treppe zur Telekanzlei, betrat den schmalen Flur davor und blieb vor der offenen Tür stehen. Im Innenraum waren vier Menschen beinahe schon übereinander damit beschäftigt, die letzten Ergebnisse ihrer Fotospektrolyse auszuwerten.

Er sah sich um. Auf den Tischen lagen Berge von losen Zetteln, die mit irgendwelchen Formeln und Anmerkungen bekritzelt waren. Wissenschaftliche Bücher bedeckten den Boden, und von den Computern in den Regalen, die normalerweise für die Steuerung der Teleskope verantwortlich waren, hingen reihenweise angeklebte Auszüge seismografischer Aufnahmen.

»Hallo«, rief John ihm entgegen und fuchtelte mit einem Foto herum. »Wissen Sie, was das ist, Mata?«

Mata-Hele konnte es von dieser Entfernung nicht erkennen und versuchte, sich durch die Berge von Papier näher zu wühlen. Dabei dachte er: ‚Warum benutzt er nur die eine Hälfte meiner Kennung? Ich sag doch auch nicht Cava zu ihm.’

»Sehen Sie die Reste des Schelfeises?« John zeigte auf eine graue Fläche, die Teils von bläulichem Wasser umgeben war. »Hier haben wir den Beweis, daß Gondwanaland und Laurasia einst miteinander verbunden waren, obwohl die Thetys schon zwischen ihnen stand. Dieses Bild dokumentiert eindeutig die Funde der damaligen Zeit, daß nämlich auf beiden Kontinenten die gleiche Tiergattung gefunden wurde. Eine Wanderung über das Schelf mußte also auch vorher jederzeit möglich gewesen sein.«

Mit seinem offenen Gesicht sah er Mata-Hele an. Dieser nickte und schaute sich mit scheinbar unbeeindruckter Miene die Ablichtung an.

»Hier. Und nun diese Aufnahme vom Norden Skandinaviens. Der Mittelatlantik hatte die beiden Kontinente zwar schon getrennt, aber es bestand immer noch eine Verbindung zwischen Nordamerika und Afrika, nämlich über das Schelfeis Europas.« John deutete auf eine weitere Stelle der anscheinend durch eine Fotomontage erweiterten Abbildung. »Ebenso wie zwischen Sibirien und Alaska.« Und ehe Mata-Hele etwas erwidern konnte, reichte ihm John ein drittes Blatt.

»Wir haben in unseren fossilen Funden auf der Erde erst in der Kreide, also der für unsere Positronensuche interessanten Zeit, eine Unterscheidung der Saurierarten vorgefunden.« Er wies mit dem Finger über eine breite Wasserlinie. »Hier nun sehen sie die endgültige Trennung der beiden Kontinente. Es muß eine Schmelzung des Eises vonstatten gegangen sein, die nur auf eine beträchtliche Erwärmung des halben, wenn nicht des gesamten Erdballs zu erklären ist. Vielleicht sollten wir uns mal fragen, ob - und wenn ja, weshalb es mit der Entstehung der Chemopflanze in Verbindung steht.«

Mata-Hele merkte, daß die drei anderen, Dr. Maiger, Dr. Ravishnari und Wilckens in ihrer Arbeit innehielten und ihn erwartungsvoll ansahen. Mittlerweile wußte auch er, daß die Menschen in ihrem manchmal schier unermeßlichen Eifer auch immer wieder eine Belobigung brauchten.

»Fantastisch«, sagte er und nickte anerkennend. »Das mag ein erster Hinweis sein. Es könnte bedeuten, daß die Pflanze während dieser Hitzeperiode entstanden ist und sich dann aufgrund der Abkühlung durch den Staubgürtel des aufgeprallten Meteoriten in wärmere Zonen unterhalb der Erdkruste verzogen hat.«

»Genau! Aber wir haben noch mehr festgestellt«, ergänzte Steff Maiger. »Wie wir wissen, war Laurasia zunächst selbst noch einmal unterteilt gewesen. In der Oberkreide gab es nämlich einen tiefen Graben innerhalb Nordamerikas, und auch Asien und Europa waren noch vereint. Erst ihre Verbindung - das Aufeinanderprallen der Landmassen - konnte die kontinentale Verschienung, wie sie heute zu sein scheint, und damit die Höhlenwanderung der Pflanze ermöglichen.«

Mata-Hele dachte nach. »Haben Sie die Vermutung, daß die Positronen im damaligen Europa ausgestrahlt worden sind?« Er schaute Steff erwartungsvoll an.

»Einiges scheint darauf hinzudeuten. Zum Beispiel die roten Punkteemissionen, obwohl sie nicht den genauen Standort wiedergeben. Aber es dürften zu der Zeit keine Außergewöhnlichen Orkane oder thermischen Ströme existiert haben. Das konnten wir an dem ziemlich gleichmäßigen Treiben des durch den Meteoritenaufprall aufgewirbelten Staubmantels ersehen.« Steff rieb sich das Kinn und presste die Lippen aufeinander. »Und wir sind dabei auf etwas gestoßen, was die Theorie eines europäischen Ursprungs weiterhin zu erhörten scheint. Diese Staubansammlungen in der Erdatmosphäre befinden sich stets in direkter Nähe zu den Positronenaufkommen. Wenn sie wirklich etwas miteinander zu tun haben, der Staubmantel - oder gar der Meteoritenschalg selber - mit der Pflanze, dann bedeutete diese Verbindung, daß das Gewächs am ehesten in sehr heißen und später dann in sehr dunklem Gebiet gedieh.«

Mata-Hele stimmte ihm zu. »Die Hitze würde unsere Vermutung bestätigen, daß die Positronen nur in einer ungewöhnlich hohen Temperatur entstehen können. Und die Verdunklung deutet darauf hin, daß hier die ersten evolutionären Schritte zu einer Chemosynthese stattgefunden haben.« Er schaute Steff aufmunternd an. »Ich glaube, Herr Maiger, wir sollten diesen Gedanken nicht aus den Augen verlieren und - im Gegenteil - uns unter anderem noch mehr mit dem rätselhaften Aufprall des Mmeteoriten beschäftigen.«

Freundschaftlich hielt er Steff am Arm. Eine sonst seltene Geste der Santoganer, die dieser nicht oft bei ihnen gesehen hatte. Er fühlte, daß ihn Mata-Hele auf das wärmste achtete.

»Ich möchte Sie noch etwas fragen, Herr Maiger«, sagte dieser jetzt. »Wenn Sie sich für einige Stunden abkömmlich machen können, dann würde es mich freuen, Ihnen einwenig die Gegend zu zeigen. Ich muß nämlich einen Gütertransport für unsere Raumstation fliegen, wobei Sie mich begleiten können. Nebenbei«, und er blinzelte Steff von der Seite fast schon schnippisch an, »können Sie sich dann auch selbst die passenden Utensilien für ihre örtlichen Bedürfnisse aussuchen.« Zu Steffs Erstaunen schien er sogar einen leicht ironischen Unterton bekommen zu haben.

Gerne willigte er ein, denn neben der Arbeit war er natürlich äußerst begierig, einen Blick auf den Planeten werfen zu können.

Er gab seinen Kollegen Bescheid und suchte sich ein paar Sachen in seiner Schlafkabine zusammen, die er für die kleine Fahrt benötigte. Dabei wechselte er auch den Behälter seiner Sauerstofflasche aus und nahm sich gleichzeitig einen geringfügigen Vorrat an Essen und Trinken mit.

Dann setzten sie sich in ein Luftschiff der 1. Kategorie, und Mata-Hele ließ das riesige Portal des Hangars öffnen. Sie glitten unter einem metallischen Aufbau hindurch, dessen konvulsive Kräfte das Luftgemisch der Station band und vor dem Ausströmen bewahrte. Dann befanden sie sich erneut in der tiefen Schwärze des Alls. Mit der Eingabe eines direkten Kurses in die Automatik steuerte Mata-Hele auf Santoga zu.

Mit circa 5000 Kilometern in der Sekunde flogen sie dem Planeten entgegen. In einer Höhe von 2000 Metern hatten sie auf etwa die doppelte Schallgeschwindigkeit abgebremst und rasten nun von unten kaum wahrnehmbar über die Wälder Santogas. Diese bestanden jedoch nicht aus dem Holz und den Blättern der Bäume des kleinen Parks direkt in der Nähe von Steffs erster Unterkunft. Jene schienen lediglich den Menschen zu gefallen dort angepflanzt worden zu sein. Diese entsprachen eher der Natur Santogas.

Obzwar sie auch über eine im wesentlichen grüne Farbe verfügten und auf der Basis der Fotosynthese arbeiteten, entsprachen ihre Konstruktionen keineswegs einem irdischen Äquivalent. Ihre Äste und Stümpfe bestanden aus knorpelähnlichem Material, und selbst die Stengel und Adern ihrer Blätter waren knochenähnliche Hohlkärper aus Kalk und Phosphorsalzen. Ihre Haut und Rinde bildete ein Material, das Steff schon als Verarbeitung an Sitzen und Polsterungen gesehen hatte. Es war wie das Leder der irdischen Büffel, ebenso hart und schmiegsam zugleich.

Mata-Hele erklärte ihm, daß der Fahlbaum das am meisten vorkommende Gewächs auf Santoga war. Zu Millionen bewuchs er die weiten Ebenen und bildete ein nahezu unerschäpfliches Reservoir für die Möbelverarbeitung und deren Verkleidung.

‚Schränke aus Knochen!’ Beinahe unangenehm berührte Steff diese Vorstellung, und er hätte gern auf einige Erklärungen verzichtet, die ihm sein Pilot während der Exkursion gab. Deshalb fragte er ihn, ob in diesen Wäldern auch wilde Tiere lebten.

»Ja, natürlich«, war die Antwort. »Nur von hier oben können wir sie nicht sehen. Sie sind klein und trinken das salzhaltige Wasser, das die Bäume in dem Röhrensystem ihrer Knochen produzieren und über die ledernen Blätter ausschwitzen. Sie selbst haben keine Beine, stehen aber auf einer Art von Armen, die ihnen in Schulterhöhe wachsen, bis zum Boden reichen, und mit denen sie, wenn sie sich mit ihrem starken Schwanz abstützen, auch zu den hohen Ästen greifen und die Blätter ablecken können. Gleichzeitig befruchten sie damit die Blüten, sodaß der Baumbewuchs - ihre Nahrungsquelle - stets erhalten bleibt.« Er wandte den Kopf Steff zu. »Sie sind jedoch nur selten zu beobachten. Aber kurz bevor wir landen, fliegen wir über eine Tränke, an der sich eine andere Spezie aufhält, die ebenso interessant ist.« Gleich darauf fügte er hinzu: »Wir müssen bald da sein. Dort befindet sich auch die Stadt, in der wir unseren Proviant und die Ersatzteile holen.«

Steff blickte angestrengt nach vorn, aber konnte nicht viel von der Stadt ausmachen. Lediglich kleine, flache Sockel, manchmal eine Wand, die aber mehr an eine Ruine erinnerte, da sie jäh abbrach. Hie und da eine schiefe Säule.

In diesem Augenblick deutete Mata-Hele nach unten, und Steff sah einen kleinen See, um den herum gar merkwürdige Wesen schlichen. Der Santoganer hielt kurz an, und der Gleiter stoppte über den Tieren.

Sie hatten einen kleinen Schädel - jedenfalls soweit Steff es feststellen konnte, dafür hinten und vorne eine Schwanz. Wenn er ganz genau hinguckte, vermeinte er, an den Spitzen kleine, knopfartige Augen und feine Fühler zu entdecken. Sie bewegten sich auf schuppenartigen Flechten, die ihnen Ähnlichkeit mit einer Schlange gaben. Trotzdem konnten sie recht schnell in ein Gebüsch oder unter einer Felserhähung flüchten.

»Haben die denn garkeinen Kopf?« fragte Steff einigermaßen erstaunt.

