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Literatur

Amarilis

Amarilis

- ein Roman von Rainer Kempas -
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das Leben in einem Kondom



Kapitel III.

D ie matte Beleuchtung des kleinen Raumes tauchte die Gegenstände in eine angenehme Unaufdringlichkeit. Die sich abzeichnenden Konturen von Stuhl und Tisch, deren Schatten über den Boden flossen, schienen ineinander überzugehen. Die Wände waren leicht abgerundet und schlossen sich zu einer Kuppel. Der seitlich eingelassene Schrank baute sich neben ihm auf.

Steff schloß die Augen. Trotz der extrem hohen Geschwindigkeit bemerkte er keine Fortbewegung. Nicht einmal das leise Summen der Photonentriebwerke war in der Kabine zu hören. Es herrschte absolute Stille. Eine Ruhe, die ihn auf sich selber besinnen ließ inmitten der abstrakten Einsamkeit der Sterne.

Doch dieser Eindruck entstand lediglich aufgrund der unendlichen Weite des Weltalls. In Wirklichkeit hatten sie das Sonnensystem bereits hinter sich gelassen und schossen mit 98%-iger Lichtgeschwindigkeit dahin. Denn der ausströmende Photonenschub verfügte über den niedrigstmöglichen Masseausstoß.

Eine direkte Lichtgeschwindigkeit konnte nach wie vor nicht erreicht werden, da sich bei 100%-iger Annäherung die Geschwindigkeiten nicht mehr addierten. Eine weitere Energiezufuhr wurde nur noch auf die Masse der Teilchen abgegeben. Dieser Umstand führte zum einen lediglich zu einer weiteren Materiezerstrahlung, also einem größeren Verbrauch und zum anderen zu einer gleichzeitigen Abbremsung durch erhöhten Masseausstoß.

Je schneller sie allerdings wurden, desto stärker verlangsamte sich ihr eigener Lebensprozeß. Im Augenblick hatten sie eine 5-fache Verzögerung gegenüber den irdischen Maßstäben erreicht. Würden sie noch schneller fliegen, könnten sie gegenüber einem anderen Zeitraum bis um das 22-fache länger Leben. Doch gerade dieser Umstand war es, der eine weitere Erhähung der Geschwindigkeit nicht mehr angeraten sein ließ.

Steff rechnete nach. Ihre Reiseroute bestand darin, mehrere außerordentlich massereiche Sterne anzufliegen, um den Hypersprung zu wagen. Dadurch verkürzte sich die Dauer um Jahrmillionen. Ein angesichts ihres kurzen Lebens sichtlich notwendiger Umstand. Bei einer subjektiven Flugdauer von ca. Zwei Wochen blieb er inklusive Rückflug also einen Monat im All. Bei dieser Berechnung mußte er plötzlich grinsen. Wenn er zurückkam, war Meika fast ein halbes Jahr älter geworden als er. Und diese Tatsache bedeutete, daß sie beinahe auf den Tag genau gleichaltrig wurden. Er freute sich schon auf ihre Reaktion. ‚Dann können wir ja zusammen Geburtstag feiern!’

Er stand auf und ging an das kleine Sichtfenster. Vor ihm breitete sich die Schwärze des Weltraums aus. Nur vereinzelt sah er kleine Punkte auf-leuchten, weit entfernte Sterne, die er noch nie gesehen hatte. Denn sie waren jetzt in einem anderen Teil der Milchstraße, der sich näher dem Zentrum zu befand. Selbst wenn ihm ein solcher Stern dem Namen nach bekannt vorkam, seine Perspektive innerhalb des Universums war nun eine völlig andere.

Steff strich sich leicht über die Schläfe. Zwei von der Erde aus gesehene Sterne standen nur scheinbar nebeneinander, in ihrer Leuchtkraft unter-schieden. Doch diese ungleiche Helligkeit bedeutete nicht, daß der eine kleiner war als der andere. Es lag stets an ihrer räumlichen Distanz, die sie von einem veränderten Beobachtungspunkt eine neue Position einnehmen ließ.

Er wandte sich ab. Die Gegenstände in seinem Zimmer reihten sich gewohnheitsgemäß ein. Er empfand Erleichterung bei dem Anblick der eigenen Ordnung. Auf dem Tisch vor ihm lagen sein Federhalter und ein Stoß Papiere. Davor die kleine Statue eines Wassergottes aus dem frühen Afrika.

Voll der Erinnerungen setzte er sich hin. Er hatte dieses etwa faustgroße Abbild auf seinem letzten Urlaub aus dem Kongodelta mitgebracht. Vor hundert Jahren noch hatten die Menschen dort an die Existenz einer übergeordneten Macht geglaubt. Mythen und Religion. Aber gerade hier in der Einsamkeit des Weltalls hatte dieses an und für sich hohle Symbol die Vertraulichkeit einer persönlichen Mitteilung. An seinen äußeren Formen konnte er noch die Kerben und Einschnitte des primitiven Messers erkennen. Das warme Holz wog allerdings einwenig schwerer, da die Gravitation auf dem Schiff der des santoganischen Planeten angeglichen war.

Vor ihm auf dem Tisch standen zwei Plasmabirnen, zwischen denen ein elektrisches Feld aufgebaut war, das die Schreibunterlage erhellte. Mit dem Fuß schaltete er einen Kontakt, damit die Elektroden heller glühten. Mittels einer ultravioletten Steuervorrichtung regulierte er die Leuchtwinkel der Birnen und ihre Reflexionsstärke. Warm ergoß sich das Licht über den Tisch und streute seinen phosphoreszierenden Rand in kristalline Farbreflexe.

Steff schaute sich noch einmal die Informationen über das soziale System der Santoganer an. Imgrunde genommen besaßen sie nichts in diesem Bereich den Menschen ähnliches. Es gab zwar auch eine Art Erziehungseinrichtung, die aber eher wie eine Anleitung, eine Gebrauchsanweisung von Dingen und Eigenschaften mutete. Selbst situative Eindrücke und abstrakte Orientierung waren Bestandteile eines genetisch komplexen Nervensystems. Dessen Ausmaß gründete sich einzig in der Anzahl seiner Gittermoleküle, deren Gesamtverband von Elementarteilchen und chemischen Ladungseigenschaften - in der Hauptsache Kationen - einzelne Nervenimpulse hervorrief.

Somit entschied über Qualifikation und Stellung im Beruf ausschließlich die Anzahl der Gittergeraden, wobei die individuellen Interessen und die nicht von der Hand zu weisenden Eigenarten in Charakter, Ansicht, aber auch Physis durch die unterschiedliche Ordnung und Auffüllung der einzelnen Konstanten bestimmt wurden.

‚Dabei besitzen sie ebenso Gefühle wie wir’, durchfuhr es Steff. Eine Spur von Achtung stieg in ihm hoch, als er sich der Augen von Shan-Ücci erinnerte. Sie konnten verschlossen sein, aber auch so offen wie ein klarer Bergsee. Er fragte sich allerdings, ob die Santoganer dieses Phänomen steuern konnten, oder es ihnen wie eine menschliche Emotion zugrunde lag, die sie bestenfalls zu unterdrücken vermochten.

War eine Gittergerade aufgefüllt, gab es für die Außerirdischen nur zwei Alternativen. Der nächste Schritt der Evolution entschied über ihr Weiterleben oder über ihren Tod. Denn an dieser Stelle öffneten sie ihre Tetraeder, um eine neue Gittergerade auszubilden. Wenn sich jedoch eine artfremde Verbindung an diesen nur äußerst gering geladenen Pol setzte, bevor er von einem Molekül der Silikonionen gefunden werden konnte, war der weitere Ausbau blockert. Wie in einer Krankheit wurden sie daraufhin zu einfacher, nicht lebender Materie, die sich mit der Zeit zersetzte.

‚Gib es denn bei ihnen keine Angst oder irgendeine Vorsichtsmaßnahme, um sich vor dem Tod zu schützen?’ Steff konnte sich vom menschlichen Standpunkt her einfach nicht mit diesem Schicksal anfreunden. Doch für die Santoganer bestand darin die unerschütterliche Vorgehensweise der Natur, der sie sich immer gefügt hatten. Zumal ihr Tod ihnen weder Schmerzen noch sonst eine Pein erbrachte. Steff überlegte, ob der Tod den Menschen, wenn er nur nie schmerzvoll wäre oder unter tragischen Umständen verliefe, vielleicht ebenso vertraut hätte werden können.

Doch vollkommen gleichgültig schienen auch die Santoganer nicht zu sein, denn sie trugen den positiven Ausgang nicht ohne eine gewisse Art von Stolz. Ein Dreigitter-Tod-Kenner zum Beispiel hatte seine Gittergeraden bereits dreimal erfolgreich auffüllen können. Er war der, der dem Tod schon dreimal in die Augen geschaut - und ihm widerstanden hatte. Sein Alter maß sich dementsprechend.

‚Wenn ihre Mentalität Würde und Stolz aus der Überwindung des Todes gewinnt, und sie sogar ihr Alter danach berechnen, dann müssen sie auch sowas wie Furcht kennen’, dachte Steff. ‚Oder Respekt. Aber die Unumgänglichkeit als gegeben anzusehen, konnten doch keine intelligenten Wesen freiwillig eingehen. Der beste Beweis ihres kämpferischen Mutes, ihres nicht untergehenden Willens bestand ja in ihrer Suche nach den Positronen. Hier wurde eine scheinbare Unentrinnbarkeit auch nicht hingenommen.’

‚Vielleicht’, überlegte er, ‚besteht bei ihnen schon ein Unterschied zwischen der individuellen Fügsamkeit und dem Aussterben ihrer ganzen Rasse. Das eine ist der natürliche Ausgleich ihres popularen Gleichgewichts, das andere aber wäre die Vernichtung der gesamten Art.’

Er schaute wieder zum Fenster hinaus. Direkt vor sich gewahrte er jetzt eine kleine Sonde, die das Raumschiff begleitete und von seiner Anziehungskraft mitgezogen wurde. In ihr waren Nahrung, Ersatzteile und eine spezielle Außentechnik verstaut, die am Ankunftsort in extra Hangars gesteuert oder von Flugmaschinen aufgenommen wurden.

Er drehte sich einwenig seitlich zur Sichtscheibe. Kaum wahrnehmbar erkannte er nun an der Peripherie des Raumschiffs ein mattes Aufglänzen. Fasziniert wollte er der Ursache nachgehen, als sich in diesem Augenblick eine Metallwand von außen vor die Luke schob.

Erstaunt sprang er auf und trat vom Fenster zurück. Er konnte nichts mehr ausmachen. Völlig luftdicht war eine dunkle Platte davorgesetzt und eingeriegelt. In diesem Augenblick blinkte eine kleine Lampe auf, deren Bedeutung er aber nicht kannte. Schnell setzte er zur Tür auf den schmalen, etwas flachen Gang hinaus.

Hier versuchte, er sich zu orientieren. Wen sollte er fragen. ‚Am besten, ich geh mal zu Angelo rüber’, sagte er sich. Er klopfte an die Nebentür, doch hier meldete sich niemand. Im Aufenthaltsraum saßen zwar zwei Biologen, aber beide waren so intensiv in eine Diskussion über Wachstumsrichtung gravitationsdesorientierter Pflanzen verwickelt, daß ihnen das Schließen - wie Steff jetzt feststellte - aller Fenster einfach entgangen war.

Sich stumme, fragende Blicke zuwerfend, gingen sie alle drei nun zum Mannschaftsraum der Santoganer, in dem die wichtigsten Computer, Geräte und Maschinen überwacht und betreut wurden. Schon im Flur trafen sie auf Erolandar, einen großgewachsenen Santoganer, der für ihre menschlichen Belange, ihre Integration und Information zuständig war. Er füllte sozusagen den Posten des Personaloffiziers aus, wenn er nach menschlichem Ermessen eingestellt worden wäre.

»Ah, meine Herren, ich wollte gerade zu Ihnen kommen.« Freundschaftlich öffnete er seine Arme und bat jeden einzelnen von ihnen in die große Halle hinein. Dort standen auch schon andere Menschen, die jetzt auf die Erklärungen des zuständigen Santoganers warteten.

