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Literatur

Amarilis

Amarilis

- ein Roman von Rainer Kempas -
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Literatur
das Leben in einem Kondom



Kapitel II.

S teff spürte den hellen Kunststoff des Hörers kühl in seiner Hand. Um die Leitung zu belegen, schob er eine Geldkarte in den schmalen Schlitz. Sogleich öffnete sich die Lade der Wähltastatur. Die Leichtdrucksensoren der Nummern spiegelten sich in der starren Folie der Seitenscheibe. Leise tutete das Freizeichen.

‚Er muß hier irgendwo sein,’ dachte er’ ,denn sonst könnte er nicht wissen, wann ich hier bin.’ Unwillkürlich schaute er zu den Fensterreihen der Wohntrackte unter ihm. Die durchsichtigen Kunststoffverbindungen zwischen den 5., 10. Und 15. Etagen der Häuser waren kaum begangen. Lediglich ein alter Mann in Hemdsärmeln schlurfte langsam über die Gebäudebrücke. Auch das Cafe des obersten Stockwerks war wenig belebt. Keiner schien ihn zu beachten.

‚Was mag denn so wichtig sein, um mich auf diese geheimnisvolle Art sprechen zu wollen?’ Verwundert schüttelte Steff den Kopf. Vor einer Stunde hatte er eine Mitteilung auf seinem Telexmonitor, der ein Briefdiktat aufgezeichnet hatte, vorgefunden. ‚Kommen Sie um 15.00 zur Telefonzelle auf ihrem Dach. Dort werde ich sie anrufen. Dringend!’ er schüttelte den Kopf. ‚Bestand vielleicht ein Zusammenhang mit seinem Flug nach Santoga?’ Das kam ihm lächerlich vor. Er griff zum Schlitz, in dem noch seine Geldkarte steckte.

Da klingelte es. Die Sichtlampe vor ihm flackerte auf. Schneller, als er eigentlich wollte, ergriff er wieder den Hörer.

»Ja?« flüsterte er in die Sprechmuschel.

»Sind sie es, Doktor Maiger?« ertönte es am anderen Ende.

»Als ob sie das nicht selbst wüßten. Sie sehen mich ja wohl schon die ganze Zeit.« Steff blinzelte durch das Kunststoffglas zu den Fenstern.

»Ja natürlich, das war nur so Geredet.« Der andere lachte kurz auf und räusperte sich. Danach entstand eine kleine Pause:

»Und wer sind sie?« fragte Steff.

»Ich? Oh, nennen sie mich einfach Sokuk. Merken sie sich den Namen aber genau. Denn mehr kann ich ihnen jetzt am Telefon nicht verraten. Dazu müssen wir uns persönlich treffen.«

»Warum denn das?« entfuhr es Steff. Er konnte sich nicht entscheiden, ob er die Situation als albern oder ernsthaft einschätzen sollte.

»Oh, Sie wissen ja wahrscheinlich selbst, wie die Zellen und auch ihr Telexmonitor arbeiten. Da kann doch jeder ran. Um in die Schaltzentrale zu gelangen, könnte ich sogar meine Oma losschicken.« Der Anrufer schien wieder in eine knappe Lachsalve auszubrechen. Doch dann wurde er deutlicher. »Ich kann Ihnen nur soviel sagen, Doktor Maiger. Sie sind doch Paläontologe. Deshalb werden Sie auch wissen, was ein Kontinentaldrift ist. Und in diesem Zusammenhang auch nicht das Interesse unserer lieben Besucher vergessen haben, das bi-3 Positron! Und: natürlich hat das ganze was mit ihrem Flug zu tun, Doktor.«

Steff verstand immer noch nicht ganz. ‚Was ist daran so besonderes, um derart geheimnisvoll zu sein? Sicherlich war die Entdeckung des bi-3 Positrons vor 65 Millionen Jahren auf der Erde für die Außerirdischen eine wichtige Tatsache, da sie nun endlich hoffen können, damit ihre Entwicklung zu retten. Doch jeder weiß auch, daß wir dieses Positron heute nicht mehr finden. Was sollte da nicht stimmen?’

»Ich verstehe immer noch nicht, worauf Sie hinaus wollen. Das müssen Sie mir schon noch deutlicher sagen.« Steff kam sich ungerechtfertigterweise ein bißchen dumm vor.

»Das werde ich ihnen auch sagen, lieber Doktor. Aber nicht hier, Sie verstehen. Lassen sie uns doch einen Treff ausmachen.«

»Ich nehme an, den haben Sie bereits längst festgelegt.«

»Genauso isses, Doktorchen. Dabei kommt es mir natürlich vor allem darauf an, daß ich wieder unerkannt verschwinden kann. Deshalb: wie wäre es heute um 16.30 im neuen Olypiastadion? Es läuft auch ein sehr interessantes Fußballspiel, und sie werden sich bestimmt nicht langweilen. So schlagen wir gleich zwei Fliegen mit einer Klappe.«

»Und wie werden wir uns treffen? Was sie ja schließlich bezwecken, wir sind nicht die einzigen dort.«

Sokuk feixte. »Aber Doktor, wie können Sie nur glauben, daß wir eine solch wichtige Kleinigkeit vergessen würden. Schauen Sie doch mal in das Telefonbuch unter dem Buchstaben M wie Maiger. Das ist auf seite 246.«

Steff griff unter die Wählscheibe und zog das betreffende Buch hervor. Er öffnete es und schlug die Seite 246 auf. Dort lag eine Eintrittskarte mit der Sitznummer 184, Reihe 12.

Im Hörer klickte es.

Steff schaute auf die Uhr. Es war Viertelvier. ‚Wenn ich mir jetzt ein Taxi bestelle, kann ich in ner halben Stunde im Stadion sein. Vielleicht ist es bei dem Gedränge ganz gut, etwas früher anzukommen. Und auf das Spiel freue ich mich auch.’

Doch dann glitten seine Gedanken wieder zu dem anonymen Anrufer, der sich Sokuk nannte. ‚Was wird er von mir wollen? Bestand von irgendwoher eine Gefahr? Vielleicht von den AI?’

Vor fünf Jahren waren sie von Santoga gekommen. Aber sie waren nicht aufgebrochen, um zu töten oder zu unterwerfen. Nein - sie kamen, um zu bitten. Sie kamen, weil sie Hilfe brauchten.

Steff griff erneut zum Hörer. Er wählte die Nummer der Lufttaxigesellschaft und tippte Anzahl und Bestellzeit in die Tastatur. Er würde nicht lange warten brauchen, denn automatisch gab der Computer in der Zentrale, der auch mit dieser Telefonzelle verbunden war, den Auftrag an das nächste freifliegende Lufttaxi weiter. In seinen Chips war das gesamte Verkehrsnetz und die Bewegungsabläufe aller Taxen gespeichert. So konnte der Standort des einzelnen Fahrers immer verfolgt und je nach Lage und Bedarf abgerufen werden.

Steff nahm seine Geldkarte und trat aus der Zelle. Schon sah er das gelbe Luftschiff zur Landung auf dem Dach anfliegen. Auf allen größeren Häusern gab es diese Llslp, daß heißt die Leichtluftschifflandeplätze. Sie waren kaum mehr wegzudenken, denn auf den Straßen war Privatverkehr schon längst verboten worden. ‚Llslp’, dachte Steff, ‚manchmal haben Abkürzungen doch ihren Sinn.’ Er machte einen Schritt zur Seite. Das leise Surren des Elektromotors verharrte neben ihm.

Der Fahrer lehnte sich über den Beisitz und öffnete ihm die Tür. »Hallo«, sagte Steff und nickte mit dem Kopf, »fahren Sie mich bitte zum neuen Olympiastadion?«

»Na klar doch, liecht jenau in meener Richtung.« Den Zoten der berliner Taxifahrer sollte man lieber nichts entgegensetzen.

Das kleine Luftschiff hob senkrecht ab, wendete in einem Halbkreis und durchflog einen vorgeschriebenen Korridor, der sich wie ein Straßenverkehrsnetz mit anderen kreuzte, kombinierte und durch die Superelek-tronik des Fahrzeuges schnell zu errechnen war.

Unter ihm flossen die engen Straßenzüge Kreuzbergs ineinander und zogen sich durch Häusertrackte und Parkanlagen. Direkt vor ihm schlich eine Magnetkontaktbahn wie in Zeitlupe dahin. Sie verband die alte City mit den äusseren Wohngebieten. Ihre Endhaltstelle war das ehemalige Amerikahaus, heute das Gebäude für exterristischen Tourismus.

‚Die Außerirdischen. Wieweit konnte man ihnen wirklich vertrauen?’ Steff stellte sich diese Frage nicht zum ersten Mal. Bisher hatten diese eine außerordentliche Sorgfalt in der Annäherung zu den Menschen gezeigt. Sie wollten sie nicht überraschen, zumindest soweit das möglich war. Sie hatten ihre ersten Kontaktversuche gründlich vorbereitet und waren danach auch nur zögernd bereit gewesen, auf der Erde zu landen. ‚Gewiß hatten sie ebenso viel Angst vor uns wie wir vor ihnen’, dachte Steff. ‚Sie konnten ja nicht vollkommen nach den vorangegangenen Ermittlungen und Kundschaftungen davon ausgehen, daß wir ihnen auf allen Gebieten der Technik und der Abwehr unterlegen waren. Und was unsere Aggressionsbereitschaft unnd überhaupt menschliche Natur betrifft, sind wir ihnen bestimmt immer noch fremd und undurchsichtig geblieben. Und umgekehrt genauso.’

Er biß sich auf die Lippe und konzentrierte sich auf die leuchtende Warze im Nacken des Fahrers. ‚Zumindest haben sie sich in der Hilfsbereitschaft der Menschen nicht geirrt. Wenn die betretffenden Elementarteilchen, die sie so dringend brauchen, überhaupt gefunden werden können. Schließlich hatten die AI die Erde gesehen, wie sie vor rund 65 Millionen Jahren war!’ Er versuchte sich diesen Umstand erneut zu vergegenwärtigen. ‚Vor 65 Millionen Jahren! Was konnte das erst einem Paläontologen wie ihm eröffnen. Und er - er hatte diese Möglichkeit erhalten. Er war nicht älter als 35, aber in einer Woche flog er nach Santoga, um die Erde zu sehen, wie sie einst gewesen war.’



Er mußte an die Geschwindigkeit denken, die nötig war, um eine solche Distanz ohne Zeitverlust zu überwinden. Nur mittels eines gewaltigen Hypersprungs konnten die 646 Trillionen Km innerhalb von 14 Tagen zurückgelegt werden. Eine Entfernung, für die das Licht 70 Millionen Jahre brauchte!

»Junger Mann, nu sind wa da.« Das war der Taxifahrer. Steff hatte ihn ganz vergessen und hätte fast gefragt: wo, auf Santoga? Er verschluckte sich jedoch nur, zahlte zehn Units und stieg aus. Vor ihm wand sich bereits ein Strom von Leuten zu den Eingangstoren der riesigen Halle.

Das Berliner Stadion war erst 2064 zur Olypiade gebaut worden und gehörte deshalb schon zu den neueren Fußballarenen Europas. Es hatte ein Dach vollkommen aus Kunststoffglas, einen echten Rasen mit stets vorschriftsmäßiger Länge und rundherum nur Sitze. Aus diesem Grund konnten hier auch Spiele der Europaliga stattfinden, zu der sich 20 Vereine zählen durften.

Steff passierte die Waffenkontrolle und den luftanalytisch voll-automatischen Alkoholtest vor dem Stadion. Wegschilder wiesen ihn an seinen Platz. Der der Gesäßform angepaßte Sitz mit Rücken - und Armlehnen schmiegte sich um seinen Körper. Sokuks Organisation hatte nicht beim Kauf eines teuren Tribünenplatzes gegeizt.

Er maß dem Anliegen dieser Leute jetzt immer mehr Bedeutung bei. Vor 65 Millionen Jahren hatte die Erde diese Positronen ausgesandt. Die heute zur Enttäuschung der Santoganer nicht mehr aufzufinden waren. Wo aber waren diese zur Entwicklung der Fremden so lebenswichtigen Elementarteilchen geblieben? Die Eindringlichkeit dieser Frage hatten die AI immer wieder betont. Denn ihre gesamte Evolution stagnierte.

Steff versuchte, sich die Fremden vorzustellen. Sie waren zum Erstaunen der Fachwelt nicht organisch, sondern bestanden aus den Kristallsilikaten des Ikositetraeders. Ihr Leben enstand, grob gesagt, durch eine Verschiebung des molekularen Ionengitters. Das heißt, durch die Vorbeugung auf der Gittergeraden um eine Molekularzelle wurden weitere Ionen gebunden, die das Raumgitter auffüllten, bis eine Art Gedächtnisqualität erhalten wurde, die den Sprung zu einem Bewußten und denkenden Leben bedeutete. Eine jede weitere Auffüllung ermöglichte eine höhere Stufe der Geisteskapazität und der Entwicklung. Und eben an dieser Stelle ging es nicht mehr weiter. Die Santoganer stagnierten und, was genauso schlimm war, es vermochten keine weiteren entstehen. Allein die Positronen hatten die Fähigkeit, die Gittergeraden wieder mit Ionen aufzufüllen. Wenn sie gefunden werden konnten.

Steff hatte kaum beachtet, daß das Spiel inzwischen angepfiffen worden war. Er steckte zu sehr in Gedanken, daß ihn selbst das Raunen und Schreien der Leute herum nicht störte. ‚Hatte es sowas wirklich auf der Erde schon einmal gegeben? Bi-3 Positronen?’ Zudem verwunderte ihn der Umstand, daß die AI vollkommen überzeugt waren, daß eine Pflanze diese Teilchen damals bei ihnen erzeugt haben mußte.

Mit beiden Händen wischte er sich über seine etwas dicke Nase. Deswegen fuhr er nach Santoga. Um der Vermutung nachzugehen und die Gegend ausfindig zu machen, in der sich das Gewächs entwickelt hatte. Es mußte mit allen Mitteln gefunden werden. Sonst waren die AI eine Rasse, die auszusterben drohte!

Plötzlich sprangen die Leute um ihn herum auf. Dabei veranstalteten sie einen derartigen Lärm, daß Steff völlig verschreckt zusammenzuckte und die Augen aufriß. Er war so sehr in Gedanken gewesen, daß er glatt das erste Tor versäumt hatte.

Er sah nur noch, wie der Schiedsrichter zu einem der acht Monitore, die um das Spielfeld herum angeordnet waren, ging und sich die Zeitlupe der von den Seiten - und Torlinienkameras aufgenommenen Spielszenen anguckte. Anscheinend handelte er auf Protest der einen Mannschaft. Dann unterhielt er sich mit einem der beiden Torrichter, die schon vor 50 Jahren anstelle der Linienrichter getreten waren und zeigte unmißverständlich auf den Mittelpunkt. Tor.

Mit einem Pfeifton, der aus den Lautsprechern kam, wurde die Partie wieder eröffnet, und die inzwischen angehaltene Zeit lief weiter. Steff konzentrierte sich jetzt mehr auf das Spiel. Noch ein Tor wollte er nicht versäumen. Schon wieder waren zwei, drei Stürmer der einheimischen Elf in der gegnerischen Hälfte aufgetaucht, und einer von ihnen kam sogar frei zum Schuß. Die Menge kreischte bereits, doch bevor er den Fuß am Ball hatte, grätschte ihm ein Abwehrspieler von hinten in die Beine. Steff sah, daß der Berliner vom Platz getragen werden mußte.

Die Leute waren fast alle aufgestanden, um sich den fälligen Elfmeter nicht entgehen zu lassen. Einjeder redete auf jeden ein. Die Erregung wuchs mit dem Anlauf des Spielers, den er gerade rückwärts abschritt. Die Zuschauer hatten Augen und Münder weit aufgerissen, bereit zu einem Freuden - oder Entsetzensschrei. Das lag jetzt alles in der Macht des Einen. Die Leute griffen sich gegenseitig an die Hände, als er zum Ball lief.

Auch Steff fühlte, wie ihn jemand anfaßte. Er drehte sich um und schaute in das Gesicht eines Fremden. Es war grobflächig und rund und unrasiert. Sokuk grinste ihn an. Als er den Mund aufmachte, stellte Steff fest, daß ihm zwei Zähne fehlten. Das, was er dann sagen wollte, ging allerdings im Torschrei der Fünfzigtausend unter.



Der Raum war nicht besonders hell. Ein schwerer Vorhang verdeckte das niedrige Fenster. Nur seitlich der Wand dämmerte ein dünner Strahl diffusen Lichts herein, in dem Staubwolken bei jeder Bewegung der Bewohner hektisch durcheinander wirbelten.

Das matte Licht der schirmlosen Birne diente ebenso wenig dazu, die Gegenstände des Zimmerchens sichtbarer zu machen. Auf einem hölzernen Tisch lagen zwei Bücher über metaphysische Meditation. Davor war eine kleine, verzierte Schatulle mit gelben Pillen. Auf dem Fußboden standen mehrere Weinflaschen.

Es herrschte kaum Ordnung in diesem Raum, aber er barg auch zuwenig Dinge, um ein völliges durcheinander zu gestatten. Die drei Jungen, die auf Matratzen auf dem Parkett saßen, schienen zudem keinen Wert auf ein zusätzliches Mobiliar zu legen.

Stumm hockten die da und stierten beinahe andachtsvoll vor sich hin. Keiner regte sich, noch schienen sie selbst einander wahrzunehmen. Lediglich ein großer, kräftiger Bursche, der schon etwas älter wirkte, zuckte mit dem Kopf und stand plötzlich auf. Beinahe apathisch stieg er über die anderen hinweg und griff sich eine Art Gitarre, deren drei Saiten er nun zu spielen begann. Mit dem rechten Fuß drückte er dabei einen Blasebalg, der zu dem Klangkörper des Instruments führte und dadurch den Saiten einen hohen, säuselnden Ton entlockte. Diese selbst waren in einer Terz gestimmt, wie feststehende Akkorde. Dadurch flossen die Harmonien ineinander über.

Die Melodie mutete wie ein Elfentanz, und ihre Musik schien sich einzig in den Hirnen der drei abzuspielen, deren Töne ihre Gedanken waren, deren Rythmus ihre Träume vorantrieb und sich in die Zwischenräume ihres Bewußtseins setzte, bis die Harmonien letztlich das Verständnis ihrer selbst zu werden begannen. Ihre Gedanken waren nun die Musik, und die Melodie ihre Gefühle, eine Bewegung von Erinnerung. Und es war auch immer nur das eine Lied, das ihrer Vergangenheit.

Gobo konnte die Gitarre nur spielen, wenn er die Pille nahm. Sie schaltete sein Bewußtsein fast vällig aus, ließ ihn der Welt entfliehen und trieb ihn durch die Unendlichkeit des Universums. Dort war er ungebunden, frei und selbst unendlich geworden. Dort konnte er daran gehen, das zu tun, was allein ihm gefiel, wo er der Regisseur war, ebenso wie sein einziger Kameramann und Darsteller. Dort war er zwar allein, aber es war auch niemand da, der ihm seinen Traum fortnehmen konnte.

Es war kein Schlafen, und es war kein Wachsein. Der Zustand kam eher dem Tagträumen gleich, wie ein Film mit eigenen Sinneswahrnehmungen, Gefühlen, Augen, Ohren und Händen. Es war ein Kino, in dem er das sein konnte, was er niemals war, und in dem er niemals das sein brauchte, was er sonst stets bedeutete.

Es war das Traumkino, und es bestand nur in einer kleinen, gelben Pille. Ein bequemer Spaß, aber kein billiger. Zumal nicht für die drei, die sich inmitten der Wohnsilos aus der Not der Einsamkeit zusammengefunden hatten. Sie hatten keine Arbeit, und sie hatten keine Ziele. Deshalb besaßen sie auch kein Geld. Schon garnicht für die Superpille, deren Chemie ihre Sinne betäubte und gleichzeitig öffnete. Aber sie legten keinen Wert darauf, über ihren Zustand nachzudenken, der sie in Sklaverei hielt, und ihnen doch die Freiheit der Entrückung gab.

Gobo hörte mit einem Mal auf und schloß die Augen. Die Musik hatte ihn erneut zu einem Gefühl animiert, dem er für sich nachgehen wollte. Schnell griff er ein weiteres Mal zu der bunten Schatulle, um nicht die ahnung zu verlieren. Der neue Traum setzte sich in seinen Kopf. Langsam streckte er sich auf der Matratze aus. Dabei stieß sein Fuß an eine Weinflasche, daß diese hell erklirrte.

Der Ton ließ den zweiten der Jugendlichen aufgucken und eine Weile irritiert zum Freund starren. Dann fiel er wieder teilnahmslos in sich zusammen. Seine braunen Augen hatten jeglichen Glanz verloren. Die kleine, nach oben gebogene Stubsnase begann einwenig zu zittern, als sich der Film erneut einstellte.

In diesem Augenblick klopfte es an der Tür. Zunächst schien es, als ob keiner von ihnen das Geräusch bemerkte. Doch dann stand der Junge mit der Himmelfahrtsnase auf. Es gelang stets, den Film wieder zurückzuholen. Spätestens mit einer neuen Pille.

Außerdem kannten sie dieses Signal. Es kam von dem, der ihnen diese Flucht aus der Wirklichkeit verschaffte, und für den sie alles zu tun bereit waren, nur um wieder zu vergessen. Ihr Leben, ihr Zuhause und ihre Welt, zu der sie noch nie gehört hatten.

Als Ra auf das verabredete Zeichen hin öffnete, stand der Padrino vor ihm. Ungeduldig schob ihn dieser beiseite und begab sich sofort in die Mitte des Zimmers. Als er feststellte, daß die anderen ihn kaum richtig wahrzunehmen vermochten, pochte er dreimal höchst ungeduldig mit seinem verzierten Spazierstock auf den Boden. Die Füße, die in weißen Gamaschen waren, trippelten dabei unablässig hin und her, als wollte er sogleich wieder davonlaufen.

Von dieser Unruhe aufgeschreckt, blinzelte der dritte der Jungen auf und hob einwenig den Kopf. Er war von ausgesprochen kleiner Gestalt, hatte zurückgekämmtes, ohrlanges Haar und eine randlose Brille. „Oh mein Kopf, geht es wieder los?“ nuschelte er. „Sind sie wieder alle da?“ fast schon entrüstet zupfte er an seiner Brille, als ob er sie schärfer einstellen wollte.

»Jungs, hört mal her.« Der Mann mit den Gamaschen schaute zustim-mungserheischend um sich, doch keiner der drei Burschen rührte sich noch einmal. Auch Ra hatte sich wieder auf den Boden gesetzt und nuckelte an der Weinflasche.

Vor Wut bemerkte der Mann nicht, daß sein rechtes Augenlid zu zucken begann. Seine starke, athletische Gestalt spannte sich. »Nun paßt doch mal auf, Kinder.« Eilig holte er etwas aus seiner Tasche. »Ich hab hier etwas für euch, das euch bestimmt interessiert.« Lockend hielt er einen blauen Stein in die Höhe, von dem ein fluoreszierendes Licht ausging. »Mit dem Ding hier«, sein Finger deutete auf das seltsame Gebilde, »werdet ihr nun wirklich alle eure Sorgen vergessen können. Es ist die neueste Entwicklung und kommt wahrscheinlich garnicht auf den Markt. Allein, hört mal, allein durch die Technik der Santoganer ist es uns gelungen, sowas überhaupt herzustellen.«

Abwartend hielt er inne. Es war ihm nun in der Tat gelungen, bei den Jugendlichen sowas wie Interesse zu wecken. Neugierig besahen sie sich den Stein näher. Er war ein Opal von bläulicher Schönheit. Matt besetzten die Spiegelbilder der Jungen seine äußere Haut, deren oberer Teil zu einem weichen Fell wie saugendes Leder geschliffen war. Unter dem Bezug aus milchigem Glas war die innere Führung wie Perlen zur Mitte hin glänzend breit und voll, während sich darum eine gelblich fasernde Art wölbte und zudem an der Außenschale festigte.

»Wenn ihr dort hineinschaut, dann erlebt ihr die wunder ferner Welten. Dinge, die ihr noch nie erschaut habt. Ein Film, der eure Fantasie beflügelt, wie ihr es euch selbst nicht vorstellen könnt.«

Eifrig nahm sich der Kleinste von ihnen die Kugel. Er hob einwenig die Brille und guckte sie sich zunächst mißtrauisch an. Dann schien es ihm, als ob sich seine Sinne verselbständigten. Wie ein Vulkan platzte vor ihm ein Feuer aus dem Stein, das seine schmächtige Gestalt fast zurückwarf. Danach erfolgte ein Wolkenbruch blendender Gefühle, dessen Tropfen sich alsbald als kleine Schmetterlinge erwiesen und seelig auf und davon flatterten.

Gierig saugte sich sein Blick an dem Opal fest. Dessen gleichsam innere Flüssigkeit begann nun rotglühend in kleinen Rauchwolken aufzuleuchten, und gelbe Sschwaden durchzogen wie ein Netz von zinnoberfeinen Härchen die milchige Kugel.

»Na, ist das was, Fred?« fragte der Mann, den sie Padrino nannten und fuhr, zu den anderen gewandt, fort: »Aber ihr versteht, daß ihr den Stein nicht völlig umsonst haben kännt.« Abwartend schaute er Gobo an. »Wenn du etwas ganz bestimmtes für mich erledigst, kannst du sogar richtig berühmt werden. Es ist nur ein Gefallen, den du mir erweisen mußt, so, wie du ja auch schon andere sachen getan hast.«

»Ich will auch berühmt werden«, mischte sich plötzlich der kleine Fred ein und wandte sich kurz ihnen zu.

»Wieso denn du? Ich dachte, daß dir alles egal wäre«, verwunderte sich der Padrino.

»Ist es mir auch«, bestätigte ihn Fred, »ich will ja auch garnicht richtig berühmt werden. Nur wenn ich es dann bin, dann bring ich mich um.«

»Aber warum denn das?«

»Weil ich berühmt sein hasse.«

»Warum willst du es dann überhaupt werden?«

»Damit ich mich umbringen kann«, sagte Fred schlicht und widmete sich wieder intensiv der magischen Kugel.

»Lieber paranoid als verfolgt«, kommentierte Gobo daraufhin und grinste.

Der Padrino räusperte sich einwenig irritiert, und sein rechtes Lid begann erneut zu flackern. »Naja, Jungs, ich geh jetzt am besten mit Gobo in den anderen Raum und erklär ihm, was er zu tun hat. Ihr wißt ja, alles topsecret.«

Mit verschwörerischem Grinsen verschwand er im angrenzenden Zimmer. Bevor er die Tür jedoch schloß, steckte er noch einmal seinen Kopf durch die Spalte und bat Ra, keinen mehr hineinzulassen und die Straße zu beobachten. Als er sah, wie sich dieser nur unwillig zum Fenster begab, sagte er: »Du ahnst garnicht, wie vorsichtig ich sein muß. Dafür werde ich mich auch mit einem kleinen Extrageschenk bei dir bedanken.«

In diesem Augenblick schien Fred wieder für kurze Zeit zu Bewußtsein zu kommen. »Ich habe zu danken«, flüsterte er mit schwächlicher Stimme und versank anschließend erneut in den Bann des blauen Opals. Das Traumkino hatte seine Pforten nun weit geöffnet. Weiter, als jemals zuvor. Und es entließ sie in eine unermeßliche Ferne, die irgendwann eine Rückkehr nicht mehr zuließ.



»Ich bin Sokuk,« sagte Sokuk nun zum zweiten Mal. Er leckte sich über die dicken, bräunlichen Lippen. Wenn er sprach, zog sich sein Mund bis hin zu den beträchtlich abstehenden Ohren auseinander. »Machen wir es schnell, Doktor Maiger. Wie Sie mir vorhin bestätigten, ist Ihnen das Positron bi-3 ein Begriff. Das mußten sie ja auch wissen. Aber neu wird ihnen sicherlich sein, wie es auf die menschliche Zellmembran wirkt. Haben sie in diesem Zusammenhang schon mal was von Osmose gehört?« Er schaute Steff dabei unschuldig wie ein Dackel an, hielt seine Stirn in Falten und den Kopf einwenig geneigt.