»Doch, doch«, erwiderte Mata-Hele, »der ist bloß nicht zu sehen. Er sitzt nämlich in der Mitte ihrer Leiber. Sehen sie die etwas unförmige Verdickung? Das ist ihr Gehirn.«

Er ging noch einwenig tiefer. Nach einer Weile sagte er plötzlich: »Hören Sie mal, jetzt fangen sie gerade an, sich zu unterhalten. Sie verfügen über eine wirkliche Kommunikation.«

Steff strengte seine Ohren an, so gut er konnte, doch er vermochte keinen Laut zu hören. »Reden die vielleicht in der Zeichensprache?« fragte er. »Ich krieg nämlich nichts mit. Ich seh aber, wie sich an einem ihre Schwänze ständig etwas bewegt.«

»Ja, das ist ihr Mund. Aber hören Sie wirklich nichts?« Mata-Hele sah ihn erstaunt an. Doch kam ihm eine Erklärung. »Ihre Stimmen sind allerdings extrem schrill. Ich glaube fast, daß es an der hohen Frequenz liegt, die Ihr Ohr nicht mehr vernehmen kann.«

Steff nickte. »Das wird wohl leider so sein.« Gespannt schaute er den Tieren zu, aber außer ihren merkwürdigen Schnabelbewegungen konnte er nichts ausmachen. »Sagen sie, gibt es eigentlich viele von diesen Tieren hier?«

»Nicht besonders«, antwortete ihm Mata-Hele. »Wir haben sowieso eine nicht allzu große Auswahl an Fauna auf Santoga.«

Steff dachte eine Weile nach. »Aber wie kommt es dann, daß sie soviel Erdöl produzieren können, wenn sie kaum Tiere haben?«

»Schauen Sie sich um.« Mata-Hele wies hinter sich. »Wo wir herkommen, sind nur Wälder. Davon haben wir überreichlich. Halb Santoga ist von ihnen bedeckt.«

‚Die Knochenbäume’, ging es Steff durch den Kopf. ‚Ja richtig, sie bilden einen großen Fundus.’

Mata-Hele startete wieder seinen Gleiter und fuhr dicht an die Stadt heran. Steff bekam dabei ein immer merkwürdigeres Gefühl. ‚Wo sollte hier eine Stadt sein?’ Nirgends konnte er ein Gebäude ausmachen. ‚Bezeichnete der Santoganer diesen Flecken vielleicht nur so, weil hier früher einmal eine gewesen war?’

Er machte sich auf alles gefaßt. Die vier Tage seit der Landung hatten ihn in Bezug auf Vorurteile und rein menschliche Betrachtungsweisen vorsichtig gemacht. Er nahm sich vor, sich von nichts mehr überraschen zu lassen. Aber trotzdem wurde er ein weiteres Mal tief erschüttert.

Sie waren inzwischen gelandet, und Mata-Hele deutete ihm, in seiner Körperschale sitzen zu bleiben. »Ich will nur kurz Bescheid sagen und dem Verwalter eine Liste der Nahrungsmittel geben, die wir anfordern.«

Er ging einwenig geradeaus und war mit einem Male verschwunden. Steff rieb sich die Augen, doch von seinem Begleiter war nicht die Spur zu sehen. Ungläubig starrte er zum Punkt hin, an dem sich dieser eben noch befunden hatte. Er wollte schon aufstehen und nachsehen, als der Santoganer plötzlich wieder erschien, genau am selben Fleck und erneut wie aus dem nichts.

»Äh ... « rief Steff einigermaßen verwirrt. »Was machen Sie da?«

Mata-Hele kam auf ihn zu. »Ich hab mir schon gedacht, daß Sie sich wundern würden. Aber daß Sie garnichts sehen ...« Selbst ein bißchen ratlos hielt er inne. Die Menschen schienen über weniger beziehungsweise noch schlechtere Sinne zu verfügen, als ihm bereits mitgeteilt worden war.

»Vor Ihnen liegt eine ganze Stadt mit Häusern, Einwohnern und Straßen.« Er hielt noch einmal inne. »Sehen Sie wirklich garnichts?«

Steff antwortete ihm, daß er lediglich ganz verstreut ein paar Mauern und einige kleine Fundamente sehe, sonst aber nur den etwas milchig-weißen Vordergrund eines, wie er glaubte, besonders dicken Luftgemisches.

Doch Mata-Hele erklärte ihm, daß das ‚besonders dicke Luftgemisch’ ein spezielles Gravitationsfeld war, auf dem die Santoganer und auch die Menschen gehen konnten. Die Wände, Decken und Dächer bestanden alle aus einer flexiblen Kunststoffmasse, die durch besondere Schwerkraftaggregate zusammengehalten wurden und sogar eine Fortbewegung in vertikaler Richtung ermöglichten.

Hauptbaustoff war dabei eine Art Flüssigkristall aus eiweißähnllichen Verbindungen auf der Grundlage von Silizium, das zum Zusammenschluß von Hochmolekularen Ketten befähigt war. Bei Erreichen einer gewissen Größe konnte es sich sogar durch eine schlängelnde Bewegung teilen.

Einige Häuser der Vorstadt waren dadurch in der Lage, weitgehend selbstständig zu funktionieren, daß heißt sich zu erneuern und zu regenerieren, zu vergrößern und auszubauen, aber sich auch ganz langsam fortzubewegen, sodaß sie bei einem entsprechenden Auftrag, der ihren Genen eingegeben wurde, fortgehen und sich an eine andere Stelle platzieren konnten.

Außerdem war es ihnen möglich, auf einen deutlichen Reiz bestimmter Lichtstrahlen ihre eigene Form zu ändern. Zum Beispiel konnte sich so eine Lagerhalle vergrößern oder verkleinern, ohne daß diese Vorgänge für Menschen erkennbar waren.

Die Santoganer konnten jedoch alles wahrnehmen. Sie gingen durch die Türen, stiegen Treppen und fuhren auf den Straßen spazieren. Durch eine spezielle, ungefährliche UV-Strahlung, deren Reflexionswinkel optisch nicht die menschliche Iris erreichten, waren die Häuser für sie völlig normal.

Auf Mata-Heles mehrmalige Aufforderung hin entschloß sich Steff endlich, an dessen Hand sich durch die für ihn unsichtbaren Gänge führen zu lassen. Der Fußboden fühlte sich einwenig wie Gummi an, und als er aus Versehen eine der Wände berührte, tauchte sein Ellenbogen sogar ein bißchen in die gallertartige Masse ein.

Er hatte ein außerordentlich mulmiges Gefühl und schritt auch nur äußerst zögernd und langsam voran. Obwohl er Mata-Hele vollkommen vertraute, riefen die nun laufend auf ihn einstürzenden Eindrücke in ihm eine starke Unsicherheit hervor. Fortwährend sah er nun und wie aus dem nichts Santoganer auftauchen, die mal zu zweit, mit einem Korb in der Hand oder kleinen Kästen auf den Schultern, an ihnen vorbeihuschten. Er war froh, als Mata-Hele anhielt und auf eine reichhaltige Ansammlung eben dieser Körbe und Kästen zeigte.

Sie schwebten vor ihm, als ob sie Flügel hätten oder sonst wie gerade von oben fielen. Steff war kaum zu überreden, weiter zu gehen. Doch überall, wo er stand, hatte er festen Boden unter den Füßen. Trotzdem schlich er mehr, als daß er ging, darauf zu.

Mata-Hele öffnete einen von ihnen. Darin fand Steff zahlreiche der kleinen Fläschchen, die die Santoganer benutzten, um sich zu erfrischen. Sie beinhalteten eine Sprayflüssigkeit, die sie in ihren Küchenmensen einnahmen.

Mit noch einigen anderen Helfern schleppten sie die Kästen in die Gleiter, wobei Mata-Hele ihn wie auf dem Hinweg bei der Hand nahm. Inzwischen waren auch menschliche Nahrungsmittel im Gleiter verstaut worden, und Steff kümmerte sich speziell noch um einige die menschlichen Belange betreffenden Angelegenheiten. Zu guter Letzt war sogar ein richtiges Klosettbecken in der Laderampe des Luftschiffes verstaut.

Als sie wieder Platzt genommen hatten, fragte Mata-Hele ihn: »Wir sind jetzt fertig. Wenn Sie noch einen Wunsch haben, sagen Sie es ruhig. Vielleicht wollen Sie irgendwo hingeflogen werden, wo es besonders schön ist? Oder schauen Sie sich doch mal die Wälder an?«

Steff überlegte. Seine Aufmerksamkeit hatte etwas ganz anderes angezogen. Etwas, das ihm schon beim Anflug aufgefallen war und seine Neugierde ausgelöst hatte.

»Können wir nicht einmal bei den roten Feldern vorbeifliegen?« fragte er seinen Piloten unbekümmert. Er hatte aber nicht mit dessen Reaktion gerechnet. Mata-Hele wurde plötzlich ganz steif und schien ihn überhört zu haben. Erst auf Steffs wiederholte Bitte hin wandte er sich ihm zu und konnte sich auch dann nur mit Mühe zu einer Antwort überwinden.

»Zu der Hochebene?« Selbst im Translator krächtste seine Stimme.

Auf Steffs Nicken hin entschloß er sich zu einigen erklärenden Worten: »Dieses Gebiet besteht aus rotglühenden Silikaten, deren Plasma mitunter kranken Santoganern die Schmerzen lindert. Es ist aber auch schon vorgekommen, daß einem von ihnen plötzlich wieder die Gittergeraden aufgefüllt wurden, und er gesund in die Stadt zurückgehen konnte. Aber sowas kommt selten vor. Es ist ein schrecklicher Ort. Lauter Kranke, ohne Arme, ohne Beine ... Ich weiß nicht, wollen Sie da wirklich hin?«

»Warum denn nicht? Was ist daran so verwerflich?«

»Naja.« Mata-Hele schüttelte angewidert den Kopf. »Überall Kranke, Siechende. Mit ätzenden Beulen, Schwären unter den Achseln und an Krücken gehend. Ich meine, sowas ist doch unangenehm.« Mehr war aus ihm nicht herauszubekommen.

Steff wunderte sich. ‚Was war daran so peinlich? Auch die Menschen hatten genug mit Krankheiten zu kämpfen. Aber wenn diese nicht gerade ansteckend waren, brauchte man sich doch nicht vor ihnen fürchten.’ Einwenig betroffen über das Verhalten der Santoganer gegenüber ihren Kranken schaute er vor sich hin.

Dann fiel ihm ein, was Mata-Hele zu ihrer Genesung gesagt hatte. ‚Sie konnten also bisweilen dort ihre Gitter auffüllen? Vielleicht waren die Krankheiten ja gerade durch die Stagnation der Gittergeraden entstanden?’ Er rieb sich mit dem Zeigefinger die Stirn. ‚Wenn ihnen ihre eigene Unzu-länglichkeit peinlich ist, dann bestimmt, weil sie ihr unausweichlich ausge-liefert sind. Ihnen ist die Ohnmächtigkeit unangenehm, nicht schon die Krankheit selbst!’

»Mata-Hele, wenn Sie mir dennoch meine Bitte erfüllen würden, wäre ich Ihnen sehr dankbar.« Er hatte nicht vor, sich von der Zwiespältigkeit der santoganischen Gefühlswelt zu sehr beeinflussen zu lassen.

»Es kann auch manchmal recht gefährlich dort werden«, gab Mata-Hele nicht auf. »Sie feiern dort rituelle Sommersonnenwendfeste und andere Kulte.

Dabei verbrennen sie Plasma und machen damit ein riesiges Feuer. Und jedesmal, aber fragen Sie mich nicht warum, jedesmmal scheint es danach wirklich zu regnen und zu donnern. Ein wahres Ungewitter bricht dann über uns herein.«

Er schaute Steff von der Seite an, aber mit den letzten Worten hatte er das genaue Gegenteil erreicht. Dieser war nun erst recht interessiert und wollte geradezu begierig mehr davon hören.

Also erzählte ihm Mata-Hele, während er lustlos, aber nachgebend den Gleiter zu der roten Hochebene lenkte, vom Kult der Sonne und der Bedeutung des Regens. Die Sonne galt als Erzeuger und Garant des Lebens überhaupt, gleichzeitig war sie auch Förderer der Ernte und Beschützer aller Lebewesen auf Santoga. Es war kein Gotteskult, sondern stets ein Fest der Freude zu dem Zeitpunkt, an dem die Tage wieder länger wurden, und die Sonne häufiger schien. Es bedeutete den Beginn der Ernte. Dabei stießen sie ein gewaltiges Röhren von sich. Es war wie das gemeinsame Begehren eines Stammes, ein Schrei der Freude.

Nichts destotrotz war es für die kultischen Santoganer wichtig, daß die Sonne nach ihrem Umlauf rechtzeitig unterging, um der kühlen Dunkelheit Platz zu machen. Denn wenn es regnen sollte, dann während der Nacht, damit der Boden und die Saat nicht ausbrannten. So mußte für beides gesorgt werden: für die Kraft des Feuers und die Kraft des Wassers. Jede Naturgewalt hatte ihr Terrain und ihre Zeit. Die eine tags und die andere nachts. Und es hatte den Anschein, daß die Plasmafeuer einen nicht unbeträchtlichen Einfluß darauf hatten.