Erolandar hatte einen etwas bräunlichen Teint, der nicht so schimmerte wie der von Shan-Ucci. Dafür überragte er ihn um einiges. Insbesondere seine drei Hälse wiesen eine außerordentliche Länge auf. Aber seine Augen blickten ähnlich denen des Kapitäns wie sanfte, blaue Ozeane.

Mit diesen schaute er sie jetzt der Reihe nach an, bevor er zu reden anfing. »Ich darf Ihnen vorab versichern, daß sie sich in keiner Gefahr befinden. Wir sind lediglich gezwungen worden, einen Schutzschirm aus magnetisiertem Plasma aufzubauen und zusätzlich die Fenster zu schließen.«

Er wandte sich jetzt einer Wand zu, die sich in der Mitte plötzlich trennte und auseinander zog. Dahinter war eine überdimensionale Sichtscheibe zu erkennen, die den Blick auf das All freigab.

»An dieser Stelle ist eine doppelte Schicht statischen Plasmas vorgeschoben, so daß wir auf die thermodynamischen Scheiben verzichten können. Denn den Anblick, der sich Ihnen gleich bieten wird, meine Herren, sollten sie auf keinen Fall versäumen.« Er hielt eine Weile inne und wartete, bis sich mit einem Mal ein rotglühender Feuerball in die Schwärze des Nichts schob. Dann lüftete er das Geheimnis.

»Vor uns sehen Sie eines der wirklich seltenen Ereignisse, denen wir jeh auf unseren Flügen begegnen können.« Steff bemerkte, daß sich jetzt auch viele Santoganer vor dem Fenster versammelten. »Was sich hier vor Ihnen abspielt,« und er schaute dabei Mensch und Santoganer gleichermaßen an, »ist die Explosion einer Supernova!«

Alle hielten den Atem an und verfolgten das einmalige Schauspiel. Inmitten eines glühenden Balles aus reinstem Feuer sah er wie durch den flimmernden Nebel einer hitzeverdichteten Gassphäre einen teilweise weißlichen Hintergrund auftauchen. Doch wie von Flammenzungen umhüllt blieb stets nur ein Schemen dieses Innersten des brenndenden Sterns.

Die größten Ausmaße aber fand die Supernova in ihrem Kranz aus kohlenstoffhaltigem Gas. Dieser blähte sich zu einem Anfangs weißglühenden Ring auf, der mit zunehmendem Ende dunkelrot bis bläulich wurde. Dazwischen spielte sich die Skala einer ganzen Farbpalette ab. Von grasgrün über zitronengelb bis tief violett mischte sich die gigantische Staubwolke vor ihren Augen. Niemals wieder bekam Steff eine derart grellodernde Erscheinung solch kosmischen Ausmaßes zu sehen.

»Und dieses ist schon fast der Endzustand des ehemaligen roten Riesens, meine herren,« sagte Erolandar. »Aber sicherlich können Sie sich nicht das Ausmaß dessen vorstellen, was die Supernova zu Zeiten ihres Höhepunktes darstellte. Ihren jetzigen Umfang mit 15 zu multiplizieren ist zu einfach. Hinzu kommt ihre Hitze und das damit unmögliche Erkennen der unterschiedlichsten Farben. Erst jetzt, in ihrem erkalteten Zustand, erscheinen auch andere Farbtöne wie grün, blau und gelb. Außerdem, muß ich gestehen, ist es uns auch nur jetzt möglich, in ihre Nähe zu gelangen. Unsere Schutzschilde hätten zwar vorher der Hitze noch standhalten können, aber einem sicherlich nicht mehr: der wahnsinnig hohen Aufprallgeschwindigkeit der Wasserstoffkerne.«

Er hielt inne und zeigte erneut auf die Supernova. »Selbst jetzt werden die Protonen noch außerordentlich stark ausgestoßen, so daß sie unsere Panzerwände durchschlagen würden. Aber wir können es bereits wagen, uns aufgrund unserer Plasmaschirme ihnen zu nähern.«

Noch Stunden nach menschlicher Zeit saßen die irdischen Wissenschaftler vor dem Fenster und genossen das Schauspiel der explodierenden Nova. Einige machten Aufzeichnungen, andere filmten oder fotografierten. Allerdings nur für die eigene Erinnerung. Die Mannschaft der Santoganer war längst darauf vorbereitet und hatte vor allem die entsprechende und weitaus raffiniertere Gerätschaft, um den Vorgang zu dokumentieren und zu analysieren.

»Meine Herren«, sagte Erolandar nun und trat zu den Menschen hinüber, »Sie werden sich vorher vielleicht einwenig gewundert haben, was passiert war, aber wir wollten sie bewußt überraschen. Wir wissen, wie sie sich auf Geschenke zu freuen pflegen und ich hoffe, daß wir den auslösenden Punkt Ihres Vergnügens richtig getroffen haben.« Und beruhigend fügte er hinzu: »Wir wissen ja, daß es fast einen ganzen Tag dauern wird, bis wir den Flugwinkel unserer Reise derart verändern müssen, daß wir die Nova aus dem Sichtfenster verlieren. Zeit genug also für Sie, mit all Ihren Mitteln dieses Ereignis festzuhalten.«

Steff, der weniger astrologische Kenntnis besaß, hockte lediglich davor und ließ die schaurigschöne Wirkung des brennenden Sterns auf sich eingehen. Immer noch veränderten sich die Farben des flammenden Infernos. Angelegentlich rieb er sich die Stirn, so als wollte er sich in einen Wachzustand zurückrufen.

Angelo, der neben ihm saß, bemerkte zu ihm: »Weißt du eigentlich, daß vielleicht alle 50 Millionen Jahre eine Supernova dieser Helligkeit auftritt? Und nur alle 800 Millionen Jahre eine dreimal so helle? Wenn du jetzt noch etwas von der Reise erwartest, Steff, dann bist du größenwahnsinnig.«

Andächtig schaute er zu dem flammenden Feuerball aus Gas und Staub, der nun langsam an der linken Seite des Sichtfensters zu verschwinden begann. Eine Woche waren sie jetzt unterwegs. Vom vielen hinschauen müde, rieb sich Steff die Augen. Es war bekannt, daß Angelo ein enthusiast war.



Auf John Cavanacs Stirn begannen sich erste Schweißtropfen zu bilden. Sein Atem flatterte, und das Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse. Aber er biß die Zähne aufeinander. Mit größter Willensanstrengung schöpfte er die letzten Kraftreserven, bis ihm die Sehnen am Hals hervortraten. Schaffte er es noch?

Er hielt durch. Völlig ausgepumpt stieg er vom Trimmrad. Fünf Kilometer in drei Minuten. Fast knickten ihm die Knie ein. Sein rotblondes Haar war in nassen Strähnen an die Stirn geklebt. Erschöpft holte er Luft. Dann übergab er das Gerät an Kipchote Vida, einem großen, bulligen Kernphysiker aus dem Tschad. Kip, wie ihn alle nannten, war der Sportlichste von ihnen, aber jeder hatte seinen Ehrgeiz, ihn in irgendeiner Disziplin zu schlagen.

John ging an die Bar. Immer noch schweißnaß ließ er sich auf einen Hocker nieder und bestellte ein Mineralwasser. Neben ihm saß Dr. Anderson, ein Erdälexperte aus Neuseeland. Mit seinen runden Kulleraugen und dem Bart sah er wie ein Tanzbär aus, dessen untersetzte Gestalt nichts mehr zu lieben schien, als sich nach einem gestampften Takt im Kreis zu drehen.

»Na, nicht doch einen Whisky, John?« Als er zu lachen begann, gruben sich kleine Falten in seine dicken Backen.

»Oh ja, verdient habe ich ihn schon«, gab dieser ernsthaft zurück, »aber ich möchte erst noch meine letzte Turnübung hinter mich bringen.« Und mit einem Seitenblick auf seinen Nachbarn: »Bei Ihrer Figur, Will, scheinen Sie mir noch garnicht damit angefangen zu haben.«

»Sie haben ja vollkommen recht«, wehklagte der rundliche Neuseeländer, »ganz im Gegenteil zu anderen schmeckt mir das Bier auch schon vor dem Sport. Mir will scheinen, daß ich in dieser Richtung einwenig abnorm veranlagt bin, da ich selbst während der Kraftübungen Bier trinken würde.« Er verfiel in ein etwas heiseres Lachen.



Inzwischen war Steff auch mit seinen Übungen fertig und hatte sich zu den beiden gesellt. Zu dritt hockten sie auf einem länglichen Barhocker, mit einem Handtuch um den Hals und einem Glas in der Hand.

»Sag, Steff, willst du nicht meine letzten Übungen übernehmen? Du siehst noch so frisch aus!« John grinste und musterte seinen Kollegen, wie ihm die Schweißtropfen über die Augen rannen.

»Dann können Sie eigentlich auch gleich meine Übungen mitmachen, Steff. Es sind allerdings ein paar mehr übrig geblieben, weil ...« er vollendete den Satz nicht, aber John sprang ihm hilfreich bei. »Es stehen ihm noch alle aus.«

Doch Steff lehnte dankend ab. Lieber bestellte er sich ein zweites Bier. Der Stewart hinter der Theke war ein kleiner, breiter Santoganer, der eilig hin und her schlurfte, sich mit seinen langen Armen die Getränke und Gläser aus den Regalen angelte und stets in Bewegung war.

»Sagen Sie, schwitzen sie eigentlich nie?« fragte ihn Will bewundernd.

Der Santoganer schaute auf und lächelte. Jedenfalls strahlte aus seinen Augen ein verschmitztes Blinken. »Sie meinen ihre Wasserausscheidung?« Bei dieser Formulierung konnte sich John nicht mehr halten und fing an zu wiehern. Doch bevor er vom Hocker fiel, fuhr der Außerirdische fort: »So eine Vergeudung der Körperflüssigkeit können wir uns nicht leisten, meine Herren. Außerdem ist unsere silikate Epidermik dazu nicht durchlässig genug. Aber wenn Sie so wollen. Auch wir verfügen über eine vergleichsweise funktionierende Körperöffnung.«

Und er zeigte ihnen in Höhe der Hüfte eine Stelle, die tatsächlich etwas poräser schien, und aus der, als er einwenig auf sie drückte, ein dichter Nebel ausschied. »Das ist ungesättigter Kohlenwasserstoff, meine Herren, wollen sie sich einmal überzeugen?«

Unbefangen ging er zu ihnen um den Thresen herum. Sie merkten, daß das Gas sehr kalt war und dampfig-herb roch.

»Wie kommt es, daß Sie gerade flüssigen Kohlenwasserstoff ausscheiden?« wollte Steff wissen.

»Ja, das wundert Sie, nicht wahr?« Aber aus der Verarbeitung von Sulfaten und Schwefelwasserstoffverbindungen, die wir in speziellen Inhallationsküchen aufnehmen, wie Sie Ihre Luft einatmen, bleibt eine Menge Kohlenwasserstoff übrig, den wir wieder ausscheiden müssen. Sie kennen ja die Schwierigkeiten, die eine Übersättigung mit sich bringt.«

Damit ging er wieder zu seinen Flaschen und schenkte den Menschen, die mittlerweile fast alle ihre Trimmdichübungen beendet hatten, weiterhin ein.

»Das ist ja interessant«, sagte John zu Will, »die pinkeln Kohlenwasserstoff. Das möchte ich auch mal können.«

»Würdest du ihm dann aber auch das zeigen, womit du ...?« flüsterte der andere zurück.