»Osmose«, wiederholte Steff, »das ist ein bestimmtes Druckverhältnis. Aber ich weiß nicht, was Sie damit andeuten wollen.«

»Das will ich Ihnen sagen, Doktor. Sehen Sie, das menschliche Nervensystem beruht auf einer elektrochemischen Wechselwirkung von Reiz und Reaktion. Die im Organismus enthaltenen Salze sind größtenteils in Ionen zerlegt. Ihre Konzentration bestimmt überwiegend den Druck im Inneren der Körperzellen und -flüssigkeiten. In Gewebszellen sind nun etwa 20 - 40 mal mehr Kaliumionen als in den Säften vorhanden, die ihrerseits wieder bedeutend mehr Natriumionen haben. Durch Beeinflussung der elektrischen Ladungen der Zellmembran wird die Anordnung der Ionen zueinander nun verändert, und die Zellwände werden mehr oder weniger durchlässig. Sehen Sie«, Sokuk triumfierte fast, und sein Mund bildete einen schmalen Strich zwischen den Ohren, »dadurch steigert oder vermindert sich bei uns Menschen die osmotische Erregbarkeit, das heißt die Weitergabe der Informationen vom Nerv zum Muskel. Wenn«, und er hob den Finger, »ja, wenn nicht eben dieses Positron bi-3 da wäre mit der un-angenehmen Eigenschaft, aufgrund seiner eigenen Ladung unsere Kalium-ionen zu binden, zu neutralisieren und das Gemisch letztlich zu zerstören.«

Er holte stolz Luft. »Ich hoffe, ich habe ihnen das einwenig klar machen können. Ich bin ja selbst kein Fachmann auf diesem Gebiet.«

Steff schwieg und versuchte zunächst nur, das eben gehörte zu verdauen. 'Heißt das, daß dieses Positron eine Art Lähmung hervorruft? Das würde ja den Untergang der ganzen Menschheit bedeuten! Eine Katastrophe! Anstelle der Santoganer also wir. Unvorstellbar!'

»Sagen Sie, ist das denn auch alles wahr?« stammelte er dann und hoffte, daß der andere jetzt in ein Hohngelächter ausbrechen und sowas wie ‚ätsch’ rufen würde.

Aber nichts. »So wahr, wie ich hier stehe, Doktor.«

»Und... Und wie...« Steff mußte erst seine Fassung wiedergewinnen. »Das ist doch unmöglich. Wie haben sie es denn festgestellt?«

Sokuk gewann langsam die Oberhand. Mit eindringlichem Ton redete er weiter. »Bei etwas, das wir garnicht besitzen, geschweige denn, jemals gesehen haben, ist es natürlich schwer, einen fundierten Beweis zu erbringen und einen Wissenschaftler wie Sie zu überzeugen. Aber es gibt jemand, der das Positron schon gesehen hat, Doktor.« Er machte eine Pause, wohl um abzuwarten, ob Steff vielleicht selber darauf käme. Aber als er keine Antwort erhielt, fuhr er hastig fort: »Fragen sie doch einfach Ihre Freunde, die Ausserirdischen! Die werden es Ihnen bestimmt bestätigen können.«

Das schien logisch. Aber Steff zögerte immer noch, die Gültigkeit dieser Mitteilung anzuerkennen. Mißtrauisch blickte er Sokuk an. »Woher wissen Sie das eigentlich? Vielleicht wäre es besser, wenn ich das alles mal direkt von ihrem Informanten zu hören bekäme.« Denn so schien es ihm am leichtesten, die Glaubwürdigkeit der ganzen Angelegenheit abschätzen und überprüfen zu können. Doch Sokuk tat ihm nicht den Gefallen.

»Das kann ich Ihnen leider nicht sagen, Doktor. Nur soviel: Sein Sie in Zukunft vorsichtig im Umgang mit den Außerirdischen. Auch wie Sie nach diesen Positronen fragen wollen, überlegen Sie sich gut. Am besten beraten sie sich mit Ihren Kollegen. Die treffen Sie ja heute schon.« Sokuk schaute sich um. Gerade war zur Halbzeit gepfiffen worden, und viele Leute standen auf, um sich die Beine zu vertreten oder sich etwas kaufen zu gehen. »Ich muß jetzt gehen, Doktor Maiger. Aber wir werden in Verbindung bleiben. Morgen, nachdem Sie sich mit den Santoganern im Haus der Raumfahrt getroffen haben, um über den anstehenden Flug zu reden, werde ich mich wieder über Telex melden.«

Noch ehe Steff etwas erwidern konnte, war er verschwunden. Einmal vermochte er seinen runden Kopf mit den abstehenden Ohren noch kurz im Ausgang zu sehen. 'Der weiß ja gut Bescheid mit meinen Terminen', war alles, was ihm im ersten Augenblick einfiel. Dann schaute er hinunter zum Fußballfeld, wo gerade die Spieler den Platz verließen.

Angesichts der soeben gehörten Informationen hatte er aber keine Lust mehr, auf die zweite Halbzeit zu warten. Mit einem Kopfschütteln stand er auf und verließ die Tribüne.

Auf dem Vorfeld des Stadions rief er sich eines der dort parkenden Lufttaxis und nannte seine Adresse. 'Zuhause muß ich erstmal zu mir selber kommen und meine Ruhe wiederfinden. Dann läßt sich sicher besser über alles nachdenken.' Es war ihm im Augenblick nicht danach zumute, sich wie vorgesehen auf die Konferenz mit den anderen Kollegen und Mitfahrern vorzubereiten. 'Was werden die wohl zu den Nebenwirkungen des Positrons sagen? Hoffentlich halten sie mich nicht für einen Spinner, der leichtgläubig auf einen Scherz hereingefallen ist. Aber besser noch das, als diese entsetzliche Wahrheit.'

Verwirrt ließ er sich in den Sitz zurückfallen. Der Fahrer vor ihm schaute sich auf einem kleinen Fernseher die Übertragung des Spiels an, während er nebenbei seine Schaltfelder überwachte und bisweilen eine Fluganweisung eingab.

Steff starrte nach unten. Das Verkehrs - und häusernetz konnte er kaum ausmachen. In den letzten zwei Jahrzehnten waren die Gebäude aufgrund des akuten Wohnungsmangels ab einer Höhe von drei Metern in die Straßen hineingebaut worden, das hieß, sie klappten oberhalb der Passanten fast wie ein Dach zusammen. Dadurch war nur ein schmaler Streifen Himmel zu sehen, der wenig Licht durchließ und kaum den Eindruck des Zuzementiertseins, der einen innerhalb der Wohnungen schon befiel, verflüchtigen lassen konnte.

'Einerseits haben sie den Verkehr unten auf dem Boden fast ganz aufgehoben, so daß es kaum mehr zu Unfällen kommt, und die Kinder in Sicherheit spielen können, andererseits aber haben sie es geschafft, die Straßen nahezu von Luft und Natur auszusperren. Da nützen auch keine bemalten Häuserfassaden, Blumen und Sonne bleiben doch aus Stein.'

Steff mußte Meika recht geben. Sie sah das mehr von der politischen Seite. Umwelt wird durch Technik ersetzt. Sonnenwärme durch Heizung, Sonnenlicht durch Strom. Wer ersetzt einem aber die direkten Annehmlichkeiten der Sonne? Ein Solarium? Oder gar das Traumkino?

Nachdem sich die Supermächte 2010 in SALT XI zur totalen Nullrüstung und zur Kontrolle unter Beobachtungssatelliten verpflichtet hatten, wurde fast das ganze verbliebene Geld in die Technik gesteckt. 'Das ist zwar besser als vorher, aber dadurch ist die Umwelt auch nicht natürlicher geworden.' Er mußte grinsen. 'Das haben sie schon mal versucht, nach dem Zusammenbruch des gesamten Ostblocks im vorigen Jahrhundert. Was haben sie damals aus den alten Kasernen hier in Berlin gemacht. Mcnair dient längst der Wiederaufbereitung von Solarakkumulatoren, entschwefelten Energiezellen und fotosynthetischen Haushaltsbatterien mit Rotlichtdynamo, die Briten in der Wilhelmstadt sind eine Entlagerung nicht wiederverwertbarer und umweltfeindlicher Gift - und ballaststoffe, und das einst so würdevolle Quartier Napoleon hat schlichtweg seine letzte Aufgabe als Mülldeponie und in der Anlage eines Rieselfeldes gefunden.'

Sie landeten auf dem Dach von Steffs Haus. Der Fahrpreisanzeiger klickte auf Kasse. Eine rote Digitalschrift auf gelbem Hintergrund. Nett sah das aus. Wenn der Preis nicht so hoch wäre.



»Ja, das liegt jetzt am Berufsverkehr. Es gab ne Menge Staus, wenn Se das bemerkt haben. Und das Taxometer läuft nun mal über die Zeit.« Der Fahrer war sichtlich verstimmt, und Steff gab ihm zwei Units mehr, damit er sich wieder beruhigte.

Er ging über das Dach zum Hauseingang. Langsam wurde es dunkel, und die Sonne strich seitlich über die Häuserwände. Von den Fenstern irrten noch kleine Lichtreflexe über die Fassaden, die in der letzten Wärme des Abendrots mattgelb erstrahlten.

Mit dem Fahrstuhl gelangte er in den 6. Stock. Vor ihm leuchtete die Sichttafel auf. Er hatte das Anhalten garnicht bemerkt, als auch schon die Tür geräuschlos auseinander glitt. Vor ihm erschloß sich der Vorraum mit einem kleinen Cafe, dessen Scheibe einen langen Riß aufwies, der nur notdürftig mit grünem Isolierband verklebt worden war. Daneben hing ein Poster mit einer Abbildung des Bürgermeisters von Berlin, wie er als Marionette, deren Fäden ein Santoganer in seiner sechsfingrigen Hand hielt, Menschen in Zementtürme pferchte.

'Das ist nicht ganz im richtigen Zusammenhang gesehen', dachte Steff, 'denn Wohnungsgettos gab es schon vor 100 Jahren. Und die Außerirdischen sind ganz sicherlich an allem eher interessiert als an der menschlichen Unterbringung.

Er ging durch den langen Korridor und schloß seine Tür auf. Der Schlüssel bestand aus einem Zinkmagneten, dessen eines Polende eine binäre Ziffer besaß, die mit der des in der Tür eingebauten Schloßes übereinstimmte.

In seiner Wohnung war es schon dämmrig geworden. Mit der Handfläche wischte er über die Lichtsensoren, und die sich am Deckenrand befindliche, die Wand anstrahlende Beleuchtung flackerte auf. Ihr milder, mattgelber Ton erwärmte gleichermaßen die Kühle des Zimmers. Erschöpft ließ sich Steff in die Ledercouch fallen und riß die Beine hoch. Der niedrige Glastisch diente sowieso nur noch als Fußablage. Aber so fand er endlich Ruhe. Die Erinnerung setzte sich.

Angelegentlich spielte er mit der Telebedienung des Fernsehers. Der zwei mal drei Meter messende Bildschirm aus Flüssigkeitskristallen war nur fünf Zentimeter tief und nahm so trotz seiner Größe wenig Raum ein. Als das dreidimensionale Farbbild einsetzte, hörte er gleichzeitig ein leichtes Knacken in einer der vier Quadroboxen. Er schaute zu der Zimmerdecke, aber der Lautsprecher arbeitete einwandfrei.

Steff konzentrierte sich wieder auf den Fernseher. Der Nachrichtensprecher teilte gerade mit, daß auf dem Raumflughafen Gatow ein Schiff der Santoganer gelandet war. Es hatte vor allem Tonnen von Öl geladen, das in riesigen Containern verfrachtet war. Weiter führte es noch Rohstoffe wie Kupfer, Kohle und zusätzlich verschiedene Kristalloide, die es auf Santoga zuhauf gab. Steff dachte an die sich ständig erweiternden Beziehungen zu den Außerirdischen. Der Im- und export war dabei nur einer der wirtschaftlichen Vorteile, die den Menschen zugute kamen. Neben einem allerdings begrenzten Technologietransfer konnten viele Produkte auf diesem Planeten durch die dortigen Maschinen nicht nur billiger, sondern überhaupt erst hergestellt werden, da die etwas andersartige Atmosphäre und Gravitation bestimmte Industriemethoden, wie zum Beispiel eine absolut präzise Teleskopschleifung, besser ermöglichten.

Die vorliegende Reportage brachte Steff wieder seine gegenwärtigen Aufgaben ins Bewußtsein. Neben dem geologischen Auffinden und Einordnen der damaligen Positronengebiete der Erde bestand sein Fahrzweck schließlich auch in der Auswertung der zwar nur optischen, aber durch die subtile Technologie der Außerirdischen trotzdem extrem aussagekräftigen Eindrücke und Bilddokumente. Unter anderem sollte er mit noch sechs anderen Kollegen versuchen, die Millionenjahre dauernde Entwicklung der Erde aufzuzeigen und bildhaft zu belegen.

Weiterhin konnte man bei der thermischen Konvexionsströmung im Erdinnern davon ausgehen, daß die schweren kontinentalen Landmassen mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von ca. 2 cm/Jahr sicherlich wie auch die kleinerer Platten des pazifischen Raums mit 13 cm/Jahr innerhalb der Jahrmillionen ein aufschlußreiches Bild boten und somit über den damaligen Aufenthaltsort der bi-3-Pflanzen Auskunft geben konnten. Außerdem erhoffte er sich Erkenntnisse über die unterhalb des Erdmantels von 700 km liegenden schwereren Materialschichten und ihren spezifischen Druck, dessen Spannung ebenso auf die Bewegung des Gesteins wirkte.

Eine wahrlich riesige Aufgabe wartete dort. Steff setzte seine Stirn in Falten. Und vielleicht auch eine Versuchung, die mögliche Gefährdung der Menschen zu vergessen? Er wußte nicht, wie ernst er die Positronenwarnung Sokuks nehmen sollte. Was wird hier gespielt? Wieweit wäre er nur ein Rädchen in der Verschwärung? Das Beste war gewiß, er brachte das Problem heute bei seinen Kollegen zur Sprache.

Das Arbeitstreffen! 'Meine Güte', dachte Steff, 'und ich habe mich ja noch kaum darauf vorbereitet. Aber wahrscheinlich ist das, was ich jetzt vorzubringen habe, wichtiger, als die anstehenden Referate über das Driften von Kontinenten.'

Er versuchte, sich an jede Kleinigkeit zu erinnern, die er über die Außerirdischen wußte. 'Vielleicht besteht unser Hauptproblem darin, sich nicht in ein Silikattetraeder hineindenken zu können. Aber es birgt genauso Leben, daß sich nur anders entwickelt. Vielleicht fehlt uns nur die Fähigkeit, ihnen moralisches Handeln zuzutrauen? Uns fällt es halt schwer, aufgrund ihrer Äußeren Ästhetik, ihrer fehlenden Mimik und Gestik, wirkliche Freundschaft mit ihnen zu schließen. Aber vielleicht ist jetzt auch der Zeitpunkt gekommen, Begriffe wie Vertrauen und Ehrlichkeit einmal ihrer eigenen Wertmessung zu unterstellen. Zuviele Vielleichts, nun können wir sehen, was die Santoagner auch zu der Erhaltung anderer Rassen zu sagen haben. Dahingehend sollten wir sie unbedingt fragen.'

Steff schaltete den Fernseher aus. So halbwegs war er mit sich im Reinen. Er wollte nicht überhastet handeln, ja keine Panik entstehen lassen. Aber die Außerirdischen mußten einmal Farbe bekennen. Die Unterredung mit ihnen konnte nur helfen, sich gegenseitig besser zu verstehen und zu akzeptieren.

Irgendwie erleichtert strich er sich mit beiden Handflächen über das Gesicht. Es war schweißnaß. Er ging ins Badezimmer und kühlte es unter dem Wasserhahn. Dann schaute er in den Spiegel. Sein dunkles Haar war vorn kurz abgeschnitten. Dadurch bauschte es sich einwenig über der Stirn. Er versuchte, die Sommersprossen, die seine blauen Augen umrahmten, zu zählen. Aber auf der Nase waren einfach zu viele. Er sah, wie sein Spiegelbild den Mund zu einem Grinsen verzog. ‚Warum fahren die Frauen bloß so darauf ab?’

Plötzlich wurden seine Gedanken durch das leise Ding-Dong des Telexschreibers unterbbrochen. Neugierig ging er zum Monitor. ‚Vielleicht ist’s ja Meika’, dachte er, und sein rechter Mundwinkel zog sich wieder etwas nach oben.

Er schaltete das Gerät auf Sichtweite und fing an, die oberste bereits eingetippte Zeile zu lesen. ‚Hallo Doktorchen!’ Steff konnte geradezu Sokuks Grinsen hören. ‚Was unser Problem nochmal betrifft: Fragen Sie morgen Kapitän Shan Ucci dazu. Es wäre interessant zu wissen, ob er es wie alle anderen auch leugnen würde. Denn wie wir gerade erfahren haben, weiß er als einziger nicht-diplomatischer Santoganer darüber Bescheid. Nicht nur, daß diese Tatsache von Bedeutung ist, da sie, wie wir meinen, ziemlich eindeutig auf ein Versteckspielen der Außerirdischen hinweist - wir wüßten auch zu gern, wie er auf die Frage reagiert. Zug um Zug, Doktor Maiger, das ist unsere Devise. Aber ich will Sie nicht länger von Ihrer Konferrenz abhalten. Deshalb einen wunderschönen Abend noch.’

Der Cursor setzte auf eine neue Zeile und verharrte. Steff sprang herum und blieb wie gebannt in der Mitte des Zimmers stehen. Woher konnte Sokuk wissen, daß er zuhause war? Erschreckt schaltete er das Licht aus und schlich zum Fenster.



Shan-Ucci hob die Hand. Er hatte gelernt, mit dieser Geste bei den Menschen um Ruhe zu bitten. Die beiden Daumen, die rechts und links der vier Finger angeordnet waren, krümmten sich dabei einwenig, als wollten sie etwas gleich Zugeworfenes auffangen. Sein Kopf, der sich auf drei Hälsen über dem Körper befand, zeigte jedoch keine Mimik. Die glatte, metallisch glänzende Haut blieb starr und verbarg die Gedanken, die sich in seinem Gehirn abspielten. Wie der Kopf, so bestand sein ganzer gedrungener, etwa 1,50 Meter großer Körper aus einer silikonähnlichen Kunststoffhaut, die hart und weich zugleich war und sich deshalb auf das feinste dehnen, biegen wie versteifen konnte.

»Wir konnten nicht einschätzen, wie wichtig diese Information für Sie ist, aber wir hoffen, daß sie Ihnen ebenso nützlich werden wird, wie wir sie für uns vermuten. Ich danke Ihnen für ihre Aufmerksamkeit.« Shan-Ucci hielt inne. Er hatte sich nicht auf die Reaktion seiner eröffnung eingestellt, da ihm die menschliche Natur immer noch zu fremd war, um sie genau genug voraussehen zu können. Aber trotz der Verschiedenartigkeit der Rassen entging ihm doch keiner der Laute und Geräusche, die sich aufgrund seiner letzten Äußerungen innerhalb des nun entstehenden Tumults erhoben und im Durcheinander von Schreien und Zurufen auf ihn einstürzten.

Dabei gelang es ihm jedoch, jeden einzelnen Ausruf, jede Anfrage und jedes Gespräch getrennt wahrzunehmen und zu verarbeiten. Sein Gehirn vermochte verschiedenen Gedanken gleichzeitig zuzuhören und sie zu koordinieren. Der Umstand seines Verstehens der menschlichen Laute beruhte zunächst aber auf einer technischen Perfektion, die die Santoganer der Erde mitgebracht hatten.

Sie bestand aus einem kleinen Gerät in Taschenformatgräße, das an den Zentralcomputer im Haus der Raumfahrt angeschlossen war. Die Kommunikation zwischen Mensch und Santoganer wurde sodann durch eine digitale Geräuschumsetzung über tragbare Anschlußmodule mittels eines kleinen Ohrhörers ermöglicht. In der Zentrale war es sogar üblich, ein Schriftbild visuell auf den Monitor zu projezieren. In den kleinen Privattranslatoren fand lediglich Sprachexplikation statt.

Zwischenträger war ein mathematischer Codex, so daß zum Beispiel einem der häufigsten Ausrufe, die Shan-Ucci nun zu hören bekam: »Ist das möglich!« mittels der Wurzel aus 1456e782 x 7,4, 46 x 12,5 und der binären Primzahl der 52. Ordnung in Bezug auf die beiden unterschiedlichen Kulturebenen ein gemeinsamer Nenner gesetzt wurde, der gleichzeitig zu jedem Wort noch das Verhältnis von Betonung, Sinnzusammenhang, Mehrdeutigkeit, Position des Wortes innerhalb des Satzes und Art der Aussprache (zögernd, hastig) berechnete. Weitere emotionelle Belange waren bis Dato nicht berücksichtigt, da die Menschen in dieser Angelegenheit noch zuwenig über sich selbst sagen konnten.

Daraufhin erst erfolgte die eigentliche Übersetzung in die wesentlich differenziertere und multikomplexere Zeichensymbolik der Außerirdischen. Jedes Wort, jeder Begriff, Laut oder Zahl bestand bei ihnen als ein selbständiges, völlig unabhängiges Zeichen von Linien, Schattierungen, Kreisen, Spiralen und Mehrecken, die zusammengefügt in einer dreidimensionalen Stellung vorherrschten. Das auch ihnen bekannte Wort Raumschiff zum Beispiel war ein dichter Nebel aus Spiralen, die sich nicht berührten, aber durchdrangen, und in ihrer räumlichen Kreuzung eine diffuse Anhäufung von Punkten bildeten, die sich parallel zueinander, den Enden hin verjüngend, wiederholte. Oder: der Begriff zuhause wurde analog ihrem Herdverständnis mit der Symbolik einer rauchverhangenen Feuerstelle chiffriert (Nebel auf zwei Flammenzacken).

Ihnen unbekannte Begriffe, die sie von den Menschen übernehmen mußten, bauten sie allerdings auf deren Buchstaben auf, denen sie etwa dreizig neugeschaffene Symbole zugrunde legten, um damit ein entsprechendes Wort in ihrer eigenen Sprache zu formen. Zum Beispiel kannten sie keinen Begriff für die menschliche Ansprache des du oder Sie, denn als Nichtindividualisten wurde der Anzusprechende stets in die eigene Situation mit einbezogen. Hier übersetzte der Computer mit einem Bild aus zwei beziehungsweise drei Schrägschraffuren mit verschiedener Winkelkreuzung. Diese Methode schien ihnen geeigneter, als jedem ihnen unbekannten Wort ein neues Liniensymboll zu geben, da diese für sie schon Bedeutungstträger waren und nur ihnen bekannte Eigenschaften abdeckten, für ihre Welt charakteristisch und in jahrtausendelanger Evolution entstanden waren.

Umgekehrt waren ihre den Menschen neuartige Begriffe ebenso nicht direkt übersetzbar. Doch der Computer baute mittels des binären Zah-lennetzes eine für alle bekannte Situation, deren Bedeutungsträger sich in-nerhalb eigener Vorstellungseigenarten einordnen konnten. Zum Beispiel gab es eine Situation bei den Santoganern, während der sie die Winkel ihrer Ionengitter leicht veränderten, so daß sich die Anionen näher kamen und durch die daraufhin erfolgende statische Abstoßung in Bewegung gerieten. Dabei wurde eine blaue Färbung innerhalb ihrer Leiber erzeugt, und sie erhielten ein Gefühl von kribbelnder Wärme. Da dem Mensch dieser Vorgang aber nicht bekannt war, verglich ihn der Computer mit einem aufgeladenen Strumpf, der einwenig knistert, wenn man ihn anzieht. Deshalb wurde dieses Phänomen schlicht mit Blaustrumpf im Bauch übersetzt, und wenn man darüber sprach, stellten sich die Menschen kurz ein warmes Kribbeln in der Magengegend vor, wobei man etwas blau anläuft.

Die Unruhe, die Shan-Uccis Worten gefolgt war, nahm nicht ab. Aber ihm genügte bereits, was er mitbekommen hatte. Zudem beherrschte er das Muskellesen perfekt und hatte bereits gelernt, es auch bei den Menschen anzuwenden. Fast jeder Gedanke initiiert nämlich einen Gesichtsreflex - bei den Santoganern allerdings auf recht unauffällige Weise, dessen Mimik und gesamte Körperreaktion auf die wahren Gedanken schließen ließen.

Er wollte gerade aufstehen und sich verabschieden, als der Bürgermeister auf ihn zustürzte. Mit seinen zwei Reihen goldbesetzter Knöpfe, die sich vor dem in den Schultern ausgebeulten Westover spannten, und in dem nur lässig über dem dicken Nacken befestigten Frackumhang sah er recht imposant aus, wenn auch sein Äußeres nicht das einfache Gemüt, das sich dahinter zu verstecken suchte, mit vollkommener Sorgfalt verbergen konnte.

»Wenn das zutrifft, Kapitän, dann wären wir ihnen äußerst gewogen und äh... Dankbar, wenn sie, auf alle Fälle...« er mußte innehalten, denn sein sattes Gesicht schwoll rot an. Aber was er eigentlich zu sagen hatte, war nicht herauszuhören. Er nahm erneut Anlauf, und sein Blutdruck ließ ihn die Worte eher herausschießen, so daß sein Verstand selbst Mühe bekam, den eigenen Ausführungen zu folgen und ihnen noch einen Sinn abzuverlangen. »Es wäre doch bestimmt nicht zuviel verlangt, wenn Sie ein Schiff ihrer Flotte, herr Kapitän... Auf alle Fälle zu unserer Verfügung... Ich will damit nicht sagen, daß wir es benutzen würden, nein. Nur so als allerletzte Sicherheitsmaßnahme, herr Kapitän... Also nur für alle Fälle.«

Shan-Ucci verzog weiterhin keine Miene. Feuerscheinscharf glitten seine in tiefen Höhlen liegenden Augen über die Reihe der Senatoren, Sekretäre und Sonderbeauftragten. Sie bildeten ein Knäuel wild durch - und miteinander gestikulierender Kaninchen, obwohl sein Verstand es ihm verunmäglichte, einen derartigen Vergleich anzustellen. Doch die menschliche Hektik, die seinen Offenbarungen gefolgt war, hatte ihn überrascht. Er stand auf.

»Man will ja schließlich nicht schlafende Löwen wecken«, ließ sich noch einmal der Bürgermeister, sichtlich bemüht, mit fester Stimme zu sprechen, vernehmen, bevor er sich ebenfalls erhob und zwischen den Akten nach seiner Brille suchte. Seine Bewegungen waren dabei jedoch von einer fahrigen Trotzigkeit, als sei er sich selbst nicht sicher, daß er überhaupt eine besaß.

Der Senator für Raumfahrt und exterranische Sonderaufgaben, ein sich stets zurückhaltender und nie in vorderster Linie agierender Mann, wendete sich nun dem Santoganer zu. »Herr Shan-Ucci, können wir in diesem Punkt mit ihrem vollsten Stillschweigen rechnen und das Versprechen von ihnen bekommen, daß Sie von allen Wissenschaftlern, die Sie morgen darüber informieren, ein unterzeichnetes Geheimhaltungsgebot verlangen werden?« Seine fliehende Stirn rötete sich. Der Kapitän sah ihn kurz an und nickte. Dann ging er hinaus. Sein Rollbecken ermöglichte ihm, jeweils drei seiner sechs Beine auf dem Boden zu haben. Die restlichen wurden unter der Hüfte eingezogen und in einer Drehung wieder nach vorn geholt. Dort streckten sie sich, und die kreisförmige Radbewegung begann erneut. Der Vorteil dieser Gangart bestand darin, daß die Santoganer vollkommen ohne Gelenke auskamen, die bei den Menschen im Laufe der Jahre erhebliche Verschleißerscheinungen aufwiesen.

Zufrieden blickte der Senator über die Tische, die mit zahllosen Unterlagen bedeckt waren. Dann trat er auf den Bürgermeister zu. »Darf ich Sie einmal kurz beiseite nehmen, herr Posikol? Ich möchte mich in einer vertraulichen Angelegenheit an sie wenden.« Er schaute seinem Gegenüber direkt in die blassen Augen und schien sie dadurch zu einem Zwinkern zu veranlassen. »Wäre es uns«, und er flüsterte beinahe in die haarige Ohrmuschel des Bürgermeisters, »Ihnen und mir, man könnte dabei auch noch an den Sekretär für innere Finanzen und natürlich den Direktor der Deutschen Bank gmbh denken, vielleicht möglich, sich einen weiteren Millionenkredit zu verschaffen, vielleicht erstmal über die interne Baugesellschaft 'Leben und Wohnen', bei der wir ja mit 52% die Aktienmehrheit besitzen, und die dann die einzelnen Material - und handwerksaufträge an einige nur wenige Kleinbetriebe abgibt, die wir für die Vergabe und den Status als Einzelabnehmer in unsere Schuld verpflichten?«

Es war erstaunlich, daß dieser nur schwer verständliche Bedeutungszusammenhang vom Bürgermeister bis auf wenige Kleinigkeiten sogleich begriffen wurde. Aber die Vorgänge ähnelten sich in der Regel. Er verstand nur noch nicht, warum. Der Raumfahrtsenator erklärte es ihm.