Mittlerweile war Mata-Hele auf einem Vorfeld der roten Ebene gelandet. Gemeinsam stiegen sie aus und gingen zu dem großen Gebäude hin, das vor dem Feld errichtet war. Einjeder mußte es betreten, wenn er zum Plasma wollte.

In seinem Inneren breitete sich eine hohe, riesige Halle aus. Die Decke ihrer Kuppel war verziert mit Schriften und Bildern, die Steff nicht entziffern konnte. Vor der gegenüberliegenden Seite streckten sich zahlreiche Säulen empor, die dort das Dach trugen. Genau mitten vor ihnen aber war eine einzelne, aus deren oberer Öffnung ein rosa Naß hervorquoll, daß sich nach unten an den äußeren Seiten des hellen Steines in ein flaches Becken ergoß und verteilte.

Staunend richtete Steff sein Augenmerk auf jede Einzelheit der eindruckvollen Halle. Während ihm Mata-Hele Gegenstände und Zeichen zu erklären versuchte, schaute Steff immer wieder zu den Zelten hinüber, die sich außerhalb in der Mitte des porösen Plasmas emporrichteten. Bisweilen vermochte er den Umhang oder gar den Umriß einer Gestalt zu erkennen.

Mit einem Male stockte sein Begleiter in der Erläuterung, und Steff fiel auf, daß er wie gebannt auf eines der Zelte starrte. Mata-Hele ging um eine Säule herum und verfiel plötzlich in eine Vorsicht, die ihm merkwürdig vorkam. Es schien fast, als wage er sich nicht mehr zu zeigen oder gar auf das riesige Plateau selbst hinauszutreten.

Verwundert fragte ihn Steff nach den Ursachen. Aber aufgeregt gab ihm Mata-Hele zu verstehen, leise zu sein. Es mußte ihn etwas erschreckt haben, das den durchaus nicht furchtsamen Santoganer Einhalt gebieten ließ. Nach allen Seiten blickend und immer noch schweigsam, ging er zum Gleiter zurück und bat Steff, ihm zu folgen. Dieser hatte schon in den Tagen zuvor bemerkt, daß die Außerirdischen zwar gerne geheimnisvoll taten, aber nicht unbedingt zu ungestümem Draufgängertum neigten. Denn trotz ihres Mutes zogen sie oftmals das Abwägen einer Handlung dem Impuls einer momentanen Laune vor.

»Was in aller Welt ist denn passiert?« flüsterte Steff endlich und bereits einwenig erzürnt.

»Ich habe eben jemanden gesehen, den ich hier nie vermutet hätte«, gab Mata-Hele schließlich und zögernd zur Antwort und verwies Steff sogleich, weiterhin leise zu sprechen. Dann fuhr er selbst raunend fort. »In einem der Zelte habe ich gerade Josa Ferrnar gesehen. Er ist einer der Mitglieder des Hohen Rates, der ja übermorgen tagt. Zu dieser Sitzung werden Sie übrigens auch eingeladen.«

»Aber was ist denn so ungewöhnlich, daß er sich hier aufhält?« mußte sich Steff immer noch wundern.

»Ungewöhnlich?« gab der Santoganer zurück. »Unmöglich! Ich bin noch ein Ratsschüler, dem das Plateau nicht verwehrt ist. Aber wer fest zu den großen Wissenschaftlern gehört, darf fünf Tage vor und nach einer Tagung keinesfalls das Gebiet der Kranken betreten. Es ist vollkommen Tabu für ihn.« Und auf Steffs immer noch verblüfften Blick hin fügte er hinzu: »Ein Wissenschaftler - zumal noch von solch hohem Rang - darf sich vorher nicht den Gewalten aussetzen, die dort sind, bevor er den Hohen Rat betritt. Denn es heißt: Wenn du auf den Berg des Schicksals gehst, dann werden deine Sinne der kosmischen Kraft unterliegen. Die dort zum beispiel die Kranken beherrscht. Josa Ferrnar hat dieses dem Rat gelobt, und nun hat er seine Treue gebrochen!«



Der Santoganer war breitschultrig und nur etwa 1,40 Meter groß, hatte aber zwei äußerst lange Arme. Sie hingen ihm bis über die Hüfte, an der das Drehmoment seiner Beine ansetzte. Die beiden Daumen verschmälerten sich dem Ende zu und wuchsen in ihrer Opposition zu den Fingern beinahe rechtwinklig ab.

Sein Gewand bestand aus leinenem Stoff, grob und weitärmelig geschnitten. Um die Hälse herum umgab es ihn wie einen Kragen und floß nach unten den Beinen zu spiralenfärmig ab. Dabei reichte es fast bis zu seinen vom Leder der Bblätter gewickelten Schuhen, die sich der platten Form seiner Füße genauestens anpassten.

Er saß auf einer sesselähnlichen Plastikerhähung, die vorne für den Körper offen war und hinten den Rücken umschloß. Vor sich ausgebreitet hatte er eine beträchtliche Anzahl von Geräten mit den verschiedensten Eigenschaften. Da lagen Zangen und Keile, aber auch kleine Stangen mit abgeplatteter Spitze, deren Schäfte von einer blauen Kristallemaille umgeben waren. Sie verband ein dünnes Kabel mit einer Maschine, die nun sanft vor sich hinzubrummen begann.

In der Mitte der Werkzeuge stand ein schwarzer Koffer. Er war klein und hatte die Form eines platten, großformatigen Buches. Die beiden Schlösser an seiner Vorderseite waren verriegelt und mit einer hellen, fast durchsichtigen Gummimasse versehen.

Nachdenklich fingerte der Santoganer an den Metallverschlüssen herum. Mit der abgeplatteten Spitze des Detektors fuhr er über die Nähte der Kofferseiten und setzte sie an die silberne Verkappung des Schlosses. Der Generator summte weiterhin, und ein grünes Licht flackerte an seiner Vorderseite auf.

Ein weiterer in einem ebenso groben Leinengewand, den sie San-Fo-Lo nannten, trat zu ihm hin und sagte: »Merkwürdig. Der Koffer sollte doch schon längst von selbst aufgehen! Sei vorsichtig! Ich bin sicher, in ihm ist ein versteckter Sprengsatz eingebaut. Mach es janicht mit gewalt!«

»Aber was soll ich tun?« kam die ungeduldige Antwort. »Seit vier Tagen schon versuche ich, ihn aufzukriegen. Es wird doch das beste sein, ich bringe eine Elektrolytplasmaleitung an. Das gibt nur einen kleinen Puff, ein bißchen Rauch - und schon ist das Köfferchen auf.«

»Und wir haben die größten Scherereien, denn was in ihm drin ist, ist dann auch hin.«

»Ach, San-Fo-Lo, wie soll es denn anders gehen?«

»Mit Geduld und Überlegung«, sagte ein dritter, der inzwischen hinzugetreten war. Er hatte außer einem Rumpftuch, das ihn vor der starken Helligkeit der Sonne schützte, nichts an. Er mußte jedoch schon viele Gittergeraden aufgefüllt haben, denn er besaß eine etwas poröse Epidermik. Es hieß, er sei breits ein 24-Gittertod-Kenner.

Er setzte sich zu den beiden anderen und fuhr fort: »Wir dürfen auf keinen Fall etwas überhasten. Jeder von uns hat seinen ihm zugewiesenen Platz einzunehmen. Seit der Landung dieser neuen Wissenschaftler müssen wir sehr vorsichtig sein.« Seine graublauen Augen blickten zwischen den beiden hin und her. »Wollen wir so bleiben, wie wir sind, dann müssen wir mit Bedacht an die Bestimmung unseres Schicksals herangehen. Wir werden uns Zeit lassen, denn danach werden wir sie absolut besitzen.«

Je älter die Santoganer wurden, desto eher trat die Wahrscheinlichkeit ein, daß sie die Auffüllung ihrer Gittergeraden nicht überlebten. Für ihn gab es entweder den baldigen Tod oder das unendliche Leben. Aber die jüngeren der Verbindung hatten noch nicht oft genug dem Tod ins Gesicht gesehen. Sie wußten noch nicht, was Furcht war, denn ihnen war es bisher kaum aufgegangen, wovor sie sich zu fürchten hatten.

San-Fo-Lo sagte: »Die Informationen dieses Koffers mögen für die andere Seite von äußerster Wichtigkeit sein, da sie unsere Namen verraten können. Aber das ist auch der Grund, weshalb wir selbst seine Öffnung mit Umsicht angehen.« Sie wußten nicht, daß ihr Anführer Erolandar bereits durch die Informationen des echten Köfferchens überführt worden war.

So fuhr der junge Santoganer unbeirrt fort, mit seinem Werkzeug am Schloß herumzuhantieren. Immer wieder beäugte er es von allen Seiten, setzte vorsichtig einige Instrumente an und klopfte und bestrich die schwarzen Seitenteile mit dem Elektrodetektor.

Alle drei saßen in einem etwa drei Meter hohen Zelt, daß sich an der Spitze schloß und zu einem bogenförmigen Rohr verjüngte, welches zu der Halle des Plasmabrunnens zeigte. Die Bewohner des Plateaus gewährten ihnen für ihre geheimen Zusammenkünfte in ihren Zelten Unterschlupf und versorgten sie derweil auch mit Nahrungsdosen. Eilfertig befolgten sie die Aufträge des Verschwörerbundes und verrichteten Befehle, so gut es ihnen ihre von Auswüchsen geschundenen Körper ermöglichten.

Erolandar hatte gesagt, daß ihre Leiden geheilt werden könnten, wenn sie sich mit dafür einsetzten, den Rat zu stürzen. Ihre Krankheiten würden so eine Linderung durch das Wohlsinnen der Sonne erfahren, denn die Wissenschaft richtete sich in ihrem Denken gegen die Natur und versuchte, sich die Belange der ewigen Gewalten selbst zu eigen zu machen. Würden sie vernichtet, gäbe ihnen die Sonne ihre Kraft wieder zurück, und sie wären geheilt von Krankheit und Aussatz.

Wie immer auch die Beziehung der Wissenschaftler Santogas zu den natürlichen Kräften des Planeten und seinen kosmischen Zusammenhängen war, Erolandar und seine Gruppe waren in jedem Fall die einzigen, die die Kranken überhaupt wahrnahmen und sich nicht vor ihrer Unzulänglichkeit schämten.

Diese verstanden zwar nicht die Absichten des hohen Santoganers, aber sie merkten, daß er ihre Freudenverrichtungen an der Sonne in jedem Maß unterstützte. Deshalb war er gut, obwohl sie zwischen Lüge und Wahrheit nicht zu unterscheiden vermochten.

Die drei Santoganer im Zelt unterhielten sich leise miteinander. Sie steckten ihre Köpfe zusammen, streckten ihre Hälse einzeln vor, so daß sich diese fast um ihre eigene Achse drehten und sahen dem Jungen zu, der nach wie vor verbissen am Koffer arbeitete.

In diesem Augenblick kam einer der älteren Kranken, dem es an drei Beinen mangelte, und der sich deshalb auf zwei Krücken stützte, ehrfürchtig herein und begann, ihnen leise etwas zuzurufen. Rasch erhoben sie sich und glätteten ihre Gewänder. Dann richteten sie ihr Augenmerk auf den Eingang. Dieser verdunkelte sich plötzlich, und die Seitenteile wurden zurückgeworfen. Inmittten der Öffnung stand Josa-Ferrnar. Seine große, kräftige Gestalt warf einen breiten Schatten in die Mitte des Zeltes.

Bedächtig schritt er herein und schaute den einzelnen Santoganern in die bernsteinernde Retina ihrer Augen. Vor dem Koffer hielt er inne, und es schien, als wollte er jeden Augenblick etwas wichtiges sagen. Doch dann schnalzte er nur und stieß mit dem Fuß gegen das schwarze Metall. »Un-wichtig«, zischte es trocken aus ihm heraus, während er sich setzte.

»Wieso?« begehrte der Jüngere auf. Wie besessen zog er den Koffer wieder zu sich heran und wollte erneut fortfahren, daran herumzumontieren.

»Was er auch immer verraten kann, es wird die andere Seite nicht mehr erreichen. Und wir«, er sah ihn jetzt aufmerksamer an, »wir wissen bereits, was zu tun ist.«

»Du hast etwas beschlossen?« fragte ihn San-Fo-Lo.