Mittlerweile war auch Angelo gekommen und hatte sich neben Steff gesetzt. Er konnte gerade noch mithören, was will zu John tuschelte. »Das sie nicht atmen wie wir, habe ich ja gewußt. Auch, das sie nicht richtig essen, sondern mehr ähnlich unseren Lungen einen Magen haben, der die inhallierten Stoffe verarbeitet. Das sie dabei jedoch immer so etwas wie eine geschlossene Kabine aufsuchen, in der sie ihre Nahrung quasi zu sich nehmen, ist mir neu. Ich dachte, das machen sie nur umständehalber auf der Erde.«

»Tcha«, nickte Angelo, »wahrscheinlich dürfen sich diese Stoffe auch nicht mit der Umwelt ihres eigenen Planeten vermischen, da sie einfach allgemein zu gefährlich sind. Nicht nur für uns Menschen.« Er spitzte grübelnd den Mund. »Ich glaube außerdem, daß sie sich dort zudem ihre recht unterschiedlichen Menus anfertigen können. Ich meine, je nach Konzentration des Schwefels oder anderer Aufbaustoffe.«

»Dabei ist auffallend, daß ihre Ausscheidung, dieser gasige Kohlenwasserstoff, eigentlich wenig in den Kreislauf ihrer Umwelt passt. Die dort wachsenden Pflanzen setzen wie bei uns Kohlendioxyd um, scheiden aber flüssige Schwefelsulfite und Sauerstoff aus.«

»Ich glaube, es wird noch interessant werden, ihren Planeten zu erforschen. Je mehr wir von ihm wissen, umso vertrauter wird er uns. Und was wir verstehen, fürchten wir nicht.«

Steff und er standen nun auf und setzten sich in eine abseits gelegene Nische der kleinen Bar. Vor ihnen war eine Thermodiode angebracht, die ein leichtes Wärmefeld ausschickte, das sich angenehm auf der Haut bemerkbar machte. Dabei wurden von einer heißen Elektrode Elektronen durch ein Plasmafeld zu einer Gegenelektrode gesendet. Ein Stromkreis, der zugleich ein weiches Licht verbreitete, wandelte dann die vorhandene Energie in Wärme um.

Steff hielt seine Hände in den gedämpften Lichtkreis. Gleichzeitig fühlte er, wie sich seine Nerven beruhigten, und die Haut sich entspannte. Wie unter einem Solarium, nur daß es hier keine schädliche UV-Strahlung gab.

Angelo schaute ihm nachdenklich zu. »Wie geht es dir eigentlich, Steff. Man sieht dich in den letzten Tagen nicht sehr häufig.« Sein braunes Gesicht wandte sich ihm zu. Eindringlich, aber ruhig waren seine Augen auf ihn gerichtet.

Steff zögerte. »Ja?« Er dachte darüber nach. »Es ist nichts besonderes. Ich lese bloß eine Menge über das alles hier. Es gibt doch soviel neues, daß ich die Eindrücke kaum verarbeiten kann. Deshalb bin ich auch die meiste Zeit in meiner Kabine.« Er hielt kurz inne und lächelte. »Oft schaue ich aus dem Fenster wie eine alte Frau. Und obwohl ich dabei nicht viel sehen kann, überwältigen mich dann die merkwürdigsten Gefühle.«

»Ja, mir geht es manchmal genauso.« Angelo straffte seinen muskuläsen Körper. »Weißt du ... Die Entfernungen des Weltraums, und dann genau vor dir dieses Nichts ... Lange nichts ...« Unbeholfen starrte er auf seine Hände.

Eine Weile sprach keiner von ihnen. Dann fing Angelo erneut an. »Manchmal schaue ich raus und suche irgend etwas ... Etwas, das da ist ... Ein Licht, eine Wolke oder nur einen einzelnen Stern, der an mir vorüberfliegt. Aber nichts, und ich hör wieder auf.« Mit seiner riesigen Faust nahm er das Glas und trank es in einem Zug leer. »Und nach einer Weile gehe ich erneut ans Fenster und fange wieder an zu suchen.«

Steff konnte ihm nachfühlen. Es tat ihm gut, mit seinen Gedanken nicht allein zu sein. Es war nicht die Einsamkeit, die sie angesichts der Unendlichkeit des Weltalls überkam. Es war eher ein Wunsch nach Geborgenheit, der sich ihnen aufdrängte, nach der pulsierenden Wärme des Mutterleibes.

»Dabei gibt es ja genug Teilchen im Kosmos, die um uns herum sind«, sagte Angelo, »nur kannst du sie nicht sehen.« Er zündete sich eine Zigarette aus Wachholder und Myrrteblüten an. »Wir sind nämlich in garkeinem richtigen Vakuum. Ionisiertes Wasserstoffgas aus den Eruptionen von Sonnenplasma und die kosmische Strahlung bilden ein Gesamtmagnetfeld mit den Gestirnen des Alls. Hinzu kommt ein schwaches Radiorauschen, das den Kosmos sogar um zwei Grad über den absoluten Nullpunkt erwärmt.«

Steff schaute ihn an. Angelo war nicht unsympathisch, aber häufig sehr kompliziert. Doch er hatte es gern, wenn der kaum Ältere einmal anfing, seine oftmals tiefschürfenden Gedanken wissenschaftlich zu explizieren.

»Wo kommt denn das Rauschen her? Sind das Funksignale von anderen Ausserirdischen?«

Angelo lachte kurz auf. »Nein, diesmal nicht. Ihre Ausstrahlung ist eigentlich der Rest der Temperatur, die sich vor rund 18 - 20 Milliarden Jahren beim Urknall auf über eine Milliarde Grad Celsius erhitzt hatte.«

Die Theorie des Urknalls war auch Steff ein Begriff. Dabei explodierte die gesamte Materie aufgrund ihrer absoluten Dichte und katapultierte seine einzelnen Massen ins Weltall. ‚Mittlerweile ist ausgerechnet worden, daß wir uns immer noch in einer Expansionsphase befinden - und sogar noch an ihrem Anfang.’ Soweit er sich erinnern konnte, beschleunigte die Fluchtbewegung, je weiter die einzelnen Galaxien oder Objekte von der Erde entfernt waren. Zwar konnten innerhalb einer Milchstraße auch gegenteilige Richtungen vorherrschen - ‚durch eine Individualexplosion wie die Supernova neulich’ - überlegte er, aber ab einer Entfernung von 10 Millionen Lichtjahren steigerte sich die Geschwindigkeit der Körper von 270 km/sec bis auf 144000 km/sec, wenn die Entfernung 10 Milliarden Lichtjahre erreichte.

Er war geradezu fasziniert vom Gedanken der Gesamtheit der Materie, die im eigenen Wahrnehmungsabschnitt bereits enorm, aber nur ein geringfügiger Bruchteil dessen war, was wirklich im Kosmos vor sich ging.

»Und von diesem einzigen Urknall ist tatsächlich alles andere ausgegangen?« Steff strich sich das kurze Haar aus der Stirn. »Wielange mag dann diese Expansion überhaupt anhalten?«

Angelo überlegte. »Wenn es zwei voneinander unabhängige Urknalle gegeben hätte, würde sich uns sicherlich auch Materie nähern. Aber wir haben bis jetzt im wesentlichen nur Rotverschiebungen festgestellt, das heißt, daß sich alle Sterne von uns entfernen.« Er schenkte sich sein Glas erneut voll. Steff fiel auf, daß er ziemlich viel trank. Aber er führte diesen Umstand auf die Anspannung innerhalb der fremden Umgebung und deren verwirrende Eindrücke zurück.

Angelo fuhr fort: »Das heißt: bei einer sich von uns fortbewegenden Lichtquelle treffen innerhalb einer Zeiteinheit weniger Wellen ein, und die Spektrallinien verschieben sich nach dem roten Ende hin durch die Wärmebewegung der leuchtenden Atome. Dabei sind jedoch leider keine Rückschlüsse auf die Gesamtmasse des Kosmos und somit auf die ungeheuren Gravitationskräfte möglich.«

»Bedeutet der Umstand aber, daß sich alles von uns wegbewegt, daß wir uns im Mittelpunkt des Universums befinden?« Ungläubig schüttelte Steff den Kopf. »Das hört sich ja genauso an wie zu vorgalileischen Zeiten der Satz, daß sich alles um die Erde dreht.«

»Nein, so ist es nun auch nicht, Steff.« Mit seiner breiten, kräftigen Hand wedelte er vor dessen Gesicht herum und wehrte die scheinbar naive Anspielung ab. »Ein Beobachter in einem anderen Spiralnebel wie unsere Galaxie wird einen ebensolchen Effekt für sich haben, da sich alle entfernenden Bewegungen proportional zu ihrem Abstand zeigen.«

Er lächelte Steff ermunternd zu. Zum ersten Mal konnte dieser in seinen Augen eine freundliche Wärme erkennen.

In diesem Augenblick erscholl ein merkwürdiger Laut von der Theke her. Steff sah, wie Dr. Anderson plötzlich vom Hocker fiel und stumm auf dem Boden liegen blieb. Zuerst dachte er, daß Will nun doch etwas übertrieben und zuviel getrunken hatte. Doch dann wunderte er sich, daß dieser überhaupt nicht wieder aufstand, sondern völlig regungslos liegen blieb.

Sofort hatten sich alle erhoben und begaben sich zum Ohnmächtigen. Durch diese Traube von durcheinander stehenden Männern bahnte sich Dr. Mancroft einen Weg. Er war der leitende Mediziner, schwergewichtig und aufgrund seines kaputten Beines einwenig humpelnd, aber ein Genie seines Fachs. Energisch schob er die Umstehenden beiseite und kniete neben Will Anderson nieder.

Er fühlte den Puls, zog ihm die Lider hoch und prüfte seine Augenreflexe, roch an seinem Mund und legte letztlich den Kopf auf dessen Herz. Dann stand er auf und blickte die Anwesenden der Reihe nach an.

»Meine herren«, begann er förmlich und sichtlich bemüht, seine Gesichtsmimik unter Kontrolle zu halten, »ich möchte keine großen Umschweife machen. Dr. Anderson ist tot.« Er machte eine kleine Pause und verschaffte sich dann inmitten des aufkommenden Raunes wieder Ruhe. »Die begleitenden Umstände geben allerdings zu den ernsthaftesten Vermutungen Anlaß. Der Mageninhalt wird noch untersucht werden müssen, aber ich bin sicher, daß er meine Diagnose nur bestätigt. Dr. Anderson starb durch eine Überdosis kristallierten Ammoniaks, ein Mittel, das die Santoganer benutzen, um ihre Körperflüssigkeit zu regulieren, das aber für uns Menschen tötlich wirkt.«

Voller Bedenken erhob er sich und rief die Sanitätsstube an. Bald kamen zwei Assistenten und trugen Anderson auf einer Bahre in den Operationssaal. Durch die eiligen Schritte der Männer aus dem Gleichgewicht gebracht, pendelte dessen Kopf von einer Seite auf die andere.

»Meine Herrschaften«, sagte der schwergewichtige Arzt im Hinausgehen. »Ohne den Ermittlungen unbedingt vorausgreifen zu wollen, bitte ich Sie doch zur Kenntnnis zu nehmen, daß Will Anderson nicht eines natürlichen Todes gestorben ist. Vielleicht wäre es im allgemeinen Interesse, so schnell wie möglich die genaueren Umstände zu rekonstruieren. Natürlich mit der nötigen Umsicht, Ruhe und Sorgfalt!«

Dann drehte er sich endgültig um und stapfte den Sanitätern hinterher.



Der Schock, der durch die Ermordung von Dr. Anderson entstanden war, saß tief. Wie gelähmt gingen die Menschen ihren täglichen Verrichtungen nach, taten ihre Arbeit und sprachen kaum miteinander. In den Aufenthaltsräumen, den Bars und Mensen herrschte betretene Stille, kein Lachen oder ein Zuruf der Freude durchschnitt die bleiernde Sphäre.

Bei den Untersuchungen war nicht viel herausgekommen. Es wurde lediglich ermittelt, daß Will das Gift in sein Bier geschüttet bekommen haben mußte, wahrscheinlich als ein sich schnell aufläsendes Pulver. In dieser Form kam Ammoniak schließlich, wenn es durch ein bestimmtes thermisches Verfahren kristallisiert wurde, am häufigsten vor.

Die Umstände ließen den Stewart sogleich in Verdacht geraten, da er erstens ein Santoganer war, der über das Mittel verfügte und zweitens durch seinen Bierausschank die beste Möglichkeit von allen besessen hatte, das für die Menschen tötliche Gift zu verabreichen.