»Sehen Sie. Meine Idee mit dem Ankauf von schottischem Grund und Boden erweist sich doch jetzt als Volltreffer, herr Bürgermeister. Bald werden wir das Gerücht streuen, daß dort - angeblich - die Pflanze gefunden wurde. Von den heutigen Offenbarungen schweigen wir natürlich. Das darf noch keiner wissen, bevor uns nicht der tatsächliche Fundort bekannt ist. Ich meine«, und er blinzelte Posikol von unten her an, »ich meine aber, daß alles bislang so geklappt hat, wie wir es geplant haben.«

Er hielt inne, um dem Bürgermeister Gelegenheit zu geben, die Sache gedanklich nachzuvollziehen. Dann fuhr er fort: »Aber wissen Sie, was wir mit dem Gewinn und einem zweiten Kredit erst machen werden? Nur bräuchten wir dazu einwenig mehr, so bis zu einer Milliarde.« Der Bürgermeister bekam einen Heidenschreck, aber der andere trug ihm nun unbeirrt weiter vor: »Wir machen das ganze noch einmal, aber jetzt richtig, aufgrund der heutigen Information. Und nur wir selbst. Sehen sie, ich erfahre doch immer schon vorher, was bei den Santoganer los ist. Dafür hab ich ja schließlich meine Männer in der Zentrale. Das, was Shan-Ucci heute zum Beispiel sagte, weiß ich bereits seit gestern!« Er legte eine Hand auf die gewichtige Schulter des Bürgermeisters. Seine Stimme erhielt einen raschelnden Unterton. »Dieses zweite Geschäft muß aber eingehender geplant und behutsamer angegangen werden. Und glauben Sie mir, wenn die Pflanze tatsächlich gefunden wird, werde ich es auch wieder als erster zu Ohren bekommen. Diese Information müssen wir dann allerdings noch zurückhalten, bis wir auch dort das umliegende Land aufgekauft haben. Zudem werden wir es ganz billig kriegen, dafür habe ich bereits gesorgt. Und auch, daß der Bau von Hotels, Ladenketten und Parkanlagen nicht auffällt. Lieber Bürgermeister«, er strahlte ihn geradezu an, »genau dafür brauchen wir soviel Geld, vielmehr, als wir aus der Spekulation in Schottland zu erwarten haben. Wenn das wirklich stimmt, was Shan-Ucci heute gesagt hat«, und er fuchtelte bedeutsam mit dem Finger in der Luft herum, »dann bauen wir dort nämlich eine ganze Stadt!«

Verschwitzt hielt er inne. Ihm war es fast peinlich, aber er war sehr stolz auf sich. Posikol stellte sich ausnehmend begeistert. »Das läßt sich machen«, donnerte er und duckte sich sogleich unter der Wucht seiner eigenen Stimme, »wenn alles schiefgeht, aber das werden wir arrangieren. Das wird uns zwar zunächst eine schöne Stange Geld kosten, aber jetzt wollen wir mal sehen, was wir wirklich in der Waagschale haben.«

Aufgeregt strich er sich über den nassen Nacken. »Ich würde sogar vorschlagen, daß wir mehrere Banken mit der Finanzierung beauftragen. Denn allzu hohe Summen fallen auf, und getrennte Geschäftspartner bedeuten auch mehrgliedrige Absicherung. In drei Tagen werden wir uns wiedersehen, Senator, und dann garantiere ich ihnen einen zig Millionenkredit! Und«, er dämpfte wieder verschwärerisch das Timbre, »wissen sie eins: Ich werde mir alle Fernsehrechte dabei sichern. Denn eine solche Übertragung, ich mein, von dem, was der Kapitän heute gesagt hat... Fantastisch, daß läßt sich keiner entgehen. Und bezahlt, und bezahlt... Was halten sie davon?« Aber was er eigentlich sagen wollte, war nicht mehr herauszuhören. In seiner Begeisterung hatte er zudem völlig vergessen, daß er vor zehn Minuten noch alles daran gesetzt hatte, die Erde zu verlassen.

Der Senator betrachtete ihn noch eine Weile von unten und nickte ihm dann wohlwollend zu. Als er sich umdrehte, huschte jedoch ein schnelles Grinsen über seine gelblichen Zähne. Wieder einmal wurde ohne ihn an der Front gekämpft. Und je mehr dabei fielen, desto weniger brauchte er am Schluß teilen. Die Terasse des Restaurants bildete einen Ausläufer fünf Meter über der Straße. An ihrer Seite zog sich eine etwa einen halben Meter hohe Brüstung hoch, die mit wild wachsendem Efeu behangen war, das mit seinen langen Ranken an den Säulen der Straßenseite fast bis zum Boden hinunter kletterte. Der Rollweg des Kudamms floß träge darunter hinweg und war in diesen frühen Morgenstunden noch wenig belebt. Nur vereinzelt saßen an den Tischen und auf den aufgeschraubten Stühlen Passanten, die eine Einkaufstasche bei sich trugen oder eine Aktenmappe unter dem Arm hielten, um in die Läden oder ihre Büros zu kommen.

Die Luft war noch kühl und feucht, deshalb zog Steff den Reißverschluß an den Ärmeln seiner gelben Baumwolljacke wieder zu. Unter ihm belebte sich der Verkehr zusehens, und er konnte auch das leise Gebrumm der Lieferwagen ausmachen, die einige der wenigen Fahrzeuge waren, die noch für den Bodenkontakt zugelassen wurden. Die dreiziger Jahre des 21. Jahrhunderts waren das Jahrzehnt des Übergrundverkehrs geworden, denn sie hatten eine Revolution neuer Techniken gebracht, die nur mit der Erfindung des Autos vor jetzt 200 Jahren zu vergleichen war. Der Mensch hatte sich in die Luft erhoben und das einstige Massenprodukt beinahe zum Tode verurteilt. Doch hatte er der Umwelt und damit sich selbst einen Riesendienst erwiesen, denn nun blieben die Straßen frei von Unfällen, Abgasen und Staus. In der Luft war einfach mehr Platz.

Steff mußte mit einem gemischten Gefühl romantischer Erinnerung und Unverständnis daran denken, wie die Minister in alten Aufzeichnungen beim SALT XI 2010 ihre Autos noch bestiegen hatten: die waren so flach, daß sie nur hinein kamen, indem sie Dach - und Seitenteil wie Flügel aufklappten. Um sich dann auf der Fahrbahn einzuordnen, mußten sie erst ein umständliches Wendemanäver auf dem Zubringersteig ausüben, der sich oberhalb der Fußgängerzone befand. Die Autos von damals besaßen zwar schon einen direkten Drehmoment um die Längsachse, hatten aber noch nicht einmal unter dem Chassi einfahrbare Front- und Heckteile. Die Erfindung der in der Höhe verstellbaren Achsen sollte erst zehn Jahre später kommen. Und wenn er daran dachte, daß die Autos sich dann in Reih und Glied auf der vierspurigen Fahrbahn einordnen mußten, konnte er nur den Kopf schütteln. Schließlich spielte sich das alles noch auf einer Ebene ab!

Es war unfaßbar. Er hob den Kopf. Plötzlich roch es geradezu nach zu Luft gewordener Erde. ‚Dieses Regenwurmaroma’, dachte Steff, ‚bei dem sich sogleich die Vision eines löchrigen Humushaufens aufzwängt, kenn ich doch.’ Er guckte auf. Endlich war Meika da.

Sie trug samt-beige Jeans, die von einem zehn Zentimeter breiten Träger gehalten wurden. Dieser teilte sich unmittelbar über ihrer Brust, wand sich um ihren Hals und schloß sich wieder auf dem Rücken zu einer Strippe zusammen. Zwei weitere Ausläufer auf den Schultern endeten in kleinen, gelben Schlingen, durch die sie ihre Arme gesteckt hatte.

Sie grinste. Dabei kräuselte sich ihre Stirn einwenig, so daß sich ihr struppiger Haaransatz leicht vorwärts neigte. »Weißt du, was der Senatssprecher heute morgen im Nachrichtentelex veröffentlicht hat? Es wird irgendwo ein riesiges Kur - und Erholungszentrum für deutsche Urlauber geplant, vor allem für einkommensschwache und kinderreiche Familien. Du, glaubst du das?«

Sie gab ihm erst jetzt einen Begrüßungskuß. Steff schielte dabei kurz auf ihren wippenden Busen und sah dort einen Button, der Posikol nackt mit kanaldeckelgroßen, offenen Händen, riesigem Kopf und langen Beinen darstellte. Nur bei einem Gliedmaß zeigte die Abbildung einen scham-verdeckenden Balken, der jedoch so klein bemessen war, daß er sich auch erübrigt hätte.

»Na, jedenfalls scheinst du ihm soviel Potenz nicht zuzutrauen.«

»Dem trau ich keinen Zentimeter. Swimmingpool und Vergnügungsviertel zur individuellen Freizeitgestaltung, läßt er schreiben. Mensch, die persönliche Freiheit ist bei dem doch total unter Kontrolle.« Meika war echt empört. »Dabei steht noch nicht mal der Standort richtig fest. Lieber soll er mir von dem Geld 'n paar Subventionen für meinen Biohof rüberreichen!«

Die zwei, drei Leute, die auch auf der Terasse saßen, schauten herüber. Sie dämpfte ihre Stimme, aber der grollende Unterton blieb. Sie pflanzte auf ihrem einen Hektar großen Grundstück in Hakenfelde schnellwachsende Gräser, deren kompostiertes Gas ihr Haus und das der umliegenden Höfe mit Energie versorgte. Steff war gerne dort, denn bei ihr gab es keine 50 Meter hohen Betonwände, kein hektisches Herumgerenne und keinen ständigen Luftverkehr. Es war dort wie im Zentrum eines Orkans. Friedliche Stille.

In diesem Augenblick kam der Kellner, und sie bestellten ihr Frühstück. Ei, Toast und Kaffee. Dazu frisch gepreßten Karottensaft.

»Du wolltest mich wegen deiner Reise sprechen, Steff?« Meika beugte ihren Oberkörper vor und schaute ihm in die Augen. »Mmh? Da ist doch was. Du klangst so besorgt.«

»Jaa,« sagte er gedehnt und zögerte. »Eigentlich darf ich garnicht darüber sprechen, weißt du...«

»Aber dann hättest du mich überhaupt nicht anrufen brauchen. Was soll das. Du willst doch mit mir darüber reden. Nun komm schon, Steff.« manchmal mußte sie das Spiel halt mitmachen.

»Das muß aber wirklich unter uns bleiben.« Er sah sie an, Meika erwiderte aber nichts. »Du weißt ja, daß wir gestern unser Arbeitstreffen hatten. Ich meine, mit allen, die auch übermorgen nach Santoga fahren.« Er machte eine Pause und strich sich die rechte Schläfe, als ob er etwas verscheuchen wollte. »Gestern nun haben sich bei einigen von uns Leute... Irgendso ein geheimer Bund... Gemeldet, übrigens auch bei mir.« Er blickte wieder auf. Seine Lippen preßten sich aufeinander.

»Bei dir?« Für Meika schien die Tatsache, daß jemand auch bei Steff war, nicht im Bereich des Mögliches zu liegen. »Was wollten die denn?«

Und er erzählte ihr alles. Er schwächte zwar die Wahrscheinlichkeit, daß die Positronen jemals aufgespürt werden konnten, erheblich ab, aber da sie Biologin war, zeigte sie sich an der Wirkung der Elementarteilchen äußerst interessiert. Vor allem an der möglicherweise erfolgenden Instabilität des osmotischen Druckverhältnisses. »Die menschliche Zellmembran reagiert auf eine ganz spezifische Spannungsveränderung. Wenn nämlich durch einen Nervenimpuls die chemische Leitfähigkeit der Ionenlösung angeregt wird, verändert sich ihr Ladungsgleichgewicht und somit der Druck auf die Zellwände. Je nach dem«, fügte er hinzu, »ob der Impuls von der Zelle kommt oder zu ihr geht.«

Meika nickte langsam. Ohne Leitfähigkeit und Zuordnung der Ionen konnte es keine Aufnahme beziehungsweise Weitergabe von sensitiven Eindrücken und Gehirnbefehlen geben. Der Schmerz wurde nicht gefühlt, Verdauung, Blut - und Abwehrkörperchen stellten sich nicht um, Muskeln blieben schlaff. Bis zum Schluß der gesamte menschliche Stoffwechsel versagte. »Und diese Positronen, die bi-3, was unterscheidet sie von den anderen?«

Steff überlegte. Darüber hatte er sich mit seinen Kollegen auch den Kopf zerbrochen. Nachdem sich herausgestellt hatte, daß die meisten auch Bescheid wußten, wurde die Thematik der Positronengefahr in den Vordergrund gestellt. »Das ist es eben. Wir wissen es nicht - ganz einfach, weil wir dieser ominösen Pflanze noch nie begegnet sind. Denn wenn das der Fall wäre, wären wir entweder resistent dagegen oder schon längst ausgestorben.« Eine Konsequenz, die ihnen vielleicht noch bevorstand. Steff schloß für einige Sekunden die Augen. Wo blieb jetzt die Wirklichkeit? Das war doch alles nur ein Traum!

»Und was wollt ihr tun?« Mika begriff allmählich. Außerdem gewann ihr Haß auf die Femden neue Nahrung. Sie merkte, wie sich ihre Magensäure nach oben arbeitete.

»Heute Nachmittag haben wir ein Treffen mit Shan-Ucci. Da werden wir ihm einige Fragen zu stellen haben. Denn bevor wir...«

»Und wie wollt ihr das machen?« Meikas Augenbrauen fuhren zusammen. Bei den meisten Frauen waren die Santoganer nicht beliebt. »Einfach hingehen und mal kurz auf den Busch klopfen? Meinst du nicht, der wird euch was Husten? Der weiß doch ganz genau, was er euch darauf zu antworten hat. Fangt bloß nicht an und glaubt, auf eure naiven Fragen eine aufrichtige Antwort zu bekommen.«

»Nein, natürlich nicht, Meika. Wir haben aber die Information, daß nur er allein vom Schiff darüber Bescheid weiß. Das heißt, wir werden nur ihn persönlich und unter Ausschluß der anderen befragen. Außerdem wollen wir garnicht mit der Tür ins Haus fallen, sondern zuerst nur etwas andeuten und mal sehen, ob er ehrlich darauf eingeht oder versucht, auszuweichen und abzuwiegeln. Das ist vielleicht sogar eine der wenigen Gelegenheiten, etwas über ihre Art, über ihren Charakter und ihre Ehrlichkeit in Erfahrung zu brin-gen.«

Meika schien nicht ganz davon überzeugt. Ihre Stirn schob sich in Falten, und ihre Lippen verzogen sich nach unten. Leicht berührte er ihre Wange. »Du, vertrau uns doch. Vielleicht sind sie garnicht so gefährlich und mysteriäs, wie es scheint. Vielleicht ist auch das ganze Gerede über ihre Frauenverachtung nur ein einziger Quatsch.« Er hielt inne, weil er fühlte, wie sich ihre Haut spannte.

Damit hatte er einen wunden Punkt angeschnitten. Einen Streitpunkt, der schon lange zwischen ihnen gärte, und den sie fortwährend zum Anlaß nahm, ihn zu einem Startverzicht zu bewegen.

»Vielleicht handelst du dann gleich aus, daß wir ihre Gebäude auch ohne ausdrückliche Erlaubnis betreten dürfen, daß wir Frauen an ihrem wissenschaftlichen Rat teilnehmen und endlich auch zu ihrem Planeten fliegen können, wo es ja soviel wundersame Dinge geben soll, daß es uns untersagt ist, darüber auf der Erde zu berichten.«

In der tat waren die Frauen für die Santoganer nicht gleichberechtigt beziehungsweise nur als zweitrangig eingestuft. Aber an diesem Umstand, versuchte Steff ihr immer wieder klar zu machen, traf die Exteranner die geringste Schuld. Vielmehr lag es an der für sie undurchsichtigen und mehrdeutigen menschlichen Zivilisation, deren Eigenarten der Auslegung ihrer eigenen Wesensart in keinster Weise zu entsprechen schien.

Nach den Gesetzen der Menschen waren die Frauen alle gleichberechtigt, unabhängig und frei. Doch nicht einmal die Entwicklung der letzten 100 Jahre hatte erreicht, sie gegen eine Hierarchisierung der Strukturen und einem männlichen Bevormundungsdünkel zu feihen. Gesetzesforderungen klafften mit der Wirklichkeit der Arbeits -, Familien - und Freizeitbedingungen weit auseinander. Noch heute konnte die Frau schwerlich einem Beruf nachgehen, wenn es ihre privaten und familiären Verhältnisse nicht zuließen. Und noch heute hatte sie sich den sozialen Anforderungen des Systems unterzuordnen. Mitbestimmung in privaten, öffentlich-rechtlichen oder gar wissenschaftlichen Bereichen wurde etwas genannt, daß eher wie kollegiale Gutmütigkeit mutete. Was Voraussetzung sein sollte, wirkte wie ein Entgegenkommen. Die Santoganer, die begierig waren, die Menschen kennenzulernen, sogen jede Kleinigkeit in sich ein - und begriffen sie auf ihre Weise. So blieb ihnen auch nicht das selbstgefällige Gebahren der Männer verborgen, ihr Sitzen mit gespreiztem Bein. Durch die vielzahl diverser Erscheinungsformen und Verhaltenskomplexen als Spiegelbild der irdischen Gesellschaft gelangten sie dann zu der Ansicht, daß ein weitestgehender Unterschied zwischen Mann und Frau anzunehmen und Grund für die Hierachisierung war.

»Du, versuch dich doch auch mal in sie hineinzuversetzen,« sagte Steff. »Sie kennen ja keine Zweigeschlechtlichkeit und auch nicht die Geburt. Somit entspricht der Mann vielleicht mehr ihren Vorstellungen von Kreatur.«

Meika wollte sich nicht mit ihm streiten. Leise erwiderte sie: »Ok, aber es muß sich endlich was tun! Du bist mehr Wissenschaftler als Politiker. Aber du kennst unsere Forderungen. Es bedarf mehr als nur ein paar Änderungen. Eine soziale Revolution! Und dazu: Wahlentzug ab 60!«

Ihre Augen blitzten ihn an. Er wußte zwar, daß sie nicht zu den militanten Frauen gehörte, aber daß sie mittlerweile deren provokante Aktionen gegen Staat und Santoganer durchaus befürwortete. Angefangen von kleineren Überfällen des Nachts auf Männer, denen sie die Hosen runterzogen und mit einer schnell härtenden Kunststoffnaht zwischen den Beinen zusammenschweißten und Demonstrationen mit Spruchbänden wie 'hau weg den Santoganer' oder gar 'Eier nur hat jeder Mann, damit Frau in sie treten kann', führten die Aktionen auch zu offener Gewalt, in denen Sprengstoff vor den Gebäuden der Exterraner zur Explosion gebracht wurde. Ihm war klar, daß auch Meika bald ihre Zurückhaltung aufgeben und auf die Straße gehen würde. Während sie redete, sah er ihre Verletztheit und erkannte ihre zunehmende Protestbereitschaft.

Mit wütenden Gesten begleitete sie ihre Ausführungen. In der einen Hand hielt sie dabei ständig die Kaffeetasse, die aufgrund ihrer Erregtheit nur noch wenig Kaffee enthielt. Sie schenkte sich wieder ein, um erneut fortzufahren: »Lange schauen wir uns das nicht mehr an, wenn die Santoganer und auch die Regierung nichts unternehmen. Vor allem wir Frauen, vielleicht noch ein paar von euch, müssen endlich mit den Außerirdischen reden und die Gleichberechtigung und Zusammenarbeit in technischen und sozialpolitischen Gebieten fordern. Dies geht aber nur innerhalb eines rigorosen Verjüngungsprozesses. Denn gerade die alten Knacker sind es, die ihnen dieses falsche Verständnis eingetrichtert haben.« Am liebsten hätte sie die älteren Santoganer auch noch über den Kamm geschert. Aber ihr war nicht klar, wieweit jene überhaupt alt werden konnten.

»Da bin ich voll deiner Meinung...«

»Ohne allerdings etwas dafür zu tun«, bildete Meika kriegerisch seinen Satz zuende.

»...wobei ich mir einbilde, zu den von dir genannten jungen Menschen zu gehören. Und diese Fahrt auf ihren Heimatplaneten wird mich in Hinsicht auf Kontakt und Einfluß sicherlich ein ganzes Stück weiterbringen.«

Meika beruhigte sich einwenig und strich ihm mit den Fingern über den Haaransatz. »Darauf kann ich mich ja hoffentlich verlassen!« Steff sah in ihren Augen wieder das versteckte Lächeln, das er so oft bei ihr suchte. Sie konnte wütend werden, um im nächsten Augenblick wieder zu lachen. Wenn ihm vieles bei ihr unverständlich blieb, so waren darunter jedenfalls auch sehr angenehme Eigenschafen.

»Kontakt und ein Einverständnis mit den Außerirdischen erhältst du nur, wenn du sie vorher akzeptierst, genau wie du selbst akzeptiert werden möchtest. Ich finde, nur so ist auch ein Kennenlernen erst möglich. Denn wir können sie nicht mit unseren eigenen Maßstäben messen. Ich glaube sogar, daß ihnen unsere Lügen und Widersprüche völlig unbegreiflich sind. Diese teilweise falsche Bürgerlichkeit, nicht sagen, was man wirklich denkt und alles nach außen kaschieren, kann man wohl kaum irgend einem Entwicklungszweig ihres gesellschaftlichen Systems anlasten. Einer Welt, die sich willkürlich und rein zufällig vermehrt, ist sicherlich jeder Vorteilsbedacht fremd. Aber vielleicht sind sie auch gerade dadurch unfähig der Neugierde - und mehr noch, der Freundschaft. Ich weiß es nicht. Ihr soziales System ist wohl auf Zusammenleben aufgebaut, aber Liebe, Zuneigung...?«

Steff umarmte Meika und guckte ihr frech und verschmitzt in die Augen. »So wie bei uns«, fügte er grinsend hinzu.

»Wenn die wüßten, was denen alles entgeht.« Meika grinste zurück. »Deine Zuneigung zum Beispiel! Was wären die doch alle scharf auf dich, wenn sie nur wüßten...«

Steff wollte sie gerade in die Seite zwicken, doch sie schien so etwas geahnt zu haben und stand schnell auf. »Schade, daß sie keine Frauen haben, was hätten die dann für tolle Aussichten, wegen Kontakt und so. Und das alles vielleicht noch auf Staatskosten... Ich mein, das würde ja bestimmt zum wohl der Nation sein müssen.« Lachend wand sie sich aus seinen Händen. Beinahe riß sie das Tischtuch herunter, als sie ihren Taschenbeutel an sich nahm.

»Du, ich muß jetzt wirklich los. Meine Bauern warten nicht, wenn ihr Generator streikt. Die lassen sich dann sofort ans staatliche Stromnnetz anschließen.« Für sie waren die Abnehmer eine Existenzgrundlage, die sie sich in hartem Konkurrenzkampf mit der städtischen Elektrizitätsgesellschaft abgerungen hatte.

Sie gingen zur Kasse, um zu zahlen. Rechts neben ihr war ein kleiner Schaukasten angebracht, in dem die aktuellen Preise der einzelnen Gerichte ausgeleuchtet wurden. Ihr Wert konnte minütlich wechseln. Daß hieß, ein bestimmtes Menü konnte innerhalb eines halben Tages um die Hälfte seines Kurses fallen. Oder ansteigen, ganz nach Begehrlichkeit.

Alle Preise in öffentlichen Lokalen, Kinos und Theatern wurden so ermittelt und wie auf der Börse stets neu errechnet. Zur Öffnungszeit wurde nach einem Mittelwert jedem Gericht ein Preisindex gegeben. Je nach Anfrage relativierte sich dieser dann im Laufe des Tages, daß hieß, je mehr gekauft wurde, um so schneller ging er runter.

Da es einigen Konsumenten aus beruflichen Gründen aber nie möglich war, stets zu den günstigsten Zeiten ein Gericht zu erstehen, wurde alsbald eine Geldkarte eingeführt, die die Waren beziehungsweise den Eintritt am Ende des Tages immer zu dem Wert der jeweiligen Hochzeit abbuchte. Dieser Service bedingte allerdings ein gewisses Quantum an Abnahme pro Monat und wollte zusätzlich auch noch bezahlt werden, so daß er unter Umständen einem genußunfreudigen Spekulanten keineswegs von Vorteil war.

Diese im Endeffekt nur erzielte Gewinnminimierung führte sogar zu Überlegungen, der Gerechtigkeit wegen einen Wahrscheinlichkeitsfaktor vor den statistischen Mittelwert zu setzen, der eine allzu eklatante Verschiebung der Preise ausgleichen sollte. Dabei jedoch, erklärten deren Gegner, werde nur wieder die ehemals übliche Verkaufsstrategie hergestellt, zeitliche und angebotsunabhängige Preise feilzuhalten, was schließlich der Kontinuität eines Festpreises gleichkäme. In jedem Fall aber, so argumentierte eine dritte Gruppe, blieb die relativ hohe Profitrate der Entäußerer eine von ihm stets abhängige Variable.

Steff und Meika reichten dem Kassierer ihren Bestellschein. Dieser tippte die jeweiligen Codenummern in den Computer und gab ihnen dann die Rechnung. Dabei stellten sie fest, daß der Orangencocktail mit Cognac an diesem Morgen breits eine erstaunliche Hausse aufwies.

Zusammen gingen sie nach draußen. Unten auf dem Kudamm waren jetzt überall die Jalousien hochgezogen, und die Auslagen der Geschäfte glitzerten in der Sonne. Steff nahm Meika in den Arm. Auf den Stühlen des Rollweges saßen nun häufiger Passanten und lasen eine Zeitung. Der berliner Prachtboulevard belebte sich.

Steff war etwas bekümmert, daß Meika wieder zu ihrem Biohof mußte. Gerade in der letzten Zeit hatte er eine starke Sehnsucht nach ihr gespürt. Der Druck der Vorbereitungen auf den Start nahm ihn doch ziemlich mit. Auch geisterten Zahlen und Fakten erdgeschichtlicher Vergangenheit, Urkontiniente wie Pandäa und Gondwana und die fossilen Strukturen prä-historischer Fauna in seinem Kopf herum. Und Sokuk.

»Weißt du, Meika«, kam es unwillkürlich aus ihm heraus, »ich glaube, es ist einfach das Beste, wenn ich mitfahre. Denn was die bi-3 Positronen betrifft, so bin ich dann immer dabei und kriege alles mit, falls sie wirklich entdeckt werden sollten.«

»Wenn du sie nicht selber entdeckst!« Meika nickte nachdenklich vor sich hin und schaute ihn dann fragend an.

»Wenn sie in der Tat da sind, Meika, wird sie irgendeiner finden. Wenn ich es sein sollte, kannst du aber sicher sein, daß dabei keine Schweinerei passiert.« Er ballte die Faust. »Und das werde ich heute Nachmittag bei Shan-Ucci schon klarstellen.«

Meika biß sich auf die Unterlippe. »Aber sei dabei vorsichtig, Steff. Bitte, überleg dir vorher gründlich, was du sagst. Der Kapitän eines Raumschiffs der Santoganer ist euch bestimmt um einiges überlegen.«

»Viel Vertrauen scheinst du ja nicht in unsere eigene Rasse zu haben. Ich bin überzeugt, daß er uns genauso fürchtet, wie wir ihn.« Steff nahm Meika ein letztes Mal in die Arme. »Wann sehe ich dich wieder? Geht es morgen Vormittag noch? Du weißt, uns bleibt nicht mehr viel Zeit.«

Meika zog ihn ganz fest an sich heran. Sie zitterte einwenig und fürchtete, daß er es merken könnte. Deshalb nickte sie nur kurz und heftig. Ihre Stimmbänder schienen ihr wie schwere Ketten.

Dann stieg sie in den Bus nach Spandau. Steff ging auf die andere Straßenseite und wartete auf den Entgegenkommenden. Als dieser einbog, stieg er ein und setzte sich auf die hinterste Bank. Zahlen brauchte er nichts, aber das öffentliche Verkehrsnetz war halt am langsamsten. Doch er wollte aus dem Fenster schauen und sich noch eine Weile vom Treiben der Stadt ablenken lassen.