»Beschlossen wurde es schon von Erolandar. Ich führe nur seine Pläne aus.« Mit undurchdringlicher Miene vergewisserte er sich der Auf-merksamkeit der anderen. »Er hat uns im vollsten Wissen um die Geheimnisse auf der Erde eine Order hinterlassen. Damit steht auch fest, was wir zu tun haben. Der Koffer kann darauf keinen Einfluß mehr nehmen. Er ist für uns nur noch insofern wichtig, als daß er sich nicht im Besitz des Rates befindet.«

Der Jüngere der Santoganer hielt in seiner Untersuchung des Koffers inne. Gebannt hob er den Kopf und wartete die weiteren Worte des neuen Anführers ab. San-Fo-Lo zog die tiefliegenden Augen zusammen und verharrte unbeweglich wie das Ebenbild einer Bronzestatue. Josa-Ferrnar schien die leichte Veränderung in der Konzentration der anderen nicht wahrzunehmen. Zumindest überging er sie desinteressiert und kam wieder zum Thema.

»Wir werden den Kontakt zu Dr. Kortgens ausbauen. Er ist für uns im Augenblick die Schlüsselfigur, da hinter ihm die Gesellschaft eines sehr einflußreichen Konzerns steht. Mit ihr werden wir eine Ausweitung der Suche nach den Positronen auf der Erde verhindern.« Er hielt kurz inne und lauschte. Draußen war ein Geräusch zu hören gewesen, so als ob ein Stein ins Rollen geriete. Doch als nichts weiter geschah, fuhr er schnell fort: »Kortgens soll sich - so der Plan des Konzernbosses, den mir Erolandar über ein Geheimversteck noch mitteilen konnte - von den möglichen Besitzern der Chemopflanze ein Kaufrecht besorgen, mit dem er den alleinigen Handel über die Positronen erlangt. Dieses wird dann entweder an die Leute des Hohen Rates verkauft - oder«, er bleckte kurz die Lippen, »oder an uns.«

Die letzten Worte blieben nicht ohne Wirkung bei seinen Zuhörern. Sich einander zunickend, aber auch einwenig beunruhigt, rückten sie auf ihren Sitzen hin und her. Der alte Santoganer faßte sich als erster.

»Was macht dich so sicher, daß Kortgens und die Gesellschaft an uns verkaufen wollen, Josa-Ferrnar?«

Dieser blies beinahe hochmütig die Backen auseinander. »Weil sie von uns auf jeden Fall den alleinigen Import unseres Erdöls und auch das alleinige Recht auf eine irdische Fluglinie garantiert bekommen werden.« auf den fragenden Blick des anderen ergänzte er. »Mit einem unserer Schiffe natürlich, das wir ihnen leihen. Damit bleiben sie stets von uns abhängig und werden es sich auch später nicht einmal anders überlegen.«

Beifälliges Gemurmel entstand, aber San-Fo-Lo hatte noch eine Frage: »Eins verstehe ich nicht ganz. Du sprachst von Besitzern der Positronen. Hat die Erde denn nun zweierlei Rassen? Die eine über und die andere unter der Erdoberfläche?«

Josa-Ferrnar schien zu lächeln. »Wer kennt sich schon auf der Erde aus, wenn nicht einmal die Menschen selbst.« Er stieß ein heiseres Zischen aus. »Es gilt zwar als unwahrscheinlich, aber sollte wider erwarten dort doch jemand wohnen, warum könnten wir dann nicht auch mit denen handelseinig werden. Wie mit den Menschen. Dieser Planet scheint ja in der Tat bislang recht verständnisvolle Lebewesen hervorgebracht zu haben.«

Eifriges Gemurmel setzte ein, aber Josa-Ferrnar unterbrach die drei mit einer abrupten Armbewegung. »Für diesen Auftrag wird Rigel II mit dem Luftschiff, das in drei Tagen zur Erde fliegt, nach Berlin gebracht. San-Fo-Lo, das sind deine Leute. Benachrichtige sie, übermorgen müssen sie sich am Treffpunkt Delta einfinden.«

Es war mittlerweile immer dunkler im Zelt geworden, da die schrägen Strahlen der Abendsonne nur noch zaghaft über die Spitze des Zeltes strichen. Die Gesichter der vier Verschwörer überzogen sich mit einem leicht roten Schimmer, und die Falten ihre Gewänder warfen tiefe, scharfe Schatten.

»Da ist noch ein Punkt, den ich mit euch zu besprechen habe«, erhob Josa-Ferrnar noch einmal die Stimme. »Es geht um den Professor, der angeblich die Positronen auf der Erde gefunden haben soll.« Nachdenklich strich er sich über die Mundöffnung. »Darüber muß ich mit dir nachher noch reden, San-Fo-Lo. Ob dieses Gerücht nun wahr ist oder nicht. Auf jeden Fall muß er sterben. Denn so wird es allen ergehen, die unserer Sache schaden. Falls du in dieser Hinsicht von Kortgens Schwierigkeiten bekommen solltest, so wirst du auch ihn umbringen.« Er senkte die Stimme. »Geh nun aber und sag deinen Leuten Bescheid.«

Als San-Fo-Lo das Zelt verlassen hatte, fügte er zu den anderen gewandt hinzu: »Denn früher oder später müssen alle sterben, die von uns wissen. Diese beiden Menschen sind erst der Anfang in einer Reihe, die erst dann beendet ist, wenn wir unsere Verbindung mit ihnen endgültig durchtrennt haben. Denn ein Leben in Unendlichkeit ist nur möglich fernab aller anderen, selbst denen unserer eigenen Rasse. Die Ewigkeit ist einsam.« Bei den letzten Worten lehnte er sich zurück und brach das Gespräch ab.

In diesem Augenblick kam von hinten jemand um das Zelt der Verschwörer geschlichen und baute sich vor dem Eingang auf. Langsam tastete er sich vorwärts. Die lange Kutte, die er trug, kennzeichnete ihn als einen der Kranken, die auf der Hochebene hausten. Seine Ärmel waren zerrissen und die Beinkleidung an den Enden ausgefranst. Sein Gesicht aber war verdeckt von einer viereckigen Kapuze, die er scheinbar gegen die helle Sonnenstrahlung trug.

Josa-Ferrnar bemerkte von alledem nichts, da er nun daran gegangen war, sich unter ein Gitterfeld aus silikater Masse zu legen und die Augen zu schließen. ‚Logik’, dachte er, ‚ist die Konsequenz aus dem, was bereits getan ist, nicht aus dem, was wir gerade tun. Deshalb ist alles wichtiger, was war, als was ist. Die Pflicht der Tradition an unserem Ursprung! Der Hohe Rat hat mit seinen Handlungen nicht mehr das Recht als Folge der Vergangenheit. Er ist gesetzesbrüchig.’ Erschöpft und mit schwindender Konzentration glitt Josa-Ferrnar dahin und verlor sich in einer weglosen Wolke. Von innen glühte es bereits dunkel durch seine Haut. Seine Linke fiel schlaff auf den Boden.

Inzwischen hatte der junge Santoganer wieder begonnen, sich dem öffnen des Köfferchens zu widmen. Gerade stemmte er mit einer Art Brecheisen gegen das Schloß, so daß es sich schon bedrohlich bog. Als der Mann hinter dem Zelteingang sich dessen gewahr wurde, wußte er um die Gefahr, in der er sich nun selbst befand. Deshalb beschloß er, umgehend zu handeln.

Jetzt erst bemerkte Josa-Ferrnar die aufrechte Gestalt im Zwielicht des Einganges. Die dunkle, schmutzige Kutte zeichnete sich scharf vom letzten Licht der untergehenden Sonne ab. Bevor er sich jedoch von seiner Verwunderung erholen und wieder vollends in die Realität zurückkehren konnte, nahm der andere mit einer schnellen Bewegung die Kapuze vom Kopf.

»Der navigator!« rief er erstaunt, und es war seinen Worten nicht herauszuhören, ob er erschrocken oder lediglich überrascht war. Doch noch ehe sich die übrigen des plötzlichen Erscheinens des zweiten Sternenoffiziers klar werden konnten, hatte Moren-El-Darte die Kutte vollends beiseite geschlagen und zielte mit der kurzen Nadel seines Paralysators auf sie. Der schwere Säbel, der ihm zur Seite hing, war das letzte, was sie von ihm wahrnahmen.



»Freundschaft?« Mata-Hele wirkte überrascht. »Wenn sich zwei gern haben.«

Steff dachte nach. »Und was ist dann Liebe für Sie?«

»Liebe«, echote sein Begleiter erneut, als ob er dieses Wort zum ersten Mal hörte. Mit einer Hand hielt er das Radarruder fest. Sie flogen wieder über die Wälder Santogas. Unter ihnen schlängelte sich ein kleiner Fluß durch die Berge zu den nahen Ufern, als ob er den Ruf des Meeres hörte. »Liebe?«

Mata-Hele schüttelte den Kopf. »Liebe und auch Haß wie bei Ihnen kennen wir nicht. Sie sind uns fremd genauso wie die Angst vor dem Tod. Aber«, fügte er nicht ohne Zögern hinzu, »seitdem der Tod besiegbar scheint, gibt es einige, die sich nun vor dieser Niederlage fürchten.« Er suchte angestrengt nach Worten, brach ab und begann von Neuem. »Sehen Sie, Herr Maiger. In den letzten Jahren ist eine Menge passiert. Ich habe das Gefühl, als ob sich unsere Kultur aufläst. Einige von uns scheinen sich wirklich zu hassen... Aber vielleicht sind sie dann auch zur Liebe fähig. Doch es ist noch etwas anderes geschehen: Es gibt welche, zu denen wir auch die Verschwörerbande zählen, die die Angst zu kennen scheinen. Je öfter einer von ihnen dem Gittertod in die Augen geschaut hat, desto eher bangt er um sein Leben.«

Er sah Steff traurig und einwenig ratlos an. »Ich weiß, daß es Ihnen merkwürdig vorkommen muß, aber in unserer Kultur gab es sowas bislang nicht. Sehen Sie, wir sind ein Volk, das nicht mal die Lüge kennt, aber wir wissen, daß zum Beispiel die Kranken, die sie vorgestern gesehen haben, von der Lüge agitiert werden. Bei uns hat man bislang einen Dienst nicht von der Größe der Lüge abhängig gemacht, sondern vom Grad der Freundschaft. Wir achten eigentlich zu sehr den anderen als ein Mitglied unserer Gemeinschaft, als daß wir ihm schaden wollen oder ihn benutzen. Denn wir sind alle kleine Pfeiler eines Daches, das einstürzt, wenn man eine seiner Säulen knickt.«

Steff nickte. Langsam wurde ihm der gesellschaftliche Aufbau der Santoganer bewußter. Sie achteten den anderen, um sich selbst zu achten. Sie behandelten einander als gleichberechtigt. ‚Aber warum kannten sie dann keine Liebe? Lag diesem menschlichen Gefühl etwa auch die Art ihrer Vermehrung zugrunde?’ Er war versucht zu fragen, doch dann erinnerte er sich der Zwiespältigkeit der Liebe, ihrer Eifersucht und ihrer aufopfernden Selbstvergessenheit. ‚Sie hängt doch zu stark mit Haß und auch Selbstzerstörung zusammen. Ein Umstand, der dem Kollektivgedanken: was du mir antust, das tu auch dir an, zuwider lief.’

»Sehen Sie«, ergriff Mata-Hele erneut das Wort, »wir haben uns ja gehühtet, in Ihre für uns fremde Kultur einzudringen. Wir wollen nicht zerstören, sondern akzeptieren. Wir waren vorsichtig in der Annäherung, um Sie nicht zu entsetzen, und wir haben auch verhindert, Ihnen eine Technik aufzudrängen, deren Entwicklung Sie noch nicht nachvollziehen können. Aus ihrer innersten Einstellung heraus nicht.«

Zustimmung erheischend schaute er Steff in die Augen. Er versuchte, tief in sie hineinzusehen und auf den Grund dessen verborgenster Gedanken zu gelangen. Gleichzeitig erkannte er in dem Muskelspiel seines Gesichtes ein Verstehen, noch bevor dieser zu nicken begonnen hatte.

»Wir wissen, daß wir Sie brauchen«, begann Mata-Hele erneut. »Wieso sollten wir etwas zerstören, was uns behilflich sein kann?« Er zögerte und fügte dann hinzu: »Ich meine damit, daß wir Sie nicht benutzt haben aus egoistischen Motiven heraus, sondern daß es unserem innersten Selbst entspricht, nirgends etwas zu bedrohen, da es in dem unermeßlichen Zusammenhang des Kosmos einmal auf uns zurückkommen könnte. Wir zerstören nicht, weil wir alle fremden Welten als ein gemeinsames Ganzes betrachten, als eine Einheit unter den Sternen.«

Steff stimmte mit ihm überein. Aber da war ein Punkt, der ihn noch bedrückte. »Warum diskrimminiert ihr dann unsere Frauen?« Und er erzählte ihm von den Ereignissen, die sich auf der Erde abspielten. Von Frauen, Männern und Kindern. Und von der Idee der Gleichberechtigung. Aber obzwar ihm Mata-Hele eifrig zuhörte, schien er ihn nicht zu verstehen. ‚Zweigeschlechtlichkeit...’ - »warum sprecht ihr dann verschiedene sprachen?« wandte er immer wieder ein. Für die Santoganer in ihrer Ehrlichkeit war das, was sie sahen, das, was sie dafür hielten.