Doch er beteuerte nach wie vor seine Unschuld, und da ihm die Tat nach santoganischem und auch menschlichem Maßstab nicht nachzuweisen war, blieb er auf freiem Fuß. Er wurde lediglich durch einen irdischen Wissenschaftler ersetzt, der sich freiwillig für das Amt des Barkeepers zur Verfügung stellte.

Dieser Umstand aber deutete bereits auf einen sich anbahnenden Konflikt zwischen beiden Rassen hin. Denn die Menschen fragten sich, welches Interesse einer Ihresgleichen überhaupt haben sollte, einen Kollegen zu ermorden - obwohl sie es bereits genug auf der Erde selbst taten. Aber was für ein Interesse konnte ein Santoganer daran haben? Doch nichts desto trotz hingen die latenten Anschuldigungen über den Köpfen aller wie eine dunkle Wolke, und niemand wußte, wohin dieses Problem noch führen mochte.

In der wissenschaftlichen Zusammenarbeit gab es jedoch weiterhin kaum Schwierigkeiten, da sich hier beide Rassen auf das persönlichste kannten und einander vertraut waren. Lediglich in den Gemeinschaftsräumen und öffentlichen Einrichtungen wie der Bibliothek oder der äußeren Beobachtungsstation herrschte eine schneidende Kälte untereinander.

Es wurde trotzdem nichts außer Acht gelassen, um den Schuldigen zu finden. In diesem gemeinsamen Bestreben lag die einzige Möglichkeit, das Klima wieder zu erwärmen. Wenn auch bislang noch keine ihrer Recherchen von Erfolg gekrönt war.

Steff lag auf seinem Bett und starrte an die sich über ihm wölbende Decke. Bestand zwischen dem Attentatsversuch auf ihrer Konferenz zwei Tage vor dem Abflug und dem vorgestrigen Mord ein Zusammenhang? Wenn ja, war es dann etwa einem der Verschwörer gelungen, sich auf das Schiff zu schmuggeln? Oder war es gar - keiner wollte diese Möglichkeit bisher offen aussprechen - war es vielleicht einer aus ihrer eigenen Crew?

Er selbst glaubte nicht daran, daß der Mörder ein Santoganer war. Auch diese letzte Aktion stand für ihn deutlich im Einklang mit den Intentionen des Geheimbundes, einen Keil zwischen beide Rassen zu treiben, und somit eine Verbrüderung und einen wirtschaftlichen oder kulturellen Austausch zu verhindern. Aber mit welchem Interesse? Und in wessen Auftrag?

Unentschlossen stand er auf und ging zum Fenster. ‚Was hatte Angelo gesagt? Ich schaue immer wieder nach draußen und fange an zu suchen.’ Er starrte in das Dunkel des Kosmos. ‚Suchte er wirklich nur nach etwas Materiellem?’ Steff hatte das Gefühl gehabt, daß Angelo nach mehr Ausschau hielt, als nur nach einem faßbaren Anhaltspunkt. Vielleicht war er doch mehr Idealist, als er sich selbst zugeben mochte. Vielleicht versuchte er zu begreifen, was da zwischen den Sternen war. Diese unendliche Kraft, die den Kosmos zusammenhielt, die ihn auseinander explodieren und wieder zusammenstürzen ließ.

Und von alledem war nichts zu sehen. Nur ganz entfernt, wie eine Armee kleiner Glühwürmer, blinkten ihn die Sterne an. Steff nahm seinen Stuhl und setzte sich vor die klare Sichtscheibe.

Heute war es nun soweit, daß sie eines dieser unfaßbaren kosmischen Gesetze nutzen wollten, um an einen Ort zu gelangen, zu dem andere hunderte von Generationen brauchten. Den Hypersprung. Eine verrückte Kombination aus Raum, Zeit und Geschwindigkeit. Erolandar hatte versucht, es ihm zu erklären, aber es war ihm nur annähernd gelungen.

Steff stützte den Kopf in die Hände. Vor ihm glitt die Schwärze des Alls unmerklich vorüber. Sie waren bereits 260 Milliarden Kilometer von der Erde entfernt und näherten sich nun einem Stern gewaltigen Ausmaßes. Wenn sie ihn erreicht hatten, führten sie kurzfristig ihre Geschwindigkeit bis auf 0,2 % an die Lichtgeschwindigkeit heran.

Denn in unmittelbarer Nähe eines enorm massereichen Körpers begann sich der Raum unmerklich zu krümmen. Und je schneller sie sich selbst bewegten, desto tiefer tauchten sie in seine Beugung ein und glitten durch eine unermeßliche Anzahl von elementarer Energie. Durch dieses Nichts, das die aufgelöste Polarisierung eines unendlichen Magnetfeldes war, und in dem irdische Konstanten keine Geltung besaßen.

Denn je stärker das Gravitationszentrum eines Sterns war, desto stärker wurde auch ein Lichtstrahl abgelenkt und erlitt einen immer größer werdenden Energieverlust. Und desto eher verlangsamten sich die Radiosignale, die an dieser Sonne vorbeiführten. Die Gesamtheit aller Galaxien und Sternenhaufen ergab dann schließlich die Krümmung des Weltraumes, denn der Kosmos breitete sich nicht mit konstanter und gradliniger Geschwindigkeit aus. Durch die gegenseitige Einwirkung ihrer Massen, ihrer Gravitation und ihrer einzelnen Magnetfelder erfuhr seine Explosion eine allmähliche Verlangsamung, auf deren Höhepunkt die Bahnen seiner einzelnen Massen sich ellipsenfärmig wieder zu dem Ausgangspunkt ihres Urknalls kontrahierten.

Wurde in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts die euklidische Unendlichkeit des Raumes noch durch die Einsteinsche Relativitätstheorie widerlegt, daß das all nämlich ein endliches Gesamtvolumen hätte, wobei die Materie statisch verbliebe, konnte im Jahr 2042 der Hubble-Effekt eines pulsierenden Kosmos damit in Einklang gebracht werden. Alle Massenobjekte hatten eine Bewegung, die sich in einer ellipsenartigen Krümmung, welche in ihrem Scheitel am stärksten war, wieder zusammenzog, um von da aufgrund ihrer absoluten Dichte erneut auseinander zu sprengen.

Kleine Analoge dieser Massenverdichtung waren die schwarzen Löcher. Sie hatten soviel Materie angezogen, daß sie wegen der nun in ihnen herrschenden Dichte selbst Sonnenreflexionen oder Radioimpulse nicht mehr herausließen. Je mehr Materie sie vereinigten, desto größer wurden sie, bis sie sich letztlich gegenseitig anzogen, und das größere das kleinere verschlang. Trotz des ungeheuren Drucks ihrer Atome aufeinander, bereits sogar ineinander, führte dieser Prozeß aber natürlich nicht zum Verschwinden von Materie. Mit dem restlosen Aufsaugen aller Masse wurde jedoch eine absolute Dichte erreicht, die sich nur in einem gigantischen Urknall wieder befreien konnte.

Bei der Annäherung des starken Gravitationsfeldes eines schwarzen Loches entstand allerdings ein Vorgang mit scheinbar widersprüchlichem Ablauf. Alles, was hineingeriet, bewegte sich, von außen betrachtet, vermeintlich langsamer. Die Zeit schien sich zu dehnen und der Aufprall bei eigentlich zunehmender Geschwindigkeit sich beinahe bis zum Stillstand zu verzögern.

Dieser Umstand erklärte sich daraus, daß eine Geschwindigkeit für Außenstehende umso langsamer wurde, je schneller sie eigentlich war. Dieses Phänomen trat stets in einem stark gekrümmten Raum auf, also in der Nähe eines massereichen Objektes. Das hieß, daß, je massereicher der Körper war, desto gekrümmter der Raum, desto schneller seine Geschwindigkeit, und desto langsamer die Zeitabläufe in ihrer äußerlichen Wirkung.

In einer solchen Beugung des Welltalls konnte der zeitliche Abstand zwischen zwei Ereignissen nicht mehr absolut gemessen werden, sondern allein in Abhängigkeit des Bewegungszustandes des Messenden. Dabei blieb trotz Verschnellerung oder Verlangsamung die Zeit, in der sich der Beobachter selbst befand, immer die gleiche, weil alle Gegenstände, ob tot oder lebendig, denselben Gesetzen gehorchten, wie er selber: eine Uhr tickte in demselben Maß langsamer, wie der Schlag seines Herzens und der Stoffwechsel seiner Zellen. Je schneller jedoch die Fluchtgeschwindigkeit eines Körpers war, desto langsamer wurden die Gesetze in seinem Inneren für denjenigen, der sich außerhalb dieses Zeitablaufes befand.

Der Hypersprung der Santoganer bestand nun aus mehreren Einzelsprüngen, da sie sonst erstens keine genaue Flugrichtung zu ihrem Fahrziel erreicht hätten, die einzelnen Sprünge also eine Steuerkorrektur bedeuteten, und sie zweitens höllisch Acht zu geben hatten, daß sie nur so dicht in das Gravitationsfeld hineingerieten, um sich dann durch den Raum katapultieren zu lassen. Dieser Vorgang durfte jedoch nicht zu schnell erfolgen, da sich sonst sein interner Zeitablauf derart verlangsamte, daß die relative Zeit ihres Heimatplaneten sich letztlich mehr als ein halbes Jahr von der ihrigen unterschied.

Diese Vorgehensweise bedurfte einer exakten Berechnung und einer den irdischen Maßstäben weit überlegenen und unbegreiflichen Technik. Die Relativität der Zeit konnte sich nämlich in der Reihenfolge von Ursache und wirkung bereits bei Elementarlänge verkehren. Obwohl die Astronauten in der Krümmung des Raumes nie die Lichtgeschwindigkeit übertrafen, schienen sie doch mit Überlichtgeschwindigkeit zu fliegen, während sich die Zeit selbst für sie verlangsamte. Sie schienen bei einem Punkt B anzukommen, noch ehe sie den Punkt A verlassen hatten. Obwohl sie nicht gleichzeitig an zwei verschiedenen Orten sein konnten, schien eine Zeitspanne dazwischen nicht zu existieren. Ihr Ablauf war einerseits zu schnell, um noch meßbar zu sein und andererseits zu langsam, um überhaupt reell vorzukommen.

Sie hatten sich somit selbst überholt. Die Verlangsamung deutete darauf hin, daß sie eine nur geringe Eenergie verbrauchten, wohingegen die unendliche Beschleunigung auf eine außerordentliche Kraftanstrengung wies. Das Magnetfeld des gekrümmten Raumes widersprach den gradlinigen Gesetzen. Entfernungen wurden überbrückt durch eine Eigendynamik der Teilchen, die integraler Bestandteil auch der schwersten Massen war. Materie konnte ohne die zur Durchdringung notwendige Energie von einem Ort zum anderen gelangen, indem sich der Potentialwall des Magnetfeldes durch die Versetzung seiner Pole, die durch die Krümmung entstanden war, öffnete und den einzelnen Objekten einen Impuls gab, der sie über die grenzen von Zeit und Raum innerhalb der Ganzheit des Kosmos davontrug.

Steff war mittlerweile aufgestanden und ziellos in seinem kleinen Zim-merchen herumgegangen. Da sie in einer Stunde nach den Maßstäben des Schiffes den Punkt erreicht hatten, der sie zu einem Hypersprung durch die Verschachtelung des Alls katapultieren sollte, wollte er den Beo-bachtungsraum des nicht technischen Personals aufsuchen, in dem riesige Sichtfenster, Computeranzeigen und die verschiedenartigsten Oszillografen über den Wänden verteilt waren.

Hier traf er auch John und Kip, den bulligen Afrikaner, an. Gemeinsam setzten sie sich vor einen Bildschirm, der gerade die Annäherung an den massereichen Sternenkärper aufzeichnete. An der betreffenden Seite des Flugschiffes waren Außenkameras angebracht, die dieses monumentöse Gebilde in alle wichtigen Räume übertragen konnten.