An der Haltestelle vor seinem Haus stieg er aus. Während er zum Eingang ging, schaute er sich die Auslagen des kleinen Schuhladens an. In den Paterren der Wohntrackte waren fast nur Geschäfte untergebracht. Kreuzberg war schon seit langen das Einkaufszentrum Berlins geworden, denn die sich zunächst hier ansiedelnden Kleinwarenhändler hatten die überteuerten Preise der oftmals nicht besseren Waren der City stets erheblich unterboten.

Zwar gab es hier keine Rollwege, keine Fahrstühle inmitten der Straßen, die einen direkt von den Büros zu den exquisiten Restaurants führten und auch keine girlandenartigen Lichterketten, die über den Straßen schwebten und sie teilweise mit bunten Laserstrahlen illuminierten. Aber hier konnte er noch gehen, nicht wohin ihn eine Rolltreppe führte, hier konnte er den auf der Straße spielenden Kindern zuschauen, und hier waren die Menschen noch freundlich und lächelten sich einander zu, wenn sie sich zwischen den Häusern erkannten.

Zwischen den Häusermassen. Es gab hier keinen Himmel. Über ihn schob sich die erste Etage in die Straße hinein. Das gegenüberliegende Haus war etwa zehn Meter von ihm entfernt. In einem der Fenster des siebten Stockwerks sah er die Reflexion eines Sonnenstrahls.

Als er den Fahrstuhl im sechsten Stock verließ, bogen gerade zwei Männer um die Ecke in den Flur. Als der Ältere Steff erblickte, zog er sich blitzartig in eine Türnische zurück und preßte sich flach gegen die Wand. Der andere zögerte und verharrte fragend, aber der Ältere wies ihn schnell an, weiter zu gehen.

»Los, mach schon«, flüsterte er, »er hat doch längst unsere Schritte gehärt.«

Unsicher setzte Ra seinen Weg fort. Als er an Steff vorbei kam, grüßte er kurz und stieg in den Fahrstuhl.

»Hallo«, erwiderte Steff und verlangsamte seinen Schritt. Dann öffnete er die Wohnungstür und trat ein.

Unten in der Eingangshalle traf sich der Padrino wieder mit Ra. Seine weißen Gamaschen glänzten in der neoniden Beleuchtung der Dek-kenstrahler. Der Stock in seiner Hand schlenkerte unruhig auf und ab. Dann faßte er ihn am Knauf und pochte damit dreimal ungeduldig auf den Boden.

»Was war denn los?« fragte Ra ihn neugierig, »kennst du etwa Dr. Maiger?«

»Sei still, Junge«, war die herrische Antwort, »das geht dich garnichts an. Am Besten, du vergißt den Vorfall wieder so schnell wie möglich.« Sein rechtes Augenlid fing an zu zucken. In Europa unterlagen die Regierungen aller Staaten den Bestimmungen des Europäischen Rates. Wie auch immer sie orientert waren, ihre Außen-handelsbeziehungen, Menschenrechtsbestimmungen und alle juristischen Binnenverträge gründeten sich auf einer Lex Popoli, dem Völkergesetz, das einem internationalen Gerichtshof unterstand.

Dazu gehörte auch SALT XI, das im Jahr 2010 nicht nur eine atomare und chemische Nullösung vereinbarte, um Kriege zu verhindern. Zusätzlich gab es auch ein Verbot militärischer Waffenpräsenzen in Fremdländern und im Weltraum. Von einem neutralen Nato-Gelände im Herzen Europas wurden die diversen Kontrollinstanzen koordiniert.

Als leicht zu erschließende Metropole zwischen ost und west war Berlin nun nicht von ungefähr zur Hauptbasis der Santoganer gewählt worden. Hinzu kam seine Nähe zum Fundort.

Die Industrie in Berlin war gewaltig gewachsen, und die Wirtschaft wie ihr Bauwesen erreichten hohe Rendite. Dieser Umstand führte allerdings auch zu der Tatsache, daß es immer öfters Menschen dorthin zog, die diese Entwicklung der Stadt hemmungslos ausnutzten, deren Augenmerk einzig darin bestand, ihr eigenes Wohl zu mehren.

Im Sommer 2082 nun, zwei Tage vor dem Start des Raumschiffes, fuhr ein dunkelblauer Merzedes in Berlin durch ein abseits gelegenes Waldgelände. Sein Besitzer mußte einer der wenigen Privatpersonen sein, die eine Genehmigung für ein solches Bodenkontaktfahrzeug aufweisen konnten. Nicht umsonst hatte sich Daimler-Benz auf nur noch einzelne, aber dafür äußerst teure Modelle beschränkt, sich jedoch bereits längst auf dem Markt der Leichtluftfahrzeuge orientiert.

Der Wagen besaß eine spezielle Automatik für den Abstand, die Wegfindung, Spurenhaltung und - wechsel und weiterhin für eine optisch nicht wahrnehmbare Gefahrensituation. Aber trotzdem fuhr der Chauffeur in seiner Panzerglaskabine mit einer Langsamkeit, wie es die Vorsicht in diesem Auto nicht mehr gebot.

Die zwei Insassen im Fond waren in einem tiefen Gespräch begriffen und hatten die Verdunklung der Panzerglasscheiben aufs äußerste gestellt, so daß sie wohl kaum wegen der schönen Landschaft diese Fahrt unternommen hatten. Einer von ihnen rauchte derweil eine unterarmlange Kräuterzigarre, deren dicker Qualm durch die Saugventilatoren sogleich aus dem Fond gezogen wurde. Er hatte einen metallhellen, eng anliegenden und aus silbernen Fäden gewobenen Leinenanzug an, der sich jedoch so fürchterlich um seinen kugelfärmigen Bauch spannte, daß diese enorme Dehnung ein wirklich nur ausnehmend teurer Stoff über einige Zeit hinweg auszuhalten vermochte.

Der andere trug lediglich ein samtweiches Oberhemd, das ihm unten in einer mausgrauen Kaschmierhose steckte. Er blinkerte manchmal mit den Augen, wenn ihm einwenig Rauch ins Gesicht geriet, äußerte sich jedoch mit keinem Wort darüber. Er schien eher jedesmal, wenn sich ihm eine solche Schwade bedrohlch näherte, sie noch einwenig heranlocken zu wollen, um sie dann mit völliger Todesverachtung zu ignorieren.

Die Zigarre des anderen bäumte sich in diesem Moment schier auf, als er zu heftig an ihr sog und begann dann wäherend seiner folgenden Worte, unternehmungslustig auf und ab zu wippen.

»Ich hoffe, sie haben mich verstanden. Es darf nur einen schuß geben. Sorgen sie dafür, daß alles klappt.« Er wischte sich über die Mundwinkel, an denen etwas brauner, mit Nikotin vermischter Speichel herunterrann. »Mensch, wenn da was schief geht, dann stehen Sie mir dafür gerade.«

»Wird schon klappen«, murmelte der andere kurz und starrte vor sich hin.

»Meine Güte, das darf auf keinen Fall an die große Glocke kommen, klar? Wenn es nicht anderes geht, dann knallen Sie ihn höchstpersönlich ab. Sie haben doch eine Waffe?«

»Aber klar«, beeilte sich der andere zu sagen und griff eilig unter sein hemd.

»Mann, lassen Sie das. Ich glaubs ihnen ja.« Der dickliche hustete. »Also, wenn es soweit ist, von dem gegenüberliegenden Gebäude haben Sie eine ungehinderte Sicht und werden hinter der verdunkelten Scheibe selbst nicht gesehen. Und«, fügte er hinzu, »für einen Fluchtweg ist auch gesorgt. Gleich von dem Raum geht eine Feuertreppe hoch zum Llslp, wo ein Düsenschiff auf Sie wartet.«

»Ist in ordnung«, erwiderte der andere nur und schwieg wieder. Mord-aufträge waren für ihn nichts neues. Aber von seinem Chef war es das erste mal. Denn bislang hatte er ihm nur als Bote und Geheimsekretär gedient. Natürlich nicht offiziell, dafür war die Liste seiner Vorstrafen zu lang.

»Und überlegen sie mal, wie wir verhindern kännen, daß der Professor seine Versuchsanleitung in andere Hände gibt. Wäre doch zu schade, wenn ein anderer an die Positronen herankäme.«

»Oh, da gibt es schon genug Wege. Wir brauchen aus unserer Einladung nur eine kleine Arrestierung machen.« Einwenig beredsamer beschrieb er dem Dicken im Maßanzug mehrere Möglichkeiten. Dieser nickte bisweilen zufrieden vor sich hin und paffte an seiner Zigarre. Dann nahm er sie mit einem Male aus dem Mund.

»Mensch, wissen Sie, was wir damit in den Händen haben? Ein Goldgeschäft ... Mehr, ein Eldorado. Was glauben Sie denn, was die Santoganer alles an Schätzen und technischen Möglichkeiten haben.« Vor Freude vergaß er, weiter an seiner Zigarre zu ziehen. Aber alsbald fiel ihm ein, mit wem er sprach, und er versteifte sich. »Wählen sie mir doch mal schnell Dr. Kortens an.ä Erst jetzt steckte er wieder die verdickten Kräuterblätter in den Mund und sog daran, bis ihm die feisten Wangen einfielen. Genüßlich inhalierte er den Rauch.

Nach kurzer Zeit war die Leitung da. »Eh Doktor - sagen Sie mal, wieweit stehen die Verhandlungen? Haben die Santoganer endlich angebissen?«

Aus dem kleinen Lautsprecher des Telefons knisterte es. »Sie wissen nicht so recht, ob sie uns glauben sollen. Schließlich haben sie es ja wer weiß wie lange selbst versucht.«

»Na, dann machen Sie ihnen mal die Überlegenheit der menschlichen Technik klar ... Oder seines Erfindungsgeistes, wenn Sie so wollen.«

Er schneuzte sich donnernd in ein flanellrotes Taschentuch. Auf der anderen seite blieb es eine Weile still. Dann ertönte wieder die knarrende Stimme des Physikers: »Es wäre vielleicht glaubhafter, wenn wir ihnen erklärten, daß die Herstellung der bi-3 nur unter irdischen Bedingungen möglich ist, bei einer bestimmten Gravitationsdichte.«

»Na, meinetweges auch das, Doktor. Aber sagen Sie ihnen, daß nur wir diese möglichkeit haben, und daß sie ihnen einiges kosten wird. Aber wir haben ja noch mehr zu bieten. Deuten Sie ruhig mal an, daß es durchaus in der Macht unseres Konzerns liegt, ihnen in allen wichtigen Großstädten der Welt eine Handels -und raumfahrtniederlassung zu ermöglichen.«

»Damit wetteifert doch schon die Cooporated Oil Unlimited.«

»Was wollen die schon bieten?«

»Nun, sie haben schließlich überall ausreichend Tochtergesellschaften und Niederlassungen. Außerdem bieten sie sich geradezu an, da die Santoganer vorwiegend Öl exportieren.«

»Aber das ist doch der Dreh -und angelpunkt, Mensch. Wenn die uns auch das Monopol für den Vertrieb geben, dann haben wir ein Riesenstückchen vom Kuchen.«

»Die COU besitzt aber eine große Tradition innerhalb des Geschäfts. Die Großbanken werden geschlossen hinter ihnen stehen. Ich glaube kaum, daß sie uns eine Chance geben, an das Öl ranzukommen, geschweige denn, es abzusetzen.«

»Das lassen Sie mal meine Sorge sein.« Seine Zigarre war ausgegangen, und er sog vergeblich an ihr. Er gab sie seinem Sekretär, dem dabei ein großes Stück Asche auf die Hose fiel. »Also, Sie sind ja auch nur für die technische Seite der Angelegenheit verantwortlich, Doktor. Verlassen Sie sich mal ganz darauf, daß wir Ihnen die Formel für die Positronen bringen.«

Er legte auf. Es war wirklich ein schweres Stück Arbeit, das noch vor ihm lag. Von wo er aber die meisten Schwierigkeiten zu erwarten hatte, war ihm jedoch klar. Nicht von den Santoganern. Nein, es waren immer nur Menschen, die Menschen angriffen.

Er wandte sich wieder seinem Mitfahrer zu. »Geben sie mir jetzt die Nummer der Deutschen Bank und handelsgmbh. Chefetage.«

»Die hab ich leider nicht«, kam es wortkarg zurück.

»Dann schauen sie gefälligst im Buchmonitor nach«, fuhr es aus ihm heraus. Wozu war er sein Sekretär?

Dieser fixierte die Mattscheibe auf Sichtbeleuchtung und gab dem Computer über einen Terminal die gewünschte Adresse ein. Keine Sekunde später bewegte sich der Cursor auf dem Display und zog einen Schwanz von Buchstaben und Zahlen nach sich. Der Mann wählte die dort angegebene Nummer und überreichte seinem Chef den Hörer.

»Schönen Tach«, donnerte dieser lauthals in die Muschel. »Wir stehen in aussichtsreichen Verhandlungen mit den Santoganern. Was heißt aussichtsreich ...« Er lachte meckernd. »Schließlich sind wir ja die einzigen, die letztlich eine wirkliche Geschäftsbeziehung mit den Außerirdischen unterhalten können. Auch bei denen ist es nur ein Kreislauf von Angebot und nachfrage.« Er hielt inne. Denn er wollte nicht zuviel verraten. Schließlich konnte er sich noch auf eine weitere Verbindung mit den Santoganern verlassen, die ihm Kortgens selbst ermöglicht hatte.

»Sie meinen, wegen der Positronen?« Die etwas bedeckte Entgegnung schien den Boss jedoch nicht zu stören. ‚Wer konnte schon etwas besseres bieten?’

»Aber wenn die Positronen nun ganz einfach auf der Erde gefunden werden?« kam die zweifelnde Antwort.

»Glauben sie das wirklich, Herr Direktor? Seit Millionen von Jahren gibt es sie nicht mehr. Ich bin hundertprozentig überzeugt, daß sie nicht mehr da sind.«

Zu dieser Feststellung veranlaßten ihn auch noch andere Gründe, die er dem Direktor aber nicht sagen mochte, die ihn sich aber in einer gewissen Sicherheit wiegen ließen. Denn um das Auffinden der Positronen oder die Einmischung eines anderen Konzern zu unterbinden, schreckte er sogar vor Mord nicht zurück.

Erneut begann er: »Ich möchte sie ja nicht drängen, Direktor, aber vielleicht ist es nur fair von mir, daß ich sie von der bevorstehenden Allianz meines Konzerns mit den Santoganern informiere. Die Rohstoffkrise haben wir nicht gemacht. Aber wir sind in der Lage, sie abzubauen. Und dazu brauchen wir natürlich auch Geld, viel Geld. Schließlich benötigen wir riesige Lagerhallen, Transportmobilien und Verarbeitungsraffinerien.«

»Ich glaube aber kaum, daß Sie eine Genehmigung vom Kartell bekommen werden. Sie hätten dann ja das ganze Monopol für sich.«

Der Konzernchef wußte, weshalb er eine Begegnung mit dem Direktor noch hinausschieben mußte. Noch hatten die Unterhändler nicht hinreichend vorgearbeitet. Er dachte kurz an seinen Sekretär, aber verwarf sogleich die aufkeimende Idee. Hier konnte er nur diplomatisch vorgehen.

»Wäre es nicht auch verlockend für Sie, wenn ihr Bankkonsortium der alleinige Finanzier wäre?« ‚Wie konnte man einem Bankfachmann anders als mit Geld kommen?’ Er grinste einwenig. Wenn dessen Bank nur den Anfang machen würde. Das wäre ein Signal, quasi eine Reinwäsche für ihn, die den anderen Anlaß geben konnte, ebenfalls bei ihm zu investieren. Er atmete tief durch. Schließlich war er bislang nur mit der Hälfte seiner Ideen rausgerückt.

Doch der Direktor zögerte noch immer. Sein Haus war eine renomierte Adresse, die er nicht so ohne weiteres aufs Spiel setzen wollte. Es gab genug versierte Leute, die ihm von diesem als skrupelos bekannten Geschäftsmann abrieten.

»Wir werden sehen,ä schien ihm noch die nichtssagendste Antwort zu sein, denn auch in puncto Versprechen durfte man sich bei ihm auf nichts einlassen. »Sichern Sie sich erst einmal die Lizenzen, bevor unsere Bank über eine Anlage disponiert.«

Damit war das Gespräch beendet. Doch der Mann im Silberanzug war zufrieden. Eine erste Gewöhnung schien anzulaufen. Er brauchte nur noch an die Genehmigung für den Erdölimport herankommen. Und dafür hatte er auch schon einige Adressen. Nicht unweit, von wo er sich befand, mitten in Berlin, war eine der wichtigsten.

Doch bevor er dort hinfuhr, gab er seinem Boten einen Zettel. »Bei dem da haben wir eine Wanze eingebaut. Es ist besser, du nistest sie in seinen Telex um. Dort scheint es mir ergiebiger zu sein.ä Dann ließ er ihn aussteigen, denn der Sekretär brauchte ja nicht über alle Kontakte Bescheid wissen, die ihm die Laufbahn eines Konzernchefs ermöglichten.



Professor Erskin war ein Mann um die Sechzig mit allen positiven Attributen eines alternden Menschen. Er hatte viel erreicht in seinem Leben, so daß er nun in der Lage war, ein weises, daß heißt ein ausgeglichenes Leben zu führen. Anstelle eines Vorurteils versuchte er, die anderen zu verstehen und drängte sich auch nicht in den Vordergrund, um etwas zu erringen, was ihm bereits auf die eine oder andere Weise beschieden worden war.

So setzte er in den letzten Jahren um den Bauch herum einwenig an, da er, wie er meinte, nun in die Jahre kam, wo ein Mann sich aufgrund gewisser schwindender Neigungen anderen Bedürfnissen zuwenden durfte. Diesen Interessenschwenk vergalt ihm seine Frau nun mit einem stets reichhaltigen Auftisch, bei dem er sich weniger beklagte, als bei ihren vorherigen Erfüllungen.

Steff sah in ihm so etwas wie eine Vaterfigur, und er hätte viel gegeben, seinem ehemaligen Geologielehrer an Kenntnis und Didaktik gleich-zukommen. Aber er brauchte sich nicht verstecken. Da der Professor bereits zu alt und einwenig kränklich für diese Reise war, unterlag ihm schließlich der ganze Paläontologische Bereich der Expedition.

Zu dritt saßen sie im Arbeitszimmer von Shan-Ucci, um mit ihm vorab der Konferenz über die Positronengefahr ein internes Gespräch zu führen. Mit ihnen war Angelo Roggini, ein Physiker aus Italien, der auch auf der Reise dabei war. Er trug einen leichten, weißen Anzug aus Kammgarn, in dem seine untersetzte, muskelöse Gestalt einwenig gezwängt erschien. Er war ziemlich intelligent, wenn er auch etwas streng und steif wirkte. Doch Steff schätzte an ihm vor allem sein fachliches Wissen. Zudem waren seine zielstrebigen Fähigkeiten, die unbeirrbarkeit seiner Logik von unersetzbarem Wert.

Alle drei hoben die Köpfe. Von nebenan vernahmen sie leise Geräusche. Stimmengewirr in fremder Tonart. Shan-Ucci mußte eingetroffen sein. Gespannt schauten sich der Professor, Angelo und Steff an. Die Sekunden verstrichen.

Dann öffnete sich die Tür zu ihrem Zimmer, und der Santoganer stand vor ihnen. Seine drei auf dem Boden stehenden Füße verharrten. Er schien zu Lächeln, obwohl die Mimik seines starren Gesichtes ebenso auf das Gegenteil schließen lassen konnte. Er schaltete seinen Translator ein.

Steff wie auch alle anderen tat es ihm gleich und steckte sich eine Audioverbindung ans Ohr. Sie standen auf, gingen zu ihm hin und schauten ihm der Reihe nach für ein paar Sekunden in die Augen, bis sie einen festen Blickkontakt mit ihm hergestellt hatten. Steff fühlte, wie es in seinem Kopf zu kribbeln begann, als er in die glänzenden Bernsteine der silikonen Iris von Shan-Ucci starrte, und für einen Moment meinte er, einen kleinen Lichtblitz darin entdecken zu können.

Diese Prozedur war eine rein santoganische. Sie bedeutete allerdings den Außerirdischen das Bevorstehen eines wichtigen Gespräches oder Problems, die dem anderen die Möglichkeit gab, sich in innerer Konzentration zu sammeln und vorzubereiten.

»Guten Tag, meine Herren«, sagte daraufhin der Santoganer, und Steff vernahm gleichzeitig ein hohen Flirren im Raum, das über ihren Köpfen zu schweben schien.

Professor Erskin nickte bedächtig und erwiderte die Begrüßung. Alle setzten sich nun. Vor jedem stand ein Glas Orangenlimonade und ein Glas Wein. Dazu lag in der Mitte des flachen Tisches eine Schale mit Früchten und Beeren. Steff rieb seine feuchtgewordenen Handflächen aneinander.

»Nun, womit kann ich Ihnen dienen«, leitete der Exterraner das Gespräch ein. »Ich nehme an, daß dieses Treffen vorab einen besonderen Grund hat.« Bei diesen Worten schaute er jeden einzelnen direkt an, und Steff konnte wieder für wenige Augenblicke ein Aufflackern in den fremdartigen Silikataugen wahrnehmen.

»Wir sind gekommen, Kapitän«, nahm der Professor den Faden auf, »um mit ihnen über eine Angelegenheit zu sprechen, die unserer Ansicht nach mehr der Klarheit bedarf.ä Er hielt inne, um sich die nächsten Worte gut zu überlegen. »Wir wissen eigentlich nicht viel über die Vorgänge Ihrer Evolution, die sie veranlaßten, unsere Erde aufzusuchen. Umso weniger ist uns das Partikel, das Grund Ihrer Reisen ist, das Positron bi-3, bekannt, da wir bislang weder von seiner Existenz wußten noch ihm in anderer physischer Gestalt begegnet sind. Überhaupt ist uns dieses Element ein Rätsel. Was macht Sie so sicher, es auf der Erde noch anzutreffen?«

Erskin schaute den Santoganer eindringlich an. Dieser nahm sich einige Sekunden Zeit, um ihm zu antworten. »Leider, Professor Erskin, haben wir absolut keine Sicherheit über den Verbleib dieser Elementarteilchen. Schauen Sie«, und er blickte Steff und Angelo ebenso an, »die Sackgasse unserer Evolution, ihre unabwendbare Stagnation, ließ uns in einer Verzweiflung verbleiben, aus der heraus wir uns unter noch so gewaltigen Anstrengungen nicht mehr befreien konnten. Professor, wir sind eine sterbende Rasse, aber wir wissen um die Möglichkeit unserer Rettung. Die Erkenntnis des Lebens, heißt es bei uns, steht höher als das Leben. Und die Erkenntnis des Glücks höher als das Glück.« Steff bemerkte ein wellenförmiges Auf und Ab seiner vier Finger und der zwei Daumen, das sich während der Rede ständig steigerte. »Und nun haben wir etwas entdeckt, das die physiologischen Eigenschaften hat, um unsere Silikontetraeder wieder wachsen zu lassen. Meine Herren, würden Sie sich nicht auch an den kleinsten Strohhalm klammern, der sich Ihnen in diesem Moment bietet?« Er machte eine kurze Pause. »In der Tat haben wir keine Sicherheit, nur Hoffnung.«

Die sechsseitigen Wände des Zimmers hatten jedes seiner Worte aufgesogen. Umso mehr lastete nun das Schweigen auf den Anwesenden, das fehlende Echo des flirrenden Gesangs, das die direkten Töne von Shan-Uccis Sprache durch den Raum warf.

Es dauerte eine Weile, bis einer der Menschen wieder Worte fand. »Wir verstehen vollkommen ihre Beweggründe, Kapitän, und fühlen mit Ihnen und ihrem Volk.« Angelo Roggini richtete sich in seinem Sessel auf. »Aber ich hoffe, sie werden ebenso dafür Verständnis haben, daß uns jedwede Vorstellung dieses Positrons fehlt, zumal wir eher unserer Überraschung Ausdruck verleihen müssen, daß es überhaupt existiert.«

Shan-Ucci hatte ihm ruhig zugehört. Die wellenförmige Bewegung seiner Finger ebbte ab. Einer seiner drei Hälse knickte nun einwenig ein, als er sich ihm zuwandte. »Wir haben ihnen unsere Informationen über das bi-3 Positron in mehreren Berichten zugestellt, Dr. Roggini. Was wollen sie genau wissen?«

Angelo schien sich völlig gleichgültig diese Frage anzuhören, die doch direkt das herausforderte, was der Anlaß ihres Besuches war. Betont langsam nahm er sich ein Blatt Papier und zeichnete darauf eine in Pfeilen verlaufene Kreislinie, die sich am Ende wieder schloß. »Dieses ist der Wasserstoff-, Kohlenstoff-, Stickstoff- und Sauerstoffzyklus unserer Erde, Kapitän. Durch einen gleichmäßigen Verbrauch und eine kontinuierliche Erneuerung gewährleistet er stets einen ausgeglichenen Lebenshaushalt. An welcher Stelle nun würden sie das Positron bi-3 einreihen, wenn es auf der Erde tatsächlich gefunden werden sollte?«

Er hatte diese Frage geradezu andächtig geäußert und schien jetzt beinahe interessenlos der Antwort zu harren. Shan-Uccis Gesicht verriet ebensowenig seine Gedanken. Nur seinen aufmerksamen Blicken konnte angesehen werden, daß er in den Zügen der Menschen ihre Ansicht zu lesen versuchte. Seine Mundhöhle bildete einen einsamen Strich. Als sie sich endlich öffente, raschelte es zunächst im Raum, bevor es in den Ohrhöhrern der Menschen zu einer Übertragung kam.

»Wir haben nur eine winzige Hoffnung auf das Auffinden des Positrons. Deshalb hatten wir uns entschlossen, sie nicht unnötigerweise in eine Kenntis zu setzen, deren Reaktion wir vorher nicht abschätzen konnten, und deren Schrecken wir ihnen ersparen wollten. Denn diese Positronen werden vermutlich in den von Dr. Roggini dargestellten Lebenskreislauf nicht erhaltend eingreifen können. Sie werden ihn eher zerstören.«

Shan-Ucci lehnte sich scheinbar erschöpft in den Sessel zurück. Steff stellte mit Verwunderung eine Ähnlichkeit in der menschlichen Verhaltensweise fest. ‚Die Ehrlichkeit der Ausflucht vorzuziehen, hat auch ihn Anstrengungen gekostet.’ Er wandte sich zum ersten Mal an den Kapitän: »Und wie wirken sich diese ... Zerstörungen auf den irdischen Organismus aus?«

Dieser blickte ihn erneut lange an. Dunkel zog sich nun über die matte Tönung seiner Augen. Dann flackerte wie weiße Gischt ein Hauch über die fast erloschene Iris und wischte die Schatten der Tiefe hinweg. Wie auf den Ausläufern einer gestrandeten Welle begannen kleine Lichtreflexe zu glitzern, und Steff sah durch sie hindurch weit in die Unermeßlichkeit eines bernsteinblauen Meeres.

»Der Spannungszustand aller menschlichen Zellen wird vernichtet. Aber das scheinen sie doch schon längst zu wissen, Dr. Maiger.«

»Verzeihen sie, Kapitän. Aber wir brauchten ihre persönliche Bestätigung.« Steff preßte die Lippen aufeinander. Trotzdem war er sehr erleichtert. Mit der rechten Hand strich er sich kurz über die Schläfe.

Der Professor fragte nun, ob die Santoganer einen Ausweg wüßten.

»Bei einer Isolierung dieser Positronen, vorausgesetzt, wir finden sie, gäbe es keine Schwierigkeiten. Wir haben bereits an entsprechenden Schutzanzügen für die Menschen, die sich in ihrer Nähe aufhalten müssen, gearbeitet. Mit dem Raumschiff, das gestern in Gatow landete, sind auch Materialien mitgebracht worden, die hier leicht den menschlichen Körpern angepaßt werden können.«

Der Professor faltete die Hände und saß eine weile vorne übergebeugt in seinem Sessel. Dann hob er den Kopf. Sein sanftes Gesicht strahlte wieder. »Ich glaube, Kapitän Shan-Ucci, daß wir uns bei Ihnen zu bedanken haben. Nicht nur, daß sie unsere Bedenken zerstreut haben, nein. Mich hat auch ihre Art beeindruckt, wie sie uns ohne Umschweife das Problem erklärt haben. Ich hege die Hoffnung, daß dieses kleine Gespräch uns unter Umständen mehr zueinander gebracht hat, als alle wissenschaftlichen Dispute vorher.«

Er stand auf und reichte in seiner freudigen Spontanität auf recht menschliche Art dem Santoganer die Hände. Dieser ließ sich die seinigen mit unbeweglicher Miene nehmen und verriet ebenso wenig Regung, als er für kurze Zeit seine andere Hand auf den Kopf des Professors legte.