So mußte ihm Steff vom Zwiespalt bürgerlichen Denkens und falscher Moral erzählen, von Hinterlistigkeit, Korruption und Dünkelhaftigkeit. Mata-Hhele hatte Schwierigkeiten zu begreifen, doch allmählich begann er einen Eindruck davon zu gewinnen, was sich auf der Erde Zivilisation nannte.

»Sie müssen entschuldigen«, sagte er leise und traurig, »aber wir verstehen Sie, wie Sie sich geben. Wir können nicht wissen, daß Sie oft nicht so sind, wie Sie verstanden werden wollen.« Und auf einen Seitenblick zu Steff fügte er hinzu: »Aber ist es nicht normal, daß man sich mißversteht, solange man sich fremd ist? Ich werde dem Rat von dem berichten, was sie mir erzählt haben. Und Sie werden mir auf der Erde genau demonstrieren, was eine Frau ist.«

Steff war versucht zu Grinsen, schüttelte aber dann energisch den Kopf. »Das geht nicht, Mata-Hele. Sie müssen sich schon jetzt entschließen. Es gibt da noch etwas, was Ihnen unbekannt zu sein scheint: Menschenwürde. Das Beste wird sicherlich sein, Sie kommen bereits mit einer Entscheidung zur Erde zurück.«

»Aber das kann ich doch nicht allein bestimmen.«

»Dann überzeugen Sie den Rat bis zu unserer Abfahrt davon, daß die Frauen gleichgestellt zu sein sind, egal, was für Interessen einzelner auf der Erde oder hier bestehen. Öffnen Sie Ihre Gebäude, und lassen Sie sie auch nach Santoga fliegen. Bisher haben Sie nur die Hälfte der menschlichen Welt auf ihrer Seite. Wenn Sie sich wirklich mit uns verbünden wollen, dann müssen sie auch die andere Hälfte dazu gewinnen.«

Mata-Hele nickte, war sich aber der Zweifel bewußt, die eine Überzeugung der anderen Santoganer zu sichern hemmten. Er hoffte jedoch, heute vor dem Rat eine Stimme zu erhalten. Denn er war dort ebenso vorgeladen wie Steff Maiger. Die Ereignisse der letzten Tage hatten die hohen Herren merklich sensibler gemacht. Sie begannen jetzt, den Intrigen auf der Erde und Santoga mehr Beachtung zu schenken.

Erassno-Kun-Da war die Stadt, die Steff als erste kennengelernt hatte. Im Haus der exsantoganischen Kommunikation hatten sich die einheimischen Wissenschaftsdeligierten, die den Hohen Rat bildeten, versammelt. Der Widerstand der Verschwörer mußte gebrochen werden, bevor sie zuviel Rückhalt in der Bevölkerung erhielten. Die entscheidende Phase um die Kultur der Santoganer lief an. Steff war Zeuge und Bindeglied zugleich. Nicht zuletzt durch Shan-Uccis Fürsprache.

Gemeinsam gingen sie durch die Mensa in den ersten Stock, an den Bibliothekshallen vorbei zu einem großen Raum, der an die 500 Leute aufnehmen konnte. Als Steff den Saal betrat, verstummten die Gespräche und die Blicke aller hingen an ihm. Kaum einen von ihnen kannte er. Außer Shan-Ucci, Randan-El-Dor, Moren-El-Darte und noch zwei, drei anderen, denen er im laufe seines Aufenthaltes vorgestellt worden war, war er noch keinem begegnet.

Als sich die Tür hinter ihm schloß, bemerkte Steff, daß er sich auf einem breiten Balkon befand. In dem kreisartigen Saal waren überall sich zur Mitte hin verjüngende Vorsprünge aus den Wänden gezogen. Auf jeder dieser Emporen, die sich etwa fünf Meter über dem Boden befanden, hatte ein Zweig der santoganischen Forschung Platz genommen. Vor ihren Enden, die sich an den Spitzen beinahe berührten, war ein dreidimensionaler Raum freigehalten worden, der die Projektion entsprechender Vorführungen gewährte.

Wie ihm Mata-Hele erzählte, stand der Balkon Shan-Uccis im Zeichen der Entdeckung fremder Lebensarten und war deswegen für diese Debatte am weitesten nach vorne ausgefahren worden. Eine mächtige Hydraulik sorgte für verstellbare Höhen und Längen.

Der Kapitän hieß ihn willkommen, und Steff setzte sich zwischen ihn und Mata-Hele auf einen borkenledernen Sessel. Dann erhob er sich und bat um Aufmerksamkeit. Seine mächtige Stimme dröhnte im Ohrhörer von Steffs Translator.

»Ich bedanke mich, daß Herr Doktor Maiger unserer Einladung gefolgt ist. Er weiß im wesentlichen über unser Problem bescheid. Durch das Vertrauen eines abtrünnigen Mitglieds der irdischen Verschwörergruppe gelangte er in den Besitz von Informationen, die uns Namen und Absichten unserer Gegner verrieten.«

Er blickte rundum, um sich nochmals der Aufmerksamkeit aller zu versichern. »Wir wissen nun - auch über eigene Quellen, was auf unserem Planeten vorgeht. Jedoch besteht für uns noch zuwenig Vorstellung darin, wie diese Organisation auf der Erde ausschaut. Deshalb bitte ich nun Herrn Doktor Maiger, uns mehr von Sokuk und seinen Beziehungen zu der irdischen Bande zu erzählen.«

Steff berichtete ihnen, so gut er konnte, von den diversen Treffs mit Sokuk und anderen Mitgliedern, mußte aber zum Schluß zugeben, daß er wenig mehr Klarheit zu verschaffen vermochte, als sich die Santoganer erhofft hatten. »Ich kann lediglich versprechen zu versuchen, mit Sokuk weiterhin Kontakt zu halten, wenn er noch am Leben ist«, sagte er abschließend.

»Vielleicht erwähnen Sie ihm gegenüber, daß wir ihm einen sicheren Platz auf unserem Planeten garantieren können«, schnitt ein Mitglied des Rates an, der sich links von Steff auf einem mit blauen Stoff umspannten Balkon befand.

»Mir schien, als ob er sich schon einen eigenen Plan zurecht gelegt hatte. Aber ich werde nichts unversucht lassen, ihm den Glauben an eine weitere Zukunft zu geben.« Steff sah Shan-Ucci fragend an. »Kann ihm denn keine Sicherheit auf der Erde gewährt werden? Ich glaube kaum, daß er sich zu einer Übersiedlung überreden läßt.«

»Obwohl unsere Beziehungen begrenzt und vorwiegend wirtschaftlicher Natur sind, werden wir doch alles versuchen.« Nachdenklich wandte sich Shan-Ucci ihm zu, und beinahe verschmolzen ihre Pupillen miteinander. »Herr Maiger, in Aanbetracht von Sokuks Ängsten möchte ich hier noch einmal im Namen aller versichern, daß wir ohne schlechte Absichten auf die Erde gekommen sind. Wir brauchten Ihre Hilfe und haben sie erhalten.« Er hielt seinen Blick immer noch in den von Steff versenkt. »Eine Gefährdung Ihrerseits durch die Positronen hätten wir auf keinen Fall zugelassen. Eher wären wir ohne Ergebnisse zurückgeflogen. Ich habe diese Angelegenheit noch einmal grundsätzlich mit dem Rat durchsprochen. Wir setzen nicht fremdes Leben aufs Spiel, um unser eigenes zu retten.«

Steff nickte und atmete tief durch. Das Sauerstoffgerät störte ihn zwar immer noch - vor allem beim Sprechen und drückte gegen sein Kinn - aber er ließ sich dadurch nicht die Bedeutung Shan-Uccis Worte entgehen. Er glaubte ihnen.

Daraufhin fragte der Kapitän nach den aktuellen Ergebnissen ihrer Untersuchungen. Gespannt beugten sich die übrigen Santoganer vor. In der Mitte des Raumes erschien eine plastische, leicht durchsichtige Projektion der Erdkugel. Wie Steff feststellte, eine Ablichtung, wie sie sich vor 64 Millionen Jahren darstellte, auf Santoga aber in der Gegenwart zu empfangen war. Deutlich erkannte er die europäische Landplatte und die mehrgliedrigen Arme der thetys.

Mata-Hele hatte sich inzwischen erhoben und begonnen, die Beschaffenheit der damaligen Erdformation, ihre Driftgeschwindigkeit und -richtung, die vorherrschende Fauna und Flora und nicht zuletzt die klimatischen Verhältnisse zu erklären. Mit einem grünen Punkt, den er von seinem Stuhl aus dirigieren konnte, deutete er die Stellen an, die er gerade erwähnte. Mit einer anderen Farbe - es mußte ein gelbliches Rosa sein, das Steff noch nie gesehen hatte - zeichnete er nun lange Geraden, Kristallinien und andere Symbole in die Luft der Projektion, die dort sichtbar blieben und erst nach einer weiteren Eingabe gelöscht wurden.

Die kommenden Minuten nutzte Steff, um sich einwenig genauer im Saal umzuschauen. Die Emporen hatten jede für sich eine andere Farbverkleidung. Anscheinend eine Zuordnung, die als Zeichen ihres wissenschaftlichen Gebietes galt. Es waren nie mehr als 15 Santoganer auf ihnen zu sehen, die für ihn alle aufgrund der stumpferen Epidermik, den kleinen Rissen und Falten der Haut und ihres großen Wissenstandes hochbetagte Gittertodkenner sein mußten.

In diesem Augenblick wandte sich Mata-Hele an ihn und bat ihn, die einzelnen Vorgehensweisen und wenn möglich, auch schon einige Zwischenergebnisse vorzustellen. So erhob er sich wieder und berichtete von seiner Vermutung, daß die Positronen immer in dunklen, kaum dem Sonnenlicht ausgesetzten, aber doch außerordentlich heißen Gebieten, die zumal in Wassernähe, in der Regel an Land-Meer-Übergangsstellen zu finden waren und sich in die dort durch den Aufprall größerer Landmassen entstehenden unterirdischen Vertiefungen und Aushöhlungen, denen die Pflanze folgte, verlagert hatten. Er betonte ihre Verbindung mit dem Staubgürtel des Meteoriten und der atomaren Aufprallnähe in der Stratosphäre und ihrem tatsächlichen Vorkommen. Zum Schluß erwähnte er, daß sie zusätzlich noch in einem unbekannten Zusammenhang mit dem Überleben und der Weiterentwicklung damaliger Dinosaurier standen. Doch diesbezüglich konnten nur konkrete Forschungen auf der Erde endgültige Klarheit verschaffen.