Ihr Fernsehbild war bereits vollkommen vom Gestirn ausgefüllt, obwohl sie noch über mehrere Millionen Kilometer von ihm entfernt waren. Seine rötliche Oberfläche schwamm in einer Gashülle, die ihn an manchen Stellen in gelblich flimmernde Flecken tauchte.

Steff beobachtete mit heimlichem Grinsen Kip, wie dieser in wachsendem Vergnügen in die Hände klatschte und mit offenem Mund mal zu ihm guckte, ob ihnen ebenso nichts entging, und dann immer wieder wortlos zum gewaltigen Stern hindeutete.

Steff sah auf den Bordanzeiger, der in wenigen Sekunden den Beginn des Hypersprung mitteilte. Er mußte bewundern, wie die Santoganer es fertiggebracht hatten, in nur kurzer Zeit alle für die Menschen wichtigen Anzeigen und Instrumente um die Maßstäbe und Zahlen ihrer Meßtechnik zu ergänzen. Allein ihr mathematisches Denken war aufgrund der Anzahl ihrer Finger und Füße zunächst auf ein Sechsersystem aufgebaut. In der Regel bestand die Ablesetafel eines Computers nun aus zwei Skalen, einer santoganischen und einer irdischen.

Gebannt wanderte sein Blick zwischen der Anzeigetafel und dem Fernsehschirm hin und her. Dann, als der Anzeiger auf Null zu ging, starrte er wie magnetisiert auf den Bildschirm, auf dem sich der Riesenstern ausbreitete. Nach seinen Vorstellungen mußte dieser im Nu verschwunden und von irgendeinem verschwommenen Zerrbild des kosmischen Magnetfeldes ersetzt worden sein.

Aber es geschah nichts. ‚Na ja’, dachte er, ‚wäre auch zu schön, um wahr zu sein, wenn ich mir so etwas hätte wirklich vorstellen können.’ Er schaute in die Gesichter der anderen und sah auch dort Enttäuschung. Kips Mund stand immer noch offen, aber sein Gesicht hatte nun die andächtige Hingebung verloren, die ihn vorher fast wie ein Kind in Erwartung eines Geschenkes erscheinen ließ.

Auch John war sichtlich bedrückt. Mißmutig begegnete er Steffs Blick und zuckte mit den Schultern. »War ja nicht viel«, sagte er und verzog die Mundwinkel.

»Ich hätte wetten mögen, daß wir uns mit einer unendlichen Geschwindigkeit vorwärts bewegen. Aber jetzt habe ich eher den Eindruck, daß wir stehen bleiben.« Steff blickte John ratlos an.

»Vielleicht ist das ja so in einem Hyperfeld. Das geht so schnell und du bist dabei so langsam, daß du immer noch das letzte Bild siehst, nachdem du gesprungen bist«, gab dieser zurück. »Oder die Kamera zeigt uns in Ermangelung eines besseren eben nur ihre zuletzt aufgezeichnete Aufnahme.«

In diesem Augenblick durchquerte Erolandar mit hastigen Schritten den Raum und wollte schon wieder die Tür hinter sich schließen, als Sam Wilckens, ein etwas dicklicher Mathematiker, ihn fragte: »Sagen Sie, bleibt das Bild immer so, wenn wir springen?«

Angelegentlich schaute der Santoganer zum Fernseher hin. Er schien nicht überrascht, obwohl sich eine gewisse Angespanntheit in seine Augen setzte.

»Ich dachte«, fuhr Sam Wilckens unsicher fort, »daß wir eher statische Interferenzen auf dem Bildschirm zu erwarten hätten.«

Erolandar wandte sich ihm zu. »Das ist leider nicht möglich, Herr Wilckens, da wir überhaupt nicht gesprungen sind.« Und als er die verwunderten Blicke der Menschen bemerkte, ergänzte er zögernd: »Wir wissen es selbst noch nicht genau, meine Herren. Aber in der Schaltzentrale, die alle ankommenden Daten speichert und verwaltet, scheint ein Chip nicht richtig zu funktionieren.« Er hob die Arme. »Es besteht aber kein Grund zur Panik, da wir uns auf einer Kreisbahn um die Sprungkoordinaten befinden und bei Behebung des Schadens einen erneuten Versuch machen werden.«

Entsetzt sahen sich die Menschen an. Was war geschehen? Aufgeregt sprang Kip durch den Raum und wollte zur Tür hinaus. »Jetzt will ich doch mal sehen, was da wirklich los ist. Ich laß mich nicht mehr länger ins Bockshorn jagen!«

Die anderen konnten ihn nur mit Mühe zurückhalten. Erbost ging er daraufhin auf die drei, vier Santoganer zu, die sich ebenso wie die Menschen im Raum aufhielten, um sich das Schauspiel des Hypersprungs anzuschauen. Mit seinem breiten Kreuz baute er sich vor ihnen auf und schielte sie mit abgewinkeltem Kopf an.

»Wir wissen ebenso wenig wie Sie, Herr Vida«, sagte einer von ihnen. »Es ist auch für uns das erste Mal, daß die Schaltelemente beim Hypersprung versagen.«

Und ein anderer, den Steff schon als Mata-Hele kannte, ergänzte: »Normalerweise verdunkelt sich das Bild, und es ist so gut wie nichts mehr zu sehen.« Entschuldigend hob er die Hände.

»Was kann denn das für ein Fehler sein?« fragte ihn Steff und schob sich beschwichtigend vor die imposante Gestalt von Kip.

»Das kann ich Ihnen unmöglich sagen, Herr Maiger. Sie wissen ja, daß ich ebenso wie Sie mehr Geowissenschaftler bin. Aber soweit die Daten für mich Aufschluß geben, befinden wir uns wirklich in einer kreisfärmigen Umlaufbahn um den Radius unserer Zentralachse.«

Er hielt seine vier Finger ineinander verschränkt, was Steff mittlerweile als eine kleine Geste der Ratlosigkeit kannte.

John Cavanac ging zu seinem Sessel zurück. »Na, dann schlage ich vor, daß wir uns erstmal alle wieder hinsetzen und in Ruhe abwarten, wie sich die Dinge entwickeln.«

Auch die Santoganer erklommen ihre etwa halbhohen Stühle, und Mata-Hele sagte: »Ich sehe eigentlich kein Problem in der Behebung des Schadens, meine Herren. Vielmehr interessiert mich, wie sowas überhaupt passieren konnte.«

Nach etwa einer halben Stunde kam der zweite Navigator der Santoganer, Moren-El-Darte, in ihren Beobachtungsraum. Beschwichtigend hob er die Hände und streckte gleichzeitig die beiden Daumen nach oben - eine Entspannungsgeste seiner Rasse.

»Ich kann Sie nun völlig beruhigen«, sagte er sowohl zu den Santoganern wie über den Translator zu den Menschen, »der Schaden ist behoben. Aber ich muß Ihnen gestehen, daß uns dies nur mithilfe eines glücklichen Zufalls gelang.« Er blickte der Reihe nach in die entweder bernsteinblauen oder blau/braunen Augen der Anwesenden. »In einer Stunde kommt es dann zum Hypersprung.«

»Was verstehen Sie eigentlich unter Zufall?« fragte ihn Maurin O'Haga, ein amerikanischer Techniker, der zu Steffs Gruppe gehörte.

»Zufall ist für mich zum Beispiel«, antwortete ihm der Navogator langsam, »wenn ich einen zwischen den Elektrolytkontakten des Steuersystems versteckten Unterbrecher aus silikatüberschmolzenem Platin finde.«

Und bevor sich das Erstaunen der Umstehenden legen und in ein lautes Geraune ausarten konnte, fügte er hinzu: »Meine Herren, wir haben es hier ganz offensichtlich mit einem Fall von Sabotage zu tun. Ich bitte Sie, sich nach dem erfolgten Hypersprung zusammenzusetzen und eine Delegation mit uns zu bilden, in der wir das Problem gemeinsam angehen können.«



Angelo Roggini horchte auf. Waren da nicht die tapsenden Rollschritte eines Santoganers auf dem Korridor? Er hielt den Atem an und schaute konzentriert auf seine Schuhspitzen. Nach einer Weile vermeinte er, das Crecendo aller Geräusche des Schiffes hören zu können und strich sich mit der Hand über das schweißnasse Gesicht.

Als er sich wieder besonnen hatte, war nur noch das leise Summen der Photonentriebwerke wahrzunehmen. Erneut begann er, seine Arbeit aufzunehmen. Der Magnetstab in seiner Hand löste einzelne Schrauben und Kontaktsperren. Mit einer Pinzette setzte er zwei kleine Bleiröhrchen aus ihrer Halterung. Kurz rieb er mit einem kristalloiden Tuch ihre Enden ab und setzte sie dann wieder ein. Er prüfte die Temperatur der Diode. Der Generator, der die Küche der irdischen Mitarbeiter versorgte, funktionierte wieder einwandfrei.

Ein letztes Mal schaute er auf die Meßskala. Die Eigenschwingung der Atome einer bestimmten santoganischen Gasverbindung wurde durch eine Amplitude erhöht. Diese Aufnahme von Extraenergie wurde in kinetische Wärme umgesetzt. Die mit hoher Geschwindigkeit völlig regellos umherfliegenden Moleküle stießen dabei häufig miteinander zusammen, wobei ihre erfolgende Wärmefreigabe der mittleren Geschwindigkeit des Gases entsprach. Da ihre Bahn bei nicht allzu siedender Temperatur unregelmäßig gezackt mit jedoch verschiedenen langen Geraden zwischen zwei Zusammenstößen verlief, durfte ihre Amplitude nicht zu sehr erhöht werden, da sich sonst die geraden Strecken verkürzten, und sich die kinetische Energie unkontrolliert potenzieren konnte.

Zufrieden mit seiner Arbeit schlüpfte Angelo aus dem schmalen Schacht des Generators und streckte seine kräftige Gestalt. Dann suchte er sorgfältig sein Werkzeug zusammen und ging auf den Korridor zurück. Dort sah er sich noch einmal um und begab sich in den Werkzeugraum, um die Instrumente zurückzugeben.

»Na, Angelo«, fragte Kip, der sich dort gerade aufhielt und den Halbleiter seiner Digitaluhr zwischen den mächtigen Fingern drehte, »hast du auch nicht rasten können?«

»Genau«, gab Angelo zurück, »ich hab mir mal das Versorgungssystem der Küche angesehen. Seit Tagen kocht mir McPerson die Spaghetti zu lau.«

»Ja, dann sorg doch auch gleich dafür, daß er die Fischsuppe mit mehr Knoblauch anreichert. Sowas fades ist mir schon lange nicht unter die Kiemen gekommen.«

Angelo grinste. »Wenn ich eine direkte Leitung zu seinen Töpfen herstellen könnte, würde ich das Würzen vom Computer selbst übernehmen lassen. Viel schlechter kann es dann auch nicht schmecken.«

Lachend wandte sich Kip wieder seinem Uhrwerk zu, und Angelo suchte sein Zimmer auf. Dort zog er seine Leinenturnschuhe aus und legte sich aufs Bett. Die Gegenstände schienen sich geringfügig in ihren Formen zu ändern. Erschöpft schloß er die Augen.

Ein leichter Druck hatte sich auf seine Stirn gelegt, und das Herz begann mit einem Mal wuchtig zu klopfen. Er fühlte, wie sich erneut eine Ohnmacht seiner zu bemächtigen begann und versuchte, ihr durch Muskelanspannung und betonter Atmung zu begegnen. ‚Verdammt’, dachte er, ‚es ist jedesmal dasselbe. Danach schwimmt mir alles vor den Augen.’

Doch nach einer Weile wurde ihm besser, und er stand auf und ging zum Fenster. Dort verharrte er mehrere Minuten völlig unbeweglich und ausdruckslos. Lediglich eine steile Falte grub sich ihm in die Nasenwurzel.

Stumm starrte er in die Tiefe der sich vor ihm ausbreitenden Schwärze. Weit draußen, kaum mit bloßem Auge auszumachen, sah er das unstete Flackern einiger Sterne. Wenn er den Kopf beugte, konnte er am oberen Sichtrand sogar die Ausbreitung eines großen Sonnensystems mit mehreren dunkel leuchtenden Objekten erkennen.