Dann sagte er: »Es ist nun vier Uhr. Wir sollten jetzt in den Saal gehen und die anderen nicht über die Grenzen hinaus warten lassen.« Er löste sich vom Professor, nicht ohne ihn noch einmal eindringlich angeschaut zu haben. Dann gingen sie zusammen in den angrenzenden Tagesraum.

Unter einer riesigen Kuppel, an der drei Kronenleuchter älterer Bauart hingen, weitete sich der Saal mit an den Seiten sich endlos hinziehenden Fensterreihen. Er war eigentlich viel zu groß für die kleine Schar von rund 20 Menschen, die sich in einer Ecke des Raumes um eine Tafel drängten. Dort waren die geografischen Höhenlinien von Santoga aufgezeichnet, dessen Seen, Berge und Wälder. Die Grünflächen waren allerdings eher als ein irdisches Hilfsmittel für die Kennzeichnung der einheimischen Flora gedacht, denn Pflanzen in unserem Sinne gab es dort nicht.

Als ihre Kollegen eintraten, blickten sie auf und erkannten in deren Gesichter, daß das eben beendete Vorgespräch positiv verlaufen war. Sogleich ließen sie sich darüber berichten. Sichtlich hellten sich ihre Mienen auf, und sie warfen anerkennden Blicke auf Shan-Ucci.

Als dieser den Saal betreten hatte, erschienen aus einem der Gänge andere Santoganer, fast die ganze Mannschaft. Zu ihnen stiessen nun auch Journalisten von Presse, Radio und Fernsehen mit ihren 3d-Doppelkameras, so daß sich die Halle doch noch ansehnlich zu füllen begann. Der Kapitän betrachtete dieses Treffen als eine Art Generalversammlung, auf der alle noch einmal kurz vor dem Start zusammen kommen sollten.

Würdevoll setzte er sich hin. Die Runde um ihn verstummte und nahm gleichfalls Platz. Steff legte seine Notizen und die wichtigsten Auf-zeichnungen vor sich auf den marmornen Tisch. Dann nahm er einen Schluck Mineralwasser, das vor ihm in einem durchsichtigen Krug aus kristalloidem Quarz gefüllt war.

Er hörte Shan-Ucci die Konferenz eröffnen. »Meine Herren, ich darf sie alle zusammen hier in der Zentrale für Raumfahrt begrüßen und sie bitten, sich am heutigen Nachmittag als Gäste von mir und meiner Mannschaft zu fühlen. Und«, hier schaute er Professor Erskin, Angelo und Steff insbesondere an, »nachdem, wie mir scheint, auch die letzten, grundlegenden Bedenken beseitigt worden sind, wollen wir unverzüglich zur Tagesordnung übergehen.«

Steff stellte immer wieder fest, daß die Art der Santoganer in vielen Bereichen eine erfrischende Direktheit besaß, ohne lange Umstände und Ab-schweifungen zur Sache zu kommen. Konzentriert hörte er zu.

»Es gibt zwar nicht mehr viele Punkte durchzugehen, und bei den meisten bitte ich Sie, sich in den jeweiligen Spezialgebieten zu entsprechenden Gruppen zusammenzuschließen. Aber bezüglich einer wichtigen Information möchte ich Sie in Kenntnis setzen, die, wie mir die gestrige Eröffnung im Senat bezeugte, von ganz erheblicher Bedeutung für Ihre eigene Zivilisation ist.«

Seine Augen schweiften eindringlich über die Runde. »Sie wissen, wie wir auf das für uns spezielle und lebenswichtige Positron aufmerksam wurden.« Über der Mitte des Tisches wurde nun eine plastische Projektion sichtbar, die die Erde vor knapp 100 Millionen Jahren darstellte. Sie war insoweit nicht durchsichtig, als daß sie kein weißes Lcht und feste Einzelheiten durchließ. Aber Bewegungen dahinter konnten anhand einer Wärmespur im Rotlichtbereich schemenhaft erkannt werden.

»Vor rund 65 Millionen Jahren wies die Erde plötzlich einen Staubmantel auf, der durch einen ungeheuren Meteoriteneinschlag entstanden war. Mittels der sichtbaren chemischen Vorgänge innerhalb des aufwirbelnden Gesteinsmantels konnten wir NO2,CO2,O2,H2 und Iiridium 100 feststellen, wobei das Letzte - untypisch für die Erde ist und auf außerplanetare Materie hinweist. Sie wissen inzwischen alle, wie uns diese Analyse auf teleoptischer Basis und unter anderem einer Berechnung der Rotverschiebung der Elektronenausfallrate möglich ist.«

Das war keine Frage, sondern eine Verbeugung vor den menschlichen Wissenschaftlichern, die die santoganische Technik so schnell begriffen hatten. Darum fuhr er sogleich fort: »Das Positron entsteht unter anderem - und diese Art und Weise halten wir für die vorliegende - beim Zerfall von positiv geladenen Mesonen. Diese zerstrahlen aber, wenn sie energiearm bleiben, mit einem Elektron an Materie gebunden, sofort wieder zu zwei Lichtquanten. Leider ist es uns von unserem Heimatplaneten aus nicht gelungen, diesen Vorgang direkt festzuhalten. Aber wir haben den typischen Lichtblitz messen können, der bei der Entstehung des Photons auftritt, wenn es umgehend bei der Umsetzung auf ein Atom trifft.«

An dieser Stelle zeigte er auf eine kleine Schautafel, die in abertausendfacher Zeitlupe und Vergrößerung recht undeutlich zwar, aber für die anwesenden Fachleute dennoch überzeugend, diesen von Santoga aus aufgenommenen Vorgang auf ihrer Innenfläche abspielte.

»Unsere Aufgabe bestand nun darin, das Vorhandensein eines normalen Positrons von einem bi-3 zu unterscheiden. Jetzt wissen wir, daß es die Eigenschaft eines CO2 - Moleküls ist, das zu einem Photon gewordene bi-3 Positron unmittellbar, nachdem es daran aufgetroffen ist, zu einem Lichtblitz mit einem Austrittswinkel von 98° abzulenken. Diese Feststellung gelang uns durch die Beugung des Lichtes, die wir innerhalb der Rotverschiebung messen konnten.«

Obwohl Shan-Ucci bislang keinem der anwesenden Wissenschaftlicher etwas unbedingt Neues gesagt hatte, verfolgten doch alle seine Ausführungen hingebungsvoll in Erwartung der angekündigten Eröffnung. Die Ausstrahlung seiner Persänlichkeit, die Kraft seiner Stimme und die Unabdingbarkeit seiner Worte hielten sie in ihren Bann. Nicht wenige ertappten sich dabei, daß sie wie kleine Kinder etwas schon oftmals gehörtem erneut wie besessen lauschten.

Der Kapitän der Santoganer hielt alle in seinem Blick gefangen. »Die Menschen wissen, wie auch umgekehrt wir, nicht viel über den jeweils anderen. Wir sind uns noch gegenseitig fremd, Gefühle und Ansichten einander unbekannt. Besser jedoch können Sie sich unsere Physis vorstellen.« Hier leuchtete über den Köpfen der Anwesenden die Struktur eines Tetraeders auf.

»Es ist Ihnen zum Beispiel bekannt, daß unsere Gitterfelder entstehen, indem sich Fremdatome an freie Plätze setzen. Doch erst, wenn unser Silikat die Form eines Ikositetraeders annimmt, erhalten wir auch die Voraussetzung, bewußt denkende Wesen zu sein. Denn nur wenn die Anionen eines Rraumgitters in einer bestimmten Anordnung stehen, so daß sie durch die ständig einfallenden Materiewellen zu einem entsprechenden Winkel gebeugt werden, können sie Translatieren und die schwache Statik der Atome durch die Aufnahme weiterer verstärken. Eine äußerst unvollkommene Gittergerade ist dabei am unfähigsten, sich aufzufüllen, da ihre wenigen Elektronen über eine zu geringe Anziehungskraft verfügen. Dadurch gelingt es ihnen kaum, positive Ionen zu binden und sich somit zu vervollkommnen.«

Shan-Ucci verhielt kurz, um sich zu sammeln. Sichtlich ging diese Rede nicht spurlos an ihm vorüber. Dann begann er von Neuem: »In der Tat ist das statische Gleichgewicht unserer Molekularkräfte derart aus einem evolutionären Verhältnis der geladenen Materie geraten, daß wir stagnieren. Viel schlimmer noch, wir verharren auf einem Niveau der individuellen Entwicklung, die unsere Existenz als Rasse und Kultur auf das äußerste bedroht.« Er hielt einen Augenblick inne. »Es ist zwar richtig, daß wir unter diesen Umständen auch nicht sterben können - wie ich auf der Erde erfahren habe, eine nicht unerwünschte Bestrebung - aber zu welchem Preis: wir sind ebenso nicht in der Lage, neues Leben zu schaffen. Weiterhin, und dieses ist ein grundlegender Aspekt außerhalb der Unsterblichkeitsbetrachtung, weiterhin sind wir nicht in der Lage, uns selbst noch zu entwickeln. Unterschätzen sie diesen Umstand nicht, meine Herren von der Erde, es würde für sie gleichbedeutend sein mit dem Ergebnis, daß sie für immer ein Kind, ein 30 - jähriger Erwachsener oder ein alternder Greis bleiben müßten. Haben Aie sich darüber schon einmal Gedanken gemacht, an ihren eigenen Körper gefesselt zu sein? Was ist, wenn Sie zudem noch krank sind, große Schmerzen haben oder ein wie auch immer unwürdiges Schicksal führten? Ich möchte jedem selbst die Entscheidung einer Antwort überlassen. Wir jedoch, unsere Rasse, hat sich bereits entschieden: wir wollen wieder wachsen, sterben und neu entstehen.«

Dieses Plädoyer erschütterte alle Anwesenden. Steff erinnerte sich an die Augen des Santoganers. Wieviel Gefühl mochte darin liegen? Und in welchem Widerstreit?

Aber der Kapitän war noch nicht fertig. »Nun, wie erhoffen wir uns eine Abänderung dieses Schicksals? Eine Rettung? Die uns betreffenden bi-3 Positronen haben - wie erwähnt - die Eigenschaft, kurzfristig Elektronen an sich zu halten, sich an Materie zu binden und entweder dann zu zerfallen oder diese weiterzugeben. Zum Beispiel an unsere Ionen. Da die Positronen nämlich eine noch schwächere Bindungskraft als unsere Gittergeraden haben, können sie so ihre Materieteilchen abtrennen und unseren Ladungszustand auffüllen und kräftigen. Dadurch gelangen wir wieder in einen Zustand, der es uns ermöglicht, von selbst die Gittergeraden wieder zu vervollkommnen. Die Morbidität unserer Struktur wäre geheilt.« Er hielt inne, um dann zu vollenden. »Und wir wären der Menschheit zu unendlichem Dank verpflichtet.«

Ein Geraune ging durch den Saal, und vor allem die Menschen waren in hitzigen Gesprächen vertieft. Doch Shan-Ucci setzte noch einmal an. Mit einer um Ruhe bittenden Geste erhob er sich. »Meine Herren, ich bin nun am Ende meiner Rede angelangt und möchte deshalb nicht versäumen, Sie in einem Punkte zu informieren, der vielleicht als erster zu einer Reihe von Danksagungen gehört, zu denen wir uns allein schon durch Ihre Mitarbeit und Teilnahme verpflichtet fühlen.«

Es kam irgendwann ein Zeitpunkt, an dem sich in Steff die Ansicht verstärkte, daß die nächsten Worte, die Shan-Ucci nun sprach, ganz besonders für ihn bestimmt waren. Denn es sollte sich erweisen, daß sie sein weiteres Leben auf das entscheidenste beeinflußten.

»Erst kürzlich abgeschlossene Messungen - die nur möglich waren, weil wir die Konstellation der Erde vor 50 bis 60 Millionen Jahren, die durch ihre Wanderbewegung innerhalb der Galaxis in dieser Zeit für uns verdeckt war, in einem Sternenhaufen wiederfanden - konnten nachweisen, daß die Positronenmission während dieser Periode auszubleiben begann.«

Er hielt kurz inne und schaltete mehrere Gedankengänge gleichzeitig. »Sie begreifen, nebenbei gesagt, daß erst mit dem endgültigen Stopp des Auswurfes menschliches Leben möglich werden konnte.« Er machte erneut eine Pause und musterte die Gesichter der Menschen. »Danach erst konnte sozusagen die erste Stufe einer wohl noch recht unähnlichen menschlichen Vorform beginnen, meine Herren.« Er hob erneut den Kopf. »Doch bevor die Emission gänzlich aufhörte, konnten wir eine starke Unruhe der thermischen Konvexionsströmung im Erdinnern feststellen. Da, wie Herr Ddr. Maiger Ihnen nachher bestätigen wird, kontinentale Landmassen sich langsamer als kleinere Platten bewegen, kommt es gelegentlich zum Gegeneinanderreiben und Abtauchen wie in diesem Fall einer ganzen ozeanischen Platte, die dann durch ihr Abschmelzen in der heißen, kernnahen Athenosphäre als Magma wieder eruptiert und zu kleineren Landmassen aufgebaut wurde.«

Bestätigung suchend schaute er Steff an. Als dieser nickte, um den weiteren Ausführungen zu lauschen, fuhr er fort: »Durch das Auseinanderbrechen der Landmassen und ihrer Erhitzung entstehen nun Dehnungskräfte, die auch unterirdisch ein Eindringen in andere Gesteinsschichten ermöglichten. Dieser Umstand erklärt, warum der Auswurf von bi-3 Positronen immer spärlicher wurde. Durch das fließen des bei 1000° verformbaren Fels haben sich Gesteinshöhlen gebildet, die immer weiter unterirdisch verlaufen sind, so daß sich allmählich der Fels über ihnen schloß. Wir können mit Sicherheit davon ausgehen, daß die Positronen aus den positiv geladenen Mesonen entstanden sind, die von einer Pflanze ausgeschieden wurden und wegen ihrer Instabilität schnell in bi-3 Elemente zerfielen. Die für Sie nun wichtige Erkenntnis ist die, daß die schon erwähnte fast rechtwinklige Ablenkung des weiterhin entstehenden Photons an dem CO2 - Molekül darauf deutet, daß große Vorkommen des Kohlendioxyds aufgrund der Kurzlebigkeit von Meson und Positron vor allem in der unmittelbar unterirdischen Umgebung der Pflanze sein mußten. Dessen beträchtliche Anhäufung dort weist aber auf einen Organismus hin, der das ausgestoßenen O2 der Pflanze, welches eigentlich nur vorzufinden sein müßte, direkt in Kohlendioxyd umsetzte. Und dieser Kreislauf«, an dieser Stelle blickte er ein letztes Mal die anwesenden Wissenschaftler an, um sich ihrer Reakton zu vergewissern, »dieser Kreislauf des Kohlenstoff - Sauerstoff - Haushalts deutet auf den in ihrem Sinne wohl wichtigsten Nebenffekt unserer Positronensuche hin: auf das Vorhandensein von atmendem Leben in direkter Umgebung einer später auch unterirdisch weiterwachsenden Pflanze!«

Nach diesen Worten hüllte er sich in beredsames Schweigen. Er brauchte nicht lange warten, dann brach ein Riesentumult im Saale aus. Er sah, wie Dr. Maiger aufsprang. »Kollegen«, rief Steff und konnte nur mit Mühe seine Stimme über den Lärm erheben, »wissen Sie, was das heißt? Daraus folgt nicht nur die Annahme, daß Leben mit diesen sich in unmittelbarer Nähe der Pflanze befindlichen tödlichen Positronen auf unserer Erde möglich war, sondern auch, daß dieses wie auch immer beschaffene Leben den Pflanzen unter der Erde folgte und«, hier wollte ihm zunächst die Stimme versagen, »daß dieses Leben - wie auch immer - noch heute da sein kann... Dabei stellt sich die Frage«, und er mußte erneut ansetzen, »ob es sich hierbei im Laufe der Jahrmillionen noch um tierisches Leben handelt oder mittlerweile gar um die Existenz einer neuen, intelligenten Spezie.«



»Mein lieber bürgermeister!« Der Mann mit dem gewichtigen Kugelbauch schien sich zu freuen. Sein linker Mundwinkel hob sich einwenig zu einem schiefmäuligen Grinsen. An der anderen Seite steckte zwischen beiden Zahnreihen eine 20 cm lange Zigarre.

»Wir sind erfreut, Sie sobald einmal wiederzusehen«, fügte er hinzu. Diese Schmeichelei änderte jedoch nichts an der Tatsache, daß er ihn zu dieser Geheimaudienz mehr oder weniger befohlen hatte.

Posikol nahm artig Platz, obwohl er innerlich einwenig zitterte. Ihm war nie ganz geheuer, wenn er mit dem anderen zusammen war. Unter Seinesgleichen konnte er schon mal ein Geschäft drehen, aber dann war auch auf jeden einzelnen verlaß. Doch hier, inmitten der Mächtigsten der Industrie, hatte er stets das ungute Gefühl, sich im nächsten Augenblick ohne den Bruchteil eines Gewinnanteils vor der Tür wiederzufinden, nur noch froh seines Lebens.

»Na, mein Lieber.« Ihm wurden Salzkräcker und Wein angeboten. Das am frühen Nachmittag. Hilflos nahm er die Schale entgegen. »Sie fragen sich sicher, warum wir Sie hierher gebeten haben.«

Posikol nickte eifrig und starrte jeden der drei Herren der Reihe nach an. Die beiden anderen kannte er nicht. Einer von ihnen schmauchte eine ebenso lange Zigarre, deren Qualm ihm unangenehm den Rachen reizte. Er saß, die Arme auf den Lehnen gestützt, der Länge nach leger in einem riesigen Ledersessel. Der andere war von hagerer Gestalt, blinzelte ihn einwenig nervös an und nahm dann einen kräftigen Schluck aus seinem Kognakschwenker.

»Das hier ist der zweite Vorsitzende der United Oil Company Hamburg, von der sie sicher schon gehört haben. Und der Herr neben Ihnen«, Er zeigte auf den Hageren, »ist Dr. Kortgens, unser Physiker. Sie sehen daran, lieber Bürgermeister, daß wir es hier mit einem rein wissenschaftlichen Belang zu tun haben und mit Ihnen nicht schon wieder über Geschäfte reden wollen.« Er lachte laut auf und stierte Posikol dabei unablässig an.

Dieser rutschte ungemütlich und keineswegs beruhigt auf seinem Sessel hin und her. Dann faßte er sich ein Herz und sagte: »Ja, meine Herren. Können sie mir jetzt bitte sagen, worum es geht. Sie wissen, ich habe wenig Zeit, und mein Terminkalender ...«

»Aber ja doch«, unterbrach ihn sein Gastgeber. »Sie werden sich sicherlich fragen, warum wir sie so abrupt aus Ihren Amtsgeschäften gerissen haben. Auch uns ist das sehr unangenehm, aber unsere Angelegenheit ist selber so dringend, daß wir sie rasch zwischen den Terminen Ihres Kalenders nachtragen mußten.«

Er setzte sich nun auch und verursuchte dabei in dem griffigen Leder seines Sessels ein quietschendes Geräusch. »Herr Posikol, wir haben erfahren, daß im Zusammenhang mit den santoganischen Positronen davon ausgegangen werden kann, daß sich unterhalb unserer Erde etwas ... Hmm, sich etwas befindet, von dessen Existenz wir bislang keine Ahnung hatten. Aber«, und er hob abwehrend die Hände, »fragen Sie mich nicht, woher ich das weiß. Ich bitte Sie auch nur um eine klare und kurze Antwort: können Sie bestätigen oder nicht?«

In der darauffolgenden Stille hörte Posikol sein Herz schlagen. ‚Woher konnten sie davon wissen?’ Er hatte es erst gestern Abend selbst von Shan-Ucci auf der Kabinettsbesprechung erfahren. Gab es eine undichte Stelle? Er mußte schnell antworten. Ein weiteres Zögern wäre zu auffällig.

»So, wie Sie es ausdrücken, kann ich es auf keinen Fall öffentlich bestätigen.«

»Wie sollen wir das verstehen? Sie glauben doch nicht, daß uns die Öffentlichkeit hier interessiert. W i r wollen es schließlich wissen, nicht die Zeitung!«

Posikol hatte auch nur einige Sekunden Bedenkzeit schinden wollen. ‚Na klar wollt nur ihr es wissen. Und mir dann in die Geschäfte funken.’ Er nahm etwas Salzgebäck, um den Mund voll zu haben. ‚Auf keinen Fall’, überlegte er, ‚dürfen die davon erfahren.’

»Ich meine damit, daß - wenn ich Ihnen die Wahrheit sagen soll - ich es einfach dementieren müßte.« Er schaute hoch. Die Reaktion der anderen war entsprechend.

»Wie ...« der zweite Vorsitzende wandte ihm den breiten Kopf zu. Sein Mund bildete eine beinahe perfekte Kreisöffnung. Wie ein Karpfen schien er nach Worten zu schnappen.

»Ja, meine Herren, das ist leider schlichte Tatsache. Wir haben in Wahrheit rein garnichts gefunden. Wir werden aber in den nächsten Tagen die Presse informieren, daß unterhalb der obersten Bodenschicht mehr sein könnte, als wir bislang für möglich hielten. Mehr als nur die Pflanze. Ich betone aber, daß wir es lediglich vermuten, nicht schon bestätigen.«

Genüßlich griff er nun zu dem vor ihm stehenden Weinglas und trank es bis auf den Grund leer. Das war zwar vollkommen entgegen seiner Devise, aber er erlaubte sich bei gewissen Husarenstücken schon das eine oder andere Mal eine Ausnahme von der Regel. Sein ansehnlicher Leibesumfang und sein doppeltes Kinn bewiesen es. ‚Daß es dort tatsächlich Leben geben soll, erfährst du als letzter’, dachte er. Nicht, bevor wir nicht selbst den Fundort haben.’

»Sie meinen also, daß das ganze nur eine Ente ist?« Ungläubig wie ein kleines Kind schaute ihn der Konzernboss an. »Und das wollen sie den Zeitungen verkaufen?«

Betreten wie ein Schuljunge, den man bei seinem ersten Streich erwischt hat, nestelte er mit seinen dicken Fingern an seinem seidenen Schlips. Dann fing er donnernd an zu Lachen. Mit dabei weit aufgerissenem Mund blickte er mit seinen nun von den feisten Backen zugestülpten Augen heiter um sich und wartete, daß die anderen in sein Lachen einfielen.

»Sagen sie, Bürgermeister, wie sind sie nur auf diese Idee gekommen? Und wen wollen sie dabei bloß übers Ohr hauen?« Gierig machte er sich bereit, den Erklärungen des anderen zu lauschen.

»Schauen sie«, antwortete dieser zögernd. Er war nun wieder ganz in seinem Element. »Sie werden verstehen, wenn ich Ihnen nicht allzuviel darüber sagen kann. Soviel nur, auch damit Sie mir nicht irgendwann selber in die Quere kommen«, fügte er noch schnell auflachend hinzu. »Wir wollen zunächst in Schottland, das über billigen und unwirtschaftlichen Boden verfügt - unter Umständen auch noch anderswo -, nur einwenig spekulieren. Das Land wird über eine Maklerfirma an geschäftstüchtige Baufirmen weitergegeben. Wobei ich wohl nicht erwähnen brauch, daß wir mit unseren Namen lediglich im Hintergrund agieren und auf keinen Fall damit öffentlich in Beziehung gebracht werden wollen.«

Der Gastgeber nickte anerkennend. »Natürlich haben Sie sich einen erklecklichen Anteil des Bodens selbst gesichert, Bürgermeister, wie?«

Verschwörerisch paffte er in die Runde und prostete jedem einmal zu. Dann legte er seine halb abgebrannte Zigarre in den Aschenbecher und stand auf.

»Ich will Sie nun nicht länger aufhalten, Herr Posikol. Darf ich Sie noch zur Tür begleiten?«

Nun erhobenen Hauptes verabschiedete sich der Bürgermeister von den anderen. Als er Dr. Kortgens die Hand gab, richtete dieser plötzlich eine Frage an ihn: »Wie erklären Sie sich die Tatsache, daß Shan-Ucci Sie über das Vorhandensein von Leben unterrichtet hatte, wenn es nur eine Finte von Ihnen selbst ist?«

Posikol stand wie gelähmt. Aber sogleich fing er sich und erwiderte: »Das mußte so sein, lieber Kortgens. Wie konnten wir die Geschichte glaubhafter machen, als wenn sie nicht vom Kapitän der Santoganer selbst kam? Dabei hatte er diese Information allein von den wissenschaftlichen Mitarbeitern unserer Raumfahrtbehörde.« Und an den Gastgeber gewandt fuhr er fort: »Oh, mein Lieber, habe ich das verdient? So ein Mißtrauen. Aber wenn schon, dann sagen Sie doch bitte ihrem wertgeschätzten Doktor, daß er sich einerseits bei unserem Senator für exterristische Angelegenheiten und zum anderen -« hier hielt er inne und empfand seine weiteren Worte als einen letzten Triumph, »doch mal im Katasteramt von Dumfries erkundigen soll. Das liegt im Süden von Schottland.«

Mit einem siegessicheren Lächeln kehrte er dem Physiker den Rücken. Sein Gastgeber geleitete ihn nun höflich am Arm führend in den Korridor. Posikol atmete breit durch. Dabei fand er schon wieder Muße, die wundervolle Gemäldereihe des Konzernchefs zu bewundern. Sogar einen Van Gogh konnte er ausmachen. Vor dem Spiegel half ihm der andere in den Mantel, wobei dessen Mund dem Ohr des Bürgermeisters nahe kam.

»Es tut mir wirklich leid, daß Dr. Kortgens ihnen immer noch mißtraut«, sagte er, wobei er völlig vergaß, daß er vor wenigen Minuten noch wesentlich hörter mit ihm umgesprungen war. »Aber ich werde mit ihm reden.« Einwenig leiser flüsternd fügte er hinzu: »Und vergessen Sie bitte nicht unser Gespräch von heute Mittag, Bürgermeister. Wenn Sie mir genug Grundstück für Lagerhallen gewähren, könnte ich Sie auch an der zu erwartenden Rendite beteiligen, die wir durch einen zurückhaltenden und gesteuerten Auswurf des Öls auf dem Markt erzielen werden. Eine Hand wäscht die andere. Und denken Sie doch einmal daran, was für Sie drin läge - vorausgesetzt, ich habe erstmal das alleinige Startrecht für Touristenflüge nach Santoga. Wenn mir Berlin eine Start - und landeerlaubnis erteilte, ja wenn Berlin vielleicht sogar die einzige Stadt wäre, für die eine solche Fluggenehmigung vorliege!« Er schaute Posikol direkt in die blassen Augen. »Sehen sie, mein lieber Bürgermeister, was alles drin ist, wenn Sie mit mir zusammen arbeiten!« Stolz und erwartungsfroh lächelte er ihn an.

Und Posikol lächelte zurück. Er hielt es für das Beste, sich diesen Mann nicht zum Feind zu machen. Und vielleicht war wirklich etwas für ihn drin.



Gegen Abend fanden sich alle menschlichen Teilnahmer der Santoga-Reise und weitere namhafte Wissenschaftler zu einer erneuten Konferenz zusammen. Die Vermutungen, die ihnen Shan-Ucci vor wenigen Stunden eröffnet hatte, bildeten durchweg das Hauptthema aller Anwesenden.