»Sie haben bislang vorwiegend die Analyse der Atmosphäre vollzogen. In unserer Verantwortung liegt es nun, die Erdoberfläche selbst zu erkunden. Ich hoffe, daß beide Schritte schließlich dazu führen, den Fundort der Pflanze zu entdecken. In diesem Sinne bitte ich Sie, die Unabhängigkeit unserer Arbeit weiterhin zu gewähren.«

Beifälliges Gemurmel ertönte von allen Seiten. Auch Shan-Ucci nickte mehrmals mit dem Kopf und stand dann auf. »Wir danken Ihnen für diese Ausführungen, Herr Doktor Maiger.« Er blätterte in den durchsichtigen Plastikfolien seiner Unterlagen. »Gestatten Sie mir jedoch noch eine Frage: Soeben haben wir eine Information von einem gerade einlaufenden Schiff erhalten, die wir nicht verstehen. In den Zeitungen Ihrer Städte ist nämlich kurz nach unserem eigenen Abflug zu lesen gewesen, daß die Fundstelle der Positronen bereits in Schottland entdeckt worden ist. Wie erklären Sie sich das?«

Steff war bemüht, nicht aufzulachen. »Wissen Sie zufällig, wer das gesagt hat?«

Shan-Ucci schüttelte den Kopf. »Eine Information der Raumfahrtbehörde Berlins. Sie sind sich jedoch nicht 100%-ig sicher, schreiben sie.«

»So, nicht 100%-ig?« Steff wandte sich dem gesamten Rat zu. »Das erklärt alles. Damit können sie ihre Lüge immer rechtzeitig zurückziehen. Denn es ist eine Lüge. Schließlich muß ich es am besten wissen. Glauben Sie mir, wenn die Positronen wirklich gefunden werden, dann nur von Santoga aus.«

Er wandte sich wieder Shan-Ucci zu. »Und dann werden Sie es als erster erfahren.«

Ein Santoganer mit grüner Toga um den Leib, die an ledernen Striemen zusammengehalten wurde, erhob sich. »Aber warum ist denn diese Lüge verbreitet worden?«

Steff sah ihn an und antwortete ohne Umschweife. »Weil es einigen Leuten anscheinend von Interesse ist, das dortige Gebiet, das als besonders karg und unfruchtbar gilt, zu Höchstpreisen zu verkaufen oder sonst wie damit zu spekulieren. Es bedeutet aber auch eine zusätzliche Warnung an Sie, sich in Geschäfte mit dem Senat nur mit der gebührenden Vorsicht einzulassen. Ich weiß nicht, wer dahinter steckt, aber er wird diesen oder andere Tricks nicht zum letzten Mal versuchen.«

Shan-Ucci sagte daraufhin nachdenklich: »Mit dem Senat sind wir in dieser Hinsicht noch nicht in Beziehung getreten. Aber ein großer Wirtschaftskonzern, hinter dem auch eine Kette von Ölraffinerien steht, setzt uns nun unter Druck und behauptet, daß diese Zeitungsente, wie er sich ausdrückte, der beste Beweis sei, daß es die Positronen nicht mehr gäbe. Er will deswegen von uns eine sofortige Entscheidung.« Und auf Steffs ver-ständnislosen Blick hin ergänzte er: »Er gehört dem Konzern an, dessen Professor angeblich die Positronen künstlich herstellen kann.«

Steff überlegte einen Augenblick, doch dann ereiferte er sich. »Erinnern Sie sich denn nicht an Sokuks Worte? Er sagte, daß bei der ganzen Angelegenheit etwas faul ist. Kapitän Shan-Ucci, ich bitte Sie, bleiben Sie gelassen und fallen Sie nicht auf diese Art von Unsinn herein. Bemerken Sie denn nicht, daß Sie von allen Seiten benutzt werden? Es tut mir wirklich leid, sagen zu müssen: trauen sie keinem mehr, der sie über die Positronen an etwas binden will. Denn damit sind Sie für die Wirtschaft und auch die Politik zu leicht erpreßbar.«

Bei den letzten Worten sprangen einige Santoganer von ihren Sitzen und gestikulierten wild aufeinander ein. Doch erregten sie sich weniger der Erläuterungen Steffs wegen, sondern der Wesensart der Menschen, gewissenlos ihre Situation zu benutzen. Bislang waren sie bis auf wenige Zweifler alle der Meinung gewesen, daß sich die Menschen als außerordentlich hilfreich erwiesen hatten. Sie verstanden einfach nicht deren Charakterambivalenz, da sie nicht von individuellen Persönlichkeiten auszugehen vermochten.

Der Santoganer, dessen Leib von einem grünlichen Umhang verhüllt war, stand erneut auf. »In diesem Zusammenhang interessiert mich noch ein anderer Vorfall, Herr Doktor Maiger.« Er öffnete die Iris seiner Augen vollends in Steffs Richtung. »Das Schiff meldete auch, daß auf unsere Botschaft in Berlin ein Sprengstoffattentat von einer Frauenwehr verübt worden sei und zu horrenden Verwüstungen der Räumlichkeiten geführt haben soll.« Er hielt den Blick Steffs jetzt wie gebannt fest. »In welchem Zusammenhang sehen Sie den Anschlag mit der Positronensuche, und wie erklären Sie sich die Gründe dieser Spezie?«

Alle starrten nun zu Steff hinüber. Dieser schaute zuerst zu Mata-Hele und ergriff auf dessen Nicken erneut das Wort. »Sie müssen sich, wenn Sie die Hintergründe wirklich verstehen wollen, unbedingt mit der Tatsache vertraut machen, daß es sich bei der Frauenwehr nicht um eine besondere Spezie handelt, sondern um Menschen, wie ich es auch einer bin!« Er wartete kurz die eher zurückhaltende Reaktion der Santoganer ab. »Sie haben sicherlich Schwierigkeiten, eine Zweigeschlechtlichkeit zu akzeptieren, weil sie Ihnen hier bislang nur bei nichtintelligenten Tieren vorgekommen ist. Dabei ist die Frau jedoch genauso geschaffen und vernunftfähig wie der Mann. In der Tat ist sie sogar die evolutionäre Voraussetzung für die Existenz der gesamten Menschheit!«

Er war mittlerweile an den vorderen Rand der Empore herangetreten und begann nun, den Exterranern das Wesen der Frau so gut wie möglich zu schildern. Diese lauschten still seinen Ausführungen und schienen bemüht, den gewiß nicht zum erstenmal gehörten Aspekten erneut einen für sie harmonischen Sinn zu geben. »Wenn Sie sich endlich bereit finden würden, die Frau als gleichberechtigt zu achten, dann würden sie auch den Anschlägen ein Ende setzen. Denn nichts anderes liegt ihnen zugrunde: die verweigerte Anerkennung als ein Partner des unendlichen Kosmos. Sie sind letztlich die Antworten auf die ihnen zugefügten Erniedrigungen. Und diese kehren immer wieder zu dem zurück, von dem das Unrecht ausgegangen ist. Als Zusammenhalt des Ganzen.«

Diesen Worten folgte ein tumultartiges Durcheinander. In Steffs Ohrhörer war Entsetzen, aber auch Ungläubigkeit auszumachen. Viele glaubten seinen Ausführungen immer noch nicht. Aber den kosmischen Zusammenhang schienen sie doch zu fürchten. Nur mit Mühe gelang es Shan-Ucci, indem er auf die Vorbehalte der Ratsmitglieder einging und sie gleichzeitig auszuräumen versuchte, wieder Ruhe zu erwirken.

»Wir werden die Erklärungen von Herrn Doktor Maiger abwägen und darüber entscheiden. Wir beginnen zu ahnen, welches Unrecht wir in diesem Punkt vielleicht der Erde zugefügt haben - und wir werden nicht ruhen, bevor wir uns nicht eine klare Meinung über die Frau gebildet haben.« Und zu Steff gewandt fügte er hinzu: »Und wir werden uns Ihrer Worte erinnern, wenn es darum geht, zu entscheiden. Aber Sie müssen verstehen, daß an diesen hohen Sitzungen keine Fremden beteiligt werden können.«

Damit gab er Steff die Hand. Alle anderen Mitgleider des Rates bedankten sich nun auch, versicherten ihm eine den Tatsachen entsprechende Entscheidung und wünschten ihm aufrichtig ein baldiges Gelingen seiner Forschungsarbeit. Nachdem er die letzten Zeremonien des Dankes und des Abschiedes über sich ergehen gelassen hatte, begleitete ihn Mata-Hele hinaus.

»Bitte mißverstehen Sie uns nicht, Herr Maiger«, sagte dieser. »Aber was für Sie eine Tatsache ist, braucht es für uns nicht unbedingt auch zu sein. Die Objektivität ist immer das Resultat verschiedener Erkenntnisse, und in unserem Sinne entspringen sie einer unterschiedlichen Welt.« Fast entschuldigend fügte er hinzu: »Aber Sie können versichert sein, daß ich in diesem Fall vollkommen auf Ihrer Seite stehe und versuchen werde, Ihre Rechte vor dem Rat in Ihrem Sinne zu vertreten.«

Sie waren wieder in der Starthalle angelangt. Mata-Hele wandte sich noch einmal zu Steff. »Ich muß Ihnen übrigens noch erklären, warum ich vorgestern so schnell wieder von der roten Eben fortgeflogen bin.« Er schürzte die Lippen einwenig vor. »Danach habe ich nämlich Shan-Ucci benachrichtigt, der sofort Moren-El-Darte zu den Plasmafeldern schickte, um Josa Ferrnar festzunehmen.«

Er öffnete Steff freudlich die Tür und brachte ihn zu einem Gleiter, in dem ein Pilot wartete. »Wir hatten nämlich schon eine Weile den Verdacht, daß er mit den Verschwörern unter einer Decke steckte. Der Navigator nun hat sein Gespräch mit drei Unterführern belauscht und ihn daraufhin festgenommen. Sozusagen auf frischer Tat ertappt. Nicht zuletzt deswegen war der Rat heute so vollständig zusammen gekommen. Die beiden Hauptführer der Verschwärer sind unschädlich gemacht worden, und nun müssen wir die Situation nutzen, bevor sich die anderen neu konsolidieren.«

Er verabschiedete sich von Steff. »Sie entschuldigen, aber für uns beginnt nun erst der eigentliche Teil der Besprechung. Ich hoffe dabei - obwohl ich keine vollgültige Stimme im Rat besitze - mich für Ihre Interessen befriedigend einsetzen zu können.« Er legte seine sechsfingrige Hand auf Steffs Schulter. »Außerdem weiß ich, daß Kapitän Shan-Ucci auch auf Ihrer Seite steht.« Dann trat er zurück, nicht bevor er in der Mimik des Menschen einen Anflug von Hoffnung erkannt hatte. Wie jedes angehende Ratsmitgleid hatte auch er die Schule des Muskellesens durchlaufen.

Als der Gleiter abgehoben hatte, ging er wieder zum Konferenzsaal. Dort herrschte bereits hektisches Getreibe. Ein erregter Santoganer rief gerade den anderen zu: »Wer sagt uns, daß wir im Recht sind. Selbst die Menschen auf der Erde scheinen sich gegen uns aufzulehnen. Beim Kreislauf des Kosmos, ich sage, daß sich unser Schicksal mit den Positronen erfüllt hat. Die Geschicke sind gegen uns, selbst in der entferntesten Weite des Alls.«

Beistimmendes Gemurmel begleitete seine Worte. Doch Shan-Ucci erwiderte sogleich: »Die Menschen sperren sich doch garnicht dagegen, daß wir unsere Gittergeraden wieder auffüllen können. Sie haben nur einige ihrer Rasse eigene Wesenszüge, unsere Not auszunutzen. Dabei steht jedoch in keinster Weise etwas der Suche nach den Positronen im Weg. Schauen Sie sich Herrn Doktor Maiger und seine Kollegen an! Wagt etwa einer an ihren redlichen Absichten zu zweifeln?«

Grimmig setzte er sich. Doch seine Worte hatten nur bewirkt, daß sich die Gemüter noch mehr erregten. Nur mit Anstrengung gelang es einem besonders alten Sanotoganer, der sich bis jetzt zurück gehalten hatte, das Wort zu ergreifen. Beschwichtigend hielt er beide Handflächen den anderen entgegen, während er die Daumen rechtwinklig abspreizte.

»Es ist uns schon seit Jahrtausenden ins Auge gefallen, daß wir den Planeten beherrschen, aber er uns umgekehrt nicht angenommen hat. Wem ist es im Laufe seiner Gittergeraden nicht klar geworden, daß alle Gewächse und Tiere auf Santoga ohne Kristalle sind, daß sie sich direkt aus der Erde Schoß ernähren und sich untereinander nach belieben vermehren. Kein Organismus entspricht hier unserer eigenen Beschaffenheit, kein Halm dient uns selbst als Nahrung. Wir essen synthetisch, wir errichten unsere unmittelbare Umgebung aus künstlichen Silikaten, die nirgends natürlich anzutreffen sind - und nicht zuletzt, wir vermehren uns als einzige nicht aus uns selber, sondern auf eine dem Planeten unübliche Art: Wir leben und sterben je nach Laune des Zufalls, der unsere Kristallstrukturen erweitert oder auflöst. Dieser Zufall, der nicht aus der Evolution dieses Planeten geboren wurde, ist unser Schicksal, das wir deshalb auch außerhalb Santogas zu suchen haben!«

Erschöpft lehnte er sich zurück. In die für mehrere Sekunden einsetzende Stille brach ein Ausruf plötzlich ein: »Unser Schicksal auf Santoga ist verflucht! Wir regenerieren und stagnieren. Die Kranken siechen dahin und können nicht sterben, und die Gesunden versuchen alles, um das Leben zu verlängern.«

Und ein anderer fuhr fort: »Dieser Planet hat keine Positronen, deshalb kann er nicht der unsre sein. Wir müssen wieder fort, zu den Ursprüngen unserer Geburt zurück!«

Nun erbebte der Saal in grenzenlosem Taumel. Die ansonsten sehr ruhigen und ernsthaften Santoganer schrien miteinander, und jeder versuchte, den anderen zu übertönen. Doch nur mit dem Erfolg, daß es ihm alle gleich taten, und keiner darauf mehr den anderen zu verstehen vermochte.