Der Hypersprung hatte nur einen halben Tag gedauert, und doch waren sie weiter geflogen, als sie es normalerweise jemals innerhalb eines Menschenlebens erreichen konnten. Aber auch dieser Teil des ihm unbekannten Sternenhaufens glich in allem dem, was er bereits gesehen hatte. Er hatte eigentlich, obwohl er es sich nicht eingestand, eine tiefgreifende Veränderung des Weltraums erwartet. Doch auch hier sah es genauso grenzenlos, still und dunkel aus. Der Kosmos blieb, wie er war. Nur der Mensch veränderte sich. Das Weltall wiederholte sich lediglich in der Durchdringung seiner Räume, wie ein Meer, dessen Wellen sich im Laufe der Gezeiten zurückzogen und wieder auseinanderliefen. Der Mensch wiederholte sich niemals. Ihn gab es nur einmal. Wenn er starb, dann blieb nichts.

Angelo seufzte laut auf. Wie vermochte der Kosmos ihm qualvoller die Winzigkeit seiner irdischen Bedeutung aufzuzeigen, als das er ihm nur einen Ausschnitt, einen kleinen Einblick in die eigene Unendlichkeit gewährte.

Plötzlich überkam ihn wieder die alte Furcht vor dem Fremden, dem Unerreichbaren und der eigenen Unzulänglichkeit. Wie oft hatte er danach getrachtet, sich zu vervollkommnen, und wie oft mußte er dabei die Begrenztheit seiner kleinen Welt erkennen. Ein Zittern überkam ihn.

‚Ich muß mich ablenken’, sagte er sich. Er nahm ein paar Notizen, über die er sich Auskunft holen wollte und ging in die Bibliothek. Als sich die Tür hinter ihm schloß, gewahrte er am büchernahen Fenstertisch Steff Maiger. Erst konnte er sich nicht entschließen, zu ihm zu gehen, da er sich noch immer nicht in der Gewalt glaubte, doch dann versuchte er den Zwiespalt, der sich tief in seine Brust gegraben hatte, zu verdrängen.

»Hallo Steff«, begrüßte er den Paläontologen. »Ist ja eine Überraschung, dich auch hier zu treffen.«

Dieser nickte ihm zu. »Iich versuche mir gerade über etwas Klarheit zu verschaffen, bei dem ich noch garnicht weiß, unter welchem Namen ich es eigentlich suchen soll.«

»Oh, das hört sich zumindest interessant an. Darf man vielleicht fragen ...«

»Fragen schon.« Steff lachte. »Aber ob du auch antworten kannst.«

»Na, dann gib mir eine Chance.«

»Weißt du, über die Begrenztheit der kosmischen Materie ist ja einiges bekannt. Sie ist endlich und bleibt immer erhalten ...«

»Nicht so schnell, Steff«, unterbrach ihn Angelo. »Daß die Gesamtmaterie endlich ist, gilt bislang nur theoretisch. Aber das ihre Masseverhältnisse unverändert bleiben, ist auf keinen Fall immer so richtig. Zum Beispiel haben Photonen als Lichtwelle Masse, und bei einem Aufeinandertreffen von Materie mit ihren antigeladenen Teilchen entsteht reine Energie. Aber diese Erwägungen beziehen sich nur auf das, was wir schon wissen ...«

»Ja, was wissen wir schon«, sagte Steff vor sich hin, doch Angelo zog es den Magen zusammen. »Ich wollte auch nur darauf hinaus, daß wir uns im Gegensatz zum stofflichen Kosmos noch keine Vorstellungen über seine Räumlichkeiten machen können. Denn eine Unendlichkeit vermögen wir eben nicht zu begreifen.«

Der Italiener ergänzte: »Ich gehe sogar soweit, daß es sie garnicht gibt. Auch der Raum ist endlich!« Seine Stimme erhielt einen aggressiven Unterton. Eifrig wandte er sich Steff wieder zu: »Ich versuche dir das mal zu erklären. Aber ich kann dir nichts versprechen.«

Er stand auf und betätigte einige Schalter. Matt fluoreszierten sich kleine Punkte in der Mitte des Raumes. »Hier siehst du die Milchstraße.« Er schaltete noch eine Ebene hinzu und dirigierte die Lichtstrahlen, die von verschiedenen Seiten kamen, zu einem einheitlichen Bild. »Und hier siehst du nun die Galaxie, die sich unserem System anschließt.« Dann schaltete er einen weiteren Lichtkreis ein. »Und das hier ist unser gesamter Sternenhaufen.«

Er schien Steff während seiner Vorführungen kaum zu beachten, und dieser fragte sich mittlerweile, worauf er eigentlich hinaus wollte. Wie in emsiger Arbeit vertieft, schaltete Angelo ein neues Sternensystem ein. »Dieses ist nun die Galaxie der Santoganer. Siehst du, hier kannst du sogar ihren Planeten erkennen.« Er wies mit einem langen Zeigstock auf einen bläulich-gelben Punkt inmitten eines Nebels aus tausend Sternen.

Steff, der sich nun wieder angesprochen fühlte, fragte ihn an dieser Stelle: »Aber was willst du mir damit sagen, Angelo?«

Dieser schaltete völlig unbeirrt einen weiteren Sternenhaufen ein und erklärte ihm dann: »An eine Galaxie grenzt eine andere und so fort. Diese Tatsache geht aber nicht unendlich weiter. Wenn du dich nur an unsere Erdkugel erinnerst. Drehst du sie, dann wirst du irgendwann wieder zum Ausgangspunkt zurückkommen. Alle Kontinente reihen sich nur soweit aneinander, bis sie wieder selbst erscheinen.«

Steff blickte ihn ungläubig an. »Willst du damit sagen, daß das Universum eine Kugel ist?«

»Nein, natürlich nicht«, räumte der Elementarphysiker ein, »eine Kugel hat ganz klare räumliche Abgrenzungen. So einfach ist es mit dem Kosmos nicht.« Seine linke Hand zitterte einwenig, als er mit dem Stab auf das Gebilde eines Spiralnebels zeigte.

»Fängst du bei dieser Galaxie an und gehst die Reihen aller durch, wirst du wieder auf sie stoßen. Ebenso, wenn du in der anderen Richtung sucht, wie nach unten und nach oben. Alle Richtungen, die du verfolgst, führen dich stets wieder zum Ausgangspunkt deiner Galaxis zurück. Das All ist keine Kugel, kein Rhombus oder Parallelogramm. Es ist wie das Koordinatensystem, dessen Unendlichkeit durch die Raumkrümmungen wieder auf der anderen Seite erscheint, dieses Gesetz der Mathematik ist ursprünglich ein physikalisches, Steff. Es ist kein Kreislauf, sondern eine ständige Wiederholung.«

Mit großen Augen lauschte Steff den Ausführungen von Roggini. Mit geradezu wilden Gesten hatte dieser ihm anfänglich seine Theorie eines unendlich begrenzten Kosmos dargelegt. Aber Steff war auch nicht der seelische Konflikt entgangen, der dabei in ihm gärte.

»Heißt das dann etwa, daß wir immer wieder vorkommen, ja vielleicht, daß es uns tausendfach gibt? Bin ich vorhanden, und eine Kopie von mir Billiarden von Lichtjahren noch einmal und so weiter ... Oder bin ich gar dessen Abbild selber?« Voller Zweifel sah er Angelo an. Bei diesen Gedanken konnte man schien verrückt werden.

»Das nun auch wieder nicht, Steff.« Der Italiener wollte ihn beruhigen und fügte dennoch fanatisch hinzu: »Es gibt dich nur einmal, du bist und bleibst individuell! Nur - flöge einer unendlich weit durch den Kosmos ohne anzuhalten, stets geradeaus - dann würde er dir zwangsläufig immer wieder begegnen.«

»Aber das wäre dann doch eine Kreislinie. Sowas gibt es nur bei einer Kugel.« Steff konnte oder wollte ihn nicht verstehen.

»Nein, keine Kugel!« Angelo Roggini strich sich über das schweißnasse Gesicht. Sein Herz begann wieder zu klopfen, und der Druck seines Blutes preßte ihm die Kehle zusammen. Wie rasend fühlte er seine Schläfen vibrieren. »Das Weltall ist wie eine Maschine, die in eine Richtung fliegt, um aus der anderen wieder aufzutauchen, verstehst du?« Mit weißen Knöcheln umklammerte er den Zeigestock. »Versuche bitte zu verstehen.« Eindringlich und irgendwie verzweifelt ballte er die Hände, machte eine Pause und sah Steff an. »Wo du die Wahrheit erkennst, da ist auch Hoffnung!« Angespannt hielt er den Atem für mehrere Sunden an und stierte wie besessen auf die illuminierte Projektion. »Es ist eine ständige Wiederholung aus Materie und Raum, nur der Mensch ... Wir, wir sind einmalig!«

Seine Augen sprühten Funken, als er die letzten Worte herausstieß. Immer wieder wies er mit dem Stab auf die schillernden Bildpunkte. »Der Kosmos tut dies ohne Verstand, einzig, weil er den Gesetzen gehorcht. Der Mensch ...« Er begann nun mit dem Stock mehrere Male unbeherrscht auf den Boden zu klopfen. »Der Mensch aber kann alles nur einmal tun, denn er verändert. Weil er mit seinem Verstand handelt.«

Steff sah, wie bei Angelo plötzlich ein Tik am rechten Auge einsetzte. In den Tiefen seines Unterbewußtseins erinnerte er sich an etwas, das Meika ihm einmal gesagt hatte. Etwas, das eine schwere Bedeutung in sich trug.

Zum wiederholten Male pochte der Italiener mit dem Zeigestab auf den Boden. Klick, klick, klick. Dreimal. Steff schaute in das nun unaufhörlich zuckende Gesicht vor ihm. Langsam begann sich eine Erinnerung zu formen.

Klick, klick, klick ...

»Der Padrino!« brach es aus ihm heraus, und trotz seines aufkommenden Entsetzens entging ihm nicht die Veränderung im Gesicht von Angelo Roggini. Dieser verstummte abrupt, und aus seinen Wangen entwich jegliches Blut. Mit einer Schnelligkeit, die Steff am Rande seiner Auffassungsgabe ein kurzes Bewundern abverlangte, aber hatte er sich gefangen und wieder unter Kontrolle.

Mit kaltem, eisigen Blick starrte der Padrino zu ihm hinüber. Der Stock, der nun wieder ruhig in seiner Hand lag, zeigte auf Steff. Langsam kam er auf ihn zu.

In diesem Augenblick erbebten die Wände der Bibliothek und ein Bücherregal brach aus der Halterung. Aus nicht allzuweiter Entfernung hörte Steff zuerst den scharfen Knall mehrerer kleiner Detonationen und dann das dumpfe, tiefe Grollen der einkrachenden Wände, deren Echo sich in den Korridoren des Raumschiffes vervielfachte.

Die Bleidioden der Versorgungsküche, deren Statiksubstanz von den Enden abgekratzt worden war, hatten sich zu einer rotglühenden, porösen Masse erhitzt, denn sie konnten die überschüssige Wärme der Amplitude nicht mehr aufnehmen und in die Speichereinheit leiten.

Somit flog die ganze Kammer mitsamt des Generators in die Luft und zerbarst in tausend Stücke, als der Chefkoch in seiner Kombüse die Grillplatten anmachte, um Spaghetti Bolognese für den Abend vorzubereiten.



Das Zimmer aus kolloider Glasfaser, dessen Wände undurchsichtig und von innen milchig gelb waren, hatte die Ausmaße eines geräumigen Sarges. Oberhalb der mittleren Höhe fluoreszierten die Innenseiten in einem schwach hellen, merkwürdig funkelnden Ton, der aber das Räumlein bis in seine entferntesten Winkel ausstrahlte. An den unteren Seitenflächen befanden sich in einer fast ununterbrochenen Reihe Schaltmechanismen und kleine Kontrollfenster, die zum Teil einen Einblick in das unüberschaubare Gewirr von Spulen, Dioden und silikonen Chips gewährten.