Vor Eröffnung der Sitzung war es jedoch noch zu einer Auseinandersetzung gekommen. Fast alle Frauen und auch einige männliche Wissenschaftler hatten kurzfristig eine weitere Problematik aufgenommen: die stetig anwachsende Bürgerwehr der Frauen, die sich mit den diskrimierenden Verhältnissen nicht bescheiden wollten. Die Konferenz sollte in diesem Punkte die Santoganer zu schnelleren, versöhnlicheren Schritten drängen. Zweifellos bestanden bei allen Teilnehmern Klarheit über die Untragbarkeit des Zustands, den die Außerirdischen heraufbeschworen hatten. Aber es gab noch längst keine Einigung über die Möglichkeiten, auf ein Umdenken ihrer Sichtweise einzuwirken. Zumal viele glaubten, die bereits anstehende Thematik sei mehr als genug. Deshalb wurde lediglich am Anfang in einer Resolution auf mehrere Punkte verwiesen, in denen über Zusammenführung und Information auch ein gewisser wirtschaftlicher Druck auf die Santoganer ausgeübt werden sollte. Nicht zuletzt wurde gefordert, mehrere wissenschaftliche Termine mit ihnen an der Freien Universität ultimativ unter Frauenbeteiligung anzusetzen.

Zusätzlich war eine größere Berichterstattung über die santoganische Welt geplant. Erst dann standen Shan-Uccis jüngste Eröffnungen, aber auch die Gesamtthematik der Reise zur Debatte.

Denn die Wissenschaftler waren teilweise schon seit Wochen in Berlin, um die anstehende Exkursion und ihre dortigen Aufgaben mit vorbereiten zu helfen. Neben den Beobachtungen der Erde, die natürlich unter einem ganz besonderem Reiz standen, sollten zum Beispiel auch Versuche an-gestellt werden, die steigende Dichte von Metallen unter größeren Gravita-tionbedingungen und das veränderte Verhalten von Aminosäuren in einer schwefelhaltigen Atmosphäre zu untersuchen.

Nicht zuletzt aber bestand ein Hauptanteil der Fahrt darin, sich auf dem anderen Planeten nach neuartigen Technologien umzuschauen beziehungsweise die bereits erläuterten an Ort und Stelle zu erfahren und Möglichkeiten zu prüfen, inwieweit sie auch auf der Erde Gültigkeit hätten.

Außerdem wies Santoga eine Fülle an den Menschen noch unbekannten Stoffen auf, die zum Teil künstlich hergestellt wurden oder Verbindungen aus bereits vorhandener Materie besassen, sich zum Teil aber auch als Rohstoffe in der Erde oder auf dessen Oberfläche befanden. Hierzu gehörte zum Beispiel das den Menschen so wichtige Öl, das nur einer geringen Reinigung bedurfte, um dem irdischen gleichzukommen.

Hauptausfuhrfaktor neben dem Öl aber waren auch die x-tausend verschiedenen Kunststoffarten, die in immer zahlreicheren Varianten und den Menschen unmöglich mutenden Zusammensetzungen und Eigenarten vorkamen.

Eine reichhaltige Auswahl dieser Silikatkonfigurationen war im Konferenzsaal ausgestellt worden. Die diesbezüglich interessierten Forscher bildeten kleine, gespächsvertiefte Gruppen um sie herum. Eine weitere hatte sich in der Nähe des Ausgangs formiert, direkt unter der wuchtigen und ausladenden Stukatur des mächtigen Portals.

Zu den dortigen Wissenschaftlern hatte sich auch Steff gesellt. Weiter befanden sich hier Professor Erskin, Professor Ambros, ein Landsmann des Engländers, der stets in einem konservativen Tweed gekleidet und nur mit Mühe und wahrlicher Überredungskunst von seiner ständig qualmenden Pfeife zu trennen war, Dr. Mckenzie, ein gebürtiger Ire, der zur Zeit einem Ruf in Chicago nachkam, aber als führender Paläontologe sich die Chance, an dieser Konferenz beteiligt zu sein, nicht entgehen ließ. Ebenso wie er hatte sich ein weiterer Ire, der die Fahrt nach Santoga selbst mit antrat, auf diesem Gebiet spezialisiert. John Cavanac hatte nicht nur die Strömung des Kontinentaldrifts, wie sie vor 500 Millionen Jahren bestand, verfolgt und karteografiert, er hatte auch die Entwicklung der Oberfläche der nächsten 500 Millionen Jahre prognostiziert. Er war stets freundlich, einwenig wortkarg und manchmal ziemlich impulsiv. Er hatte einen rotblonden Schnurrbart, trank viel Whisky und wurde dann noch impulsiver.

Der dritte Paläontologe, der mitfuhr, stand neben ihm. Des 40-jährigen Dr. Ravishnaris kleine Figur schien leicht übersehen zu werden, zumal er von schüchternem Verhalten war. Seine dickglasige Brille ließ die sich dahinter verbergenden Augen jedoch groß hervortreten. Die sonst üblichen Kontaktlinsen vertrug seine Netzhaut nicht.

Er wandte sich sogleich an Steff, als dieser neben ihm trat. »Dr. Maiger, sagen Sie, hat sich bei ihnen eigentlich auch wieder einer von diesem mysteriösen Geheimbund gemeldet? Ich weiß schon garnicht mehr, wie ich mich ihm gegenüber verhalten soll.« Seine großen, kurzsichtigen Augen blinzelten ihn aus äußerster Nähe an. Unwillkürlich trat Steff einen halben Schritt zurück.

»Ja, bei mir hat sich auch wieder so einer gemeldet. Aber ich kann Ihnen nur raten, keine Informationen preiszugeben. Von mir wollte er zum Beispiel wissen, wie Shan-Ucci auf unsere Fragen bei dem Vorgespräch reagiert hat. Solange wir aber nicht deren Hintermänner kennen, dürfen die keine vertraulichen Details erfahren. Vor allem bin ich mir noch nicht über ihre Motive im Klaren.«

Der Inder nickte eifrig. »Ich habe auch nichts gesagt, aber sie haben gedroht, daß noch irgendwas passieren wird. Vor allem fühle ich mich von ihnen beobachtet.«

Steff wußte dessen Worte nur zu gut zu bestätigen. Doch in ein, zwei Tagen, dachte er, ist alles vorbei. Dann waren sie weit weg von der Erde. Deshalb beruhigte er Ravishnari und riet ihm, die Verfolgung dieser Angelegenheit ruhig seinen zurückbleibenden Kollegen zu überlassen.

Das ganze Gespräch fand übrigens auf englisch statt, eine Selbstverständlichkeit dieser Zeit, da es zu jedem Schulpflichtfach eines Landes ebenso wie das der eigenen Sprache gehörte. Verständigung unter den Nationen war das geringste aller Probleme im Jahr 2082.

Steff richtete seine Aufmerksamkeit nun auf die Worte des neben ihm stehenden Professor Ambros, nach dessen Meinung sich Gondwana, neben Laurasia (Asien und Nordamerika) der zweite Großkontinent der damaligen Zeit, vor 100 Millionen Jahren in Südamerika, Afrika und Indien und einer noch verbundenen Landmasse Australien/Antarktis auftrennte.

»Dieses waren die kontinentalen Voraussetzungen der Epoche, in der von Santoga aus heute die Erde und damit auch die Emission der Positronen beobachtet wird.«

»Wobei ich darauf hinweisen möchte«, gab John Cavanac zu bedenken, »daß diese Platten nur den geringsten Teil der Erdoberfläche ausmachten. Der weit größere Teil, über dessen Bewegungen wir noch keine Aufschlüsse haben, schwimmt als untergetauchte Masse aus leichterem Gestein auf dem dichten Material des Erdmantels. Ich glaube deshalb nicht, daß wir aus den äußerlichen Beobachtungen schon auf den tatsächlichen Ursprung der Positronen schließen können.«

»Ganz richtig«, pflichtete sein Landsmann mckenzie ihm bei. Gerade in dieser Zeit werden bis zu einer Tiefe von 700 Kilometern Landsenkungen verzeichnet, deren Platten durch die Spannung des dort vorherrschenden Drucks des härteren Gesteins wieder einen Auftrieb erhalten, der eine Verfolgung der Positronenwanderung - vorausgesetzt, ihre Herkunft ist überhaupt entdeckt - durch ihre ständige Verschiebung beinahe unmöglich macht.«

»Sie glauben doch nicht etwa«, polterte Professor Ambros entrüstet, »daß das isostatische Gleichgewicht der Oberfläche eine Auswirkung auf den Verlauf der Positronen haben könnte. Das würde ja bedeuten, daß diese Pflanzen, wenn die bi-3 Teilchen überhaupt von ihnen produziert wurden, unter der Erde, ja in einiger Tiefe sogar, und das auch noch in einer unvorstellbaren Hitze, existierten.«

Ärgerlich brummelte er noch im nachhinein verdrossen vor sich hin. Aber er mußte sich sogleich den Äußerungen von Cavanac stellen: »Genau, Professor! So wird es sich abgespielt haben. Diese Pflanze war nicht nur absolut hitzebeständig, sie mußte auch die Fähigkeit besessen haben, völlig ohne Sonnenlicht auszukommen. Und zudem muß sie auf eine Verarbeitung von CO2 basiert haben, die nicht nur auf sie, sondern auch auf einen realen Organismus hinweist, der über ebsenolche bewundernswürdigen Fähigkeiten verfügt haben muß.« Er schaute auf die Uhr. »Ich glaube, darüber wird ihnen gleich Frau Dr. Sander mehr sagen können. Sie hat sich mit dieser merkwürdigen Pflanze einwenig näher befaßt und stützt sich dabei auf unsere Theorie, daß sie sich unterhalb der Erdoberfläche aufgehalten hat.«

Die Pause von einer Stunde war nun zuende, und Steff und die anderen gingen wieder zu ihren Plätzen. In einem Halbrund waren um eine Rednertribüne Tische angeordnet, an denen alle Beteiligten den weiteren Verlauf verfolgten.

Als nächster Referent betrat zunächst ein schneidiger Japaner das Podium, der ein über die Hosen hängendes, langes Tuchhemd anhatte. Aus den weiten, kurzärmligen Öffnungen schlenkerten dünne Arme heraus. Die Fingerkuppen waren dunkel von Nikotin. Als er seine Unterlagen auf das Pult legte, klopfte er dreimal gegen das Mikrofon. In dem geräumigen Saal verhallte das Plopp zu einem tausendfachen Crecendo.

Er berichtete über den Meteoriteneinfall vor 65 Millionen Jahren und über die darauffolgende Abkühlung der Erdoberfläche. Aber neue Informationen konnte er den anwesenden Wissenschaftlern nicht geben. Über das von Shan-Ucci bereits Gesagte ging sein Vortrag nicht hinaus. Lediglich der Hinweis darauf, daß das in der Erdatmosphäre gefundene Iridium 100 höchstwahrscheinlich direkt von dem heruntergestürzten Meteoriten stammen könnte, vermochte ein gewisses Raunen hervorzurufen. Denn dieser unmittelbare Zusammenhang erleichterte die Suche nach dem damaligen Ort des Auftretens der Pflanze, da das Iridium einfacher festzustellen war, als die kleineren Partikel der bi-3 Positronen.

Danach ging Dr. Sander ans Pult. Sie war eine kleine, aber äußerst drahtige Frau um die fünfzig, die sich energisch vor das Mikrofon stellte und scharf in die Runde blickte. Sie hatte eine schlanke, fast schon zierliche Figur, die noch besonders durch ihre Jeans und ihr eng sitzendes Rüschenhemd betont wurde.

Als sie das Wort an die Anwesenden richtete, begleitete sie ihre Aus-führungen mit unerwartet grazilen Gesten, die ihrem forschen Ausdruck zunächst nicht zu entsprechen schienen. Schon bald hatte sie die Gemüter ihrer Zuhörer mit ihrem Charme aus resoluter Weiblichkeit gefangen. Wie sich herausstellte, eine wichtige Beigabe ihres Vortrages, denn gleich zum Anfang hin machte sie kein Hehl aus der Brisanz ihres Themas.

»Bei Assimilation des Kohlenstoffs mithilfe von Nitrat-, aber auch Wasserstoff- und Schwefelbakterien und der zur Reduktion des Kohlendioxyds notwendigen Oxydationsenergie des schwefligen Wasserstoffs ist ein Lebenskreislauf unabhängig vom Licht der Photosynthese möglich. Ein auf Chemosynthese beruhender Pflanzenwuchs ist bei uns zum Beispiel in 2500 Meter Wassertiefe der Fall. Normalerweise, wie Sie wissen, entnehmen die fotosynthetischen Pflanzen dem Boden Wassermoleküle und der Luft Kohlendioxyd. Sie kombinieren dabei den Wasserstoff mit Kohlenstoff und Sauerstoff und produzieren so organische Stoffe. Bei der Chemosynthese stammt die Energie direkt aus der Hitze des Erdinneren. Sie wird in Form von Schwefelwasserstoff durch Spalten nach oben transportiert. In der Nähe der Öffnungen, wo es freien Sauerstoff und Kohlendioxyd gibt, oxydieren dann Bakterien, die sich durch die dort ansäßigen Geysire angesiedelt haben, den Schwefelwasserstoff und verwenden diese Energie, um Wasserstoff mit Kohlenstoff und Sauerstoff zu organischer Materie zu verbinden.«

Am Schluß des Referats wies sie noch darauf hin, daß die Mikroorganismen der Geysire den Kohlenstoff in organische Materie durch Oxydation einbauen. Bei wirklich großen Tieren aber konnte sie sich nicht vorstellen, daß allein Schwefelverbindungen oder die Pflanze als Nahrung dienen mochten. Wie auch immer mögliches Leben unter der Erde auszusehen hatte, es muße warm sein, Schwefelausdünstungen, Wasser und eine Art Bakterie besitzen, um den Schwefelwasserstoff zu oxydieren.

Mit einem letzten Blick über das Auditorium verließ sie würdevoll und grazil das Podium, nickte noch einmal dankbar für das anerkennende Klopfen und nahm ihren Platz wieder ein, so als ob nichts besonderes gewesen wäre. Doch in ihren Augen zeichnete sich unverkennbar Würde und auch ein bißchen Stolz ab, den ihr der Erfolg ihres Kurzreferates gebracht hatte.

Der nächste Redner war Professor Ambros. Mit langsamem Schritt und gewichtiger Miene näherte er sich dem Podium. In diesem Augenblick knackte es draußen heftig vor einem der riesigen Fenster. Einige schauten nach oben, konnten aber nichts feststellen. Vielleicht eine schnelle Bewegung im Laub der Bäume, die jedoch auch leicht durch den einsetzenden Wind verursacht werden konnte.

Am Pult nun angelangt, hob der Professor die Hand und rief: »Sehr verehrte Damen und Herren, ich glaube, wir alle müssen uns bei Frau Dr. Sander für diesen engagierten Beitrag bedanken. Selbst mir schien die Logik ihrer tapferen Worte mit wachsender Dauer immer stärker einzuleuchten. Wohl auch ein Verdienst ihrer weiblichen Vorzüge.« An dieser Stelle ertönte ein Pfiff, den Ambros jedoch nicht beachtete. Er verlor noch einige Sätze über das fachliche Können seiner Vorrednerin, nicht ohne gleichzeitig auf ihre femininen Vorteile hinzuweisen. Ärgerlich stieß Steff auf, daß er sich trotz seiner unmißverständlichen Kritik mit keinem Wort direkt zu ihren Argumenten äusserte.

Endlich hielt er sich an seinen eigenen Beitrag, der der Frage nach der damaligen Fauna und Flora nachgehen sollte. Die dominierende Lebensform des Mäzoikums waren die Reptilien. Diese hatten zuerst seitwärts gespreizte Gliedmaße, wobei sie den Rumpf unter großen Anstrengungen vom Boden zu heben hatten. Später wurden diese unter den Körper geschwenkt wie Säulen, der Bauch dadurch über den Boden erhoben und das eigentliche Gehen ermöglicht. Schließlich schritten sie zum Teil sogar auf den Hinterbeinen, wobei der Schwenkpunkt in Hüfthähe lag, der Oberkörper horizontal und der Schwanz zur Balance erhoben war.

»Ein entscheidender Vorgang bei den Sauriern, der wesentlich zu ihrer damaligen Dominanz beitrug, meine Damen und Herren«, betonte er. Dann führte er die Entwicklung der Sauropoden aus. Vor 120 Millionen Jahren lebten die ersten dieser Saurier auf der Erde. Sie waren vierfüßig, hatten einen kleinen Kopf, einen langen Hals, einen großen Schwanz und erreichten eine Länge von über 30 Metern. Da die Stärke der Knochen und Muskeln zur Größe proportional wuchs, das Gewicht sich aber proportional zur dritten Potenz änderte, mußten sich, während das Reptil sich zum Beispiel in der Größe verdoppelte, die Gliedmaßen vierfach verstärken bei achtfachem Gewicht. Erreicht wurde dieses Verhältnis, indem die riesigen Knochen und Wirbel Hohlräume bildeten und durch mächtige Bänder verbunden wurden. Da sie dabei sehr viel Essen mußten, konnten sie mit ihren kleinen und sehr schwachen Kiefern nur äusserst nahrhafte und weiche Nahrung aufnehmen. Durch den großen Leib vermochten sie allerdings, die Körpertemperatur auch nach Sonnenuntergang beizubehalten, da die Wärmeabgabe beschränkt blieb. In einer Schwellung des Rückenmarks der Hüftregion, die größer als das Gehirn war, hatten sie zudem Nervenbahnen gebildet, die einen Reflex am Schwanz hervorrufen konnten, noch bevor der Impuls den Kopf erreicht hatte.

Der Professor redete mit großen Gesten auf die Zuhörer ein, nicht ohne es zu versäumen, den einen oder anderen direkt anzusprechen oder gar zu zitieren. Damit sicherte er sich stets einen Teil der Meinungen, denn er war darauf bedacht, am Ende seiner Rede gänzlich zu obsiegen.

Derweil begann er, die Fauna durch die einzelnen geschichtlichen Etappen in groben Zügen zu beschreiben. Im Trias waren zwar die beiden Kontinente Laurasia und Gondwanaland durch das große Meer, die Thetys, voneinander getrennt, aber durch das Schelf war ihnen eine Wanderung möglich, so daß sie sich nicht sonderlich voneinander unterschieden. Diese Tatsache vollzog sich erst im Jura durch die Teilung des Mittelatlantik und bildete sich in der Kreide vollkommen aus, so daß es dann in Nordamerika und Europa verschiedene Arten von Sauriern gab.

Nun gelangte er zum letzten Teil seines Vortrages. »Wie kommen wir zu solchen Erkenntnissen?« fragte er und beantwortete sich gleich selbst. »Die häufigsten Aufschlüsse wurden aus fossilem Gestein erworben. Dabei mußten die Kadaver in wandernden Sanddünen, vulkanischer Asche oder Schlamm eingebettet sein. Dort wurden sie von sich rasch anhäufenden Sedimenten bedeckt, wobei die Weichteile verwesten, Knochen, Zähne oder Schale sich jedoch länger hielten. Dabei konnten diese sich manchmal mit in Sickwasser gelösten Mineralien anreichern. Trotz der Formerhaltung, die nur von überlagernden Schichten durch die Zusammenpressung einwenig getrübt wurde, änderte sich die chemische Zusammensetzung völlig. Zusätzlich gaben Exkremente und Mageninhalte Aufschluß über die Nahrung.«

Der Professor fing nun reichlich an zu schwitzen, denn sein Referat hatte ihn doch einige Anstrengung gekostet. Außerdem trug die Schwüle des sich kaum kühlenden Abends ein Wesentliches zu seinem physischen Unbehagen bei. Aber er war nun zuende und erhob ein letztes Mal seine Stimme:

»Meine Damen und Herren, Sie werden sich sicherlich wundern, warum ich ausschließlich über die Saurier referiere. Warum habe ich nicht auch die Säugetiere, im Wasser lebende Arten oder die Vögel erwähnt? Nun, die Saurier waren in dieser Zeit die alles beherrschenden Tiere. Sie hatten sich zu einer Anpassung an die Umwelt entwickelt, zu einer Stärke und Macht, der sich alle anderen unterwerfen mußten. Aber dennoch gingen sie alle ein. Eine uns kaum erklärbare Tatsache, mit der sich gleich anschließend mein Kollege Dr. Maiger beschäftigen wird. Doch starben sie auch wirklich alle aus? Uns schon seit Jahren bekannte Untersuchungen weisen darauf hin, daß es einigen Sauriern gelungen war, sich in Höhlen anzusiedeln. Dafür sprechen mehrere fossile Funde. Aber die erst heute uns zu Ohren gekommenen Fakten bestärken eine These, die besagt, daß es einigen vielleicht doch gelungen war, sich für einen gewissen Zeitraum noch in geringer Tiefe unterhalb der Erde aufzuhalten und auf den Kohlenstoff - Sauerstoff - Kreislauf der Pflanze, wie von Kapitän Shan-Ucci angedeutet, einzuwirken.«

Damit überließ er Steff das Podest. In vollem Bewußtsein der Bedeutung seiner letzten Worte, mit denen er seinem Kollegen die eigentlich ihm zu überlassende Eröffnung der neu zu interpretierenden Saurierentwicklung platzen ließ, schritt er zu seinem Platz zurück.

Als Steff das Pult betrat, richtete er seine ersten Worte direkt an Ambros: »Lieber Herr Kollege«, begann er und ließ dem Professor Zeit, sich genüßlich ins Taschentuch zu schneuzen, »wenn ich Ihre letzten Worte dahingehend verstanden habe, daß Sie sagen wollen, es gäbe sie heute nicht mehr, die Saurier und die Pflanze, dann muß ich ihnen sofort eine Korrektur anschließen.« Er schaute geduldig zu Ambros hinüber. Dieser verzog jedoch keine Miene, so daß Steff fortfuhr: »Ich behaupte im Gegenteil, daß die Vermutung absolut nicht auszuschließen ist, daß sie bis in unser Jahrhundert überlebt haben könnten.« Die letzten Worte waren mehr herausgerufen, denn den Saal erfüllte zusehens heftiges Geraune. Steff versuchte verstärkt, sich Ruhe zu verschaffen. »Hören Sie mir bitte weiter zu! Ich werde diese These beweisen, indem ich der Reihe nach die Gründe durchgehe, die das Aussterben der Saurier erklären. Der Saurier nämlich«, und hier erhob sich wieder seine Stimme, »die sich nicht in die Höhlen zurückzogen und der nicht der Pflanze folgten!«

Jetzt mußte er einige Augenblicke warten, bis wieder völlige Ruhe im Saal eingekehrt war. Mit einer fahrigen Geste strich er sich über die Schläfe. Er fühlte sich müde und spürte eine tiefe Sehnsucht nach Meika. Doch dann bemerkte er die atemlose Spannung der Zuhörer und konzentrierte sich wieder.

»Durch den von meinem Vorredner bereits erwähnten Meteoriteneinschlag und den daraufhin erfolgten Staubgürtel um die ganze Erde kühlte sich das Klima der Oberkreide auf Jahrzehnte erheblich ab. Dieser Umstand hatte viele bedenkliche Folgen. Erstens wurde die Mikrostruktur der Eierschalen bei den Sauriern pathologisch, daß heißt, während kurzer, extremer Kälteperioden wurden die Wachstumsfunktionen für geraume Zeit unterbrochen, und zweitens: Ohne das Sonnenlicht wurden gerade die Pflanzen in Mitleidenschaft gezogen, die den Sauriern als Nahrung dienten. Besonders der Rückgang einer speziellen Sorte von Wasserpflanzen bedingte in wesentlichem Maße den Einbruch der Urtiere, da diese ohne eine extrem weiche Nahrung wegen ihrer schlechten Zähne und ohne deren massenhaftes und zugleich nahrungskonzentriertes Vorkommen aufgrund ihres großen Eigenverbrauchs verloren waren.«

Steff blätterte für einen kurzen Augenblick in seinen Unterlagen, bis er wieder begann: »Ein weiterer Moment ihres Niederganges Ende der Kreide lag in der Regression, daß heißt dem Rückzug des Meeres durch den verändernden Kontinentaldrift. Da der Dinosaurier sich vorwiegend auf dem Land und möglichst immer an seichten Übergangsstellen aufhielt, mußte er den nun austrocknenden Weidegründen zum einen wegen der wassernahen Flora, zum anderen auch wegen seiner Leibesgröße, weswegen er stets eine Erholungspause im tragenden Wasser bedurfte, den Rücken kehren und die nächste Wasserstelle aufsuchen. Wenn ihm dies gelang, hatte er jedoch mit weiteren Problemen zu rechnen, die als Folge des Drifts entstanden waren. Eine größere Landmasse bedeutete zum Beispiel auch eine erhebliche Anhebung des Meeresspiegels in den seichteren Gebieten. Diese für ihn geeigneten Stellen gab es dann kaum noch. Denn es war dem Saurier unmöglich, bei einer Wassertiefe von über 12 Metern noch zu stehen - und schwimmen konnten nur die wenigsten - eine Erklärung, warum das damalige Krokodil, die Schildkröte und der Pfeilschwanzkrebs, um nur einige Bewohner dieser Küstenregionen zu nennen, überlebte. Weiter pflegte er seine Eier im trockenen Sand knapp oberhalb der Wassergrenze zu legen, wo die Temperatur konstant und wegen der Sonneneinwirkung auch hoch ist. Dieser Umstand führte bei dem ständigen Wechsel der damaligen Zeit von Transgression und Regression zu einer oftmaligen Überflutung und damit zu einer Zerstörung der Nachkommenschaft. Hinzu kam, daß sich nicht nur durch die Kälte, sondern durch die Veränderung des Wasserspiegels auch die für sie wichtige Pflanzenwelt reduzierte.«

Die durch die Fenster blinkende Abendsonne blendete Steff, und er versuchte, seine Position einwenig zu ändern. Dabei erfaßte er in den Augenwinkeln ein erneutes Aufblitzen wie von Eisen, machte sich aber keine weiteren Gedanken, um nicht den Faden zu verlieren.

»Andere Reptilien wie die Champosaurier fraßen Laub, das es überall in rauhen Mengen gab. Zusätzlich hatten sie lange Arme, mit denen sie sich zu einer Höhe aufrichten konnten, die ihnen auch das Abpflücken von Blättern innerhalb eines größeren Radius ermöglichte. Sie überlebten ebenso wie Echsen, Schlangen und die bereits erwähnten Schildkröten und Krokodile, die ihre Eier, die wesentlich härtere Schalen aufwiesen, zum einen etwas entfernter von der Ufernähe ablegten und zum anderen vergruben, was sie kälteunempfindlicher machte. Außerdem waren diese Tiere wegen ihrer geringeren Größe vom Nahrungsmangel nicht so sehr betroffen und beweglicher, um dem Meer zu folgen. Auch die Vögel der damaligen Zeit waren einfach motiler und brüteten zudem, um die Eier warm zu halten.

Weiteres Übel geschah den Sauriern durch die Evolution der Blütepflanzen in der Mittelkreide, denn durch sie vermehrten sich Schmetterlinge und Nachtfalter, deren Raupen sich ausschließlich von der Flora ernährten. Bevor jedoch ihre Vermehrung durch die Vögel reguliert werden konnte, traten sie in einen angesichts des Größenunterschiedes makabren, aber gerade deswegen siegreichen Existenzkampf zu den dinos.

Das Aussterben der Pflanzenfresser bedingte das Aussterben der fleischfressenden Carnotheropoden. Aber auch andere, wirbellose Meerestiere starben als Rasse vollkommen aus. Rudisten, muschelartige Moluske, die sich zu Korallenriffen zusammenfanden, Schnecken, Ammoniten und Belemniten, beides tintenfischartige Mollusken, lebten im seichten Meer und hatten bei dessen Veränderung keine Überlebungschancen. Entweder wurde ihr Habitat weit überspült oder ausgetrocknet. Durch die Regression der Ozeane wurden zusätzlich viele Regionen isoliert, so daß ähnliche Arten, die besser angepaßt waren, nicht einwandern und zur allgemeinen Arterhaltung beitragen konnten. Wenn bei früheren Massensterben noch Reptil auf Reptil folgte, so waren es beim Übergang von der Kreide zum Tertiär Säugetiere und Vögel, die die Reptilien ablösten.«

Erneut begann Steff, in seinen Unterlagen zu blättern. »Warum haben die Säugetiere nun überlebt, werden Sie sich fragen. Und wieso - wenn sie sich letztlich als die Überlebensstärkeren erwiesen - haben sie nicht schon eher dominiert? Zwei berechtigte Fragen. Nun, schauen Sie, auch während der frühen Zeit der Dinosaurier gab es schon Säugetiere, aber aufgrund ihrer geringen Größe und aus Achtsamkeit vor den Carnos zogen sie es vor, ihr Leben im Unterholz und in Höhlen zu fristen und sich von Insekten zu ernähren. Zuguterletzt spezialisierten sich diese mausgroßen Tierchen auf die delikaten Dinoeier, was zusätzlich ein Umstand für deren Aussterben war. Doch vor allem wegen ihrer unscheinbaren Größe, ihrer Schnelligkeit, ihrem leistungsfähigerem Nervensystem, ihrer stärkeren Vermehrung, der Brutpflege und der besseren Regulation ihrer Körpertemperatur überlebten sie und wurden die neuen Herren der Welt.«

Auf dem Baum gegenüber dem Fenster, durch das Steff ein kurzes Aufblitzen wahrgenommen hatte, ohne es sich jedoch erklären zu können, raschelte es in diesem Augenblick deutlich, aber nicht laut genug, um durch die dicken Thermoglasscheiben in den Raum zu dringen. Irgendjemand prüfte inmitten der Baumkrone die Stärke der Äste, um sich dann auf einen seinem Gewicht entsprechenden zu setzen. Vorsichtig lukte er durch das Laub zu Steff hinüber.