Shan-Ucci nahm den Frequenzverstärker zuhilfe und stellte ihn auf alle Balkone ein. Mit einem durchdringenden Pfeifton erreichte er, daß die Ratsmitglieder verwundert aufschauten und fragend verstummten.

»Hohe Räte«, begann er sogleich, bevor sie sich wieder besinnen konnten, »was wollen wir denn? Laßt uns darüber reden, was jetzt zu tun ist. Sollen wir aktiv bleiben, aber damit einer menschlichen Individualität, deren korruptive Tendenzen wir heute erneut offenbart bekamen, entgegengehen? Sollen wir uns gegen das bislang geltenden Gesetzt stellen, um die Stagnation unserer Rasse zu überwinden? Sollen wir etwas aufgeben, damit wir uns nicht vollkommen verlieren?« Grimmig schaute er über die Balkone hinweg. »Oder sollen wir wieder passiv sein, unser Schicksal tatenlos erdulden, bis uns eine Krankheit befällt, von der uns nicht einmal der Tod erlösen kann?«

Erneutes Geschrei erhob sich. Deshalb ließ Moren-El-Darte nochmals den schrillen Dauerton erklingen, bevor er zum ersten Mal seine Stimme erhob. »Nicht weil wir krank sind, stagnieren wir, und auch nicht, weil wir eine aussterbende Rasse sind. Wir verharren, weil wir uns in einer fremden Welt befinden, die uns zwar aufgenommen hat, aber uns eines nicht ersetzen kann: die Positronen des Plasmas, das uns irgendwo in der Unendlichkeit des Weltalls auf einem Stern gebar, der die Quelle unseres Lebens wurde. Nun macht sich das Fehlen des Plasmas bemerkbar, und wir müssen wieder auf die Suche gehen, wie es unsere Vorväter schon einmal getan hatten. Dazu flehen wir die Sonne an, denn in der alten Tradition der Sommersonnenwende liegt das Geheimnis unserer Rasse verborgen!«

Unendliche Stille herrschte nach diesen Worten. Einjeder wußte, daß Moren-El-Darte recht gesprochen hatte. Wer von ihnen war nicht selbst voller geheimer Gedanken über die Bedeutung ihrer Art und der Sonne auf Santoga.

So sprach der Alte des Rates ihnen aus dem Herzen, als er erneut das Wort ergriff: »Wo auch immer unser Ursprung war, wo auch immer wir eine Welt hatten, die uns erschuff und nährte, so wird auch nur sie die Gründe kennen, die sie uns auf diesem Planeten absetzen ließ.« Und in der beinahe weihevollen Stille des riesigen Saales hallten seine letzten Sätze: »Wir haben uns einem fremden Planeten aufgedrängt, schließlich haben wir ihn erobert. Wir können nur hoffen, daß uns die Sonne darob des Plasmas gnädig bleibt und uns auch weiterhin ihre heilenden Strahlen und den Regen schickt.«



Seit zehn Tagen arbeiteten sie jetzt in der kleinen Kanzel der Beobachtungsstation. Die Papierberge wuchsen an, und außer Mata-Hele und manchmal auch Radan-El-Dor kannte sich bald keiner von den Santoganern mehr im Kämmerchen aus. Fast ohne Unterbrechung waren die Menschen am riesigen Teleskop mit seinen vielfältigen Bedienungseinrichtungen beschäftigt. Wenn einer schlief, hatte ein anderer Dienst. Es war zu eng, als daß alle auf einmal dort Platz gefunden hätten.

Sam Wilckens, der Mathematiker, verfolgte aus der Fülle von Einzeldaten den Verlauf der Positronen, um dann aufgrund von weiteren Berechnungen ihren Standort feststellen zu können.

Dazu bedurfte er der Windgeschwindigkeit und -richtung der Wolkenströmungen der Troposphäre, ihres Luftgemisches und des regionalen Regenaufkommens. Der bis zu einer Höhe von 50 Kilometer reichende Gasschleier der Stratosphäre, bestehend aus Kohlendioxyd, Ozon, Methan und Stickstoffoxyd, mußte anteilmäßig genau errechnet werden, dazu der jeweilige Hitzegrad der langwelligen Wärmereflexionen, die zunächst, bevor sie von der folgenden Abkühlung abgelöst wurden, aufgrund des durch den Meteoriten entstandenen Staubgürtels nicht ins Weltall weiterstrahlen konnten.

Diesen sogenannten Treibhauseffekt, aber auch die Eruierung aller anderen Einzeldaten, hatte Dr. Ravishnari zusammenzustellen. Mit Akribie und Sorgfalt ging er dieser Aufgabe nach und verstand es sogar, Sam zu trösten, wenn es diesem vor lauter Zahlen im Kopfe spukte.

Der Mathematiker hatte zudem sämtliche Daten, Analysen und Einzelergebnisse in einen Computer zu speisen und sie zueinander in ein Verhältnis zu setzen. Oft jedoch kamen die unmöglichsten Resultate heraus, da sich die Abweichung des kleinsten Meßfehlers schon auf die Gesamtberechnung des Standortes der Pflanze auswirken konnte.

Deren Vorkommen durch die Konvexionssträmung zu ermitteln, hatte John Cavanac zu vollziehen. Er verfolgte das Auseinanderbrechen der Landmassen, wobei magnetische Schmelze in die unterirdischen Gesteinsschichten eindrang und sie zunächst anhob, bevor ihre Dehnungskräfte grabenbildende Brüche an der Oberfläche entstehen ließen.

Zusätzllich beobachtete er die Entstehung der Meere. Größere Zentralgräben wurden mit Seewasser gefüllt, indem ihre schwächeren Erdkrusten absanken. Waren diese Mulden jedoch frei geblieben, dann hatten sich im Laufe der Jahrmillionen darin Landmassen abgelagert, die sich unter Umständen zu riesigen Gebirgszügen auffalten konnten.

Steff maß diesen Geosynklinalen große Bedeutung bei. Für ihn bestand die Möglichkeit, daß sich diese langförmigen Gräben, bevor sie weiter aufgefüllt werden konnten, zum Teil soweit hinabsenkten, daß sie von anderen Erdschollen überlagert wurden und sich mit der Zeit zu unterirdischen Höhlen und Schächten entwickeln konnten.

Ihre Aufgabe bestand nun darin, solche Mulden, möglichst in Seenähe zu lokalisieren und ihre jeweiligen Gebiete auf deren Klima und Transgression beziehungsweise Regression zu untersuchen. Direkt konnten sie diese Erdformationen nicht sehen, aber es war ihnen möglich, durch ein Halogramm, das die Ionenbildung der Wärmeausstrahlung maß, bis auf 100 Meter genau Hügel und Täler aufzuzeichnen. Da die dazu benötigte Apparatur jedoch keine Bewegung feststellen konnte, wurde lediglich das Schemata des Mittelwerts großer Körper abgebildet.

Es war den menschlichen Wissenschaftlern bekannt, daß die Ausbreitung von Meer und Sumpf im Jura weite Teile Asiens und Europas unter Wasser getaucht hatte. Durch die feuchte Witterung trugen sich die hohen Berge zusehens ab. In der Kreide, 130 bis 60 Jahrmillionen vor der Zeitrechnung, konnten sich dann wieder neue Gebirgszüge wie die Rocky Mountains, Anden, Alpen und der Himalaya bilden und die Meere sich zu breiten Mündungsdelten von Fflüssen und Sümpfen zurückziehen.

Das war die Zeit der Dinosaurier mit ihren riesigen Flachwasser - und allmählich übergehenden ufernahen Sumpfgebieten. Im milden Klima der Kreide entstand die Vielfalt der Echsen und ihrer Nahrung, eine weiche Spezie der Wasserpflanzen. Aber in der aktuell beobachteten Zeit, dem Ende der Kreide zu, mußte sich auch eine Variante der Flora gebildet haben. Sie wuchs im Inneren der zum Teil vom Sonnenlicht nicht erreichbaren Geosynklinalen, verbreitete sich in wasserreichen Flachgebieten und brach mit den einstürzenden Erdschollen in tieferliegende Schichten der Kruste ein. In dieser Umgebung mußte weiterhin eine starke vulkanoide Tätigkeit vorgeherrscht haben. Vermutlich hatten sich dort vorher stets riesige, schwefelhaltige Schlünde befunden. Durch deren Sulfatausdünstungen und durch die zum Teil mit den Wasseransammlungen einbrechenden Mulden vermochte diese Pflanze das fehlende Sonnenlicht allmählich zu entbehren und sich durch die Entwicklung einer Chemosynthese zu retten.

Steff sann vor sich hin. Es fehlte ihm immer noch ein wichtiger Mosaikstein im Puzzle der Vergangenheit. Die der Hitze folgende Abkühlung. ‚Wie hatten die Pflanzen diese Umstellung verarbeit? Allein durch das sich Zurückziehen in vulkannahe Höhlen? Oder war damals vielleicht etwas hinzugekommen, von dem sie noch nichts ahnten... Und das sie sogar zur Aausstoßung der bi-3 Positronen erst veranlaßt hatte? Er runzelte die Stirn und schaute nachdenklich vor sich hin. ‚Konnte allein ein steter Wandel des Klimas und des Meeresspiegels und auch das Fehlen des Sonnenlichts eine derartige Veränderung gebracht haben? Zunächst die Chemosynthese, dann die Positronenproduktion? Verzweifelt rieb er sich die Stirn. ‚Zumal die Ansiedlung in unterirdischen Schächten einen ständigen Wärmeausgleich notwendig gemacht haben mußte.’ Er dachte an die hitzebeständigen Körper der Santoganer. Auch sie hatten sich imgrunde erst durch die Positronen entwickelt. Die Saurier waren vielleicht ähnlich widerstandsfähig geworden.’ Er mußte in Gedanken an seine Lieblingsinterpretation unwillkürlich lächeln. ‚Aber die Saurier selbst konnten nicht der eigentliche Schlüssel zu den Positronen sein. Sie folgten nur dem Weg der Pflanze, die für sie Nahrung bedeutete.’ Erregt stand er auf. ‚Da mußte noch etwas anderes sein. Ein Einfluß, der direkt die Verarbeitung des Klimawechsels, die veränderte Synthese und die Positronen erklärte.’

In diesem Augenblick kam Sam Wilckens zu ihm. »Schauen Sie sich das mal an, Steff.« In seinen Händen lagen mehrere Papiere, zum größten Teil ältere Aufzeichnungen der Santoganer, einige neuere, die voller Zahlen und deren Ränder mit irdischen Bemerkungen versehen waren. »Ich weiß noch nicht, wie ich es deuten soll. Aber die zeitliche Kongruenz ist verblüffend.«

Steff nahm die Blätter in die Hand und betrachtete sich die Ziffern näher. Sie ergaben eine Berechnung der jährlichen Erdrotation und waren über den Bereich der letzten 200 Jahre erstellt worden.

Zuerst konnte er nichts besonderes daran finden, doch dann stutzte er. »Beträgt die tägliche Umdrehung der Erde um die eigene Achse am Äquator nicht 464 Meter pro Sekunde?«

Sam nickte bedeutsam.

»Aber dann ist sie hier ja schneller als sonst!« Steff fehlten vor Verwunderung die Worte. Eilig machte er sich noch einmal daran, die gesamte Berechnung durchzugehen. Aber er stieß immer wieder auf dasselbe Mit-telmaß. Er hatte auch nicht bezweifelt, daß Sams Computer korrekt arbeitete. Nur lag in dieser Tatsache der Vergangenheit eine weitreichende Bedeutung für die Zukunft.

Um sich herum nichts mehr wahrnehmend, starrte er vor sich hin. Der Umstand, daß sich die Erdrotation manchmal einwenig veränderte, war schon seit langem bekannt. Ihm war bisher nur keine besondere Bedeutung beigemessen worden. Zu der Zeit betrug die Rotationsbremsung der Erde durch den Mond nur ein drittel von heute. Das hieß, daß sie auch ein drittel weniger Drehimpuls abgab, wodurch sich der Erdtrabant auf seiner Bahn nicht so schnell wie sonst von der Erde wegbewegen konnte. Selbst die Tagesdauer nahm geringfügig ab.