An der Vorderseite flackerte eine Art Bildschirm, dessen Frequenz jedoch zu hoch gehalten war, um die Impulsfolge nachvollziehen zu können. Sie bestand in einer Aneinanderreihung von vertikalen Linien, die sich in regelmäßigem Abstand zu gezackten Flammen verrissen, und deren scheinbares Eigenleben eine Farbfolge initiierte, die sich von der Mitte des Schirmes wellenfärmig zu seinen Rändern hin erweiterte.

Hinter einer dieser Sichtscheiben an der Seite begann nun ein elektrolytisch betriebener Motor zu laufen, der beim Einschalten einen 30000 Herzton von sich gab. Dieser piepste zuerst mehrere Male auf, um dann in ein dauerhaftes Intervall überzugehen. Daraufhin wurde ein wärmeempfindlicher Sensor betätigt, der das Geräusch abschaltete. Der Speicher war geladen.

Der Fremde, der vor den Schaltapparaturen lag, schaute nun zu dem flackernden Bildschirm und verglich die für ihn verständlichen Daten mit den Kontrollen der in den Sichtfenstern ausgewiesenen elektrischen Zustände. Dann nahm er eine runde, abgeplattete Dose und steckte sie in einen Eingang der sich vor ihm an der Wandseite befindlichen Maschine. Daraufhin leuchtete der Mechanismus in einem hellroten Licht.

Nun machte er sich bereit, einen Code in den Empfänger zu geben, der seine Botschaft verschlüsseln sollte. Scheinbar wahllos tippte er an Sensor - und Akkustikschaltungen herum, bis er mit seinen Vorbereitungen zufrieden war.

Leise flüsternd sprach er in die Öffnung einer filigranen Netzmembran, wobei er des öfteren eine Pause einlegte, um seine Sprache auf eine der Semantik abhängigen, verschiedenartigen Codefrequenz einzustimmen. Dann lauschte er nach allen Seiten, obwohl er sich der schall - und abhördichten Einrichtung bewußt war und verfolgte noch einmal das von ihm eben gesagte. Dazu gab er ein Zeichen in das Gerät, das in seiner Kompliziertheit alle bisherigen übertraf. Es brauchte fast eine Minute, um die binäre Reihenfolge der Strichsetzungen zu füllen. Dann hielt er den Kopf dicht an die Aufnahmemaschine.

»Hier spricht der zweite Vorsitzende«, vernahm er aus dem Inneren des Apparates, »A.R. festgenommen. Falls ich auch entdeckt werde, Auftrag an J.F.: 1. K. will mit mir die Auffindung der Positronengebiete vereiteln. Doch er arbeitet im Auftrag von S., der über einen Professor scheinbar im Besitz der bi-3 ist. Darum zuerst mit ihm, dann gegen ihn. 2. Professor muß auf unsere Seite gebracht werden. 3. S.M. hat einen Koffer, der Informationen über uns enthalten könnte. Vorsicht! öffnet sich erst am Ankunftstag.«

Zufrieden nahm er die Schatulle wieder heraus und verwahrte sie in einer Einbuchtung an der Decke des Zimmerchens. Dann versiegelte er die Klappe, so daß die Fugen des Schlitzes nicht mehr zu erkennen waren. Mit einer weiteren Vorrichtung bildete er einen Vakuumschirm aus kristallisiertem Tridymitgas, das bei einem Einbrechen des Safes implodieren und alles zerstören würde.

Daraufhin legte er sich auf die Anrichte, die seinen kleinen Körper tief in sich aufnahm. Fast schien sie sich über ihm zu schließen, so vollkommen war er in den weichen Kunststoffmassen versunken. Genüßlich - soweit es ihm möglich war zu genießen - richtete er seinen Blick auf ein über ihm eingelassenes Gitterfeld unnd knipste mit einem seiner abgewinkelten Daumen die Vorrichtung an. Sofort spürte er eine tiefe Wohligkeit in sich aufkommen, und er bemerkte mit Genugtuung, wie sich sein Körper entspannte. Von innen begann ein bläuliches Glühen durch seine Haut zu schimmern.

‚Dieser Maiger hat Glück’, dachte er, ‚daß sein Koffer mit einem Detonator versiegelt ist. Wenn ich ihn mir bereits im Raumschiff genommen hätte, hätte es doch nichts genutzt. An Flucht wäre außerdem unter diesen Umständen nicht zudenken. Und verstecke gibt es hier sogut wie keine.’

Langsam schloß er die Augen, obwohl er nie schlief. Das Licht der unteren Zimmerhälfte verdunkelte sich, so daß nur in der kuppelartigen Wölbung der Decke noch ein mattes Glühen herrschte. Dann stellte er den Elektrilizer um einige Nuancen häher.

‚Der Umstand, daß wir seinen Koffer noch nicht haben, hat ihm bislang das Leben gerettet. Aber auf Santoga wird ihm das nichts mehr helfen.’ Nur noch halbwegs bei klaren Gedanken schaltete er endgültig das Licht aus. Lediglich ein dumpf bläulicher Schimmer durchzog weiterhin das Dunkel des Zimmerchens.



Professor Dr. Velutzkow war gebürtiger Bulgare aus Sofia, der nun bereits seit 15 Jahren das Institut für Weltraumforschung in Petersburg, eines der international anerkanntesten wissenschaftlichen Einrichtungen, leitete. Außerdem stand er der Kommission für exterristische Verständigung vor, deren Hauptsitz in Paris lag.

Wladimir Velutzkow war ein weitgereister Mann, den es aufgrund seiner vielschichtigen Beziehungen immer wieder über den halben Erdball zog. In diesem Fall sogar noch weiter, denn er war im Auftrag eines Chemiekonzerns unterwegs und gleichzeitig der leitende Kopf der menschlichen Delegation, die auf diesem Schiff nach Santoga flog. Ihm war jedoch klar, daß dieser Umstand nicht viel zu bedeuten hatte, da die Hälfte der Ingenieure im Auftrag der Industrie gekommen war und sich nach der Ankunft in alle Winde zerstreuen würde. Die Wissenschaftler, die wegen der Auffindung der Positronen reisten, waren zudem derart spezialisiert, daß er ihnen in nichts als in seiner menschlichen Reife vorstehen konnte.

Er knetete seine dicken, schwieligen Hände. Es tat ihm sichtlich leid, daß sich Professor Erskins Herzbeschwerden kurz vor dem Start verschlimmert hatten, denn von Vorteil war der Chefposten der menschlichen Delegation ganz und gar nicht. Zur Belastung der eigenen Arbeit kam noch die der Gesamtverantwortung hinzu. Wenn er nur an die letzten Sabotagevorfälle dachte, die in der Festnahme von Angelo Roggini gipfelten.

Velutzkow strich sich mit der Innenfläche der Hand über das müde Gesicht und seufzte tief. ‚Warum gerade Angelo?’ Er war selbst gelernter Elementarphysiker und hatte von daher einen guten Kontakt zu dem langjährigen Mitarbeiter.

‚Ein außerordentlich intelligenter und gewissenhafter Mann. War er vielleicht verrückt geworden?’ fragte er sich. Kipchote Vida hatte betont, daß Angelo ihm noch gesagt habe, er käme gerade aus dem Generatorenraum der Küche, in dem dann die Explosion stattfand. ‚Ein Hinweis des Attentäters auf sich selbst? Wollte er dem ganzen Treiben ein Ende setzen, um seinen Zwiespalt, seine inneren Konflikte und sein Gewissen zu erlösen?'

Velutzkow kannte sich in diesen Dingen nicht aus. ‚Vielleicht ein Fall für den Psychiater.’ Er würde die treue und das menschliche Verständnis, daß Angelo neben seinen Arbeiten ihm immer entgegengebracht hatte, nie vergessen.

Seine Gedanken konzentrierten sich auf die vergangenen Ereignisse. Vor zwei Tagen hatten sie den Italiener verhaftet. Aber immer noch waren die genauen Umstände nicht vollkommen geklärt. Zum Beispiel bestand keine Schlüssigkeit darin, wie dieser an das Gift heran gekommen war. Er hatte lediglich seinen Teil zugegeben, fast befreiend genickt und wie aus einem inneren Drang heraus die Tat geschildert. Danach war er zusammengebrochen, völlig erledigt und mit hämmernden Herzschmerzen. Er hatte jedoch mit keiner Silbe erwähnt, ob er allein oder mit anderen zusammen gearbeitet hatte.

Nun lag er im Krankenzimmer unter Aufsicht von Dr. Mancroft und der ständigen Anwesenheit eines Santoganers. Es war nichts mehr aus ihm heraus zu kriegen. Nach dem Schock der Entdeckung und der Festnahme schien er nur wenig noch um sich herum wahrzunehmen. Eher schon mit eiskalten Blicken verfolgte er die Geschehnisse und blieb sogar apathisch liegen, wenn es galt, das Essen einzunehmen.

‚Besaß er nun einen Komplizen?’ Professor Velutzkow hoffte, sobald wie möglich eine Antwort darauf zu erhalten. In täglichen Gesprächen mit Shan-Ucci und der Mannschaft erörterten sie dieses Thema, doch es ergaben sich keine weiteren Anhaltspunkte.

‚Ich muß noch einmal mit Dr. Maiger reden’, ging es ihm durch den Kopf. ‚Diese ominöse Verschwörerbande muß der Angelpunkt der ganzen Gelegenheit sein. Hier traf sich Angelo als Padrino - als ein Pate, wie konnte er nur!’ entsetzte sich Velutzkow - ‚und von ihnen war auch das Attentat auf der Erde ausgeübt worden, bei dem einer dann selbst umkam. Eine zusätzlich mysteriöse Geschichte.’

Mit energischem Schwung wuchtete er seine füllige Gestalt auf die Beine und begab sich zum Zimmer von Steff Maiger. Dort angekommen, klopfte er an und betrat auf ein »ja« hin den Raum.

Steff saß am kleinen Tischchen und las in einer Broschüre über den sagenumwobenen Untergang des Kontinents Atlantis. Er schaute auf, als der Professor hereinkam und legte das Heftchen beiseite.

Dieser machte keine langen Umstände und steuerte sogleich auf sein Begehren zu. Steff erwiderte, daß auch er die Beteiligung eines Santoganers an der Verschwörung für möglich, diesen vielleicht sogar für den Kopf der Bande halte.

»Dann sehen Sie es ebenso für wahrscheinlich an«, und Velutzkow schüttelte besorgt sein mächtiges Haupt, »daß er sich auch hier auf unserem Schiff befindet?« Unruhig rutschte er auf seinem breiten Gesäß hin und her, so daß der hölzerne Stuhl in seinem Gefüge zu ächzen begann.

»Ich weiß es nicht. Aber wer sollte Angelo dann das kristallisierte Ammoniak gegeben haben? Und das Antimagnettuch?«

»Das kann er sich doch auch unschwer selbst besorgt haben«, dröhnte der imposante Bass des Professors. »Schließlich liegen diese Sachen ja überall zur Verfügung.«

»Das schon«, gab Steff zögernd zu, »aber wie ich finde, weisen mehrere Überlegungen auf einen santoganischen Komplizen hin. Denn sowohl das Tuch als auch der Ammoniak sind Hilfsmittel, die einer außerirdischen Gewohnheit zugrunde liegen. Ein Mensch würde - im umgekehrten Falle - zu den ihm vertrauten irdischen Werkzeugen oder Giften greifen, über deren Eigenschaften und Funktionen er besser Bescheid weiß. Und zusätzlich«, Steff hob leicht den Zeigefinger, »zusätzlich glaube ich nicht, daß Angelo trotz seiner Intelligenz ohne einen Bauplan oder eine Erläuterung das Steuerrelais unterbrochen haben könnte. Die Santoganer haben ja selbst zugegeben, daß das Teil so raffiniert eingebaut worden war, daß sie es auch nur durch einen Zufall entdecken konnten.«

Professor Velutzkow mußte ihm Recht geben, obwohl nichts dadurch bewiesen war. Eine Annahme führt erst zu einem Verdacht. Von da war es noch ein weiter Weg, den Verdächtigen zu überführen. Vor allem aber wollte er weitere Sabotageakte verhindern.