Dieser kam nun zur zentralen Frage seines Referates: »Es stellte sich heraus, daß nur der Saurier der Pflanze in die unterirdischen Höhlen folgte. Nun für ihn waren die Lebensumstände derart bedrohlich geworden, daß nur er sich einem Ort- und nahrungswechsel zu unterwerfen hatte. Warum aber war es möglich, daß er dort nicht nur kurzfristig überlebte, sondern sich sogar noch vermehren und ausbreiten konnte? Die Funde aus den 20-ger und 50-ger Jahren dieses Jahrhunderts, die mein Kollege bereits ansprach, und die ihn so verwunderten, haben jetzt eine endgültige Erklärung gefunden. Aus den Mageninhalten wird bestätigt, daß allein eine Pflanze dort gewachsen sein und sich bereits chemo-synthetisch perfekt den veränderten Bedingungen angepaßt haben mußte. Dieser Umstand löste nicht nur sein Nahrungsproblem, sondern befreite ihn sogar noch von zwei weiteren Schwierigkeiten, mit denen seine Artgenossen zu kämpfen hatten: die Höhlen bewahrten ihn und die Pflanze nicht nur vor Wassermangel, da sie Teiche und Flüsse geradezu einschlossen, sie schützten ihn auch vor der Abkühlung des äußeren Klimas.«

In einem der Zimmer des Hauses, das dem Konferenzgebäude gegenüber lag, legte ein unscheinbar aussehender mann in grauer Kaschmierhose gerade mit flinken Fingern den Lauf eines Gewehres zusammen. Dabei blickte er immer wieder zu den hohen Fenstern des Saales hinüber. Direkt vor sich konnte er außerdem, wenn er sich leicht vornüber beugte, eine kleine Parkanlage ausmachen, in der sich eine Gruppe von Zedern und Ahornbäumen befand.

Steff war inzwischen kurz vor dem Abschluß. »Zu erwähnen wäre noch, daß die Dinos in den Höhlen auch keine Feinde, wie die kleinen Nager der Säugetiere oder die Raupen der Schmetterlinge, zu befürchten hatten. Es bleiben jedoch einige Fragen nach der Evolution dieser Saurier, die ich ihnen beim besten Willen noch nicht beantworten kann. Hierbei möchte ich nur die Wahrscheinlichkeit immer stärker vorherrschender Dunkelheit erwähnen, außerdem die Fragen, wieweit die Saurier und die Pflanze später überhaupt noch auf Wassernähe angewiesen waren, wie sie mit der zunehmenden Hitze im Erdinnern fertig wurden und nicht zuletzt, auf welche Voraussetzungen die Pflanze ihren chemosynthetischen Zyklus aufbauen konnte. In diesem Zusammenhang möchte ich auf den gut erhaltenen Ornithischier hinweisen, der vor 20 Jahren in Holstein gefunden wurde. Er ist etwa 40 Millionen Jahre alt und besitzt in Augenhähe eine einzige, aber dafür große Öffnung, in der ich den ehemaligen Sitz einer speziellen Drüse vermute. Da es sich hierbei allerdings um ein Einzelexemplar handelt, könnte es lediglich ein in den höheren Gängen verirrter Saurier sein.« Er holte tief Luft und fuhr dann fort: »Ich glaube weiterhin, daß die Saurier allgemein bei einer Verringerung der Körpergröße, einer plazentaartigen Geburt und einem verfeinerten Nervensystem durchaus eine Überlebungschance hatten - und vielleicht bis in unsere Zeit noch haben.«

Er konnte gegen das wiederholt aufkommende Raunen kaum noch ansprechen. Mit aller Kraft und Selbstbeherrschung bat er erneut um Ruhe. Deshalb entging ihm auch ein weiteres Mal das Gewehr, das sich jetzt langsam durch das Geäst des Ahorns schob.

»Auch ich«, schrie er nahezu, »auch ich kann mir eine solche Existenz kaum vorstellen. Wie hätte es möglich sein können, in von der Erdoberfläche mittlerweile völlig abgetrennten Höhlen, in absoluter Dunkelheit und ohne irgendeine noch so spärliche Nahrungsvielfalt zu leben, über Jahrmillionen hinaus sich zu vermehren und mit der Zeit womöglich noch ein gewisses Maß an Intelligenz zu entwickeln?«

Ein Zwischenrufer aus dem Saal war nicht mehr zurückzuhalten. »Herr Maiger, sind vielleicht an den Positronen, gegenüber denen ihre Spezie von Höhlensauriern wohl resistent zu sein scheint, möglicherweise alle anderen Saurier eingegangen, so daß, nur wer überlebte, den Weg der Pflanze überhaupt finden konnte?«

Steff überlegte. Dieser Umstand schien ihm nicht realistisch. »Das glaube ich nicht, da dann ja alle anderen Tiere, Säuger und Vögel, Insekten und Fische ebenfalls hätten daran sterben müßen. Eine traurige Hypothese, weil dann als schlüssiger Gegenbeweis auch der Mensch nicht existieren dürfte.«

Im allgemeinen Gelächter schaute Steff über die anwesenden Wissenschaftler hinweg und wie zufällig zu dem Fenster hin, in dem sich die letzten Strahlen der untergehenden Sonne brachen. Er konnte aber nicht sehen, wie ein Junge, der nicht viel älter als 17 Jahre sein mochte, in der Mitte des Ahornbaumes einen sechkalibrigen Karabiner anlegte und durch das Zielfernrohr blickte. Er konnte auch nicht erkennen, wie dieser auf ihn zielte, wobei sich sein Zeigefinger langsam zusammenzog. Und er konnte nicht hören, wie sich daraufhin ein Schuß löste, da dieser von einem armdicken Schalldämpfer verschluckt wurde. Aber dann konnte er sehen, wie plötzlich und aus heiterem Himmel jemand aus dem Ahorn fiel, mit einem Karabiner in der Hand und einem faustgroßen Loch in der Brust. Und er konnte fühlen, wie sich jedes einzelne seiner Haare gegen den Stoff seiner Kleidung aufrichtete. Nur wenig später gaben seine Knie nach.



Enttäuscht drehte sich Meika wieder um. Sie hatte gehofft, Steff in seiner Wohnung vorzufinden. Deshalb war sie an diesem Morgen schon früh aufgestanden, um ihn zu überraschen. Es sollte ihr letzter gemeinsamer Tag vor seiner Abreise sein. Sie hatte eine Freundin angerufen, die die Geschäfte auf ihrem Hof übernahm. Die bevorstehende Trennung hatte sie hilflos und traurig gemacht.

Doch wo war er bloß? Verwundert schaute sie sich ein letztes Mal um, um Anzeichen einer Erklärung seiner Abwesenheit zu finden.

Zögernd klappte sie die Tür hinter sich zu und steckte den Zweitschlüssel in ihre Tasche zurück. Sie wollte in dem kleinen Cafe auf der Etage einen Expresso trinken und dort auf ihn warten.

Die Scheibe vor dem Lokal war inzwischen erneuert worden. Aber noch immer hing das Plakat, das den Bürgermeister als eine gettobauende Marionette zeigte, neben der Tür. Innerlich nickend ging sie hinein.

Diese Art von kleinen Restaurants war typisch für Kreuzberg. In fast jedem Haus auf irgendeinem Stockwerk gab es ein derartiges Cafe. Es wurde vorwiegend von jungen Menschen betrieben, die ansonsten wenig Aussicht auf einen Verdienst hatten und hierin eine letzte Existenzmöglichkeit sahen. Die 20%-tige Arbeitslosigkeit, das Ausweichen der Wohngegend in isolierte Randzonen und die Technisierung der Berufswelt hatte außerdem die meisten von der Entwicklung eigener Vorstellungen und Ziele abgehalten.

Die einzelnen Hochhäuser bestanden in der Regel aus 20 Stockwerken und mehr und beherbergten 200 Familien oder ca. 1000 Menschen jedes Alters. In den häufigsten Fällen wohnten dort unverheiratete Leute, die Hausgemeinschaften bildeten, denn die Ehe war nicht mehr institutionalisiert. Diese Art der Gruppeneinrichtung wurde vom Wohnungsbauförder - und kindergemeinschaftsprogramm (wobafö und kigepro) sogar finanziell unterstützt, da dadurch der einzelne Quadratmeter einer Wohnfläche wirtschaftlicher genutzt und die Kinder im Aufbaualter enger zusammengezogen werden konnten.

‚Da ist Steff wirklich eine Ausnahme mit seiner kleinen Einzelwohnung’, dachte Meika. ‚Aber er kann es sich leisten, während andere enger zusammenrücken müssen beziehungsweise ihre Wohnfläche gezwungen sind, wirtschaftlicher zu nutzen.’

Die teuren Mieten in den inneren Stadtgebieten waren nur für Büros und Läden erschwinglich, der einfache Mensch wurde in von wenigen Naherholungsgebieten durchzogene Wohngettos abgedrängt. ‚Wo er mög‚lichst auch zu bleiben hat’, ging es ihr bitter durch den sinn. ‚Durch die zusätzlich eingerichteten Freizeit - und vergnügungsetagen kommt er doch kaum noch auf die Straße runter.’

Sie schlürfte an ihrem Kaffee. Auch hier in der Kneipe gab es Videoautomaten und Computerspiele, an denen mehrere Jugendliche herumstanden. ‚Sobald die ihrem Elternhaus entwachsen sind, erfahren sie eine Bestätigung ihrer Leistungen ausschließlich über diese Idiotenspiele.’ Meika beobachtete einen etwa 16 - Jährigen, der in sichtlich rituellen Beschwörungen auf einen Spielautomaten einsprach.

In der Tat bezogen die Jugendlichen ihre Ansichten und Interessen nur noch voneinander. Alle wesentlichen Orientierungsmerkmale wurden in den unwirklichen Strukturen der Hausgruppe gefunden, differenzierte Rollen und Entscheidungsträger nicht mehr kennengelernt. Eigene Verhaltensrituale höhlten sich immer stärker aus, je mehr die nur selten von außen herangebrachten Werte ihre Berührungspunkte verloren. Die somit eigendynamisch erwachsene Norm ließ jedoch mitunter Auswüchse entstehen, die auf das entsetzlichste zu deprivatierten Mustern geraten konnten.

Der Junge, der die ganze Zeit auf den Spielautomaten eingeredet hatte, wandte sich nun davon ab und suchte sich einen freien Platz an den Tischen. Er kam Meika bekannt vor, und jetzt erinnerte sie sich auch, ihn schon mal mit Steff auf dem Flur zusammen sprechen gesehen zu haben. Er mußte hier wohnen.

Gerade beugte er sich über den Tisch und stützte den Kopf in seine Hände. In ihm drehte sich alles. Übelkeit kroch seine Magenwände hoch und verursachte ein säuerliches Ziehen. Schleier setzten sich auf seine Augen, und wie hinter Milchglas sah er schemenhaft eine Frau auf sich zukommen. Er war völlig fertig.

Meika stellte sich neben ihn und fragte, ob sie sich dazu setzen dürfte. Ohne sie anzuschauen, nickte er ungewiß mit dem Kopf. Stumm stierte er weiter vor sich hin und hätte sie auch fast wieder vergessen, wenn sie sich nicht erneut an ihn gewandt hätte.

»Sag mal, bist du nicht Ra, der neben Steff wohnt?« Und auf seine stummen Blicke hin fügte sie hinzu: «Du kennst doch Steff Maiger?«

Endlich sah er sie an. Unstet flirrten die Pupillen seiner braunen Augen über ihr Gesicht. Seine kleine Stupsnase schien einwenig zu beben, als er ihrem Blick begegnete. Wieder zogen sich Schatten über seine Stirn, und erneut drohte er in Lethargie zu verfallen.

Doch Meika faßte ihn leicht an die Schulter und sprach auf ihn ein. Er sah ihr schmales, hübsches Gesicht dicht vor sich. Ihre kurzen Haare umrahmten es wie ein Ölbild. Mit aller Kraft versuchte er, seine Lebensgeister wieder zu entfachen. Langsam kehrte sein Bewußtsein zurück.

»Sie haben ihn getötet«, stammelte er plötzlich, und seine Augen wurden feucht. Mit einer fahrigen Bewegung wischte er sich über das Gesicht. Dann schaute er zu Meika hoch.

»Wen haben sie«, fragte sie leise.

Ra antwortete nicht sogleich. Die Erinnerung an Gobo schien ihn erneut zu bedrücken. Gobo, der gestern noch gelacht hatte.

»Sie haben ihn getötet«, sprudelte es noch einmal aus ihm heraus. Gobo, seinen Freund, der mit ihm im selben Zimmer wohnte. Er konnte es nicht fassen. Sein Gehirn verwehrte ihm die letzte Erinnerung. Erneut rannen ihm Tränen über die Wangen, und er wischte sie mit seinem schmutzigen Ärmel ab.

‚Es bleibt doch immer ihre Spur.’ Meika presste ihre Lippen aufeinander und beugte sich zu ihm herüber. »Was ist passiert?«

Da endlich quollen die Worte wie ein seit langem aufgestauter Schwall aus Ra heraus. Er konnte sich selbst kaum hören, so sehr nahm ihn die eigene Erschütterung gefangen. Nur die Tatsache, daß er überhaupt sprach, war das einzige Indiz, daß er noch bei einigermaßen klarem Verstand war.

»Ich weiß es selber nicht«, begann er verzweifelt. »Nie, nie...« Abrupt setzte er ab, da ihm sichtlich die Worte fehlten. Dann fing er erneut an, ergeben klagend, flüsternd und zugleich auffahrend, beinahe schreiend: »Diese Schweine haben ihn umgebracht, verstehst du... Sie haben ihm eine Falle gestellt, sie haben ihn verhöhnt.« Und dann platzte es aus ihm heraus: »Diese Mörder werden selbst nicht so stark sein, wie mein Wunsch, sie zu töten!«

Meika versuchte, ihr eigenes Entsetzten zu verbergen, aber ihre Augen weiteten sich voller Schrecken. Angespannt hörte sie Ra weiter zu. Diesem war kaum bewußt, mit wem er noch sprach, geschweige denn, wo er sich befand. Mit tränenerstickter Stimme gipfelte seine Verzweiflung immer wieder in den Worten: »Was soll ich nur machen. Ich möchte aufhören mit allem, ich will hier nicht zurück.«

Dann erzählte er ihr von dem Attentat auf einen Kongress, der gestern Abend statt gefunden hatte. Er erzählte ihr alles, was er wußte, aber er konnte ihr keine Einzelheiten sagen. Doch seine Worte reichten aus, um in Meika eine immer tiefer werdende Unruhe zu erzeugen. Besorgt strich sie sich häufiger über das Haar, und verkrampft schloß sie ihre Finger zusammen. Der Verdacht verhärtete sich, daß Ra von dem paläontologischen Kongress sprach, den auch Steff besucht hatte. ‚Wo er bloß sein mochte?’

Erneut hob sie den Kopf, um nach ihm Ausschau zu halten. Was war gestern Abend geschehen? Sie hatte noch keine Morgenzeitung gelesen. Besorgt strich ihr Nlick über die große Scheibe des Cafes nach draußen.

Inzwischen erzählte ihr Ra von einer selbst für ihn mysteriösen Figur, die sie den Padrino nannten. Dieser nahm ab und zu mal an den Traumseancen Teil und hatte sich durch Finanzierung von Drogen in der Gruppe hochspielen können. Er war es, der das Attentat organisiert hatte. Vielmehr noch, wie Ra jetzt zugeben mußte, er hatte sie geradezu angestiftet.

Dabei berichtete er ihr auch von den Eigenarten dieses Menschen, seiner Angewohnheit, ungeduldig mit dem Stock auf den Boden zu klopfen oder dem Llidzucken. Meika nahm sich vor, unbedingt Steff davon zu erzählen.

Ras Beschreibungen der Vorgänge, die selbst innerhalb der Gruppe weitgehend geheim gehalten wurden, waren immer wieder von verzweifelten Ausrufen, bei denen er sein Gesicht mit den Händen bedeckte, unterbrochen. Doch allmählich schien er sich zu fangen, denn Meikas Stimme wirkte beruhigend auf ihn. Sie hatte seine Hand genommen, obwohl ihre Finger selbst einwenig zu zittern begannen. Nur mit Mühe konnte sie die eigene aufkommende Panik verbergen. Aber sie versuchte, die Hintergründe des Attentats zu verstehen und sich die Geschehnisse aufgrund seiner wirren Erzählungen zusammenzureimen. War es wirklich der paläontologische Kongress gewesen? Und wenn ja, was war mit Steff passiert? Sie machte sich große Sorgen.

In diesem Augenblick hörte sie Ra etwas rufen und sah in die Richtung, in der sein Finger zeigte. Die Fahrstuhltür war aufgegangen, und ein erleuchtetes Schild wies den stehenden Lift aus. Aus der sich wieder schliessenden Tür aber sah sie Steff kommen. Einwenig unschlüssig schien er vor sich hinzustarren. In seiner rechten Hand hielt er einen kleinen Koffer. Dann fiel sein Blick durch die Scheibe, und das Köfferchen wippte kurz nach vorn, als er vor Verwunderung abrupt stehen blieb.

Meikas Herz machte einen Luftsprung. Sie fühlte, wie ihre Angst einer leichten Anwandlung von Ohnmacht wich. Dann sprang sie auf und war gleichzeitig mit Steff an der Tür, die zum Cafe führte.



Das akkustische Signal sagte ihm, daß es sieben Uhr war. Dann, als eine Weile verstrichen war, ertönte erneut vom Wecker ein energisches Ding-Dong, daß sich nun ununterbrochen wiederholte. Deutlich vernahm er dabei die leichte phonetische Steigerung bis hin zu einem Fortissimo, das selbst Toten die letzte Ruhe nahm.

Erschöpft stand er auf. Die Ereignisse der letzten Nacht zehrten noch an seinen Knochen. Sein Nacken war verspannt, und er fühlte Muskelkater in den Waden. Schließlich war er die ganze Zeit nach dem Attentat herumgerannt wie ein Verrückter. Überall mußte er etwas zu Protokoll geben, weil die Polizei zunächst davon ausging, daß es ihm persönlich gegolten hatte. Aber sie tappte immer noch völlig im Dunkeln. Weder war ihnen der Jugendliche bekannt, noch konnten sie sich einen Reim auf die Umstände machen, die ihn selbst ein Opfer werden ließen. Ein Attentat auf den Attentäter?

Steff wusch sich, zog sich an und bereitete das Frühstück vor. Es war jetzt auszuschließen, daß es ihm gegolten hatte, aber beruhigter wurde er deshalb nicht. Abgesehen hatten es die Täter auf jeden Fall auf den Kongress.

Er mußte sich zwingen, sich auf das Anstehende zu konzentrieren. Die Vorbereitungen auf den Start. Seinen Platz, den er in der Mannschaft einzunehmen hatte. Die Sauerstoffmaske unter dem Sitz. Die Anschlüsse an Puls und Gehirnfunktion. Der Abblocker, der in einem Schwenkarm vor seinem Mund befestigt war, und in den er zu beißen hatte, wenn trotz der ausgleichenden Antigravsysteme des Schiffes der Schub von 15 g sein Herz zum Rasen brachte und ihm ein Ohnmachtgefühl bereitete.

Und dann die Zungenklammer in seinem Mund, die verhinderte, daß die Zunge beim Abheben gegen den Gaumen drückte und die Luftwege versperrte. Diese Vorbeugemaßnahme hatte allerdings eher ihre Ursache in einer den außerirdischen unbekannten Reaktion der menschlichen Psyche, bei der die Zunge sich aufgrund der Wahrnehmung der an den Sichtfenstern vorbeifliegenden Umgebung innen gegen die Nasengänge drückte. Hier war noch so mancher Komfortbedarf der Menschen an das Santoganische Raumschiff zu stellen.

Auch weitere Ereignisse der Fahrt, wie die Beschleunigung im Hypersprung auf eine scheinbare Überlichtgeschwindigkeit, die zumindest für Außenstehende so wirkte, aber vor allem die Vorkehrungen am Ziel der Reise zwangen ihn, noch einmal gründlich seine Unterlagen durchzugehen. Nicht ohne Grund wurde er von den Santoganern angehalten, Muskeltraining zu machen, um mit der etwas stärkeren Anziehungskraft ihres Heimatplaneten klar zu kommen. Gerade die Vorbereitungen auf die andere Umwelt des fremden Planeten bestanden in einem fein aufeinander abgestimmten, wochenlangen Rythmus von körperlicher und geistiger Einstellung.

In diesem Augenblick summte die Glocke seines Telexschreibers. Eilig, mit einem angebissenen Brötchen im Mund, ging er ins Zimmer und stellte den Bildschirm auf Sichtkontakt. Sogleich leuchtete die rötliche Schrift auf.

»Lieber Dr. Maiger. Kann ich Sie ganz dringend sprechen? Kommen sie bitte sogleich ins Restaurant ‚zum alten Bolle’. Es ist nur um die Ecke. Sokuk.«

Am Ende des Absatzes, beim letzten Buchstaben, nachdem der Cursor auf die nächste Zeile umgesprungen war und dort verharrte, leuchtete zusätzlich ein kleiner Punkt auf, der Steff bislang nicht aufgefallen war. Doch er beachtete ihn nicht weiter, da er sich sofort furchtbar zu ärgern begann.

‚Schon wieder der’, schimpfte er, ‚daß der sich überhaupt noch traut, sich bei mir zu melden.’

Verbittert setzte er sich auf seine Couch. Sokuks Bande gab er die ganze Schuld an dem gestrigen Attentat. ‚So ein Schwein, und nun wagt er es noch, mich erneut anzurufen. Was denkt der sich? Ist das vielleicht eine neue Finte?’

Steff biß sich auf die Unterlippe. ‚Oder gibt es doch irgendwelche Schwierigkeiten für ihn? Sonst hätte er mich vielleicht garnicht anzurufen gewagt.’

Entschieden nahm er noch einen Schluck Kaffee und schlüpfte in seine Jacke. Mit einem Mal gab es keine Überlegung mehr. Er wollte jetzt wissen, was Sokuk zu allem zu sagen hatte. Hauptsächlich zu den gestrigen Vorfällen. Der Fahrstuhl kam ausnehmend langsam nach oben.

Auf der Straße orientierte er sich kurz. ‚Zum alten Bolle? Das war doch rechts. Irgend so ne bürgerliche Kneipe, in der er noch nie gewesen war.’ Er hastete an den Schaufenstern vorbei. Schon von weitem sah er das Schild der Bierbrauerei.

An der Tür angelangt, überlegte er nicht lange und ging hinein. Einwenig atemlos schaute er sich um. Tief hinten, vom weitläufigen Thresen verdeckt, saß Sokuk. Schnell trat er auf ihn zu.

»Nanu, so ganz ohne irgendwelche geheimnisvollen Vorsichtsmaßnahmen?« Ironisch - ernsthaft sprach er ihn an. »Ich weiß eigentlich nicht, worüber ich mich mehr wundern soll. Ist ihre Frechheit nun größer als ihre eigene Angst geworden?«

Sokuk blinzelte ihn an. Sein teigiges Gesicht blieb beherrscht, doch die Augen verrieten eine schlaflose Nacht. Erleichtert stand er auf.

»Dr. Maiger, daß sie gekommen sind. Aber setzen sie sich doch erstmal.«

»Damit hatten sie wohl nicht gerechnet.«

»Ich muß ihnen ehrlich gestehen, daß ich über ihr Ausbleiben nicht erzürnt wäre. Im Gegenteil. Ich hätte sie vollkommen verstanden.«

Steff setzte sich und blickte Sokuk unentwegt und auch ein bißchen verwundert an. »Was können sie verstehen? Was gibt es überhaupt noch zu verstehen?«

»Sie meinen sicherlich die Vorkommnisse der letzten Nacht, Dr. Maiger.« Er wandt sich einwenig, doch dann schaute er Steff direkt in die Augen. »Sie haben ja recht, da ist eine große Schweinerei passiert. Aber glauben sie mir, Doktor, ich habe davon ebenso wenig gewußt wie Sie.«

»Wollen sie etwa damit sagen, daß ihre Warnungen, daß noch was passieren wird, nicht vielleicht so aufzufassen waren, daß ...« Steff ereiferte sich mit zunehmenden Worten, und Sokuk unterbrach ihn hastig.

»Mir ist selbst lediglich gesagt worden, daß wir gewisse Leute unter Druck setzen sollen. Von einem Mord war dabei aber nie die Rede. So glauben sie mir doch!« Steffs Augen blieben auf Sokuks rundem Gesicht haften, während er nachdachte. ‚Wieweit sollte er sich eigentlich mit ihm abgeben und ihn nicht sogleich der Polizei ausliefern?’

»Physische Gewalt widerspricht meinen Grundsätzen«, sagte Sokuk leise nach einer Pause. »Ich fühle mich genauso hintergangen wie Sie.«

Steff nickte langsam. »Ich weiß nicht mehr, wieweit ich Ihnen noch trauen kann. Aber trotzdem bin ich hier. Also sagen sie mir nun, was Sie noch von mir erwarten.«

Einwenig unwirsch legte er die Hände auf den Tisch.

In diesem Augenblick kam der Wirt, und er bestellte einen Kaffee. Sokuk, der wohl noch garnicht zu Bett gewesen war, ließ sich ein Bier kommen. Dann wandte er sich Steff erneut zu.

»Es hat wohl keinen Zweck, sie noch ein letztes Mal für unsere Bewegung zu engagieren. Soviel Anstand habe auch ich, daß das für Sie jetzt vollkommen ausgeschlossen ist. Schließlich waren es Leute von uns, die Sie fast umgebracht hätten. Aber hierbei muß ich Ihnen auch eines sagen: es ist sicher, daß Sie nur ein zufälliges Ziel gewesen wären, einer, der gerade im Rampenlicht stand, als ...« Es war ihm unmäglich, weiter zu sprechen.

Von daher fügte Steff sogleich an: »Dankeschön, davon hätte ich allerdings eine ganze Menge, so als Leiche.«

»Ich bin mit der Wendung der Ereignisse auch nicht einverstanden. Mehr noch, ich fühle mich seit gestern selbst bedroht.« Auf Steffs Erstaunte Gesten hin winkte er jedoch energisch ab. »Lassen sie, Doktor, das hat Sie nicht zu kümmern. Damit werde ich schon allein klar kommen. Ich möchte Sie nur noch um eines bitten.« An dieser Stelle richtete er sein großes, rundes und einwenig häßliches Gesicht genau vor Steffs Nase, so daß dieser unwillkürlich etwas zurückschreckte. »Der Umstand, daß Sie mir ihre Vertraulichkeiten mit Shan-Ucci und anderen nicht verraten haben, war zwar zunächst sehr bedauerlich für mich - obwohl wir dennoch an die Informationen herangekommen sind - doch er beweist mir die Festigkeit und Ehrlichkeit ihres Charakters. So widersprüchlich und merkwürdig es klingt, aber Sie sind im Augenblick der einzige Mensch, dem ich wirklich noch vertrauen kann.«

Er trank ein, zwei Schluck aus seinem Bierglas und stellte es dann um einiges weiter von sich weg. Dann faßte er mit einer unscheinbaren Bewegung unter sich und zog ein kleines, schwarzes Köfferchen hervor. Das legte er vor sich auf den Tisch.

»Ich werde diesen Koffer nicht öffnen, Dr. Maiger«, sagte er langsam und wie unter dem Druck der Bedeutsamkeit seiner Worte. »Aber ich möchte, daß Sie es einmal für mich tun.« Hierbei schob er ihn zu Steff. »Ich habe nämlich Grund zu der Annahme, daß die Hintermänner unserer Organisation eine andere Taktik verfolgen, als sie mir zunächst unterbreitet wurde. Und in dieser Taktik scheine ich keinen Platz mehr zu haben.«

Entsetzt sah Steff ihn an. »Soll das heißen, daß sie Sie auch umlegen wollen?« ‚Oder spielte sich Sokuk nur auf?’