Steff stützte den Kopf in die Hand. Normalerweise wurde die Wirkung der Anziehungskraft des Mondes von der Strömung der Konvexionsthermik beeinflußt. Dadurch wurde die Rotation abgebremst oder beschleunigt. Der Zusammenhalt des Weltalls.

‚Aber so immens?’ »Wie stark war denn die Veränderung des Drifts in dieser Zeit?« fragte er laut.

Sam Wilckens hielt noch zwei weitere Blätter in der Hand. »John hat während ihrer Schlafperiode die allgemeine Driftgeschwindigkeit berechnet. Sie liegt ebenso um ein Beträchtliches über dem Normalwert. Das hängt aber mit der sehr starken Magmaerhitzung im Erdinneren zusammen. Diesen Umstand beweisen auch die sehr zahlreichen Eruptionen und Vulkanbildungen. Dadurch falteten sich Ende Kreide viele Gebirge auf, und es herrschte eine gewaltige Regression.«

Sam hielt einen Augenblick inne, um zu überlegen, aber als John Steffs ungeduldige Miene sah, trat er hinzu. »Ich meine, der Umstand, daß der Ozean bei Erhaltung seiner Wassermassen eine kleinere Oberfläche bot, hatte zur folge, daß der Meeresspiegel tiefer wurde - bedingt durch die Bodenabgabe an die sich auffaltenden Gebirgsmassive. Dadurch hatte sich auch die Oberfläche des den Gezeiten unterliegenden Wassers, auf das die Gravitation des Mondes einwirkt, verringert. Hierdurch wurde die Erdrotation erheblich weniger abgebremst. Durch die daraus erfolgende um ein drittel verringerte Impulsabgabe an den Mond aber wurde die Erdanziehung stärker. Als unmittelbare Folge wurde nun dessen Fluchtbewegung von der Erde aufgehalten, sodaß vor allem die Nächte damals unter einem intensiveren Einfluß des Trabanten standen.«

Er verstummte und trat zwei Schritte zurück, als wollte er die Wirkung seiner Worte im Ganzen beobachten. Doch Steff achtete nicht darauf.

‚Wenn der Mond schon in einem direkten Bezug zur Geschwindigkeit der Erdrotation steht, welche Bedeutung können Johns Worte über die Mondnächte erst erlangen? Was für Auswirkungen vermochte eine Veränderung des Tag/Nacht-Verhältnis haben?’ Hastig kritzelte er auf ein Blatt Papier einige Zahlen. Nach Berechnung der Werte auf Europa ergab die dortige Schrägstellung der Achse eine Verkürzung des Tages um eine halbe bis eine Stunde. ‚Was mochte dieser Umstand für die Saurier bedeuten? Somnambulismus...’ Er konnte es sich nicht erklären. ‚Oder gar für die Pflanze? Die längeren Nächte haben ihr vielleicht zusätzlich zu einer Gewöhnung an ein Leben in Dunkelheit verholfen.’

Steff setzte sich und sah John an. »Kannst du dir vorstellen, daß die Anziehung des Mond eine Veränderung der Fotosynthese bei Pflanzen oder weiter noch: eine Veränderung des Bewußtseins von Lebewesen bewirken kann?«

John vergrub die Hände in den Hosentaschen und schüttelte seine rotblonde Mähne mit einem Ruck aus der Stirn. »Veränderung von Pflanzen? Bislang ist mir sowas noch nicht zu Ohren gekommen. Pass auf, daß du dich da nicht verrennst, Steff.« Mit einem Finger strich er sich über den dichten Schnurrbart. »Aber daß zum Beispiel die Gravitation eine unveränderliche Größe ist, gilt ja auch schon als überholt. Seit Anfang dieses Jahrhunderts wissen wir, daß die Dichte der Massen sich sehr wohl auf eine unterschiedliche Geschwindigkeit zweier gleichschwerer Teile auswirkt. Neue gravitative Kräfte sind auch in der Wechselwirkung der Antikörper gefunden worden, die bekanntlich schneller als die entsprechende Materie fallen.« Er schüttelte leicht den Kopf. »Zum anderen aber, du weißt, Steff, daß der Mond auch auf uns einen Einfluß haben kann. Vielleicht mehr, als wir ahnen. Aber wer kennt sich da schon aus.« Resigniert breitete er die Arme aus.

»Zumindest können wir hier einen Anhaltspunkt haben.« Er sprach das Wort jetzt aus. »Somnambulismus. Sehen ohne Augen. Eine Spezie, die untertage leben kann.« Steff spielte mit den vollbeschriebenen Blättern, dann schüttelte er ungeduldig den Kopf. »Wie auch immer... Im Augenblick sollten wir uns die Gebiete vornehmen, in denen die durch den Drift hervorgerufene Konstellation der Landmassen so günstig ist, daß sie auf die Mondgravitation eine bestimmte Wechselbeziehung erhält. Ich meine vor allem die Sumpfzonen Europas, die durch ihre Meeresnähe und durch ihre extreme Flachheit einem stärkeren Gezeitenstrom unterliegen. Gerade hier haben sich zahlreiche Geosynklinalen gebildet. Denken wir nur mal an die fossilen Funde in England und Frankreich, aber auch Belgien. An diesen Stellen haben sich doch auch besonders viele Saurier befunden.«

»Da hast du recht«, pflichtete ihm John bei. »Auch in Dänemark und Schonen gab es solche Becken. Ich werde gleichmal daran gehen, mir unter diesem Aspekt Gebiete anzusehen, die mittels der Thermoanalyse einen regional stärkeren Tidenhub aufweisen.« Er schaute auf die Uhr, die nach wie vor die Einteilung der Erdtage anzeigte. Im Weltraum gab es keine Sonnenaufgänge. »Kip muß jetzt auch soweit sein, dann kann er mir gleich dabei helfen.«

Kaum hatte er sich umgedreht, war er schon wieder in seiner Arbeit versunken. Steff ging in seine Kabine und legte sich hin. Die Anstrengungen der letzten Tage hatten ihm ziemlich mitgespielt, doch er hatte dabei das Gefühl, daß sie dicht vor der Entdeckung der Wachstumsregion der Pflanze standen. Es gab viele Anzeichen, die auf Europa wiesen. Die Konstellation des Kontinentes, der Meeresspiegel, die dort heftige konvexionale Strömung und nicht zuletzt die Lage der Positronen in der Stratosphäre.

Plötzlich merkte er, daß es schon seit einer Weile klopfte. Er mußte über seinen Gedanken eingeschlafen sein. Schnell sprang er auf und öffnete die Tür. Kip stand vor ihm.

»Hallo«, sagte dieser grinsend, »ich sehe, du hast gerade einen Schönheitsschlaf gehalten?«

Verlegen strich sich Steff durch das Haar und brummelte etwas wie »hab`n bißchen nachgedacht« vor sich hin.

»Mach dich mal einwenig frisch und komm in die Kanzel. Da wirst du eine Überraschung erleben.«

»Was ist denn los«, wollte Steff fragen, aber Kip zog ihn eilig am Arm. Gemeinsam liefen sie mehr als daß sie gingen die eiserne Treppe zur Außenstation hoch.

In der Tür trafen sie Mata-Hele. Er schien schon eine längere Zeit da zu sein, denn er eilte sogleich auf Steff zu. »Sehen Sie sich das an, Herr Maiger. Ein unglaubliches Phänomen.« Steff folgte der Richtung seiner Hand und sah das oszillierende Flimmern des Bildschirms. Er ging näher heran und beugte sich über die Schulter von John Cavanac, der im Sessel davor saß. Das Teleskop übertrug einen vergrößerten Ausschnitt von Europa. Nun drückte der Ire einige Schalter, und der Ausschnitt vertiefte sich.

Sie sahen jetzt einen Teil Norddeutschlands mit einem Seitenarm der Thetys, der sich bis zum Borealen Meer zog. Aufs Bild waren zusätzlich die Analyse des Sauerstoff-Luftgemisches und die farblichen Höhenzüge des Thermalspektrums projeziert.

Dann fuhr John noch einmal den Ausschnitt bis zum nächstdichtesten Punkt heran. »Das ist jetzt das Äußerste, was wir visuell als Bild wahrnehmen können.« Gespannt schaute er auf Steff. »Fällt dir dabei etwas auf?«

Steff blickte konzentriert auf den Suchschirm. Er konnte die fast blaue Colorierung des Meeres sehen. Daneben die bräunliche Färbung von Land. Und dazwischen sichtlich ein Sumpfgebiet. ‚Was sollte daran besonderes sein, daß sie mich deswegen aus dem Bett holen?’ ging es ihm durch den Kopf. Dann erkannte er dicht vor dem Wasser einige rote Punkte. Verwundert schaute er auf. ‚Sie hatten doch keine Rotverschiebung der Stratosphäre eingeblendet.’ Er sah genauer hin. Diese Punkte bewegten sich auch nicht. Der übliche Tanz der Positronen fand nicht statt.

»Was zum Kuckuck ist das«, fragte er verwundert.

»Da staunst du, was?« Kip deutete mit dem Finger auf die roten Ansammlungen. »Das, was du hier siehst, mein Junge, ist festes Plasma.«

Abrupt hob Steff den Kopf. »Plasma? Unmöglich. Doch nicht direkt auf der Erde! Das müßt ihr mir erklären.«

Mata-Hele schaute ihn eindringlich an. »Was Sie da vor sich haben, Herr Maiger, ist wirklich Plasma. Eindeutig analysiert. Das interessante dabei ist, daß es direkt von einer Stelle kommt, an der wir auch Iridium 100 vorfinden. Das heißt, daß wir auf einen Teil des Meteoriten gestoßen sind, der für die Positronen verantwortlich ist. Aber nicht nur für sie.«

Er schaltete jetzt eine weitere Eingabe auf den Bildschirm. Deutlich konnten sie nun die Positronen tanzen sehen. Er zeigte auf ihre atomaren Aufprallblitze. »Die Positronen in der Sphäre liegen nicht weit von diesem Gebiet entfernt. Wir haben Wind - und Wärmebewegung berücksichtigt. Ihre Bahn weist genau auf das Plasma hin.«

Erneut versuchte er, Steffs Augenausdruck zu erfassen. »Und jetzt sehen Sie sich mal die Werte der Luftanalyse über der Region an. Sie ergeben einen starken Anteil an Schwefeldioxyd und anderen Sulfaten. Wissen Sie, was das heißt, Herr Maiger?«

Steff zögerte nicht lange mit der Antwort. »Vulkanoide Tätigkeit, denke ich mir«, gab er unbekümmert zurück.

»Genau. Nun ist bekannt, daß Chemosynthese auch auf sulfater Basis arbeitet. Herr Maiger«, sagte er dann schlicht, »wir haben die Pflanze gefunden!«

Was den anderen im Raum bereits klar zu sein schien, stand in Steffs Gehirn erst am Anfang des Erfassens. Langsam, wie in Zeitlupe, drehte er sich um. Dann sah er der Reihe nach seine Kollegen an. »Ich glaube, wir können uns langsam mit dem Gedanken vertraut machen, bald wieder die Erde zu sehen. Obwohl wir sie ja eigentlich nie aus den Augen verloren haben.« Glücklich reichte er allen die Hand.

Dann trat er voller Inbrunst zu Mata-Hele hin und nahm ihn bei der Schulter. »Erinnerst du dich noch an unser Gespräch über Freundschaft? In solchen Augenblicken überkommt es uns Menschen, sie einander anzubieten, Mata.« Und er umarmte den etwas glatten und kühlen Körper des anderen.

Dieser verstand sogleich, was Steff meinte, und sein Blick fiel warm in die Augen des Freundes. Sanft glomm im blauen Meer seiner Retina ein Funke, den kein anderer außer Steff wahrnahm. Dieser sah weiter, wie sich das Glühen ausbreitete und bis in die hintersten Winkel der bernsteinernen Gestade leuchtete.

»Ich habe zwar nie vollkommen verstanden, was Freundschaft bei euch ist«, sagte Mata-Hele nun, »aber sie muß etwas damit zu tun haben, daß sich die Menschen nur bei halbem Namen nennen.«

Daraufhin wandten sie sich erneut dem Bild zu. Doch dem Santoganer ging unbemerkt von den anderen ein weiterer Gedanke durch den Kopf. ‚Dieses Plasma hat die Pflanze dazu gebracht, Positronen zu entwickeln. Und es stammt von dem Meteoriten, der aus dem Weltraum gekommen ist.’ Er hielt kurz inne, denn der nächste Gedanke ließ ihn fast erschrecken. ‚Es kam aus der Unendlichkeit der Sterne, wo alle Dinge miteinander verbunden sind - das heißt, aus der Weite des Kosmos, aus der auch wir einst stammten.