»Glauben sie, daß - wenn es noch einen Mitverschwörer gibt - daß dieser nun allein zuschlagen wird?«

Steff schüttelte den Kopf. »Nein, denn er wird sich solange in Sicherheit wiegen können, solange Angelo nichts verrät, und er keine weiteren Aktionen unternimmt, um auf sich aufmerksam zu machen.«

»Da ist was Wahres dran«, stimmte ihm Velutzkow zu. Nachdenklich rieb er sich das kantige Kinn. Das Gesicht von Angelo Roggini zog in Gedanken an ihm vorbei. Er konnte es immer noch nicht fassen, daß einer seiner Mitarbeiter, denen er vor allen Dingen noch eine menschliche Seite abgewinnen konnte, sich derart zu ändern vermochte. Aber vielleicht war er an seiner eigenen Menschlichkeit gescheitert, die sich nicht mit den leidenschaftslosen Fakten der elementaren Materie und den durch die Santoganer unaufhaltsam eingebrachten wissenschaftlichen Erkenntnissen vertrug. Er wandte sich ein letztes Mal zu Steff hin:

»Sie haben doch Dr. Rodriguez auch gut gekannt. Was halten sie in diesem Zusammenhang von den Äußerungen ihres Nachbarn Ra? War Angelo wirklich böswillig oder nur verbissen, Dr. Maiger? Was glauben Sie?«

Steff überlegte einige Sekunden. Äußerst schwer für mich, da bei ihm eine Grenze zu ziehen, denn als Padrino habe ich ihn ja überhaupt nicht gekannt.« Unwillkürlich strich er sich über die Nase. »Aber ich habe ihn erlebt, als er sich entlarvt fühlte. Ich muß ihnen sagen, daß ich es dabei ganz schön mit der Angst zu tun bekam. Sie hätten mal seinen Gesichtsausdruck sehen sollen. Voller Geringschätzung, kalt und beherrscht. Doch merkwürdigerweise, ich muß zugeben, hat er sich dann, als sich der Tumult der Explosion gelegt hatte, widerstandslos ergeben.«

Steff hielt die Handfläche an die Stirn gedrückt. Er suchte nach den richtigen Worten. »Er schien mir die letzte Zeit ziemlich nervös und bedrückt zu sein. Vielleicht ist seine spontane Reaktion aufgrund der Verzweiflung durch seine Entdeckung auch noch erklärbar. Aber ich bin mir nicht mehr sicher, wieweit er noch in vollem Besitz seines Verstandes war, als er mir seine Theorie des unendlich begrenzten Universums vorführte.«

Professor Velutzkow nickte langsam. »Ich verstehe, was sie meinen. Nicht die Theorie selber ist es, die Sie beunruhigt hat. Jeder hat sich irgendwo einmal in eine Ansicht verstiegen, die andere nicht akzeptieren können. Sie wollen sagen, es war mehr der innere Krieg, den er mittels seiner Theorie gegen den Kosmos führte, eine Art persönliche Feindschaft, die sie dabei irritiert hat.« Er hielt für einen Moment inne. »Ja, ich kann Sie verstehen. Der Kampf eines einzelnen Menschen gegen das restliche Universum hat etwas durchaus Wahnsinniges an sich.«

Er erhob sich und verabschiedete sich von Steff. »Lassen Sie es gut sein, Dr. Maiger, und vergessen Sie diese Zwischenfälle am Besten so schnell wie möglich. Versuchen Sie sich wieder auf ihre Arbeit zu konzentrieren.« Und im Hinausgehen schob er noch einmal seinen breiten Schädel durch den Türspalt. »Und genießen Sie die Landung. So viel ich weiß, beginnen die Bremsmanäver in einer halben Stunde.«

Die Landung! Steff hatte sie vollkommen vergessen. Wenn die Bremsmanäver ansetzten, durfte er sich nicht in seiner Kabine aufhalten. Dazu erhielt er einen Sitz in der Mannschaftslogis, hatte wie beim Abheben im Schwenkarm eine Ampulle gegen die Ohnmacht und verschiedene Sicherheitsvorrichtungen vor sich, die eine Landung gerade der größeren Raumschiffe bei einer derartigen Reisegeschwindigkeit vonnöten machte.

Denn je größer ein Flugkörper war, desto größer war auch die Masse, die abgebremst werden mußte. Bei den von den Santoganern erzielten Geschwindigkeiten ein ungeheuer hoher Bremsschub, der nur mit einem Antigravsystem ausgeglichenwerden konnte. Trotzdem sie beim Anflug auf die Planeten ihre Höchstgeschwindigkeit bereits erheblich reduziert hatten, betrug die Belastung der Zellen, Organe und Epidermik über 20 g, daß es einen Menschen glatt zerrissen hätte.

Eilig suchte Steff ein paar Sachen zusammen, die er während der Ankunft bei sich haben wollte. Seine Uhr, eine Halskette mit einem Stern, seine Kennkarte und noch ein paar Kleinigkeiten mehr. Vor dem Köfferchen in seinem Schrank blieb er stehen. Bald war es soweit, daß er Sokuks Geheimnis erfahren sollte.

Er hatte keiner Menschenseele etwas davon gesagt - außer Meika natürlich - so daß er vor niemandem Angst haben brauchte beziehungsweise sich verraten fühlen konnte. ‚Was wäre aber geschehen, wenn er Angelo etwas davon erzählt hätte?’

Er überlegte, ob er den Koffer während der Landung an sich nehmen sollte. Doch dann entschied er sich dagegen. Bislang war er nicht aufgefallen, und je seltener er ihn bei sich trug, umso weniger würde er auch weiterhin jemandem ins Auge springen.

Zuletzt ging er noch einmal zum Fenster. Hier hatte er fast die schönsten Stunden verbracht - ein kaum zu beschreibendes Gefühl von Alleinsein und Stärke. Vielen mußte es ebenso gegangen sein, obwohl kaum darüber geredet wurde. Einjeder hatte es mit sich selber auszumachen. ‚Außer Angelo einmal’, fiel ihm ein. ‚Merkwürdigerweise hatte gerade er darüber zu reden begonnen, bevor er sich dann wieder in die Wissenschaft zurückgezogen hatte. Was mochte bloß die ganze Zeit in ihm vorgegangen sein? Vielleicht war unbeschreibliche Angst in ihm hochgekommen, vielleicht aber hatte er das All auch als eine zu starke Herausforderng gefühlt.’

Steff warf einen letzten Blick aus dem Fenster. Santoga war noch nicht zu sehen, jedenfals nicht von seiner Seite aus. Nur schwarze Leere, das Funkeln der Gestirne, und die dicht um das Schiff bestehende Aura des Lichtes.

Im Mannschaftsraum saßen schon John und Ravishnari auf ihren Stühlen. Zwischen ihnen war sein Platz. Er schaute sich um. Fast alle waren jetzt da. Dr. Mancroft, Kip, Professor Velutzkow und Erolandar. Dieser war zugleich der einzige Santoganer in diesem Bereich, weil die Exterraner aufgrund ihrer andersartigen größe, Körperteile und ihres Gewichts auch ein anderes Sicherheitssystem benötigten.

Steff lächelte allen freundlich zu, versuchte dahinter gleichzeitig seine innere Erregung zu verbergen und setzte sich dann hin. John sah zu, wie er sich für die Landung präparierte und die einzelnen Geräte seines Sessels auf seine Eigenmaße einstellte, sich die Kontaktscheiben des Elektrokardiografen und des Gehirnschwingungsmessers an Schläfen und Unterarm steckte und sich eine möglichst bequeme Sitzhaltung aussuchte.

»Na, alles klar«, sagte er dann und grinste zu Steff hinüber.

Der verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln und antwortete: »Hoffentlich haben sie auch nicht den roten Teppich vergessen.«

»Den für mich, oder wolltest du auch einen?«

»Ach nein, natürlich nicht«, erwiderte Steff in vollster Bescheidenheit und wandte sich dann Ravishnari zu: »Na, Doktor, kommen Sie klar mit allem? Ich hoffe, wir werden eine weiche Landung haben.«

Der Inder nickte ihm einwenig verhalten zu und konnte kaum seine Aufregung verbergen. Mit einem gepreßten Grinsen wischte er seine Handflächen am Hosenbein ab.

Steff drehte sich um und sah Professor Velutzkow an. Dieser stülpte die Lippen vor und nickte mehrere Male zu ihm rüber, so als wolle er sagen: ‚Alles im Lot. Keine Probleme.’ Dann glitt Steffs Blick zu Erolandar. Dieser trippelte etwas nervös vor seinem Sitz hin und her, als könne er sich nicht entschließen, sich auf die Landung vorzubereiten. ‚Was hat er nur’, dachte Steff, ‚es sieht ja so aus, als ob das seine erste wäre.’

Aber er ließ sich von dessen Ungeduld nicht aus der Ruhe bringen und konzentrierte sich nun auf die Sichtfenster, die zu beiden Seiten angebracht waren.

Immer noch war nichts zu sehen, doch in diesem Augenblick setzte sich Erolandar hin und sagte: »Meine Herren, achten Sie jetzt bitte auf die linke Seite der Fensterreihen. Dort müßte bald Santoga auftauchen.«

Ruckartig wie auf einer touristischen Besichtigungsfahrt wandten alle ihre Köpfe und blickten wie gebannt durch die matten Scheiben. Dann endlich erschien ein gelblicher Ball mit einer blaßroten Korona. Schnell kam er näher, bis er die halbe Seite der Fenster ausfüllte.

»Die gelbliche Farbe erklärt sich aus den letzten Strahlen unserer Sonne, die zur rechten, für sie nicht sichtbar, nur halb vom Planeten verdeckt, seine Atmosphäre kurz vor ihrem Untergang überzieht. Wenn wir etwas näher herangekommen sind, werden Sie feststellen, daß die eigentliche Färbung Santogas von oben aus gesehen grünlich-blau ist. Ein Hinweis auf die Fülle seiner Flora und Ozeane.«

Und wirklich. Sie brauchten nicht lange warten, da veränderte sich der Farbton zu einem tiefen Blau, dem Blau der Meere, des Himmels und der Augen der Santoganer. Ihr Planet hatte nun bereits die ganze Länge der Sichtfenster eingenommen, und allmählich zeichneten sich seine Kontinente unter ihnen ab. Das Braun der Berge, das Grün der Täler und das Rot einer Hochebene.

Steff verhielt den Atem. ‚Eine rot gefärbte Landmasse? Woraus mochte die bestehen?’ Doch schon waren sie daran vorbeigeflogen und passierten den Luftkorridor, der ausschließlich für Raumschiffe freigehalten war.

Unter ihnen zogen sich nun langgestreckte Gebäude, breite Schneisen zwischen grünem Wald, über die knapp unter ihnen dahinfliehende Fläche. Dann bäumte sich das Luftschiff noch einmal auf. Dicht vor ihnen erschien ein riesiger Komplex von Häusern, die ineinander übergingen, deren Formen sich ablösten, sodaß etwas zuerst Rundes eckig wurde. Direkt dahinter erstreckte sich über eine riesige Ebene eine unzahl weiterer Komplexe, die halb in der Luft zu schweben schienen und lediglich auf dünnen Pfeilern den Boden berührten. Aus abertausenden Fenstern und Eingängen strahlte gelbes Licht herüber. Über das ganze Plateau warf sich nun ein mächtiger Bogen schimmender Helligkeit, die den gezackten Schattenriß der Wohnbläcke wie eine Lavaeruption umloderte. Die Kraft dieser Sonnenglut entstieg dem Kern der weitläufigen Gebäudekomplexe, und das war die Stadt.

Erassno-Kun-Da war das Zentrum und der Landeplatz der Raumschiffe auf Santoga. Und es war stets die erste Stadt, die die Menschen bei ihrem Anflug sahen. Und deshalb hatten sie auch stets ein halbwegs sicheres Gefühl, wenn sie daraufhin zum ersten mal ihren Fuß auf das silikate Gestein setzten.