»Ganz richtig, Doktor.«

Steff verstand nicht. Seine Kehle wurde trocken. »Ja, warum denn das«; entfuhr es ihm heiser, und er nahm einen Schluck vom inzwischen kalt gewordenen Kaffee.

»Alle Umstände zu erklären, würde mich zuviel Zeit kosten. Ich kann Ihnen nur sagen, daß es hier um mehr geht, als die Positronen zu finden - eher darum, ihre Entdeckung zu verhindern. Aber nicht, weil sie für die Menschen wirklich gefährlich werden könnten. Das wissen Sie inzwischen selbst. Es sind eigene santoganische Interessen, denen ihre Auffindung zuwider laufen würde. Ich weiß nun, worauf sie hinaus wollen, Doktor. Ich weiß leider zuviel.«

»Was ist es denn, was sie wissen?« Steff hatte seine Umgebung völlig vergessen. Gebannt hörte er Sokuk weiterreden.

»Das ist alles in dem Köfferchen aufgezeichnet, Dr. Maiger. Und noch vieles mehr, was vor allem für Santoga von Interesse ist. Aber ich muß sie um eines dringend bitten: Versprechen Sie mir, daß sie es nicht vor meinem Tode öffnen.«

Steff sah ihn erstaunt an. Doch Sokuk drängte ihn zu einer Antwort. »Also«, begann er zögernd, »ich glaube nicht, daß ich Ihnen das versprechen kann. Wenn das wohl aller Menschen davon abhängt, Mann, wie kann ich da noch warten? Allein - wenn ich zufällig nichts von Ihrem Tod erfahren sollte.«

»Auch dafür ist gesorgt, Doktor. Sollte ich sterben, wird eine Art Uhr, die in meinem Metabolismus an einer meiner Arterien angeschlossen ist, aufhören zu Ticken, wie mein Leben selbst. Und dieser Umstand wird den Koffer öffnen.«

»Aber bedenken Sie doch, morgen bin ich schon Millionen Kilometer von hier entfernt. Einen so starken Mechanismus gibt es doch garnicht«, rief Steff erregt und laut auf.

»Auch dieser Umstand ist bedacht, lieber Herr Maiger.« Sokuk redete ihn zum ersten Mal ohne Titel an. »Nach zwei Wochen wird sich das Köfferchen von selbst öffnen. Aber dann sind Sie gerade auf Santoga gelandet und können der dortigen Regierung mit diesen Informationen umgehend von Nutzen sein. Und ich habe mindestens zwei weitere Wochen zeit, meine Angelegenheiten hier zu ordnen, bevor das nächste Schiff wieder zur Erde zurückgekommen ist.«

Sokuk erhob sich. »Geben sie bitte gut darauf Acht, Herr Maiger.« Er deutete ein letztes Mal auf das schwarze Köfferchen. »Und auf eine weitere Vorsorge muß ich Sie noch hinweisen: Natürlich ist im Innensatz eine Sprengladung eingebaut, die explodiert, falls irgendeiner das Ding vorzeitig versucht zu knacken. Darum passen sie gut darauf auf. Denn mit der Detonation wären auch alle Unterlagen zerstört.«

Beinahe herzlich gab er Steff die Hand. Dieser war auch aufgestanden und hielt das Köfferchen unter dem anderen Arm an seine Hüfte gepreßt.

Im Hinausgehen sagte Sokuk plötzlich: »Verstehen Sie mich bitte recht, Doktor. Wie alle Idealisten würde auch ich für das Gute im Menschen kämpfen. Aber die Einmischung der Außerirdischen in unsere Zivilisation hat eine starke Verunsicherung gebracht. Jetzt ist unsere Erde nicht nur nicht mehr der Mittelpunkt unseres Sternensystems, auch nicht unserer Milchstraße. Ihre Position ist uns nun innerhalb der Unendlichkeit deutlich aufgezeigt, Doktor. Wir befinden uns als ein kleiner Punkt lediglich am Rande einer Galaxie von Millionen weiterer Sternenhaufen. Das haben wir zwar schon seit einer Weile gewußt, aber nun Leben wir damit. Wir sind hier nur ein Rädchen, das andere benutzen, um sich noch weiter über uns hinaus zu katapultieren. Dann aber sind wir ausgeblutet und in unserer kosmischen Einsamkeit der Vergessenheit verfallen. Wenn Sie mich fragen, an welcher Seite der Abgrund führt, wird es für uns immer der nächste Schritt sein, Dr. Maiger.« Er warf einen letzten Blick auf Steff, beinahe schon mitleidig.

»Was wird nun aus Ihnen«, rief dieser in einer Aufwallung von Sympathie dem Davoneilenden hinterher. Sokuk blickte noch einmal zurück. »Wovor fürchten Sie sich? Jeder hat sein Schicksal zu tragen. Es lebe der Tod, Doktor!«

Sokuk verschwand so überraschend, wie er einst aufgetaucht war. Wie vor den Kopf geschlagen stand Steff noch eine Weile auf der Straße, ehe er zu seinem Haus zurück ging. Fast unbewußt, ohne seine Umgebung noch genau wahrzunehmen, betrat er den Fahrstuhl. Das Klick, das dieser beim Anhalten erzeugte, riß ihn wieder aus seinen Gedanken. Mit dem nächsten Schritt war er im Korridor des sechsten Stockwerks.

Schwer fühlte er das Köfferchen in seiner Hand. Er wollte gerade weitergehen, als sein Blick durch die Scheibe irrte und wie zufällig auf Meika fiel. Verwundert registrierte er sie. Doch im nächsten Augenblick war er an der Tür und hielt sie fest in seinen Armen.



Der Mann im silbrig metallischen Anzug hatte es mit allen Mitteln versucht.

Erst war er ausnehmend freundlich gewesen, dann schroff, und zum Schluß hatte er einen regelrechten Druck ausgeübt.

Leben oder sterben. Neben dem Geld das einzige, das er je akzeptiert hatte, und das bislang immer noch beachtet worden war. Dann begann er wieder in einem freundlichen Ton. Aber das Gesicht des anderen blieb unbeeindruckt. Es schien nicht einmal besonderes Interesse zu zeigen.

Shan-Ucci war gekommen, um sich die Überlegungen des Mannes mit der großen Zigarre anzuhören. Für ihn war es jedoch nicht von Belang, ob dieser Besuch ein Entgegenkommen war oder sonst wie als verbindlich hätte angesehen werden können. Er war gekommen, um sich zu informieren, nicht um sich zu entscheiden.

Der Konzernboss zog hastig an seiner Kräuterrolle. »Kapitän Shan-Ucci, verhält es sich vielleicht so, daß die COU bereits an sie herangetreten ist?« So könnte er sich das Zögern des Santoganers erklären.

Shan-Ucci schaute ihn bedächtig an. »Wir haben von ihr gehört, und sicherlich wird es auch mit ihnen Gespräche geben. Schließlich brauchen wir zu unserer Erweiterung Flugbasen in anderen Städten Ihrer Welt.«

‚Das mußte es sein!’ Der Mann mit der Zigarre glaubte sich jetzt sicher, den Grund des Hinhaltens seines Gegenübers gefunden zu haben. »Aber es gibt nichts, was wir Ihnen nicht auch ermöglichen können. Schauen Sie, die COU hat zwar im Augenblick noch mehr internationale Niederlassungen als wir, aber damit haben sie noch lange nicht auch Ihnen eine verschafft. Dazu benötigt man an den richtigen Stellen politische Verbindungen.« Er tippte mit seinen dicken Fingern die Asche von der Spitze ab. Wie angelegentlich blinzelte er dabei zum Kapitän der Außerirdischen hinüber. Dann stopfte er sich die Zigarre erneut in eine Ecke seines Mundwinkels. »Es würde mir nichts mehr Freude bereiten, als Ihnen diese Tatsache einmal zu beweisen.«

Shan-Ucci nickte. »Ja, das glaube ich Ihnen gern.« Von Politik verstand er nichts. Seine Welt beruhte auf einem System, in dem nichts besonderes gelernt zu werden brauchte. Die Natur blieb über den Entscheidungen des Lebens und des Todes erhaben. Ihre Laune bestimmte das Schicksal jedes einzelnen. Deshalb verstand er auch nicht, warum dieser Mensch mit dem Stab im Mund sich den Tod eines anderen zum wirtschaftlichen Vorteil gereichen lassen wollte.

Und doch erklomm in den hintersten Kammern seines tetraeden Gehirns ein Gefühl, für das er in den Schattierungen seiner Wortrhomben noch keine Entsprechung fand. Es schien ihm nämlich, daß er selbst zum ersten Mal in der langen Evolution seiner Rasse die Natur nicht ungetan hinnehmen wollte. Und daß die Gründe, die dem Widerstand, der sich gegen die Unternehmungen seiner Mission mehrte, zuinnerst lagen, vielleicht eher der Art seines Volkes entsprachen.

Er erhob sich und reichte dem anderen die Hand. Eine menschliche Geste, die er sonst nicht zu tun pflegte. Aber er wollte die Natur der Menschen verstehen, um sich über sich selbst Klarheit zu verschaffen. Das dieses jedoch als ein Entgegenkommen verstanden werden könnte, kam ihm nicht in den Sinn.

»Ich habe mir ihre Vorschläge angehört und möchte mich dafür bei Ihnen bedanken. Doch ein letztes Wort kann erst gesprochen werden, wenn wir mit Gewißheit von der Nichtexistenz der Positronen auf der Erde überzeugt sind.« Ihm war eine unbedingte Unabhängigkeit die beste Voraussetzung einer Kooperation mit den Menschen. Gelassen bestieg er das vor dem Haus auf ihn wartende Leichtluftschiff.

Der Konzernboss ging zurück zu seinem Sessel. Eine Weile stand er vor ihm und schien ihn wie unter Vorbehalt zu betrachten. Doch dann setzte er sich mit einem schweren Seufzer hinein. Er mußte sehr vorsichtig zuwege gehen. Es gab zuviele Gesichtspunkte, die er nicht außer acht lassen durfte.

‚Das Geschäft mit Shan-Ucci wird erst etwas, wenn die Positronen nicht gefunden werden können. Dieser Umstand hatte sich heute herauskristallisiert.’ Beim letzten Wort verzogen sich seine wulstigen Lippen zu einem schiefen Lächeln. Es sei denn, er würde dieses Unternehmen verhindern. Angelegentlich biß er auf seinem Kugelschreiber herum und vergaß ganz, daß er sonst diese Behandlung immer seiner Zigarre einräumte.

Heftig schüttelte er dann den Kopf. Unmöglich! Dazu war die Positronensuche viel zu groß angelaufen, als daß er sie noch vereiteln konnte. Die halbe Welt wußte davon, Wissenschaftler, Politker, Journalisten. Und nicht zuletzt die Außerirdischen selbst. Gerade sie schienen mit ihrer un-durchsichtigen Art unangreifbar. Es war besser, nicht gegen sie anzugehen, sondern mit ihnen zu kooperieren.

So hatte er breits vor Tagen entschieden, und das war vollkommen richtig gewesen. Mit seiner schnellen und frühen Maßnahme, das Attentat zu verhindern, hatte er sicherlich den richtigen Weg eingeschlagen. Mit den Außerirdischen. Zufrieden schenkte er sich einen doppelten Kongnak ein.

Dann überlegte er weiter. ‚Das heißt letztlich, daß ich mich eher an der Suche engagieren muß.’ Darunter verstand er allerdings eine Beteiligung in seinem Sinne. Er öffnete eine Schublade und zog das Telefon hervor. Es war sein geheimer Privatanschluß, abhörsicher und mit eingebauten Verzerrer und Decodierer.

Dann rief er Hamburg an. »Sttellen Sie mich auf den Apparat 326 der United Oil durch,ä raunzte er in den Hörer. Nach einer Weile meldete sich eine Stimme. Zufrieden legte er seinen Plan dar.

»Hören sie, wir müssen längerfristig mit den Santoganern setzen.«

Er rülpste kurz in sich hinein und wandte sich wieder der Sprechmuschel zu. »Wenn das nämlich doch stimmt mit dem unterirdischen Leben hier auf der Erde, dann werden die Außerirdischen noch ganz schön Schwierigkeiten haben, an ihre geliebten Positronen heranzukommen. Dazu werden sie nämlich uns brauchen. Denn überlegen Sie mal, wem die Pflanze eigentlich gehört? Wenn nicht uns Menschen selber, dann doch aber auf keinen Fall den Santoganern. Am ehesten noch denen da unten.« Einwenig unsicher wies er in Richtung Fußboden.

Sein Plan nahm Formen an. Innerhalb einer halben Stunde hatte er dem zweiten Vorsitzenden der United Oil Company eine Strategie erklärt, mit der er sich das alleinige Recht der Ausschöpfung der Chemopflanzen sichern wollte. Eine Art Übereignung. Vorausgesetzt, diese Pflanze existierte wirklich. Aber diese Alternative stellte ihn nunmehr vor keine Probleme. Er hatte sich nach allen Seiten hin abgesichert. Und Hamburg stand weiter hinter ihm. Schließlich sollte die Gesellschaft der Hauptverteiler seiner Ölbasen sein.

Sogleich wählte er noch einmal durch und erhielt den Bürgermeister. »Nun«, fragte er beinahe schon triumphierend, »wie steht es denn mit unserer Genehmigung?« Gönnerhaft wartete er auf Posikols Antwort.

Dieser schluckte vernehmlich. ‚Ließ der ihn nicht mal einen Tag in Ruhe?’ Wie eine Klette spürte er ihn in seinem Nacken. »Sie meinen das Gelände für die Öllager?«

»Genau! Läßt sich da nicht etwas arrangieren? Ich mein, mit Hilfe einer gewissen Beteiligung?«

Posikol spitzte den Mund. Er hatte auch schon darüber nachgedacht. Sicherlich war da was zu machen. Doch er brauchte eine Absicherung. Trotz - oder gerade wegen dessen Freundlichkeit mußte er sehr auf der Hut sein.

So gab er sich erst einmal ungewiß und ließ sich zu keinen konkreten Zugeständnissen hinreißen. Je länger er den anderen hinhielt, desto eher war dieser letztlich bereit, ihn mit einer kräftigen Rendite zu beteiligen.

»Es bestände schon die Möglichkeit, sich eine Auswahl von zwei, drei Geländeabschnitten zu sichern, aber die Frage ist die, ob Sie diese Basis genau in Berlin haben wollen.«

»Wieso denn nicht, Herr Posikol?« war die erstaunte Entgegnung.

»Nun ja.« Der Bürgermeister schien zu zögern. »Abgesehen von dem teureren Standort gibt es da eine Schwierigkeit. In Berlin ein Monopol zu erhalten, ist so gut wie unmöglich. Aber einwenig außerhalb der Stadt und über mehrere Lager verteilt, vielleicht auch noch mittels einer Tochtergesellschaft, würde es weniger auffällig sein.«

»Aber das sollte doch unser kleinstes Problem sein, lieber Posikol. Das Kartell wird sich schon nicht zu sehr dafür interessieren.« Der Konzernboss sah diesbezüglich keine Schwierigkeiten.

»Nun, dann muß ich deutlicher werden.« Posikols feistes Gesicht glänzte vor Schweiß und Aufregung. »Die unauffälligste und auch beständigste Art der Lagerung ist - so wie Sie es wollen - immer die unter der Erde. Aber für die riesigen Tanks müßten wir bis zu 50 Meter tief gehen. Und dafür bräuchten wir eine Extragenehmigung. Zumindest für die Stadt selbst - allein schon wegen des Grundwassers, aber auch wegen der Gesamtbelastung des Bodens.« Er holte einmal tief Luft und wischte sich mit einem Tuch über das nun triefende Anlitz. »Aber eine Extragenehmigung ist nicht so leicht zu kriegen, ohne das sie auffällt. Dazu müssen Sie erklären und nochmals erklären. Und Gutachten herstellen. Ich glaube,« fügte er verschmitzt hinzu, »daß das nicht in ihrem Interesse liegt.«

Der Konzernboss schwieg eine Weile. Dieser Bürgermeister konnte noch viel Wert für ihn sein. Und dahin tendierten auch dessen Absichten. Sich auf immer unentbehrlich zu machen. In dieser Tatsache fand er seine größtmöglichste Absicherung. Ein Umstand, der ihn glücklich stimmte. Das war Politik! Zufrieden legte er auf. Die Gespräche verliefen immer häufiger innerhalb seiner Vorstellungen. Langsam kam er sich wirklich wichtig vor.

Dabei besaß er - wenn er wollte - sogar einen kleinen Vorsprung gegenüber dem mächtigen Ölkonzern, und eine zittrige Erregung beschlich ihn. Denn er wußte, daß dieser den Kampf um die Herrschaft über das Öl der Santoganer schon fast verloren hatte. Der Antrag der COU, der gestern unterschriftsreif auf dem Tisch des Innensenators lag, war so gut wie durch. Damit erhielt dieses internationale Ölkonsortium 30% des Weltimports, der bislang fast ausschließlich über Berlin-Tempelhof floß. Das internationale Kartell hatte schon zugestimmt, und er bewunderte deren verschwiegene Taktik, daß konkurrierende Wirtschaftsunternehmer noch nichts davon erfahren hatten.

Es fehlte zwar noch die endgültige Zustimmung der Santoganer, die durch ihr Positronenschicksal für seinen Geschmack zu leicht erpreßbar waren, aber in dieser Beziehung sollte es ihm egal sein, wer letztlich den Zuschlag bekam. Auch die COU mußte erst einmal in seiner Stadt Fuß faßen, und das ging nur über ihn.

Er gefiel sich immer mehr in der Rolle des Regierenden, obwohl er gerade in den letzten Tagen durch die anstehende Expedition nach Santoga, auf der das Positronengebiet herausgefunden werden sollte, vor allem aber auch durch die unübersichtlich gewordene Klüngelei deren privater Auswertung in ziemlichen Streß gekommen war. Nicht zuletzt hatten ihm auch noch die militanten Aktionen der Frauenwehr zu schaffen gemacht. Wie sollte er das alles den Außerirdischen erklären und gleichzeitig noch seine eigenen Interessen vertreten? Doch erst durch diese Problematiken schien ihm der Einfluß und die Macht seiner Position richtig aufgegangen zu sein. Das Raumzeitalter hatte Berlin im Laufe der Zeit zur größten und wichtigsten deutschen Stadt - wenn nicht in ganz Europa - und ihn mithin zu einer maßgeblichen Persönlichkeit werden lassen. Und er liebäugelte mit dem Gedanken, es nicht schon dabei zu belassen.

In diesem Moment klopfte es an der Tür. Auf sein »herein!« erschien der Senator für Raumfahrt. Er hatte diesmal einen karierten, zweiteiligen Anzug an, der ihm das Aussehen eines Fuchses verlieh. Sein spitzes Gesicht und die fliehende Stirn verstärkten diesen Eindruck.

Der Bürgermeister stand auf und ging dem Senator entgegen. »Mein lieber Roland, was führt Sie zu mir?« Er war nun ausnehmend guter Stimmung.

»Geschäfte, Bürgermeister, das ist und bleibt unsere Berufung.« Ironisch zog er die Mundwinkel hoch. Dann reichten sie sich die Hände und setzten sich an den Tisch, der etwas abseits der Raumesmitte in einer kleinen Nische stand.

»Kognäkchen?« flötete Posikol.

Doch der andere lehnte ab. »Sagen Sie, was halten Sie eigentlich von dem Attentat gestern Abend. Ich meine, gibt es da schon Ergebnisse?«

»Nicht, daß ich wüßte«, trompete der Bürgermeister, »bislang tappt die polizei immer noch im Dunkeln. Es gibt einige Anhaltsspuren, daß der Schuß aus einem Gebäude gegenüber dem Kongreßsaal kam, aber vom dem Täter fehlt jede Spur.«

Nachdenklich strich sich der schmächtige Mann über das schüttere Haar. Eine mysteriäse Sache. Die dahinter stehenden Interessen mußten sehr einflußreich sein, denn die Flucht des Mörders war perfekt geplant gewesen.

»Und der Jugendliche gehörte einer Bande an«, ergänzte Posikol, »die wie viele andere in der Stadt sich zu ständigen Drogenzirkeln trifft. Aber es scheint, daß hinter ihnen irgendeine Organisation steht, denn von sich aus sind diese jungen Menschen einfach nicht politisch genug, um für so eine Tat gerade zu stehen. Es sind ja fast noch Kinder.«

»Wie mir scheint, sind durch diese Atttentatsverhinderung wesentliche Interessen geschützt worden«, sagte der Senator, »denn es gibt viele, denen an guten Beziehungen mit den Santoganern gelegen ist.« Er guckte den Bürgermeister scharf an.

Doch dieser lächelte völlig unschuldig zurück und goß sich einen Brandy ein. ‚Es wäre doch gelacht, wenn er etwas über meine Beziehungen zu den Ölkonzernen erführe’, dachte er, während er bedächtig die scharfe Flüssigkeit herunterkippte.

Der Senator für Raumfahrt konnte sich aber nicht des Eindrucks erwehren, daß der Bürgermeister etwas im Schilde führte, und diese Ahnung bereitete ihm Unbehagen. Denn wie sehr er selbst auch Ränke zu schmieden liebte, fremden Intrigen mißtraute er zutiefst.

»Wieweit ist es eigentlich auszuschließen, daß die Außerirdischen nicht selbst ihre Finger dabei im Spiel hatten?« Mit schneidender Stimme stieß er diese Frage hervor und beobachtete den anderen auf das genaueste.

Dieser fühlte die bohrenden Blicke und zog einwenig den Kopf ein. »Sie meinen das Attentat? Ja, welches denn?«

»Natürlich das erfolgreiche, denn welche Interessen hätten die Außerirdischen, wenn einer unserer Wissenschaftler, die ihnen ja schließlich hel-fen wollen, stürbe.«

Posikol nickte. Er mußte sich selbst zugestehen, daß er diese hinterhältige Vorgehensweise den Santoganern nicht zutraute. »Höchst unwahrscheinlich, Roland«, sagte er dann auch und bot dem anderen nochmals etwas zu trinken an.

»Nein danke, dazu ist es noch zu früh«, bemerkte der Raumfahrtsenator und stand auf. »Ich wollte mich auch nur mal erkundigen, was es bei der ganzen Geschichte mit den Exterranern auf sich hat. Schließlich«, und hier zwinkerte er Posikol zu, »liegt es ja auch in unserem Interesse, mit ihnen gut zu harmonieren.«

»Wenn man so will«, lachte der Bürgermeister kurz auf, »dann kam uns die Verhinderung des Attentats sogar sehr gelegen.« Und ihm entging nicht, wie der andere noch einmal stutzte und ihn prüfend ansah. ‚Ach, so ist das’, dachte er sofort. ‚Du denkst, daß ich was damit zu tun habe. Deshalb bist du also hier.’ Laut sagte er: »So wird nun auf keinen Fall die Möglichkeit wahrscheinlich, daß andere als erste vom Fundort der Pflanze erfahren. Und das liegt uns ja sehr am Herzen.«

Kollegial nahm er ihn unter den Arm und geleitete ihn zur Tür. Doch der Raumfahrtsenator grollte innerlich. Er fühlte sich wie ein kleines Kind abgeschoben, während die Eltern weiterfeierten.

‚So leicht kommst du mir nicht davon’, zürnte er. Aber alsbald überkam ihn wieder die alte Zuversicht angesichts des Gedankens, als einziger den heißen Draht zu den Außerirdischen zu haben, alle Fäden in den Händen zu halten und imgrunde genommen seine Geschäfte weiterhin ungestört abwickeln zu können. ‚Sollte der meinetwegen auch seinen kleinen Intrigen nachkommen, davon wird die Welt nicht untergehen.’

Draußen winkte er sich ein Taxi und flog zu einer Adresse in Zehlendorf. An der Gartentür angekommen, starrten ihn mindestens drei Kameras aus verschiedenen Positionen an. Auf sein Klingeln hin erschien ein Sekretär und öffnete. Zusammen gingen sie über den Rasen zu einem Teil des Grundstücks, das sich hinter dem Haus befand. Dort blinkten die Wellen eines riesigen Swimmingpools zu ihm hoch. Es war in den Boden eingelassen und konnte bei schlechtem Wetter von einer sich automatisch ausrollenden Klarsichtfolie überzogen werden.

An seinem Rand saß ein braungebrannter Mann von etwa 50 Jahren. Die harte Adlernase konnte von Kraft, aber auch von großer Gier erzählen. Beides gepaart schien dem Senator die richtige Mischung eines idealen Ge-schäftspartners zu ergeben. Lächelnd kam er auf ihn zu.

Wie zwei alte Freunde begrüßten sie sich. Dann band sich der Senator die Krawatte ab und zog sich aus. Gemeinsam stürzten sich beide Männer in die kühlen Fluten. In der Mitte des Pools war eine Insel aus luftgefülltem Gummi verankert. Darauf begaben sie sich und streckten sich in der nachmittaglichen Sonne aus.

Sie sprachen mit leiser Stimme. Sie machten kein Geplänkel, sondern kamen direkt und sogleich zur Sache. Sie verstanden sich bestens, denn sie hatten in jeder Beziehung gemeinsame Interessen. Sie hatten einen Plan.

Die Baufirma 'Wohnen und Leben', deren Aktienmehrheit der Senat besaß, und die er für seine städtebaulichen Interessen am Fundort der Pflanze einzusetzen gedachte, gehörte nämlich in wahrer Aktienmehrheit ihnen beiden nur. Denn der andere war stiller Teilhaber der Gesellschaft und hatte weiterhin Mittelsmänner in den Aufsichtsräten von drei Firmen, die in der Regel Senatsinteressen vertraten und denen insgesamt 48% von 'Wohnen und Leben' gehörte. Mit den 5%, die ihm offiziell als Teileigner überschrieben waren, gehörten ihnen somit 53% der Aktien.

Durch eine schlichte Umordnung der Parteianteile war aus den Interessen vieler scheinbarer Mehrheitseigner das Interesse nur zweier geworden. Die ersteren hatten zwar durch Senatsobligationen für den Kredit gesorgt, die anderen konnten ihn jedoch nach ihrer Facon verwenden.

Und das war noch nicht alles. Ihr gemeinsamer Plan beinhaltete die totale Ausschöpfung und Vermarktung der Fundstelle. Der Energiekonzern Wakag (Wasserstoffkraft-Ag) seines Partners - ausnahmsweise nicht auf Öl, sondern auf den zukunftsweisenden und in den Marktanteilen expandierenden Wasserstoff spezialisiert - sollte das gesamte Monopol der Energieversorgung der dort zu bauenden Stadt erhalten.

Aber sie hatten noch eine dritte, viel weiterreichende Idee: so wie der Erdboden und die Luft ein Extraterritorium waren, für deren Benutzung eine Genehmigung oder eine Besitzurkunde erforderlich war, so befand es sich im Zeitalter der Expansion auch mit dem Grund unterhalb der Erdoberfläche. Alles, was tiefer als fünf Meter gebaut wurde, bedurfte einer besonderen Konzession. Oder man kaufte sich gar das Recht der Weitervergabe vom Staat.

Die beiden hatte eine genaue Skizze angefertigt, bis zu welcher Tiefe und Ausdehnung das obere Höhlensystem gehen mochte. Dabei brauchten sie sich lediglich auf einen nicht allzu großen Radius beschränken, denn wenn sie nur den Eingang und die ersten Schächte besaßen, mußte alles durch ihren Besitz hindurch. Und darin bestand ihre Spekulation: Ohne ihre Genehmigung durfte keine Expediton, keine private und auch keine öffentliche Person Güter oder sich selber durch das Sperrgebiet bringen. Wer es dennoch zu tun beabsichtigte, hatte damit zu rechnen, daß auf ihn geschossen wurde.

Derart waren die Überlegung der beiden Männer, die sich jetzt wieder ins Wasser fallen ließen und in aller Gemütsruhe zum Ufer zurück schwammen. Sie hatten sich alles gesagt.

Und derart herrschten die Verhältnisse am Vortag des Starts der bi-3 Mission, daß ihre ursprüngliche Bedeutung nur noch den wissenschaftlichen Begleitern von Wert zu sein schien. Alle anderen bauten um sie herum eine ihnen genehme und nur ihren eigenen Iinteressen entsprechende zusätzliche Aura auf. Eine Aura, die alles menschliche mit dem Start des Raumschiffes hinter sich ließ.